News aus dem Teilprojekt B09


In "Social Policy & Administration" haben 7 Teilprojekte des SFB 1342 Fallstudien sozialpolitischer Dynamiken im Globalen Süden vorgelegt. Deren Synthese zeigt: Das Konzept der kausalen Mechanismen ist gut geeignet, solche Entwicklungen zu analysieren.

Sieben Teilprojekte aus dem Projektbereich B des SFB 1342 haben eine Sonderausgabe von "Social Policy and Administration" veröffentlicht: Causal mechanisms in the analysis of transnational social policy dynamics: Evidence from the global south. Die zentrale Forschungsfrage, der die Autor*innen nachgehen, lautet: Welche kausalen Mechanismen können die transnationalen Dynamiken der Sozialpolitik im Globalen Süden erfassen?

Um Antworten auf diese Frage zu finden, präsentieren die Autor*innen vertiefende Fallstudien zu sozialpolitischen Dynamiken in verschiedenen Ländern und Regionen des Globalen Südens sowie in unterschiedlichen sozialpolitischen Feldern. Alle Beiträge konzentrieren sich auf das Zusammenspiel von nationalen und transnationalen Akteuren bei der Gestaltung von Sozialpolitik. (Die Beiträge dieser Special Issue sind unten aufgeführt.)

Die zentralen Erkenntnisse der Autorinnen und Autoren sind:

  • Erklärungen der Sozialpolitik im Globalen Süden bleiben unvollständig, wenn nicht auch transnationale Faktoren berücksichtigt werden
  • Dies bedeutet jedoch nicht, dass nationale Faktoren nicht mehr wichtig sind. Bei sozialpolitischen Entscheidungen sind nationale institutionelle Rahmenbedingungen und Akteure von zentraler Bedeutung
  • Die mechanismusbasierte Forschung kann das Zusammenspiel zwischen transnationalen und nationalen Akteuren und deren Einfluss auf die Gestaltung sozialpolitischer Ergebnisse plausibel nachzeichnen. Die Artikel identifizieren eine Vielzahl von Kausalmechanismen, die dieses Zusammenspiel erfassen können
  • Das Ergebnis sozialpolitischer Entscheidungen ist komplex und kann oft nicht durch einen einzigen Mechanismus erklärt werden. Die Untersuchung der Kombination und des möglichen Zusammenspiels mehrerer kausaler Mechanismen kann tiefer gehende Erklärungen liefern 
  • Das Konzept der Kausalmechanismen kann auch in vergleichenden Analysen angewendet werden
  • Mechanismen können induktiv in einem Fall aufgespürt und dann auf einen anderen Fall übertragen werden.


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Johanna Kuhlmann & Tobias ten Brink (2021). Causal mechanisms in the analysis of transnational social policy dynamics: Evidence from the global south. Social Policy and Administration.

Armin Müller (2021). Bureaucratic conflict between transnational actor coalitions: The diffusion of British national vocational qualifications to China. Social Policy and Administration. 

Johanna Kuhlmann & Frank Nullmeier (2021). A mechanism‐based approach to the comparison of national pension systems in Vietnam and Sri Lanka. Social Policy and Administration. 

Kressen Thyen & Roy Karadag (2021). Between affordable welfare and affordable food: Internationalized food subsidy reforms in Egypt and Tunisia. Social Policy and Administration.

Monika Ewa Kaminska, Ertila Druga, Liva Stupele & Ante Malinar (2021). Changing the healthcare financing paradigm: Domestic actors and international organizations in the agenda setting for diffusion of social health insurance in post‐communist Central and Eastern Europe. Social Policy and Administration (in press).

Gulnaz Isabekova & Heiko Pleines (2021). Integrating development aid into social policy: Lessons on cooperation and its challenges learned from the example of health care in Kyrgyzstan. Social Policy and Administration. 

Anna Safuta (2021). When policy entrepreneurs fail: Explaining the failure of long‐term care reforms in Poland. Social Policy and Administration.

Jakob Henninger & Friederike Römer (2021). Choose your battles: How civil society organisations choose context‐specific goals and activities to fight for immigrant welfare rights in Malaysia and Argentina. Social Policy and Administration.


