News aus dem Teilprojekt B09


Clement Chipenda, PhD
Clement Chipenda, PhD
Ein Gespräch mit unserem Fellow Clement Chipenda über die sozialen Auswirkungen der Landreform in Simbabwe, die Folgen des pandemiebedingten Lockdowns und seine aktuelle Forschung mit unserem Kollegen Alex Veit.

Vor etwa 20 Jahren hat Simbabwe mit dem so genannten Fast-Track-Landreformprogramm begonnen, in dessen Rahmen etwa 7 Millionen Hektar Land neu verteilt wurden. Zunächst sollten wir uns in Erinnerung rufen, was die Motive für dieses Programm waren.

Offiziell war das Motiv, das Erbe des Kolonialismus umzukehren. Als der Kolonialismus 1980 endete, betrug die Zahl der weißen kommerziellen Farmer etwa 6000. Sie besaßen 15 Millionen Hektar erstklassiges Agrarland. Gleichzeitig lebten fast eine Million schwarze Haushalte in Gemeinschaftsgebieten, d.h. in Gebieten oder ehemaligen Reservaten der Ureinwohner, die während des Kolonialismus eingerichtet worden waren. Das Motiv für die Reform war offiziell der Versuch, das Land gleichmäßig umzuverteilen. Es hatte in den Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit Versuche gegeben, dies zu tun, aber die Fläche, die neu verteilt wurde, war sehr begrenzt. Um das Jahr 2000 herum, als das Fast-Track-Landreformprogramm begann, waren erst 75.000 Familien umgesiedelt worden. Im Jahr 1982 war das Ziel die Umsiedlung von 182.000 Familien gewesen.

Wie du erwähnst, waren die früheren Versuche, das Land umzuverteilen, mehr oder weniger gescheitert: Warum hat sich die Regierung im Jahr 2000 zu diesem definitiven Bruch mit dem postkolonialen System entschlossen und die Landreform konsequent umgesetzt?

Die Regierungspartei sah sich zu diesem Zeitpunkt einer zunehmenden politischen Opposition gegenüber. Und es gab auch Unzufriedenheit, weil Veteranen, die im Krieg gekämpft hatten, einfache Bürger und Bauern ebenfalls Land verlangten, es blieb das unvollendete Geschäft des Befreiungskrieges. Der Prozess der Landreform begann zunächst mit der Besetzung landwirtschaftlicher Betriebe. Die Regierung setzte zunächst das Gesetz durch und versuchte, die Menschen, die die Farmen besetzten, zu vertreiben. Doch am Ende wurde der Druck zu groß, so dass die Regierung ebenfalls ins Boot kam und begann, die Landreform voranzutreiben. Das waren die Motive, aber sie war politisch motiviert, so dass verschiedene Leute die Reform unterschiedlich interpretieren.

Wie beurteilst du die Ergebnisse 20 Jahre später?

Gewöhnlich wird die Landreform im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft und die landwirtschaftliche Produktion analysiert, die Analyse ist immer produktionsorientiert. Der Druck, dies zu tun, wird noch verstärkt, weil die Landwirtschaft der Schlüssel zur Wirtschaft des Landes ist. Aber es gibt viele Engpässe und Schwierigkeiten. Was die Produktion betrifft, stellt man fest, dass einige Menschen nicht so produktiv sind, wie man es erwartet hatte, aber dies ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen, z.B. mangelndes Fachwissen, fehlender Zugang zu Finanzmitteln und Märkten. Dies wird durch andere Faktoren wie Dürren, Auswirkungen des Klimawandels und veraltete Infrastruktur ergänzt, die die Menschen zu der Schlussfolgerung veranlassen, dass die Ergebnisse der Reform schlecht sind. Es gibt jedoch auch andere Ergebnisse, die 20 Jahre später als positiv angesehen werden können: Die Menschen haben jetzt Zugang zu einer produktiven Ressource - dem Land und dem damit verbundenen Zugang zu natürlichen Ressourcen -, die sie vorher nie hatten, sie haben jetzt eine Unterkunft und andere zahlreiche soziale Reproduktions- und Schutzeffekte, die das Leben der Menschen auf unterschiedliche Weise verändert haben. Leider hat Simbabwe 20 Jahre nach den Reformen ein gravierendes Nahrungsmitteldefizit, derzeit benötigen 60% der Bevölkerung Unterstützung in Form von Nahrungsmitteln. Das ist die Folge einer Kombination verschiedener Faktoren, aber in einer solchen Situation werden die Reformen dafür verantwortlich gemacht. Deshalb sehen Sie verschiedene Regierungsinitiativen, um einige dieser Produktions- und Nahrungsmitteldefizite zu decken.

In welcher Hinsicht ist die Politik der neuen Regierung anders?

Die neue Regierung hat einen anderen Ansatz zur Handhabung der Landreform. Die frühere Regierung sah den politischen Kontext - für sie musste das Land als letzte Phase des Entkolonialisierungsprozesses an die indigene Bevölkerung zurückgegeben werden. Die neue Regierung identifizierte die Landwirtschaft als Hauptmotor für die wirtschaftliche Entwicklung Simbabwes als Ganzes. Ihr Ansatz folgt mehr oder weniger neoliberalen Grundsätzen. Sie will die Landwirtschaft rentabel machen; das Land soll produktiv sein. Im vergangenen Jahr haben wir Medienberichte über die Drohungen hoher Regierungsbeamter gelesen, dass umgesiedelten Bauern das Land weggenommen werden könnte, wenn sie nicht produktiv sind. Sie müssen verstehen, dass das Land Eigentum der Regierung ist und nicht des Einzelnen, der nur Nießbrauchsrechte daran hat, so dass der Eigentümer, also die Regierung, diese Rechte jederzeit zurücknehmen kann. Die Regierung hat die Bauern auch ermutigt, Investoren zu finden, die daran interessiert sind, sie finanziell zu unterstützen, so dass es einen großen Unterschied zwischen der alten und der neuen Regierung gibt, wenn es um die Politik geht.

Siehst du bereits internationale Investoren nach Simbabwe kommen?

Ich glaube nicht, dass das Umfeld im Moment für Investoren günstig ist, es gibt zu viele Unsicherheiten, wirtschaftliche Instabilität, schlechte Publicity, politische Polarisierung und manchmal politische Inkonsistenz. Das sind die Bedingungen, die das Land korrigieren muss, wenn Investoren kommen sollen. Investoren suchen nach einem stabilen Umfeld, und ich glaube nicht, dass unser Land das im Moment bietet. Da ist die Frage der Sicherheit der Besitzverhältnisse.  Berichte über Zwangsräumungen, Invasionen auf Bauernhöfen, Missachtung von Gerichtsbeschlüssen und Rechtsstaatlichkeit führen dazu, dass Investoren sich scheuen, in das Land zu investieren. Menschen und Unternehmen investieren nur, wenn ihre Investition garantiert ist, eine instabile Wirtschaft bietet solche Garantien nicht. 

Du hast dich während deiner Doktorarbeit intensiv mit der Landreform beschäftigt. Was war dein Schwerpunkt?

Ich betrachtete die Landreform als eine Sozialpolitik. In meiner Dissertation ging es um die Frage, wie sich die Landreform fünfzehn Jahre später auf die Lebensgrundlagen der Menschen ausgewirkt hat. Ich versuchte, von den alten Debatten wegzukommen, die sich nur auf die Produktionsfragen, die Menschenrechtsverletzungen und die Frage konzentrierten, wie die Landreformprozesse hätten ablaufen sollen. Mein Schwerpunkt war der Versuch, herauszufinden, ob es möglich ist, die Landreform als ein sozialpolitisches Instrument zu betrachten, das mit anderen sozialpolitischen Maßnahmen wie Renten, Sozialbeihilfen, Bildung und anderen Interventionen vergleichbar ist. In diesem Zusammenhang habe ich gesagt, dass die Zuteilung von Land, das eine produktive Ressource oder Währung darstellt, beispielsweise mit sozialen Zuwendungen verglichen werden kann. Meine Grundlogik war also, dass Land als umverteilte Ressource zu Ergebnissen führen sollte, die das Wohlergehen und die Lebensgrundlagen der Menschen verbessern. Wenn man sich eine Sozialpolitik ansieht, dann sollte sie zu sozialem Schutz führen, zur Umverteilung von Ressourcen und zum sozialen Zusammenhalt beitragen, und ich war der Meinung, dass Land, wenn es neu verteilt wird, diese Auswirkungen haben kann. Mein Schwerpunkt lag daher auf einzelnen Haushalten, da ich der Meinung war, dass die Ergebnisse auf dieser Ebene deutlicher zu erkennen sind. Deshalb habe ich den Haushalt und nicht den gesamten landwirtschaftlichen Sektor betrachtet. Dann ging ich der Frage nach, inwieweit die Bodenreform, wenn sie eine Sozialpolitik ist, die Lebensgrundlagen der Menschen verbessert hat. Was sind die Herausforderungen? Was sind die kleinen Dinge, die sie zum Leben der Menschen beigetragen hat? Dies geschah im breiteren Kontext der Untersuchung der Frage, wie sie den Wohlstand und das Wohlergehen der bäuerlichen Haushalte verbessert hat.

Es ist wahrscheinlich schwierig, die Ergebnisse in dieser Hinsicht zu verallgemeinern. Aber wenn man versucht, sie zusammenzufassen: Was sind die Auswirkungen der Landreform auf der Haushaltsebene?

Ich kann sie nicht für das ganze Land verallgemeinern, sondern nur für das Gebiet, das ich untersucht habe, nämlich einen Distrikt namens Goromonzi in der Ostprovinz Mashonaland in Simbabwe. Sogar das Gebiet, das ich untersucht habe, hat seine eigene Dynamik - zum Beispiel hat es fruchtbare Böden, günstige klimatische Bedingungen und es ist eine der besten Regionen des Landes. Wenn man es also mit anderen Gebieten vergleicht, dann unterscheiden sich sogar die Ergebnisse der Landreform in der Nähe. Denn diese Faktoren tragen dazu bei, wie sich die Landform auf die Haushalte ausgewirkt hat. Ich habe einen Vergleich mit Menschen angestellt, die in den ehemaligen Schutzgebieten leben. Was die Produktion betrifft, so hatten die Begünstigten etwas höhere Renditen, weil ihre Pendants in armen Gebieten mit schlechten Böden und geringeren Niederschlägen leben. Sie haben auch besseren Zugang zu Produktionsmitteln, Beratungsdiensten und Bewässerungsinfrastruktur, so dass die Erträge höher sind.