Kontakt:
Dr. Johanna Kuhlmann
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58574
E-Mail: johanna.kuhlmann@uni-bremen.de

Prof. Dr. Tobias ten Brink
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Research IV und China Global Center
Campus Ring 1
28759 Bremen
Tel.: +49 421 200-3382
E-Mail: t.tenbrink@jacobs-university.de

Dr. Alex Veit, Dr. Clement Chipenda
Dr. Alex Veit, Dr. Clement Chipenda
Clement Chipenda und Alex Veit analysieren die Entwicklungen der südafrikanischen Agrar- und Nahrungsmittelpolitik am Beispiel von Schulspeisungen und Subventionen. Zu lesen in einem neuen Working Paper.

Ihr Arbeitspapier bietet eine chronologische Analyse der südafrikanischen Ernährungspolitik von der Gründung Südafrikas als halb-autonomer Siedlerstaat bis zur demokratischen Revolution.

Auf Grundlage von Primärquellen aus Archiven und Sekundärliteratur vergleichen Chipenda und Veit zwei Politiken der Ernährungssicherung: Schulspeisungen und Nahrungsmittelsubventionen. In der Zeit zwischen den Weltkriegen wurde Nahrungsmittelknappheit und -unsicherheit ein zunehmendes Problem, wodurch Nahrungsmittelpolitik elementarer Teil des expandierenden Wohlfahrtsstaates wurde. Kostenlose Schulspeisungen waren ein wichtiges Instrument, vom dem alle Kinder profitierten, bis das Apartheid-Regime Ende der 1940er-Jahre an die Macht kam. Das Regime schloss afrikanische Kinder von den Schulspeisungen aus.

Auf den ersten Blick widersprüchlicherweise, blieb ein weiteres ernährungspolitisches Instrument auch unter dem Apartheid-Regime erhalten, von dem alle, also auch afrikanische Bevölkerungsgruppen profitierten, welches im Laufe der Jahre sogar ausgeweitet wurde: allgemeine Nahrungsmittelsubventionen.

Um diese Entwicklungen erklären zu können, analysieren Chipenda und Veit die Figuration aus Akteuren und ihren Interdependenzen:

  • die dominanten, nationalistischen Kräfte des weißen politischen Establishments, die die Verantwortung für das Wohlergehen der afrikanischen Bevölkerung abstritten
  • die liberalen, demokratischen philanthropischen und kirchlichen Gruppen, die die Ernährungssicherheit für alle Bevölkerungsgruppen einforderten
  • Industrielle, vor allem aus dem Agrar- und Rohstoffsektor, die auf die Bedeutung einer gesunden, zahlreichen Arbeitsbevölkerung hinwies.


Die Abhängigkeit der südafrikanischen Agrar- und Rohstoffindustrie von den billigen afrikanischen Arbeitskräften, mag den Ausschlag gegeben haben, die zu einer zentralstaatlichen Regulierung und Subventionierung des Agrar- und Nahrungsmittelmarktes geführt hat. Aber Chipenda und Veit weisen auf die „eigentümliche Figuration“ aus nationalistischen, kapitalistischen, liberalen, philanthropischen Kräften hin, die sich bei der Nahrungsmittelpolitik auf ein gemeinsames Handeln verständigten, wenngleich aus unterschiedlichen Interessen.

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Lesen Sie das gesamte Working Paper: The trajectory of food security policies in South Africa, 1910-1994. The persistence of food subsidies


Kontakt:
Dr. Alex Veit
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67471
E-Mail: veit@uni-bremen.de

Dr. Kressen Thyen, Dr. Roy Karadag
Dr. Kressen Thyen, Dr. Roy Karadag
Kressen Thyen und Roy Karadag haben untersucht, warum Tunesien trotz internationaler Kritik an den Subventionen festhält, während Ägypten Reformen vorgenommen hat. Im Interview sprechen sie über ihre Ergebnisse, die sie kürzlich veröffentlicht haben.

Wer profitiert am meisten von den Lebensmittelsubventionen in Tunesien und Ägypten - die Armen oder die Eliten?