Was die Vermarktung anbelangt, so waren die Begünstigten der Landreform im Vorteil, weil sie ihre eigenen, einzigartigen landwirtschaftlichen Vermarktungsnetze entwickelt haben und Unterstützung von der Regierung und privaten Unternehmen erhalten, von denen einige Vertragslandwirtschaftsverträge abgeschlossen haben, so dass dies zu besseren Einkommen beigetragen hat. Und in Bezug auf den sozialen Schutz war das Land tatsächlich zu einem Vermögenswert geworden, den sie besser nutzen konnten, um sich vor Risiken und Schocks zu schützen, im Vergleich zu denjenigen, die kleinere Landstücke oder gar kein Land haben.

Die Reform hatte auch eine soziale und kulturelle Dimension. Indem Menschen Land haben, haben sie tatsächlich einen Ort, an dem sie bleiben können, ich bezeichne ihn gerne als Heimat auf dem Land. Familienmitglieder, auch wenn sie in Städten leben, haben eine Anlaufstelle, an die sie sich im Falle von Krisen wie Arbeitslosigkeit und Armut wenden können. Eine weitere Dynamik, die ich beobachtet habe: Die Menschen praktizieren ihre traditionellen Rituale auf ihrem Land; sie haben Orte für die Beisetzung ihrer Angehörigen. Dies sind Aspekte, die im allgemeinen Narrativ der Landreform ignoriert werden, aber für die afrikanischen Menschen sind Traditionen, Kultur und die Verbindung zwischen den Menschen und dem Land etwas sehr Wichtiges. Der Ansatz, den ich in meiner Dissertation verfolgte, war unkonventionell, so dass es eine Menge Fragen gab, aber ich denke, die Argumentation war nachvollziehbar und wurde mit dem Doktortitel ausgezeichnet. Seither wird das Konzept der Landreform als sozialpolitisches Instrument mehr und mehr akzeptiert, ich habe sogar einige Artikel darüber veröffentlicht.

Schauen wir uns die jüngste Situation an - wie wirkt sich Covid-19 auf die ländliche Bevölkerung aus, insbesondere im Hinblick auf die Ernährungssicherheit?

Aufgrund von Covid-19, einer mageren Agrarperiode 2019-2020 und der Dürre in Simbabwe wird geschätzt, dass in diesem Jahr etwa 8 Millionen Menschen Nahrungsmittelhilfe benötigen werden. Die Pandemie hat die landwirtschaftliche Produktion, die Planung und die Märkte gestört. Landwirte und Landbewohner können ihren normalen Geschäften und Routinen nicht nachgehen, da Simbabwe seit April im Lockdown ist, zunächst für zwei Wochen, seither aber auf unbestimmte Zeit. Die Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt, die Agrarmärkte waren ursprünglich geschlossen, aber zumindest teilweise geöffnet. In vielerlei Hinsicht ist das tägliche Leben gestört. Er wird noch verschlimmert, weil viele Menschen im informellen Sektor beschäftigt sind - wenn also Städte dichtgemacht werden, wirkt sich das stark auf die Lebensgrundlagen der Menschen aus, es ist schwierig, Einkommen zu erzielen, und es unterbricht Wertschöpfungsketten auf allen Ebenen. In Bezug auf die Ernährungssicherheit gibt es Probleme, da die Menschen keine Nahrungsmittel produzieren oder kaufen können. Manche Produktionsmittel sind nicht verfügbar, manche Importprodukte sind sehr teuer geworden, produktive Aktivitäten sind, wenn sie nicht eingeschränkt werden, begrenzt, so dass sich dies in vielerlei Hinsicht auf die Ernährungssysteme auswirkt. Für Simbabwe ist dies vor dem Hintergrund einer hohen Arbeitslosigkeit zu sehen, wobei viele Familien auf Überweisungen aus anderen Ländern, insbesondere aus Südafrika, angewiesen sind. Als das Land mit seiner eigenen Covid-19-Pandemie konfrontiert war und heruntergefahren wurde, wirkte sich dies auf diejenigen aus, die dort arbeiteten und Überweisungen schickten, und erschwerte das Senden und Empfangen von Geld, so dass Covid-19 eine Herausforderung war.

Wie gehen die Menschen in ihrem Alltag mit dieser Situation um?

Die Landwirtschaft wurde zu einer lebenswichtigen Dienstleistung erklärt, damit die landwirtschaftliche Produktion nicht gestört wird, aber sie operiert nicht im luftleeren Raum, so dass das, was in anderen Wirtschaftssektoren geschehen ist, auch die Landwirtschaft und die ländlichen Gemeinden betrifft. Insgesamt denke ich, dass die Pandemie viele Menschen negativ beeinflusst hat, vor allem diejenigen, die im informellen Sektor tätig sind, und Menschen, die in städtischen Gebieten leben. Sie müssen ihre Wasserrechnungen bezahlen, sie müssen Miete zahlen, sie müssen Lebensmittel kaufen, einige haben Großfamilien zu versorgen - wie kommen sie zurecht, wenn sie nicht in der Lage sind zu arbeiten? Das wird zu einer Herausforderung, und selbst für diejenigen, die arbeiten, sind die Arbeitszeiten eingeschränkt, die Kunden sind gezwungen, zu Hause zu bleiben, und einige handeln mit importierten Waren, die nicht geliefert werden, da die Grenzen geschlossen sind, und selbst wenn sie kommen, sind die Frachtkosten exorbitant. In dieser Situation versuchen die Menschen einfach irgendwie, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es ist es interessant zu beobachten, wie sich die Menschen langsam an die "neue Normalität" gewöhnen. Diese schwierige Situation wird noch verschlimmert, weil das von der Regierung eingeführte Unterstützungssystem meiner Meinung nach undurchsichtig und nicht ausreichend ist. Ein Beispiel ist die Sozialhilfe während Covid-19. Der größte Teil der von der Regierung gewährten Unterstützung für den Sozialschutz wird über das Sozialhilfeministerium abgewickelt. Es wurde berichtet, dass es seine Datenbank nutzen wird, um potenzielle Empfänger zu identifizieren. Das lässt viele Menschen zurück, da einige, die jetzt aufgrund der Auswirkungen von Covid-19 bedürftig sind, möglicherweise nicht einmal in dieser Datenbank enthalten sind, so dass viele Menschen durchs Raster fallen. Die von der Regierung für die Unterstützung bedürftiger Haushalte zugesagte Geldsumme ist zudem sehr gering und wird durch das hyperinflationäre Umfeld im Land und Währungsschwankungen nutzlos gemacht. 

Simbabwe befindet sich seit vielen Monaten im Lockdown. Akzeptiert die Bevölkerung noch  immer die Restriktionen oder gibt es Unmut?

Es gibt in der Tat gemischte Gefühle. Die Menschen sind jetzt müde, sie wollen mit ihrem Leben weitermachen, sie wollen sich frei bewegen und arbeiten und ihre Familien versorgen. Die Menschen wollen, dass die Wirtschaft geöffnet wird, vor allem wenn sie sehen, dass Länder wie Südafrika die Beschränkungen systematisch aufheben, haben sie das Gefühl, dass wir die Beschränkungen lockern müssen, zumal die Zahl der bestätigten positiven Fälle gering ist. Aber die Menschen können sich nicht offen äußern oder demonstrieren, selbst wenn sie das starke Gefühl haben, dass das ganze Thema nicht richtig gehandhabt wird. Interessanterweise gibt es, obwohl die Menschen das Gefühl haben, dass die strengen Beschränkungen gelockert werden sollten, die Angst, dass Covid-19 das Land wie anderswo hart treffen könnte, so dass diese Vorsicht noch immer vorhanden ist.

Lass uns noch kurz über dein Forschungsprojekt mit Alex Veit vom SFB-Teilprojekt B09 sprechen, das sich auf die Ernährungssicherungspolitik in Südafrika während der letzten 100 Jahre konzentriert. Was genau untersucht ihr dabei?

In den letzten hundert Jahren wurden verschiedene Programme zur Bereitstellung von nahrungsmittelbedingter Hilfe eingeführt, die auf die verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Landes ausgerichtet waren. Während dieser Zeit hat Südafrika einen politischen und ideologischen Wandel durchgemacht. Wir fragen: Wie hat sich die Ernährungssicherungspolitik des Landes im letzten Jahrhundert entwickelt? Dann untersuchen wir die verschiedenen Ernährungssicherungspolitiken, die von den aufeinander folgenden Regierungen eingeführt wurden, um den armutsbedingten Hunger und die Unterernährung zu bekämpfen. Wichtig ist es, die Rolle der verschiedenen Akteure zu verstehen und anhand des südafrikanischen Falles zu begründen, dass Ernährungssicherheit, die eine übersehene Form der Bereitstellung öffentlicher Wohlfahrt ist, wichtige Erkenntnisse über die öffentliche Wohlfahrt als zentralen Aspekt der Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft liefern kann.

Unsere Forschung umfasst interessante Fallbeispiele wie das Schulspeisungsprogramm aus der Zeit vor und während der Apartheid, das verschiedenen demographischen Gruppen zugute kam, jedoch stark rassistisch geprägten und bisweilen schockierenden Narrativen unterworfen war. Die miteinander verflochtenen Interessen und Agenden von Politikern, Industrie- und Agrarkapitalisten, Philanthropen, religiösen Führern, afrikanischen Nationalisten, Gewerkschaften, Frauenorganisationen und anderen Interessengruppen sind Gegenstand unserer Forschung, die auch das Nahrungsmittelsubventionssystem berührt. Die Dynamik des Nahrungsmittelsubventionssystems, das eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung des sozioökonomischen und politischen Zusammenhalts der Apartheidregime spielte, während es die afrikanische Mehrheit ausschloss, sind einige der Schlüsselfragen, die wir in unserer Forschung ansprechen. Es ist eine interessante historische Forschung, die Beachtung finden sollte.

Ich kann mir vorstellen, je länger man in der Zeit zurückgeht, desto schwieriger wird es zu analysieren, wer den politischen Prozess beeinflusst hat ...