Kressen Thyen: Es gibt mehrere Möglichkeiten, diese Frage zu beantworten, nehme ich an. Aber schauen wir uns zunächst einmal an, wie das funktioniert: Die öffentliche Hand hat nach dem Zweiten Weltkrieg in verschiedenen Bereichen gehandelt, um die Preise für Nahrungsmittel zu senken und zu stabilisieren, sei es, indem sie Anreize für die Bauern setzte, Weizen und andere Produkte für die lokalen Märkte zu produzieren, indem sie den Bauern Betriebsmittel zur Verfügung stellte, um diese Produktion zu ermöglichen, und eine Zeit lang sogar durch die Verteilung und Umverteilung von Land an Kleinbauern. Außerdem stabilisierte eine günstige Preispolitik die Gewinnerwartungen von Bauern, Müllern und Händlern und stellte sicher, dass genügend Nahrungsmittel in die Städte geliefert wurden, wo der Großteil dieser Nahrungsmittel konsumiert wird. Während alle diese Wirtschaftsakteure auch von der staatlichen Regulierung der Lebensmittelmärkte profitieren, wären die Hauptnutznießer immer noch die städtischen Armen.

Roy Karadag: Nun, mit dieser Frage kommt man schon zu dem heiklen Aspekt, dass es Systeme der Lebensmittelsubventionierung gibt und wie diese seit den 1980er-Jahren immer stärker kritisiert werden. Und diese Anfechtung lebt mit diesen krassen Gegensätzen, mit den Armen auf der einen Seite und den Eliten auf der anderen Seite. Und seit den ersten Studien, die unter der Aufsicht der Weltbank in den frühen 1980er-Jahren durchgeführt wurden und die akademisch das Feld der Nahrungsmittelsubventionen zum Beispiel in Ägypten bearbeiteten, war das sehr stark im Fokus: die Behauptung, dass Nahrungsmittelsubventionen den Armen nicht so sehr zugute kommen wie den reicheren Menschen.

Kressen Thyen: Das ist natürlich viel komplizierter und lässt sich nicht in diesen allgemeinen Rahmen fassen, denn die Frage des "Nutzens" bedarf definitiv einer weiteren Qualifizierung. Klar ist, dass Menschen und Familien aus mittleren und höheren sozialen Schichten mehr Geld haben und mehr Lebensmittel kaufen können und so absolut durchaus mehr von günstigen Preisen profitieren. In der Sprache des Targeting war das immer schon der zentrale Streitpunkt. Aber da arme Menschen nicht so viel Geld haben, sind sie viel mehr auf diese billigen Preise angewiesen, um für sich und ihre Kinder Essen auf den Tisch zu bekommen. Relativ gesehen profitieren also die Armen mehr oder am meisten von der Lebensmittelsubventionierung. Denn die Alternative zum Kauf von billigem Brot, Reis etc. ist, an Unterernährung und Hunger zu leiden.

Nahrungsmittelsubventionen wurden als teure und unzureichende Maßnahme zur Armutsbekämpfung kritisiert. Stimmt ihr dieser Kritik zu?

Kressen Thyen: Nun, auch in diesem Fall ist es eine Frage des richtigen und fairen Framings. Nahrungsmittelsubventionen sind kein gutes Instrument, wenn man wirklich darauf abzielt, die relative Armut zu reduzieren und die Ressourcen umzuverteilen. Aber sollen sie das denn überhaupt tun? Vielmehr sind sie Werkzeuge, um armen Menschen zu helfen, genug Essen auf dem Tisch zu haben. Man kann es also eher so formulieren, dass sie nicht die relative Armut reduzieren, sondern dass sie dazu da sind, den Hunger zu bekämpfen und zu überwinden. Und was Letzteres betrifft, so haben die nordafrikanischen Länder seit dem Zweiten Weltkrieg enorme Verbesserungen in Bezug auf Hunger und Unterernährung erlebt.

Roy Karadag: Ja, ich meine, sicher kann man die Art und Weise kritisieren, wie das materielle Ziel der Beseitigung des Hungers in spezifische öffentliche Verfahren der Preisfestsetzung, der Lenkung der Landwirtschaft und der Bereitstellung von Infrastrukturen von Geschäften und Bäckereien umgesetzt wird, um die Armen zu erreichen. Aber das übergeordnete Ziel ist es, erschwingliche Lebensmittel zu bekommen, und ich sehe kein Problem mit diesem Ziel, insbesondere in Ländern, die viel ärmer sind als zum Beispiel hier in Mitteleuropa.