Das war in der Tat eine unserer Herausforderungen. Es gibt nicht viel Literatur zu den spezifischen Themen, nach denen wir gesucht haben, so dass wir stark auf Material aus den Archiven und Medienberichten angewiesen sind. Zeitungen waren besonders nützlich, wenn es darum ging, aktuelle Informationen darüber zu geben, was zu einem bestimmten Zeitpunkt geschah und was von Personen gesagt wurde, sogar in direkten Zitaten, zum Beispiel im Parlament. Wir haben festgestellt, dass dies sehr wertvolle Informationen sind, die wichtige Lücken in unserer Forschung gefüllt haben. Die Suche in Archiven, um zu versuchen, die damalige Situation zu verstehen, war sehr nützlich und informativ.  Ab den 1950er Jahren ist das Material nicht so schwer zu finden. Es ist die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, die ein wenig schwierig ist. Der andere Faktor ist, dass die Apartheidregierung irgendwann die Forschung in Bereichen, die Lebensmittel und Ernährung in afrikanischen Gemeinden betreffen, eingeschränkt hat - es gibt da eine merkliche Informationslücke. Dies erklärt, warum zu einigen Aspekten in einigen historischen Perioden nicht viel Literatur zur Verfügung steht. Das machte unsere Forschung schwierig und aufschlussreich zugleich, und durch die Verwendung von historischem Material konnten wir viele historische Dynamiken verstehen. Unsere Arbeit ist jetzt in einem fortgeschrittenen Stadium, aber wir sind noch dabei, einige Punkte zu verfeinern. Wir gehen ständig in die Archive, um einige Punkte zu klären und weiterzuverfolgen. Glücklicherweise sind die Archive digitalisiert, so dass sich die Reisebeschränkungen nicht allzu negativ auf diesen kritischen Aspekt unserer Forschung ausgewirkt haben.


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Clement Chipenda
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Prof. Dr. Klaus Schlichte
Prof. Dr. Klaus Schlichte
Klaus Schlichte blickt in einem Podcast-Interview auf die Covid-19-Pandemie in den Ländern Afrikas und auf die Maßnahmen der Regierungen.

"Es gibt Unterschiede zwischen den Ländern, aber die repressive Politik ist die dominante", sagt Klaus Schlichte mit Blick auf die staatlichen Reaktionen auf die Ausbreitung des neuartigen Corona-Virus in Afrika. In vielen Ländern gebe es Ausgangssperren, die zumindest in den Städten polizeilich massiv durchgesetzt würden. Was aus epidemiologischer Sicht notwendig erscheinen mag, hat aber auch negative Folgen: "Durch die Unterbindung des Verkehrs gibt es offenbar schon Krisen in der Versorgung der städtischen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln", sagt Schlichte. Komme es zu dauerhaften Preissteigerungen bei Lebensmitteln, seien Hungerunruhen eine große Gefahr. Denn schon vor der Pandemie konnten sich viele Menschen in afrikanischen Städten Nahrungsmittel nur schwer leisten.

Derzeit scheint der afrikanische Kontinent noch vergleichsweise wenig von der Pandemie betroffen zu sein. Dies liege an der vergleichsweise geringen internationalen Mobilität der Bevölkerung. "Ist das Virus aber erst einmal in den Städten angekommen, dürfte die Verbreitung schneller verlaufen als etwa in Europa", sagt Schlichte. "Denn die Menschen leben enger beieinander und haben weniger Rückzugsräume in Form eigener Wohnungen oder Häuser."

Wie sich die Pandemie entwickeln werde, sei durch die schlechte Datenlage schwer abzuschätzen. Ein Problem bei der Prognose sei, dass es kaum Daten zur Verbreitung von Vorerkrankungen wie Asthma und anderen Atemwegserkrankungen gebe. "Die afrikanischen Gesellschaften sind viel jünger als etwa die europäischen. Es gibt vergleichsweise wenig alte Menschen, bei denen Covid-19 häufiger besonders schwere Verläufe nimmt." Dieser positive Effekt werde womöglich aber dadurch aufgewogen, dass es viele Menschen mit Mangel- und Unterernährung gebe.

Wirtschaftlich trifft die Covid-19-Pandemie die afrikanischen Gesellschaften hart. Der Tourismus, der in den Küstenregionen, aber auch im Landesinneren in Form von Safaris große Bedeutung habe, breche massiv ein. "Wichtiger aber ist der Rückgang der so genannten Remittances [also der Geldüberweisungen von Familienangehörigen, die z.B. in Europa arbeiten]. Dadurch bricht die wichtigste Devisenquelle afrikanischer Ökonomien ein." In Summe seien die Rücküberweisungen höher als die gesamte Entwicklungshilfe, die afrikanische Staaten erhielten.

Mittelfristig könnte die Corona-Krise aber auch positive Folgen haben: "Möglicherweise wird nun der Druck auf die afrikanischen Regierungen steigen", sagt Schlichte, "mehr Mittel für die öffentliche Gesundheitsversorgung auszugeben und weniger für Militär und Polizei."

Das Podcast-Interview mit Klaus Schlichte führte Thomas Walli vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck im Rahmen der Sonderreihe "Corona und die Politik".


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Alex Nadège Ouedraogo im Brüsseler Homeoffice.
Alex Nadège Ouedraogo im Brüsseler Homeoffice.
Wegen des plötzlichen Shutdowns musste Alex Nadège Ouedraogo ihren Forschungsaufenthalt im südlichen Senegal abbrechen und konnte nur Dank eines Sonderfluges ausreisen.

Hallo Nadège, bitte erzähle mir von deiner Reise in den Senegal.

Ich bin am 11. März in Bremen abgereist. Ich wollte eigentlich etwas mehr als zwei Wochen im Senegal bleiben. Geplant waren ein Wissensaustausch mit Experten der Assane Seck Universität in Ziguinchor im Süden Senegals und Interviews mit den Empfängern senegalesischer Cash Transfers. Doch dieser Plan brach wegen der Ausbreitung des Corona-Virus völlig zusammen.

Warst du auf dieses Szenario vorbereitet?

Als ich von Bremen aus startete, war Afrika nicht so betroffen wie Europa. Als ich ankam, war alles noch normal, doch dann änderte sich die Situation sehr schnell. An meinem dritten Tag wurden die ersten COVID-19-Fälle bestätigt, und von da an ging alles drunter und drüber. Anscheinend kamen ein paar französische Rentner, die infiziert waren, zurück in den Senegal, wo sie jetzt leben. Viel schlimmer war der Fall eines Senegalesen, der aus Italien nach Touba zurückkehrte. Touba ist eine religiöse Stadt, und das bedeutet, dass es mehr Austausch zwischen den Menschen gibt als in anderen Städten durch gemeinsame Sitzungen, Treffen, Gebete und so weiter. Nach dem, was die Menschen und die Presse berichteten, erwähnte er nicht, dass er aus Italien kam, und er wusste nichts von dem Virus, das er laut Pressebericht in sehr kurzer Zeit auf bis zu 70 Menschen übertragen hat. Diese hochschnellenden Fälle änderten die Situation sehr schnell. Bevor ich es merkte, begannen Regierungen weltweit drastische Maßnahmen zu ergreifen: Fluggesellschaften sagten Flüge ab, der senegalesische Präsident Macky Sall ergriff frühzeitig Maßnahmen und schloss alle Schulen und Universitäten, verbot Versammlungen, Freitagsgebete in Moscheen, um zu verhindern, dass sich Menschen versammeln, und so weiter - viele Maßnahmen, die dazu führten, dass ich im Hotel blieb und hoffte, nach Europa zurückkehren zu können.

Bedeutet das, dass du mit niemandem an den Universitäten sprechen konntest?

Ich hatte geplant, für eine Woche an der Assane-Seck-Universität in Ziguinchor als Gastforscher zu arbeiten. Nach allem, was dort vor sich ging, habe ich mich mit dem Leiter der Abteilung Soziologie, mit dem ich meinen Besuch vereinbart hatte, in Verbindung gesetzt, um zu erfahren, was zu tun ist. Er sagte mir, dass die Universität bald geschlossen werden würde. Ich beschloss, mich zumindest mit einem der Kollegen zu treffen, um über unsere Projekte zu diskutieren. Parallel zu diesem universitären Austausch hatte ich eine abschließende Datenerhebung geplant: Ich wollte zehn Familien befragen, die von Cash Transfers profitieren. Irgendwann musste ich mich aber dazu entschließen, die Interviews abzusagen, weil die Familien vielleicht Angst haben könnten, mit mir in engen Kontakt zu treten, da ich aus Europa kam, wo das Coronavirus viel weiter verbreitet war. Meinen Aufenthalt im Süden des Senegal, der ursprünglich für eine Woche geplant war, wollte ich auf drei Tage verkürzen, aber selbst das erwies sich als zu optimistisch. Noch am Tag meiner Ankunft wurde mir klar, dass ich nach Dakar zurückkehren musste, um so schnell wie möglich einen Rückflug nach Hause zu nehmen, da Regierungen weltweit die Grenzen schlossen.

Ein Flugticket zu bekommen, muss einer Lotterie geglichen haben ...

Es gab überhaupt keine Flüge, man konnte nichts über das Internet buchen. Bei Egencia wurden Flüge auf der Website angeboten, aber man konnte sie nicht buchen. Ich habe mehrere Agenturen kontaktiert, um zu sehen, was sie für mich tun könnten - nichts. Es waren keine Informationen verfügbar, ich fühlte mich irgendwie verloren, während in Europa die Leute bereits im Lockdown waren. Als ich es geschafft hatte, nach Dakar zurückzukehren, waren die Grenzen geschlossen. Alle internationalen Flüge waren gestrichen. Ich war im Senegal gestrandet.

Was hast du dann getan?

Zusammen mit meinem Team und Irina habe ich Kontakt zu verschiedenen Stellen aufgenommen (Egencia, Fluggesellschaften, dem Außenministerium, deutschen Institutionen in Dakar und so weiter). Sie waren alles sehr hilfsbereit aber konnten wenig tun. Da ich auch belgische Staatsbürgerin bin, habe ich die belgische Botschaft kontaktiert. Sie sagten mir sofort, dass sie nichts organisieren könnten. Dasselbe galt für die deutsche Botschaft. Nur die Franzosen organisierten anscheinend Rückführungsflüge, aber die waren natürlich postwendend ausgebucht. Dieser ganze Prozess dauerte eine ganze Woche mit Emails und Telefonaten. Ich wusste nicht, wann ich den Senegal wieder würde verlassen können.

Wie hast du es dann trotzdem geschafft?

In letzter Minute, am Sonntag, den 22., bekam ich eine E-Mail von der belgischen Botschaft, in der stand, dass sie einen Flug organisieren würden. Ich musste einige Formulare ausfüllen, um ein Ticket zu beantragen. Noch in derselben Nacht schickten sie mir eine Bestätigung für den nächsten Tag, 8 Uhr morgens. Als ich ankam, war der riesige Flughafen leer, bis auf uns und all die belgischen Diplomaten, die Masken und Handschuhe trugen.  Wir erhielten keinerlei Informationen und wurden lediglich aufgefordert, uns in einer Reihe aufzustellen und dabei einen Abstand von 1,5 Metern zueinander einzuhalten. Ein paar Leute ohne Ticket saßen dort mit ihrem Gepäck, die Atmosphäre war angespannt. Aber schließlich schaffte ich es nach Brüssel. Nach Bremen weiterreisen konnte ich allerdings nicht, da es weder Züge noch Flüge gab. Hier in Brüssel muss ich 14 Tage lang in Isolation bleiben.

Jetzt hast du viel Zeit für deine Doktorarbeit, aber nicht die Daten, die du im Senegal sammeln wolltest, oder?

Das ist schon in Ordnung, denn ich schreibe eine kumulative Dissertation. Ich habe bereits begonnen, einen Artikel mit Klaus Schlichte zu schreiben, und es gibt einen weiteren, den ich im November vorgestellt hatte. Ich bin also mit den Papern beschäftigt, die ich einreichen muss. Das Problem ist die Isolation hier in Brüssel. Ich bin hier in einer anderen Arbeitsumgebung und bin das nicht gewohnt. Ich kann arbeiten, aber es ist nicht so effizient. Ich werde trotzdem mein Bestes tun, um die Paper zu schreiben und zur Projektarbeit beizutragen.

Aber was ist mit den Interviews, die du im Senegal führen wolltest?

Da sich einer meiner Artikel mit sozialen Sicherungssystemen während Wahlkampfzeiten befassen wird, waren die Interviews so etwas wie eine Evaluation oder eine zusätzliche Informationsquelle nach der Wahl. Ich hatte bereits während der Wahlkampfperiode Daten gesammelt, und ich wollte einige Informationen über die Zeit nach den Wahlen in das letzte Paper, das ich schreibe, integrieren.  Abgesehen von den Familieninterviews über Geldtransfers wollte ich an der Universität einen Runden Tisch mit einigen Experten für Sozialpolitik durchführen, die im Bereich der Ernährungssicherheit tätig sind. Davon hatte ich mir wirklich viel versprochen. Ich konnte Leute aus dem Fachbereich Soziologie und aus nationalen und internationalen Institutionen, die lokal verankert sind, zusammenbringen. Es war enttäuschend, dass ich ihnen meine Arbeit nicht vorstellen und darüber diskutieren konnte, um zu erfahren, was sie über meine Ergebnisse denken. Mehr lokal verankertes Fachwissen hätte mir beim Schreiben wirklich geholfen.


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Alex Nadège Ouedraogo
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Die SFB-Mitglieder Kressen Thyen und Alex Veit haben bei der 14. Pan-European Conference on International Relations den Vorsitz der Section 39.

Call for Papers: "The Politics of Internationalised Welfare" (S39)

European International Studies Association (EISA), 14th Pan-European Conference on International Relations, Msida, Malta, September 16 – 19, 2020

Proposal submission deadline: March 16, 2020
Section chairs: Alex Veit & Kressen Thyen (University of Bremen)

The call for papers is now open for "The Politics of Internationalised Welfare", Section 39 at the EISA-PEC, 16-19 September 2020.
Section 39: The Politics of Internationalised Welfare

In recent years, students of International Relations have increasingly paid attention to internationalised welfare as a relevant field of study. In contrast to the traditional welfare literature, which conceptualises social policy primarily as a domestic issue, this new branch of scholarship emphasises the influence and impact of global dynamics and international actors on social needs and welfare provision. However, different areas of international engagement, such as global health, social protection, or humanitarian aid, are often treated as separate fields of study.
In this section, we aim to bring these fields together and to analyse the fundamental questions linking them: How do international political structures—from colonialism to global governance—impact on welfare states around the globe? What influence do international and transnational actors have on the design, finance and provision of welfare systems? Which ideas and interests drive international involvement in welfare provision?

From the "age of empires" to the contemporary multilateral world, international authorities and actors have addressed social inequality, political grievances and environmental risks in different ways. This section seeks to highlight changes and continuities of internationalised welfare. It is therefore structured in a historical order that connects the past, present, and future.

With this call we are inviting paper proposals in particular relating to the following panels:

  • Imperial, Late Imperial and Post-Imperial Welfare Politics in the Global South
  • Welfare in the Post-colony: Between Popular Contention, Statebuilding and Internationalisation
  • Beyond Capital IR – Studying Social Questions in the Countryside
  • Climate Change and Poverty: Vulnerable Populations, Human Security & Social Justice


A more detailed description of the intended panels follows below.
Please submit your paper proposal through the EISA-PEC online platform. Submission guidelines are available here: https://eisa-net.org/pec-2020-abstract-submission-guidelines/

We look forward to receiving your proposals and to seeing you in Msida!
Alex & Kressen


Imperial, Late Imperial and Post-Imperial Welfare Politics in the Global South
Panel Chair: Roy Karadağ

This panel targets the imperial sources of internationalised welfare. It aims to bring together scholars who investigate and critically reflect upon the ideas, policy measures and practices of empires in identifying, problematizing and dealing with poverty, social crises and contestations from excluded groups across global peripheries. What were the features of this imperial wave of global social policy? Under which conditions did imperial politicians, bureaucrats and academics engage with teaching, healing and nurturing subject populations in colonies and protectorates? In which ways were these policies and practices themselves transformed in the late imperial years after the Second World War? What were the overall consequences for social policy making after decolonisation had finally materialised?
Organised around this set of questions, contributions ideally bridge the gap between themes of dependent development and the politics of empire, on the one hand, and of welfare statism and social policy, on the other hand. In particular, the goal is to theorise what the "imperial" is in "imperial social policy and welfare". Geographically, we invite papers that cover African, Middle Eastern and Asian contexts of imperial rule. With regard to policy fields, papers may cover anything from education, health, food, labour, pensions, housing and social assistance schemes. Contributions may render the multi-sited and multi-causal nature of imperial policy making visible, for example by investigating the various imperial justifications of policies and regulations, and the contestations they produced both within and beyond the respective imperial institutions.


Welfare in the Post-colony: Between Popular Contention, Statebuilding and Internationalisation
Panel Chairs: Kressen Thyen & Alex Veit

This panel interrogates postcolonial welfare states in the Global South as processes and products of entanglement between domestic and transnational political configurations.
On the national level, public welfare connects state organizations and social groups. It may increase state legitimacy, but also trigger new demands. It addresses social inequality, but also manifests group privileges. It symbolises nationhood and provides vision, but also exposes gaps between ambition and implementation. Geographically, welfare bureaucracies embody the state in the most remote village, but also reproduce urban-rural divides. Welfare administrative knowledge is the backbone of planning for the public good, but such data can also be used as a tool of control and repression. In sum, welfare provision creates colourful, often contradictory bonds between states and populations.
At the same time, welfare states of the Global South are transnational configurations. The design, finance, and provision of welfare is a transnational process in which international organisations, bilateral donors, transnational NGOs, religious organisations and expert communities are centrally involved. While such international involvement arguably creates a "global social policy" in its infancy, it also renders concepts of sovereignty, citizenship, democracy, accountability, entitlement, and durability highly precarious. This fundamentally puts into question previous assumptions on welfare state formation.
To address these processes of entanglement between transnational and domestic configurations, we invite papers addressing or relating to the following questions: How can we conceptualise welfare in the Global South? How does internationalisation impact on everyday patterns of legitimation and contestation? In what ways did neoliberalism and structural adjustments disrupt postcolonial welfare politics? Where do countervailing ideas emerge against dominant welfare approaches?


Beyond Capital IR – Studying Social Questions in the Countryside
Panel Chairs: Klaus Schlichte & Anna Wolkenhauer

A lot is going on in the countryside. In recent years, Sociology, Development Studies and Political Science have paid renewed attention to rural areas for a number of reasons. Deteriorating food security, increasingly frequently felt impacts of climate change, and a growing awareness of sustainability issues have put farmers back at the centre of attention.
Practices like land-grabbing, the depletion of natural resources, food insecurity or huge gaps in public service delivery seem to fuel forms of opposition that have hitherto rather been ignored by “capital IR”. This panel aims at interrogating social questions that specifically address rural areas, rural populations and internationalised politics targeting them. This can include social policies, rural development, food policies or other schemes geared by “the will to improve” (Tanya Li). While locally effective, state and non-state policies are embedded in a global system of development initiatives, governance structures, trade rules, and political representation more widely. We are convinced that IR is well-advised not to ignore the connections between rural change and international structures – historical and contemporary.
This panel invites contributions related to the following or related questions: How are structural transformations in the countryside addressed by (internationalised) welfare? How have state retrenchment and a neoliberal redefinition of social policy affected rural areas? How are social and political questions related in the countryside; do welfare and political representation interact? What potential do food security interventions hold for social inclusion and transformation?


Climate Change and Poverty: Vulnerable Populations, Human Security & Social Justice

Panel Chair: Simon Chin-Yee

Climate change plays an increasingly important role in discussions of poverty, human security and socio-economic risks. Vulnerable populations are increasingly susceptible to weather shocks, desertification, sea level rise and conflicts which can lead to poverty traps. Sustained eradication of poverty will depend on many socio-economic conditions, including access to health care, education and economic growth. Climate change impacts on poverty exponentially as vulnerable populations are more exposed to its effects and have less capacity to adapt or react to natural disasters. Additionally, climate change is increasingly seen as a threat multiplier further exacerbating impacts on human security. These are human rights and climate justice issues.
This panel seeks to examine how changing environmental conditions are impacting vulnerable populations with an eye to the future, answering questions such as: How can vulnerable communities avoid falling into the poverty trap? How do populations cope when experiencing negative shocks in multiple channels simultaneously? What responsibility does the global climate regime have to address issues of human rights and vulnerable populations? To what extent are climate related risks addressed by internationalised social policy-making?