Kressen Thyen: Man wird Vergleiche anstellen können zwischen armen Ländern in den 1950er-Jahren und ihren Entwicklungsverläufen bis in die 1980er-Jahre und heute. Und dann findet man leicht erfolgreiche Wege aus der Armut, wo Staaten nicht auf ähnliche Formen der Nahrungsmittelsubventionierung angewiesen waren wie in Nordafrika. Und wo Staaten konkurrierende Formen der sozialen Sicherung und Armutsbekämpfung haben. Aber das ist keine Rechtfertigung dafür, Subventionen in Kontexten anzugreifen, in denen die Armut allgegenwärtig geblieben ist.

Roy Karadag: Man muss nicht kategorisch Versuche ablehnen, ein besseres Targeting zu haben oder sich der finanziellen Grenzen der Nahrungsmittelsubventionierung bewusst zu sein. Das wird seit den 1970er-Jahren und dem Zusammenhang zwischen hohen Subventionsausgaben, Haushaltszwängen und Massenprotesten immer mehr akzeptiert. Länder, die letztlich darauf angewiesen sind, billige Nahrungsmittel bereitstellen zu müssen, geraten in ernsthafte Legitimationsdefizite, wenn sie die Preise nicht kontrollieren können - wie in dieser Region, in der die Länder seit den 60er- und 70er-Jahren von Nahrungsmittelimporten abhängig geworden sind. Das ist ein Problem, und es wäre natürlich besser, wenn es genügend andere Formen von sozialer Sicherheit und Wohlfahrt gäbe. Aber das heißt nicht, dass man die Lebensmittelsubventionierung und das öffentliche Versprechen, erschwingliche Lebensmittel zu liefern und die Armen zu ernähren, einfach abschaffen kann.

Es gibt Alternativen zu Nahrungsmittelsubventionen auf dem "Markt der sozialpolitischen Instrumente": Sehr beliebt sind dabei die Social Cash Transfers, die in vielen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen breite Anwendung finden. Wären diese nicht gezielter, um die ärmeren Teile der Gesellschaft zu unterstützen als Nahrungsmittelsubventionen?

Roy Karadag: Ich würde argumentieren, dass dieser globale Drang zu Cash Transfers nichts anderes ist als ein finanzieller Ausgleich für all jene Kontexte, in denen keine anderen wohlfahrtspolitischen Maßnahmen zur Verfügung stehen oder wenn diese nicht gewollt sind und nicht in die vorherrschenden Entwicklungsszenarien passen. Ja, ich bin für mehr Geld in den Taschen der armen Menschen, aber der Grund, warum diese Idee in allen Entwicklungsorganisationen hegemonial wird, ist, dass sie dem liberalen Wohlfahrtsverständnis nicht in die Quere kommt. Aber was wäre der Unterschied zu bestehenden Sozialleistungen, wenn man das Geld für teurere Lebensmittel ausgeben müsste? Da habe ich meine Zweifel.

Kressen Thyen: Es ist fragwürdig anzunehmen, dass solche Geldtransfers tatsächlich umverteilender sein werden als die bestehenden Rahmenbedingungen. Wenn die Kritik an der Lebensmittelsubventionierung lautet: Sie sind nicht umverteilend genug und stabilisieren höchst ungleiche soziale Verhältnisse, dann sollte man auch Cash-Transfer-Ideen mit der gleichen Kritik konfrontieren und hinterfragen, ob sie wirklich umverteilend sind. Und das ist nur eine Dimension. Man denke auch an die Folgen von Targeting und den Drang zu immer mehr und besserem Targeting, um wirklich sicherzustellen, dass nur die Bedürftigen diese Zahlungen erhalten. Die Erfassung der ganz Armen unter den Bedingungen, dass erhebliche Teile der Bevölkerung von struktureller Armut betroffen sind, ist sehr heikel, benötigt eine Menge finanzieller und bürokratischer Ressourcen und muss legitimiert werden.

Roy Karadag: Das andere übergreifende Thema oder Argument konzentriert sich auf die Liberalisierung der Landwirtschafts- und Lebensmittelmärkte: Das ist es, was Akteure wie die Weltbank und Befürworter neoliberaler Ideen anstreben. Ihr Argument, ihr Versprechen und ihre Hoffnung ist, dass liberalisierte Märkte mehr und ergo billigere Lebensmittel in die Städte bringen werden, da die bestehenden Ineffizienzen und Klüngelnetzwerke aufgebrochen würden, der Wettbewerb herrschen würde und es genügend Anreize gäbe, Lebensmittel zum richtigen Preisniveau an die städtischen Armen zu bringen. Das ist das liberale Versprechen: Aber man sollte diese Behauptung ernsthaft in Frage stellen. Warum sollten Lebensmittel in Zukunft ohne öffentliche Subventionierung so billig sein? Wenn Länder von Nahrungsmittelimporten abhängig sind, frei schwankende Währungen haben und wenn landwirtschaftliche Produzenten mit Cash Crops für internationale Märkte mehr verdienen. Man braucht viel Vertrauen und Glauben in die Marktmechanismen, die dafür sorgen, dass es keine Preiseskalation mehr gibt, gegen die man dann kein Preispolster mehr hat.

Kressen Thyen: Man denke auch an den Legitimationsverlust, der damit einhergehen würde, und an das Potenzial für Massenproteste. Wie wir schreiben, gibt es eine konkrete Tragik der Lebensmittelsubventionierung: Wenn man zu viel anbietet, gerät man in Haushalts- und Finanznot, insbesondere dann, wenn man aufgrund seiner Position auf den globalen Lebensmittel- und Agrarmärkten den Preis der Lebensmittel nicht kontrollieren kann. Wenn man sie aber zu sehr reduziert, um diesem Haushaltsdruck entgegenzuwirken, läuft man Gefahr, Lebensmittelunruhen auszulösen. Subventionskritiker*innen wollen die Länder aus der Nahrungsmittelsubventionsfalle herausholen. Aber sie können nicht garantieren, dass in einer Welt ohne Subventionen die Preise stabil und niedrig bleiben würden.

Der internationale Druck, die Lebensmittelsubventionen abzuschaffen, war über viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, hoch, und die Kosten der Subventionen sind sehr hoch und volatil. Warum halten Tunesien und Ägypten trotzdem daran fest (- wenn auch in unterschiedlichem Umfang)?

Roy Karadag: Nun, wegen ihres enormen symbolischen Wertes in den nordafrikanischen Gesellschaften. Hunger und Unterernährung haben in Zeiten von Wirtschaftskrisen und Kriegen in den vergangenen Jahrhunderten verheerende Auswirkungen gehabt. Und die kollektiven Erfahrungen mit Hunger in der Vergangenheit bestimmen nach wie vor, was die Menschen von ihren Regierungen erwarten, wobei bezahlbare Lebensmittel ganz oben auf der Agenda stehen.

Kressen Thyen: Man darf nicht vergessen, dass dies auch das einzige sozialpolitische Instrument ist, mit dem der Staat tatsächlich die gesamte Bevölkerung erreicht. Das gilt nicht für andere Politikfelder, in denen die Reichweite des Staates viel begrenzter ist, zum Beispiel in der Arbeitspolitik und der sozialen Sicherung. Informelle Arbeitsverhältnisse sind in Ägypten und Tunesien einfach zu weit verbreitet, und ihre Formalisierung mag ein schönes Ziel sein, ist aber unter den bestehenden Bedingungen kaum zu realisieren. Das Gleiche gilt für all die Versprechen von universeller Gesundheitsversorgung und öffentlicher Schulbildung, von Kinderfürsorge und Sozialhilfe. Aber jeder kommt auf den Markt, um Lebensmittel zu kaufen und zu konsumieren. Deshalb erreicht man mit diesen Maßnahmen alle. Und die Tatsache, dass "Brot" auch bei den Massenprotesten 2010 und 2011 einer der großen Slogans war, unterstreicht diesen symbolischen Wert und seinen Platz in der Gesellschaft. Die Menschen wollen den Staat nicht aus seiner Pflicht entlassen, bezahlbare Lebensmittel zu garantieren.

Roy Karadag: Man sollte sich vor Augen halten, dass die Ungleichheit im vergangenen Jahrhundert zugenommen hat, dass es einen enormen Druck auf die Mittelschichten gibt, die darum kämpfen, ihre soziale Position zu halten. Die Mittelschicht spürt die Gefahr der Verarmung sehr stark und beteiligt sich an den Mobilisierungen für den Erhalt der Subventionen. Und, wie gesagt, Lebensmittel sind ein symbolisch viel relevanteres Feld als z.B. der Bereich Verkehr und Energie, wo die Staaten viel mehr Subventionen kürzen. Auch dort gab es Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten, aber nicht mit der gleichen Inbrunst, wie es normalerweise im Zusammenhang mit Brotpreiserhöhungen geschieht.