Programme
https://eisa-net.org/pec-2020-sections/#topanchor


Contact
Section Chairs are Alex Veit (veit@uni-bremen.de) and Kressen Thyen (thyen@uni-bremen.de), Institute for Intercultural and International Studies (InIIS), CRC Global Dynamics of Social Policy, University of Bremen, Germany.

For further information related to the submission process please contact info.pec20@eisa-net.org.


Kontakt:
Dr. Kressen Thyen
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67488
E-Mail: thyen@uni-bremen.de

Dr. Alex Veit
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67471
E-Mail: veit@uni-bremen.de

Dr. Alex Veit
Dr. Alex Veit
Veit hat eine "Special Section" zu "The Politics of Intervention Against (Conflict-Related) Sexual and Gender Based Violence" publiziert.

Alex Veit hat als Gastherausgeber eine "Special Section" zu "The Politics of Intervention Against (Conflict-Related) Sexual and Gender Based Violence" im Journal of Intervention and Statebuilding (Vol. 13,4) publiziert. Die Publikation ist Teil des Forschungsprojekts "Internationale Interventionen gegen sexualisierte Gewalt in Konfliktgebieten. Intendierte und unintendierte Konsequenzen", finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Projektmitglied Lisa Tschörner hat einen der Artikel gemeinsam mit Alex verfasst.

Inhalt:

Feminism in the Humanitarian Machine. Introduction to the Special Section on "The Politics of Intervention Against (Conflict-Related) Sexual and Gender-based Violence"

by Alex Veit

Abstract: The prevention and mitigation of sexual and gender-based violence in (post-) conflict societies has become an important humanitarian activity. This introductory article examines the analytical discourses on these interventions, the institutionalization of SGBV expertise in international politics, and the emancipatory potential of anti-SGBV practices. It argues that the confluence of feminist professional activism and militarized humanitarian interventionism produced specific international activities against SGBV. As part of the institutionalization of gender themes in international politics, feminist emancipatory claims have been taken up by humanitarian organizations. The normal operating state of the humanitarian machine, however, undercuts its potential contribution to social transformation towards larger gender equality in (post-) conflict societies.

"A Real Woman Waits" – Heteronormative Respectability, Neo-Liberal Betterment and Echoes of Coloniality in SGBV Programming in Eastern DR Congo

by Charlotte Mertens and Henri Myrttinen

Drawing on archival and field research, this article critically examines the production and distribution of gender roles and expectations in SGBV programming, in particular in eastern Democratic Republic of Congo (DRC). We find the underlying currents in some of these programmes reinscribe heteronormativity and focus on individual betterment which resonates with regulating gender and sexuality during colonialism. In some cases, strongly western-inspired norms of individual agency have been introduced, disregarding structural constraints of people’s lives. To conclude, we explore alternative approaches to SGBV prevention, ones in which international approaches are re-defined and vernacularized for local use – but which also at times inform global understandings.

"Without Education You Can Never Become President": Teenage Pregnancy and Pseudo-empowerment in Post-Ebola Sierra Leone

by Anne Menzel

This article analyses the emergence of ‘teenage pregnancy’ as a new policy focus in post-Ebola Sierra Leone and explores how Sierra Leoneans interpret the problem of ‘teenage pregnancy’. I argue that the new policy focus is not indicative of changing or new problems. Rather, ‘teenage pregnancy’ has created opportunities for donors and the Government of Sierra Leone to continue cooperation in gender politics. At the same time, Sierra Leoneans are clearly concerned about ‘teenage pregnancy’, and many agree with sensitization campaigns that responsibilize young women and girls while downplaying structural factors that render them vulnerable to arrangements involving transactional sex.

Creative appropriation: academic knowledge and interventions against sexual violence in the Democratic Republic of Congo

by Alex Veit and Lisa Tschörner

Recent academic research has questioned assumptions about sexual violence in (post-) conflict contexts. Gender norms rather than military decision-making have been found to constitute a major underlying reason for wartime sexual violence. In this contribution, we investigate whether international organisations seeking to prevent sexual violence in the Democratic Republic of Congo have accordingly changed their analytical perspectives and modified policies and programming. We find that many, but not all, such organisations creatively appropriate new academic work in their policy and project documents. However, incentives for continuity in the humanitarian field have slackened the pace of any substantive practical changes.


Kontakt:
Dr. Alex Veit
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67471
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Dr. Alex Veit
Dr. Alex Veit
In Teilprojekt B09 arbeitet Alex Veit an Fallstudien zur Sozialpolitik Südafrikas und Tansanias. Kürzlich war er vor Ort auf Forschungsreise und hat sich die Bildungspolitik beider Länder näher angeschaut.

Lieber Alex, für Teilprojekt B09 warst du in Afrika unterwegs. Wo genau?

Ich war im März zunächst in Kapstadt, dann eine Woche in Johannesburg und anschließend in Daressalam.

Was hattest du dir vorgenommen?

Es ging zunächst darum, die akademische Landschaft zu eruieren. Wir wollen mit Leuten vor Ort kooperieren, die zu ähnlichen Themen wie wir arbeiten. Ich habe mir einen Einblick verschafft, wer wozu arbeitet, was sie genau machen und wo gemeinsame Interessen liegen könnten.

Du hast also gezielt Sozialpolitikforscherinnen und Historiker angesprochen?

In Südafrika ist die Unilandschaft relativ groß, einige Unis können auf unserem Niveau ohne Probleme mitspielen. Für uns besonders interessant sind die Education Studies, aber auch viele Soziologen, die zu Bildung arbeiten. Oder Politikwissenschaftler, die sich auf Health spezialisiert haben. Ich als gelernter Historiker habe aber auch mit vielen Historikern gesprochen.

Und in Tansania?

In Tansania ist die Uni Daressalam das Flaggschiff des Landes. Sie ist eigentlich die einzige Uni, die eine gewisse Ausstattung hat, die Forschung ermöglicht. Die anderen Unis und die privaten Hochschulen sind im Grunde reine Lehreinrichtungen. Aber in Daressalam gibt es das legendäre Historical Department, das in den 1960ern und -70ern bahnbrechende Forschung hervorgebracht hat. Dort wurde marxistische Geschichtswissenschaft betrieben von in der Szene bekannten Leuten. Das war damals ein Sehnsuchtsort für viele Historiker. Es sind noch immer viele gute Leute da. Mit einigen habe ich gesprochen und eine Zusammenarbeit angeschoben.

Was sind deine ersten Erkenntnisse über die Bildungssysteme der Länder?

Bildung gilt in beiden Ländern als ein riesiges Versprechen: Mit Bildung lässt sich alles ändern, was in der Gesellschaft nicht so läuft. Aber es gibt gravierende Unterschiede zwischen den beiden Ländern. In Südafrika laufen alle Diskurse vor der Folie der Apartheid und der rassistischen Ungleichheit. Auch das Bildungssystem wird unter diesem Paradigma betrachtet. Die Gesellschaft ist sehr zerklüftet, dementsprechend wird sehr viel mit Schuldzuweisungen hantiert. 25 Jahre nach Ende der Apartheid sind alle total unzufrieden. Südafrikas öffentliche Schulen fallen in internationalen Vergleichen zum Teil hinter Tansania zurück, das für die Bildung viel weniger Geld ausgibt und auch vom Entwicklungsstand her viel schwieriger dasteht als Südafrika, das 20 Prozent des staatlichen Budgets in die öffentlichen Schulen steckt. Gerade in den ärmsten Regionen sind die Schulen miserabel.

Inwiefern?

Zum einen sind die Ergebnisse bei Vergleichsstudien schlecht, zum anderen aber auch die Infrastruktur. Es kommen jedes Jahr mehrere Schüler um, die in die Latrinen reinfallen. Es stellt sich dann die Frage, wer ist schuld? Viele sagen, die Regierungspartei kriegt es nicht auf die Reihe. Andere zeigen auf die Gewerkschaften, die die Lehrer davor beschützen, mehr leisten zu müssen. Wieder andere beschuldigen die Weißen, die ihre Kinder in Privatschulen stecken, weshalb das staatliche System zurückfällt und die guten Lehrer in die Privatschulen gehen.

Wo es auch mehr Geld zu verdienen gibt ...

Ja. Es gibt einfach alle möglichen Gründe in so einer zerklüfteten Gesellschaft. Tansanias Gesellschaft ist im Vergleich viel homogener. Da gibt es nicht diese klaren Konflikte. Alle sprechen dort von Entwicklung, alle wollen, dass es vorangeht, und sind auch einigermaßen zufrieden. Es wird viel gebaut, die Infrastruktur macht Fortschritte. Das Telefonnetz zum Beispiel ist in Daressalam teils besser als in Bremen.

Und die Schulen?

Die Schulen sind jetzt gratis. Aber fast alle, mit denen ich gesprochen habe, schicken ihre Kinder auf Privatschulen. Viele geben einen Großteil ihres Gehalts dafür aus, weil sie die Qualität der staatlichen Schulen im Vergleich als miserabel betrachten.

Gab es auf deiner Reise etwas, das dich überrascht hat?

Sehr überrascht hat mich, wie eng die Ökonomen in die Entwicklung von Policy involviert sind, gerade auch im Bildungsbereich. In Tansania vor allem über die Internationalen Organisationen. In Südafrika sind es die einheimischen Ökonomen. Die Soziologen und Historiker sind damit sehr unzufrieden. Denn Sozialpolitik wird sehr stark quantifiziert.

Entwickelt sich das Bildungssystem dadurch in eine gewisse Richtung?