Kressen Thyen: Also, das war jetzt alles auf die Erwartungshaltung in der Bevölkerung und auf Fragen der Legitimitätsvorstellungen und der Mobilisierungsfähigkeit beschränkt. Die andere Dimension ist dann, wie sich das in der tatsächlichen Regierungspolitik niederschlägt, um mit dieser Art von Druck und verallgemeinerten Erwartungen zu arbeiten. Und hier betreten wir das Feld der internationalisierten Reformen, der Modi, durch die Druck von oben und unten durch die herrschenden Eliten vermittelt wird. Und, kurz gesagt, geschah dies meist im Modus der Vermittlung ("brokerage"), d.h. die herrschenden Eliten haben sich durch diesen Druck durchgewurschtelt und versucht, genügend Druckmittel gegenüber beiden Seiten zu behalten.

Roy Karadag: Und dann, mit den Regimewechseln und der neuen internationalisierten Politik nach den ersten paar Übergangsjahren, gehen die Wege tatsächlich auseinander, und es gibt viel mehr Bewegung in Ägypten und keine mehr in Tunesien, wie wir in dem Artikel darlegen. Aber mehr Bewegung bedeutete nicht, dass sie abgeschafft wurden, sondern nur, dass sie mehr liberalisiert wurden als andere, um all das Lob von Expertengemeinschaften zu bekommen.

In eurem Aufsatz schreibt ihr einen sehr starken Satz: "The internationally recommended adjustment of North African welfare systems to more market-friendly economic policies is empirically tied to violence and repression." Könntet ihr das bitte erklären? Und bedeutet das, dass die IOs und andere internationale Akteure lieber aufhören sollten, auf sozialstaatliche Reformen in Nordafrika zu drängen?

Kressen Thyen: Der Zusammenhang zwischen Gewalt, staatlichem Zwang und Autokratie auf der einen Seite und wirtschaftlicher Liberalisierung auf der anderen Seite ist durchaus gegeben. Nicht nur für diese Region. Und hier sind es eben die Experten, die zur Umsetzung einer Politik aufrufen, die nicht populär ist und einen demokratischen Prozess nicht überleben würde. Das ist auch nicht spezifisch für diese Länder: Sozialstaatlicher Rückbau ist immer eine heikle Angelegenheit und führt in der Regel zu Protestmobilisierung und Anfechtung. Das ist ein Grund, warum sich die tunesische Politik in den Jahren nach 2013 nicht dazu bewegen ließ, weitere Subventionskürzungen vorzunehmen oder gar über gezieltere Maßnahmen nachzudenken. Und es ist ein großer Faktor bei der Überwindung der großen Kluft zwischen den Forderungen der IO und den Forderungen des Volkes. Das wurde nur im Zusammenhang mit der Zerschlagung von Aktivistenräumen und oppositionellen Netzwerken und der Zerschlagung des mächtigsten oppositionellen politischen Blocks jener Zeit, der Muslimbruderschaft, überwunden.

Roy Karadag: Ja, die neuen Militärmachthaber unter der Sisi-Regierung haben es nicht aufgrund klügerer politischer Aussichten oder besserer politischer Kommunikation zwischen den verschiedenen Interessengruppen geschafft, sich als transformative Reformer zu inszenieren, wie im Fall der Reform der Lebensmittelsubventionen 2014. Was sie von früheren Regierungen unterscheidet, ist stattdessen ihr transformativer Einsatz von Repression und Zwang.

Nun, wenn man politisch oder akademisch auf einer Linie mit liberalen Reformforderungen des IWF, der Weltbank, der EU, von Akteuren wie Deutschland und den USA ist, dann kann man sicherlich weiterhin auf politische Veränderungen drängen. Aber man sollte sich sehr bewusst sein, was für ein Signal es ist, wenn man Regierungen wie der ägyptischen positiv bescheinigt, dass sie in der Lage sind, solche Veränderungen einzuleiten. Denn eine solche Zertifizierung und Legitimierung legitimiert auch die enorme Gewalt, die mit dieser Politik verbunden ist. Und hier würde ich sehr dazu raten, das nicht zu tun. Und in seinem wissenschaftlichen Urteil angemessen zu sein, warum die Dinge so geschehen sind, wie sie geschehen sind.

Kressen Thyen: Ja, wir haben das nicht geschrieben, um zu sagen, dass es keine internationale Zusammenarbeit geben sollte oder dass es keine politischen Empfehlungen von solchen Organisationen geben darf oder dass sogar Subventionssysteme so beibehalten werden sollten, wie sie sind. Wir wollten vor allem die Scheinheiligkeit aufzeigen, für die solche global ausgerichteten Organisationen und große Akteure wie Deutschland, um nur einen großen Akteur zu nennen, stehen. Deutschland will weiterhin eng mit dieser ägyptischen Regierung zusammenarbeiten, um eine bessere wirtschaftliche Zukunft für Ägypten und für die deutsch-ägyptische Entwicklungszusammenarbeit zu schaffen, ungeachtet der Menschenrechtsbilanz der ägyptischen Machthaber. Man mag sagen: Okay, das ist Realpolitik und muss man so hinnehmen. Schön und gut, aber das trifft ja für die Fachwelt nicht zu. Warum müssen denn die Expert*innen Ägypten als Erfolg und sogar als Modellfall bejubeln? Das darf einfach nicht sein.

Roy Karadag: Ja, es gibt eine Menge Heuchelei, das ist nichts Neues in der internationalen und in der Nahost- und Nordafrika-Politik. Das werden wir nicht ändern. Aber wir wollten zumindest deutlich machen, wo die Widersprüche internationalisierter Sozialpolitik liegen, und dass man die ganze Gewalt, die mit den realen politischen Veränderungen verbunden ist, nicht beschönigen sollte.

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Lesen Sie das vollständige Papier online:

Thyen, Kressen; Karadag, Roy, 2021: Between Affordable Welfare and Affordable Food: Internationalized Food Subsidy Reforms in Egypt and Tunisia, in: Social Policy & Administration, online first, https://doi.org/10.1111/spol.12710


Kontakt:
Dr. Roy Karadag
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67468
E-Mail: karadag@uni-bremen.de

Dr. Kressen Thyen
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58515
E-Mail: thyen@uni-bremen.de

Dr. Alex Veit (Foto: Caroline Wimmer)
Dr. Alex Veit (Foto: Caroline Wimmer)
Der Co-Leiter von Teilprojekt B09 wechselt für die kommenden sechs Monate ans Zentrum für Konfliktforschung. Seine Arbeit im SFB 1342 bleibt davon unberührt.

Lieber Alex, du gehst als Vertretungsprofessor an die Universität Marburg - herzlichen Glückwunsch! Wen vertrittst du dort?

Alex Veit: Danke! Ich vertrete den Kollegen Thorsten Bonacker am Zentrum für Konfliktforschung.

Für wie lange?

Von Oktober bis März kommenden Jahres, also für das Wintersemester.

Was sind deine Pläne für die Zeit am ZfK?

In der Lehre unterrichte ich die Einführung in die Friedens- und Konfliktforschung sowie Seminare zu humanitären militärischen Interventionen und zur politischen Ökonomie und sozialen Bewegungen im Globalen Süden.

In der Forschung befasse ich mich mit der Internationalisierung von Staatlichkeit in Afrika durch die Einbindung internationaler Akteure in staatliche Kernaufgaben. Leitfragen sind dabei: Wie kann die Rolle internationaler Organisationen, bilateraler Geldgeber und von Entwicklungsorganisationen in der Organisation von Sicherheit, Wohlfahrt und Entwicklung theoretisch verstanden werden? Welche Auswirkungen hat die Machtposition internationaler Akteure auf das Verhältnis von Staaten zu ihren Bürgern? Und welche Konflikte entstehen durch die Internationalisierung von Staatlichkeit, welche Muster von Konfliktaustragung sind zu beobachten?

Was bedeutet all das für deine Arbeit bei uns im SFB?

Die Forschung im Teilprojekt B09 geht natürlich weiter, in der gegenwärtigen Phase vor allem durch die Vorbereitung von Publikationen.