Die Soziologen sagen, dass alles in Richtung Privatisierung geht und dass da ist eine politische Agenda dahintersteht. In Stellenbosch, der führenden ehemals afrikaans-sprachigen Unis und eine der fünf Eliteuniversitäten des Landes, ist die Apartheid akademisch ausgedacht und legitimiert worden. Dort gibt es ein sehr starkes Ökonomie-Department, und die ANC-Regierung greift auf genau diese Uni zurück. Das hätte ich jetzt so nicht erwartet. Das hat etwas damit zu tun, dass am Übergang von der Apartheid zur Demokratie viele Wissenschaftler aus dem Exil zurückgekommen sind, das waren in der Regel radikale Leute, auch Akademiker, die in Großbritannien waren. Mit denen wollte man zusammen etwas aufbauen. Gleichzeitig hat sich auch die Weltbank massiv engagiert in der Phase. Es gab ein internationales Programm, um Südafrika wieder auf die Füße zu helfen. Man wollte Südafrika aufbauen als Leuchtturm der Demokratie in Afrika. Es gab also einen unheimlichen Ansturm von allen Seiten. Das Problem der radikalen Linken und auch der Exilanten des ANC war, dass sie sehr gut Widerstand organisieren konnten, aber aufs Regieren waren sie nicht vorbereitet. Wer aber echt gut vorbereitet war, waren die Weltbankleute. Die haben sich zusammengetan mit den Stellenbosch-Ökonomen. Die haben dieselbe Sprache gesprochen. Es gab schnell alle möglichen Reformversprechungen, dazu gehörte auch die "Outcome-based-Education". Da geht es im Prinzip darum, dass jedes Kind nach seinen Bedürfnissen gefördert wird und es kein starres Curriculum gibt. Stattdessen entwickeln die Lehrer mit den Schülern zusammen das Material. Gleichzeitig soll aber am Ende ganz klar und vergleichbar gemessen werden, welche Fähigkeiten die Schüler erworben haben. Das klafft total auseinander und hat zu einer Vollkatastrophe geführt. Alle waren total verwirrt in einer Phase, in der ohnehin alles im Umbruch war. Diese Riesenreform hat alle Schulen, alle Lehrer verunsichert. Es gab keine Lehrbücher mehr, kein Curriculum und gleichzeitig gab es an allen Schulen ein ganz starres, autoritäres Lehrverständnis. Über Jahrzehnte gab es Frontalunterricht, und jetzt plötzlich sollte das ganz anderes werden. Das haben sie ein paar Jahre versucht, dann wurde wieder alles zurückgestellt.

Wie gehst du jetzt weiter vor?

Ich fahre im Juni für ein paar Wochen nach Tansania. Ich werde Interviews mit Leuten führen, die in der Bildungs- und Ernährungspolitik involviert sind. Ich treffe mich mit den Internationalen Organisationen. Die sind in Tansania relativ prominent, viel prominenter als in Südafrika. Ich versuche auch mit der Regierung und mit der Verwaltung zu sprechen. Und dann fahr ich auch in ein kleineres Städtchen und rede mit Lehrern und lokaler Verwaltung. Nach Südafrika fahre ich erst nächstes Jahr wieder.

Dann ist der SFB schon im dritten Jahr ...

Ja, aber zu Südafrika gibt es so viel Literatur, da muss ich viel weniger eigene Daten erheben. In Tansania ist die Situation ganz anders. Da muss ich stärker Primärmaterial produzieren. Nach Südafrika bin ich jetzt auch deshalb gefahren, um zu verstehen, welche Akteure dort mit welcher politischen Agenda schreiben. Weil es so enge Verbindungen zwischen den Universitäten und der Regierung gibt, schreiben alle mit einer Agenda. Das muss man einzuschätzen wissen. Wenn ich dort nächstes Jahr hinfahre, werde ich auch mit Lehrern und Schuldirektoren sprechen, um zu verstehen, wie sich Policy bei ihnen eigentlich niederschlägt. Denn die Realität hat ja mehrere Layer.


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Dr. Alex Veit
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Prof. Dr. Klaus Schlichte
Prof. Dr. Klaus Schlichte
Klaus Schlichte berichtet von seinem Forschungsaufenthalt in Uganda, bei dem er durch systematische Recherche, geplante Irritationen und nicht zuletzt durch Zufälle vieles über die dortige Sozialpolitik erfuhr.

Lieber Herr Schlichte, für das Teilprojekt B09 waren sie kürzlich für rund zwei Monate in Uganda. Was war das Ziel des Aufenthalts?

Es ging mir darum, ein allgemeines Mapping zu machen. Denn die Sozialpolitik in Afrika ist bei Weitem nicht so erforscht wie in der OECD oder Europa. Und es gibt dort Formen von Sozialpolitik, die im Globalen Norden weniger präsent sind, wie etwa die Subventionierung von Grundnahrungsmitteln oder die Vorbeugung von Epidemien. Mein Ziel war also, dazu Stimmen zu sammeln: Was denken die Menschen über die sozialpolitischen Verhältnisse in Uganda? Wie sind die Positionen der Regierungsseite? Was denken die Krankenschwestern, Ärzte oder Lehrergewerkschaften? Ich wollte aber auch wissen, wie "ordinäre" Leute, also Nicht-Experten, im Alltag mit der Frage von Krankheit und Gesundheitsvorsorge umgehen. Es gab dabei keine übergeordnete Fragestellung: Beim Mapping versucht man, eine Collage zusammenzustellen und offen zu sein für alles, was sich ergibt.

Aber Sie sind doch sicher nicht unvorbereitet nach Uganda geflogen ...

Das natürlich nicht. Ich habe früher schon in Uganda zu anderen Themen gearbeitet und habe deshalb eine ganze Reihe von Kontakten. Dennoch wollte ich nicht mit einer engen Fragestellung auf die Materialsuche gehen. Wir nennen das Feldforschung, hochtrabend könnte man es auch Ethnographie nennen. Natürlich mache ich auch Experteninterviews, aber die Alltagsgeschichten gehören genauso dazu wie all das, was in der Zeitung steht und was die Leute beiläufig erzählen. Außerdem sammle ich alle möglichen Dokumente, informelle Papiere zum Beispiel von in Uganda tätigen Entwicklungshilfeorganisationen. Die Annahme ist: Alles ist Material. Alles, was man sieht, hört und findet. Es gibt da keine Grenze.

Sie sind also mit einem Koffer nach Kampala geflogen und mit fünf Koffern heimgekehrt? Oder ernsthaft: Wie dokumentieren Sie beim Mapping Ihre Arbeit?

Früher, als alle Unterlagen noch gedruckt waren, habe ich tatsächlich Postsäcke gepackt und nach Deutschland verschickt. Aber das ist natürlich heute auch in Uganda fast alles digitalisiert und passt alles auf einen USB-Stick und in ein paar Mappen.

Und die Gespräche mit Menschen schneiden Sie mit?

Manchmal. Die meisten allerdings nicht. Viele Gespräche sind Alltagskonversationen, da wäre es sehr merkwürdig, anderen mit dem Mikro vor der Nase herum zu hantieren. Ich mache mir in der Regel in Gesprächen Notizen und schreibe hinterher alles ausführlich auf. Das ergibt dann später ein Transkript des Gesprächs. Entscheidend ist, dass ich mich gleich hinsetze. Deshalb gehe ich nach Gesprächen sofort ins Café, nach Hause oder in die Bibliothek und schreibe ein Gesprächsprotokoll auf der Grundlage der Notizen.

Gab es etwas auf Ihrer Reise, dass Sie überrascht hat?

Was mich überrascht hat ist, dass sämtliche „policies“ unheimlich stark der Demokratiemaschine Ugandas unterworfen ist. Das geht so weit, dass viele ugandische Experten mittlerweile an der Demokratisierung zweifeln, weil der politische Wettbewerb so scharf geworden ist, dass er Interferenzen in allen möglichen Politiken kreiert.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen wir die Polizeiarbeit in Uganda. Während der Wahlkämpfe ist die gesamte Polizei im Auftrag der Regierung unterwegs. Alles wird eingesetzt, damit der Präsident geschmeidig durch das Land reisen kann und die Massen organisiert werden können, um ihm zuzujubeln. Dabei bleibt die normale Polizeiarbeit auf der Strecke, wobei die Ressourcen der Polizei ohnehin nicht üppig sind. Dieses Prinzip erstreckt sich aber auch auf die Schulen und die Gesundheitsversorgung. Man generiert politische Unterstützung über die Verteilung der ohnehin knappen öffentlichen Ressourcen. Das kennen wir zwar auch aus Deutschland auch: bestimmte Regionen und Fraktionen werden mit Mitteln ausgestattet, um Loyalität zu erzeugen. In Uganda geschieht das in radikaler Form, was mit der verbreiteten Armut zu tun hat. Die Amtsinhaber setzen den gesamten Staat für den politischen Wettbewerb in Gang. Sogar intellektuelle, liberale und fortschrittliche Leute sagten mir, man sollte weniger wählen und in größeren Abständen, weil zu viel Geld und zu viele Ressourcen verpulvert werden für die Herstellung von Loyalität. Mich hat überrascht, wie kritisch die Stimmung mittlerweile gegenüber demokratischen Verfahren ist.

Wahlen finden in Uganda finden alle fünf Jahre statt.

Ja, in der Regel amtiert der Präsident fünf Jahre, auch das Parlament wird alle fünf Jahre gewählt. Das klingt nach einem entspannten Rhythmus. Aber die Loyalität muss auch zwischendrin gesichert werden. Man braucht Parlamentsmehrheiten. Und das Parlament nicht so stark durch Parteien diszipliniert wie bei uns, sondern die Loyalität von Abgeordneten wird auch gesteuert über den Bau von Krankenhäusern, Straßen und dergleichen. Denn die Abgeordneten stehen unter einem gewissen Druck, ihrem Wahlkreis etwas liefern zu müssen.

Womit wir bei der der Sozialpolitik wären.

Wo werden die Krankenhäuser gebaut? Wo sie nötig sind, oder wo der Abgeordnete wohnt, dessen Unterstützung gebraucht wird? Diese Logik hat mich überrascht. Ich glaube, Uganda ist da kein Einzelfall, man wird das in ganz vielen Staaten beobachten können, auch weit über Afrika hinaus: Das politische Establishment ist gleichzeitig auch unternehmerisches Establishment. Zum Beispiel ist der Permanent Secretary of State im Bildungsministerium gleichzeitig der Besitzer von mehreren privaten Secondary Schools. Ähnliches sieht man bei vielen Parlamentsabgeordneten. Das sind politische Unternehmer, die mit der Privatisierung von Bildung und Gesundheit stark verknüpft sind. So ist eine Oligarchie entstanden, die gar kein Interesse daran haben kann, Bildung und Gesundheit wieder zum öffentlichen Gut zu machen. Der boomende Markt gerade für Bildung in Uganda ist fest in der Hand derer, die auch politisch das Sagen haben. Eine Locked-in-Situation, die so arretiert ist, dass man sich fragt: Wie soll sich das jemals wieder ändern? Das ist vielleicht eine zweite These, die aus dem Aufenthalt hervorgegangen ist.

Ich stelle es mir schwierig vor, solche Dinge wie die Verquickungen des Permanent Secretary of State im Bildungsministerium vor Ort zu verifizieren.

So etwas sagen einem die Menschen natürlich nicht ins Mikrofon, sondern im Vertrauen. Aber man kann so etwas genauso verifizieren wie beispielsweise in Deutschland, indem man zur Handelskammer geht und nachschaut, wer dort als Unternehmer für was eingetragen ist.

Ich frage deshalb, weil Ihr Kollege Roy Karadag in Ägypten ein ähnliches Mapping versucht hat und zumindest bei Behörden und Ministerien abgeblockt wurde.

Das ist in Uganda ganz anders. Bei Behörden und Ministerien muss man sich am Empfang registrieren, aber dann kann man sich – und das macht es für die Forschung eben unheimlich leicht - im Gebäude völlig frei bewegen. Man klopft einfach an die Türen. Man muss vielleicht warten oder am nächsten Tag wiederkommen, aber es gibt grundsätzlich immer Gesprächsbereitschaft. Uganda ist da viel liberaler als zum Beispiel Deutschland.

Bei Ihrer Mapping-Methode sind Sie auch auf Zufälle angewiesen. Ein solcher Zufall hat Sie mit dem ugandischen Krankenhaussystem vertraut gemacht. Würden Sie das kurz erzählen?

In Kampala habe ich bei einer ehemaligen Doktorandin gewohnt, die Zimmer untervermietet. In dem Haus wohnte neben einer Nachrichtensprecherin auch der Onkel meiner Vermieterin, der vom Land nach Kampala gekommen war, weil er Zungenkrebs hatte. Sein Beispiel machte mir deutlich, wie das Gesundheitssystem Ugandas System funktioniert und welche Rolle Familie, Verwandtschaft und Freundschaft als Funktionsprinzip der sozialen Sicherung spielen. Uganda hat etwa 40 Millionen Einwohner. Für Menschen, die keine private Krankenversicherung haben und sich Operationen nicht leisten können – also etwa 98 Prozent der Bevölkerung -, gibt es im gesamten Land genau eine Station, wo Krebsoperationen möglich sind. Der Onkel wäre gestorben, wenn seine Nichte nicht einen Job hätte, durch den sie den Krankenhausaufenthalt finanzieren konnte. Das war die erste Bedingung, warum er heute noch lebt. Die zweite war, dass in dem Krankenhaus 20 Ärzte aus Chicago zwei Wochen lang ohne Entgelt operierten - Tag und Nacht im Wechselschichtbetrieb. Nur deshalb war die Operation zu dem Zeitpunkt möglich. Denn die meisten Ärzte und Pfleger, die in den öffentlichen Krankenhäusern Ugandas arbeiten, können von ihrem Gehalt nicht leben, weshalb sie auch noch in Privatkliniken tätig sind. Das erklärt, warum Krebsoperationen in Uganda nicht in der Geschmeidigkeit ablaufen, wie das bei uns der Fall ist.

Wie ging es mit dem Mann weiter?

Es gibt keine Reha-Kliniken in Uganda, daher wurde er ein paar Tage nach der Operation entlassen. Für jemanden vom Land stellt sich dann die Frage: Wie kommt man aus dem Krankenhaus wieder nach Hause? Das Medianeinkommen in Uganda liegt bei 55.000 Schilling im Monat, umgerechnet etwa 25 Euro. Der Transport von Kampala aufs Land, sagen wir mal 400 Kilometer weit, kostet etwa 30.000 Schilling, also ein mittleres Monatseinkommen. Viele Patienten sind deshalb auf Hilfe angewiesen. Und so schießen wildfremde Menschen noch am Krankenhaus solchen Patienten etwas zu. Das klingt jetzt romantisch, hat aber auch eine Schattenseite: Denn diese Art von moralischen Verpflichtungen sind auch der Hintergrund dessen, was wir als Korruption denunzieren. Irgendwo muss das Geld schließlich herkommen. Wenn es Massenarmut gibt, gibt es auch Korruption – nicht, weil die Leute schlecht sind, sondern im Gegenteil: Weil umverteilt werden muss und der Zugang zu öffentlichen Ressourcen der wichtigste Zugang zu Ressourcen überhaupt ist.
Wie all das im Gesundheitssektor miteinander verschränkt ist, war mir vorher nicht so klar. Das ist vielleicht der wichtigste Grund für diese Form von Forschung. Für Experteninterviews müsste ich nicht nach Kampala fliegen. Was ich dort suche, sind eher „geplante“ Irritationen. So entdecke ich Dinge und Zusammenhänge, von denen ich vorher wenig wusste, die aber wichtig sind.

Wie schließt sich jetzt Ihre weitere Arbeit daran an?

Nach dem Sammeln des Materials in Uganda gibt eine Phase der Distanzierung. Vieles entdeckt man erst, wenn man sich das Material später wieder anguckt, auch weil man inzwischen andere Sachen gelesen und sich mit anderen unterhalten hat. Ich habe vor 20 Jahren angefangen, mich mit Uganda zu beschäftigen, und die Aufzeichnung von damals sind immer noch auskunftsreich. Ich werde jetzt einen Aufsatz zu Uganda [Anmerkung: Könnten Sie das etwas genauer sagen, worum es in dem Aufsatz gehen wird?] und einen zur kolonialen Sozialpolitik schreiben. Bis Sommer werden die Manuskripte fertig sein. Unsere Forschung in dem Teilprojekt B09 hat aber auch eine historische Dimension. Wir wollen das Auf und Ab von Sozialpolitiken in sechs afrikanischen Ländern erfassen und analysieren. Dann halten wir die Analysen nebeneinander. Gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede? Was geschieht zeitgleich, was phasenversetzt und warum? Welche äußeren Einflüsse gibt es? Sind sie gleichgerichtet oder widersprüchlich? Das sind die Fragen, die wir in der ersten SFB-Förderphase klären werden. Aber wir wollten jetzt schon durch das Mapping erkunden, welche Entwicklungen es in der Sozialpolitik in Afrika gibt und welche Fragen sich daraus ergeben, die wir in der zweiten Phase des SFB bearbeiten können.


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Prof. Dr. Ndangwa Noyoo
Prof. Dr. Ndangwa Noyoo
Ndangwa Noyoo, Leiter der Abteilung "Social Development" an der University of Cape Town, war vergangene Woche zu Gast beim SFB 1342 in Bremen. In einem Vortrag plädierte für eine "Global Social Policy", um Armutsmigration zu verringern.

Professor Ndangwa Noyoo (University of Cape Town) hielt am Dienstag, 12.2, am SFB 1342 einen Vortrag zum Thema "Global Social Policy in an Era of Increasing Unilateralism, Narrow Nationalism and Xenophobia". Noyoo plädierte in dem Vortrag für eine Erneuerung der internationalen Solidarität. Er erinnerte an programmatische Entwicklungszusammenarbeit insbesondere in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, die anders als heutiger "Band aid"-Humanitarismus einer transformativen Agenda verpflichtet war.

Der gegenwärtige "enge Nationalismus" in Industriestaaten ist unter anderem durch starke Migrationsbewegungen ausgelöst worden, so Noyoo, der in Kapstadt zu Social Development arbeitet. "Global Social Policy" als transformative internationale Solidarität sei daher ein wichtiges Instrument, um Armutsmigration zu verringern und so die politischen Diskurse im Globalen Norden zu entzerren.


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Dr. Roy Karadag
Dr. Roy Karadag
Roy Karadag blickt auf zwei kurze Forschungsaufenthalte in Ägypten zurück und berichtet von bürokratische Hürden, vielversprechenden Archiven und dem verheerenden Zustand des ägyptischen Bildungssystems.

Du bist für Teilprojekt B09 nach Ägypten gereist. Wo und für wie lange bist du dort gewesen?

Ich war für zwei kürzere Aufenthalte in Kairo: einmal von Ende September bis Mitte Oktober und dann noch einmal von Mitte November bis Anfang Dezember. Ich war als Visiting Fellow am Department of Political Science der American University in Cairo.

Was hattest du dir vorab für diese beiden Forschungsaufenthalte vorgenommen?

Ich wusste, dass der Zugang zu Behörden, Ministerien und Politikern in Ägypten heikel geworden ist. Mit der harten Repression, die seit 2013 vorherrscht, ist die Lage auch für Wissenschaftler immer schwieriger geworden, vor allem für europäische oder US-amerikanische Wissenschaftler. Es ist sehr schwierig, fundierte Netzwerke vor Ort aufzubauen, wenn man bislang noch nicht zu Ägypten geforscht und publiziert hat, wie das bei mir der Fall ist. Daher dienten meine Reisen nach Kairo vor allem dazu auszuloten, ob ich überhaupt Zugang in die Ministerien bekomme, um erfahren, wie dort Sozialpolitik verhandelt und umgesetzt wird.

Und wie ist es gelaufen?

Ich habe zunächst acht, neun Interviews geführt, vor allem mit Lehrern und Ärzten, außerdem hatte ich mehrere Hintergrundgespräche mit Akademikern. Ich wollte zunächst einmal mit den Leuten sprechen, die in den sozialpolitischen Feldern, die wir untersuchen, tätig sind. Ich wollte erfahren, was diese Menschen mir erzählen können zum Umgang mit Krankenversicherungen oder mit den Apparaten, den Ministerien. Ich wollte wissen, welche politischen Entscheidungen für ihren Alltag relevant sind und welche Entwicklungen ihren Alltag am meisten bestimmen.

Wie sieht der Zugang zu Behörden und Ministerien aus?

Ich komme ein bisschen ernüchtert zurück. Bei meinem ersten Aufenthalt war habe ich die Uni-Experten für die sozialpolitischen Felder angesprochen. Eine war sogar Beraterin des Bildungsministers. Aber für den Zugang zu den Ministerien und Politikern war das leider nicht hilfreich. Ich werde mich wahrscheinlich von der Idee verabschieden müssen, Experteninterviews in den Ministerien führen zu können. Das ist sehr schade, denn die Forschung zu Ägypten in den 1990ern und 2000ern von Leuten, die ihre Netzwerke über viele Jahre ausbauen konnten, war richtig stark: tolle Bücher über Machtnetzwerke, Korruption, islamistische und andere Oppositionsgruppen; aber leider sehr wenig über Policy-Felder wie Gesundheit und Bildung.

Heute gibt es unüberwindliche bürokratische Prozeduren, um unliebsame Forschung und Recherchen zu Opposition und Widerstand zu verhindern. Und leider auch harte Gewalt, wie die Ermordung des italienischen Doktoranden aus Cambridge gezeigt hat. Solche Gewalt muss nur ein oder zwei Mal angewendet werden, damit die Botschaft wirklich sitzt und man die Finger von der Untersuchung von gewerkschaftlichem Aktivismus lässt. Kairo ist in der Hinsicht wirklich unfrei geworden.

Was folgt für deine Arbeit daraus?

Wir werden uns darauf beschränken, das historische Material, die Zeitungsarchive zu durchstöbern, um gewisse Phasen und gewisse sozialpolitische Entscheidungen zu rekonstruieren. Darauf aufbauend wollen wir sehen, was das für einen Effekt hatte auf Fragen von Staatsbildung, Staat-Gesellschaft-Beziehungen, Erwartungen von Menschen an Regierungen und Staatsebene. So können wir am ehesten etwas entwickeln wie eine historische Theorie von Sozialpolitik in Afrika, um zu zeigen, was Afrika-spezifisch ist und welche Rolle der Kontinent in Diskursen zu globaler Sozialpolitik spielt bzw. spielen kann.

Die Zugänge zu den Archiven sind sichergestellt?

Die Zeitungsarchive sind inzwischen relativ gut online verfügbar. Ich versuche natürlich noch an Zentralarchive zu kommen. In Kairo wäre da die zentrale Stelle das Dar al-Watha’iq, das ägyptische Nationalarchiv. Das läuft alles nur über formale Anfragen und wird vermutlich ein längerer bürokratischer Prozess. Aber es sollte möglich sein. Es wäre schön, so an Material zu Dekreten zu kommen, weil diese Dekrete am ehesten zeigen, wie politischer Alltag in Ägypten aussieht.

Ihr untersucht drei Politikfelder: Gesundheit, Bildung und Ernährung. Welchem Zeitraum widmet ihre euch?

Vorgesehen ist das ganze Jahrhundert: 1918 bis 2018. Natürlich ist es schwer, drei Politikfelder über 100 Jahre abzuarbeiten. Daher konzentrieren uns bei der Analyse der Zeitungsarchive, des anderen Materials und der Sekundärliteratur vor allem auf die großen Schübe, die in Nordafrika in den 1950er- und 1960er-Jahren stattgefunden haben. In Ägypten sind die späten 40er- und frühen 50-Jahre sehr interessant, weil damals Sozialpolitik zum ersten Mal zur Legitimierung der neuen Staatsbürokratie diente.

Du hast erwähnt, dass du mit Lehrern und Ärzte interviewt hast. Was das Interessanteste, das du von diesen Menschen erfahren hast?

Der Schwertpunkt der Gespräche lag auf Bildung, und es ist kam ein deprimierendes Bild entstanden. Ägypten ist ein armes Land mit sehr großer sozialer Ungleichheit. Das zeigt sich auch im Feld der Bildung und der Bildungspolitik. Obere Mittelschichten und die Reichen haben sich abgekoppelt und können ihren Kindern vielfältige und gute Bildungschance bieten. Schon früher haben sie ihre Kinder auf deutsche, amerikanische oder britische Schulen geschickt, inzwischen sind auch die Japaner dabei. Es gibt eine starke Ausdifferenzierung und einen Wettstreit innerhalb der ökonomischen und bürokratischen Eliten und ihren Kindern um Machtchancen für nächsten Jahrzehnte. Dieser Wettstreit ist brutal. Es gibt zwar so etwas wie ein Zentralabitur, aber auch Vorwürfe von Korruption und Betrug. Es gibt viel Raum, um Geld in Bildungschancen zu verwandeln, während untere Schichten mit überfüllten Klassen, schweren Transportwegen und Schulen mit schwacher Infrastruktur zu kämpfen haben. Deshalb kratzen die Eltern jeden Cent zusammenkratzen, um ihren Kindern Nachhilfe zu bieten - und diese Nachhilfe wird von Lehrern angeboten, die selber nicht viel verdienen. Für die Lehrer ist es nicht entscheidend, an einer öffentlichen Schule zu unterrichten, sondern Privatunterricht zu geben. Das schmälert natürlich die Qualität des allgemeinen Unterrichts. Sämtliche Ideen, die in globalen Bildungsdiskursen entwickelt werden zu interaktiver Lehre und ähnlichem, prallen einfach an diesen harten sozioökonomischen Realitäten ab.

Du hast jetzt Netzwerke ausgekundschaftet. Wie gehst du nun weiter vor?

Ich werde noch weitere Male nach Ägypten bzw. Kairo fahren, um mich mit dem Material aus dem aus den 1940er- bis 1970er Jahren auseinandersetzen. Ich werde das Material über relevante politische Entscheidungen systematisch zusammenstellen, um damit innerhalb unseres Teilprojekts die größten Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erörtern und bewerten.


Kontakt:
Dr. Roy Karadag
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Mary-Somerville-Straße 7
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Alex Nadège Ouedraogo, Doktorandin in Teilprojekt B09, war vier Wochen im Senegal. In Dakar und Casamance recherchierte sie zum Thema ihrer Doktorarbeit: Sozialpolitik in Bezug auf Ernährungssicherheit.

Nadège, du bist kürzlich von einer Forschungsreise zurückgekehrt. Wo warst du genau?

Ich war in Dakar und Ziguinchor, einer Stadt im Süden Senegals, in der einige Jahre lang Konflikte herrschten. Aber jetzt scheint alles ruhig zu sein.

Was war der Zweck deiner Reise?

In der ersten Woche war ich an einer Summer School in Dakar, die vom Council for the Development of Social Science Research in Africa (CODESRIA) und dem Centre for African Studies Basel (CASB) organisiert wurde. Das Thema war: "African Studies and Africanists: Whence the Gaze?". Da meine Eltern aus Burkina Faso stammen, interessiere ich mich sehr für die Zusammenarbeit mit afrikanischen Wissenschaftlern in Afrika. Es war großartig, mit Doktoranden vom afrikanischen Kontinent umgeben zu sein. Ich habe viel über die Arbeit an der Promotion und über Forschung in Afrika gelernt. Danach blieb ich eine weitere Woche in Dakar, um Informationen zu Archiven zu sammeln und persönliche Netzwerke aufzubauen. In der dritten Woche bin ich in den Süden gereist, um die Region zu erkunden und kennenzulernen, und kam für die letzte Woche nach Dakar zurück. Die letzten drei Wochen meiner Reise standen in direktem Zusammenhang mit meiner Doktorarbeit und der Forschung in unserem B09-Projekt, während es in der ersten Woche eher darum ging, Forscherin im afrikanischen Kontext zu sein.

Worum geht es in deiner Forschung?

In unserem Projekt B09 arbeiten wir zur Sozialpolitik in Afrika, und in meinem Fall geht es um die Sozialpolitik mit Bezug zu Ernährungssicherheit. Die Reise in den Senegal hat mir sehr geholfen, einen spezielleren und originelleren Blickwinkel zu finden, aus dem ich meine Forschung angehen kann.

Inwiefern hat dir die Reise da geholfen?

Ich habe vor Beginn meiner Recherchereise keine Termine für Interviews vereinbart. Ich wollte mir einen ersten Eindruck davon verschaffen, was auf lokaler Ebene vor sich geht. Ich wollte nicht sofort an die Regierung oder NGOs herantreten, sondern mich Menschen aus der der lokalen Bevölkerung treffen und mit ihnen sprechen. Das habe ich auch gemacht.

Konntest du bereits Informationen oder Daten sammeln, die du für deine Forschung verwenden kannst?

Keine konkreten Daten. Aber ich weiß jetzt, in welche Richtung ich meine Forschung gehen soll. Es hat mir sehr geholfen, mit vielen Leuten vor Ort zu sprechen, mit ihnen auf dem Markt zu sitzen. Ich habe auch einige Haushalte von Leuten besucht, die ich kennengelernt habe. Ich habe mit den Menschen darüber gesprochen, was sie über Sozialpolitik denken und was sie für sie bedeutet. Dabei habe ich festgestellt, dass die meisten von ihnen diese Begriffe gar nicht verwenden. Es ergibt für sie keinen Sinn. Die meisten von ihnen verwenden den Begriff Public Policy. Diese erste Erkundungsreise hat mir geholfen, eine bestimmte Position einzunehmen und mir und ein bestimmtes Vokabular anzueignen. Mir wurde auch klar, dass Ernährungssicherheit für die Einheimischen vom Zugang zu Nahrung abhängt: Zugang nicht im finanziellen Sinn, sondern eher in Bezug auf den Transport und lokale Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln. Die meisten Leute sagten mir, dass sie gerne bestimmte Lebensmittel kaufen würden, sie aber vor Ort nicht bekommen können. Oder dass diese Lebensmittel ausschließlich für den Export produziert werden. Es war interessant festzustellen, dass die Ernährungssicherheit eng mit der Verkehrsinfrastruktur und der Raumplanung verbunden ist.

Welche Sprache hast du mit den Menschen vor Ort gesprochen?

Französisch. Aber die meisten Menschen im Senegal sprechen Wolof, das ich nicht spreche. Das machte es etwas schwieriger, dass die Leute mich verstehen und umgekehrt. Aber meistens wurde ich von jemandem begleitet, der beim Übersetzen half, wenn die Leute nicht viel Französisch sprachen. Aber ich werde mein Bestes tun, um bald selbst etwas Wolof zu sprechen.

Was sind deine nächsten Schritte?

Jetzt muss ich das Exposé für meine Doktorarbeit schreiben. Dank der Recherchereise und der Literatur, die ich bislang gelesen habe, sollte das gut zu schaffen sein. Jetzt habe ich Ideen, wie ich meine Forschung durchführen möchte, und das Ganze ist fundierter, weil ich vor Ort im Senegal war.

Hast du bereits weitere Reisen geplant?

Wenn mein Exposé akzeptiert wird, möchte ich für eine längere Zeit in den Senegal zurückkehren. Zeit ist ein limitierender Faktor. Ich kann nicht all meine Arbeit hier in Bremen liegenlassen, aber es ist wirklich wichtig, dass ich bei meinem ethnographischen Forschungsansatz vor Ort im Land unterwegs bin und dort so lange wie möglich bleiben kann.


Kontakt:
Alex Nadège Ouedraogo
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 176 73 96 96 90
E-Mail: ouedraogo@uni-bremen.de