Kontakt:
Dr. Alex Veit
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67471
E-Mail: veit@uni-bremen.de

Clement Chipenda, PhD
Clement Chipenda, PhD
Ein Gespräch mit unserem Fellow Clement Chipenda über die sozialen Auswirkungen der Landreform in Simbabwe, die Folgen des pandemiebedingten Lockdowns und seine aktuelle Forschung mit unserem Kollegen Alex Veit.

Vor etwa 20 Jahren hat Simbabwe mit dem so genannten Fast-Track-Landreformprogramm begonnen, in dessen Rahmen etwa 7 Millionen Hektar Land neu verteilt wurden. Zunächst sollten wir uns in Erinnerung rufen, was die Motive für dieses Programm waren.

Offiziell war das Motiv, das Erbe des Kolonialismus umzukehren. Als der Kolonialismus 1980 endete, betrug die Zahl der weißen kommerziellen Farmer etwa 6000. Sie besaßen 15 Millionen Hektar erstklassiges Agrarland. Gleichzeitig lebten fast eine Million schwarze Haushalte in Gemeinschaftsgebieten, d.h. in Gebieten oder ehemaligen Reservaten der Ureinwohner, die während des Kolonialismus eingerichtet worden waren. Das Motiv für die Reform war offiziell der Versuch, das Land gleichmäßig umzuverteilen. Es hatte in den Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit Versuche gegeben, dies zu tun, aber die Fläche, die neu verteilt wurde, war sehr begrenzt. Um das Jahr 2000 herum, als das Fast-Track-Landreformprogramm begann, waren erst 75.000 Familien umgesiedelt worden. Im Jahr 1982 war das Ziel die Umsiedlung von 182.000 Familien gewesen.

Wie du erwähnst, waren die früheren Versuche, das Land umzuverteilen, mehr oder weniger gescheitert: Warum hat sich die Regierung im Jahr 2000 zu diesem definitiven Bruch mit dem postkolonialen System entschlossen und die Landreform konsequent umgesetzt?

Die Regierungspartei sah sich zu diesem Zeitpunkt einer zunehmenden politischen Opposition gegenüber. Und es gab auch Unzufriedenheit, weil Veteranen, die im Krieg gekämpft hatten, einfache Bürger und Bauern ebenfalls Land verlangten, es blieb das unvollendete Geschäft des Befreiungskrieges. Der Prozess der Landreform begann zunächst mit der Besetzung landwirtschaftlicher Betriebe. Die Regierung setzte zunächst das Gesetz durch und versuchte, die Menschen, die die Farmen besetzten, zu vertreiben. Doch am Ende wurde der Druck zu groß, so dass die Regierung ebenfalls ins Boot kam und begann, die Landreform voranzutreiben. Das waren die Motive, aber sie war politisch motiviert, so dass verschiedene Leute die Reform unterschiedlich interpretieren.

Wie beurteilst du die Ergebnisse 20 Jahre später?

Gewöhnlich wird die Landreform im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft und die landwirtschaftliche Produktion analysiert, die Analyse ist immer produktionsorientiert. Der Druck, dies zu tun, wird noch verstärkt, weil die Landwirtschaft der Schlüssel zur Wirtschaft des Landes ist. Aber es gibt viele Engpässe und Schwierigkeiten. Was die Produktion betrifft, stellt man fest, dass einige Menschen nicht so produktiv sind, wie man es erwartet hatte, aber dies ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen, z.B. mangelndes Fachwissen, fehlender Zugang zu Finanzmitteln und Märkten. Dies wird durch andere Faktoren wie Dürren, Auswirkungen des Klimawandels und veraltete Infrastruktur ergänzt, die die Menschen zu der Schlussfolgerung veranlassen, dass die Ergebnisse der Reform schlecht sind. Es gibt jedoch auch andere Ergebnisse, die 20 Jahre später als positiv angesehen werden können: Die Menschen haben jetzt Zugang zu einer produktiven Ressource - dem Land und dem damit verbundenen Zugang zu natürlichen Ressourcen -, die sie vorher nie hatten, sie haben jetzt eine Unterkunft und andere zahlreiche soziale Reproduktions- und Schutzeffekte, die das Leben der Menschen auf unterschiedliche Weise verändert haben. Leider hat Simbabwe 20 Jahre nach den Reformen ein gravierendes Nahrungsmitteldefizit, derzeit benötigen 60% der Bevölkerung Unterstützung in Form von Nahrungsmitteln. Das ist die Folge einer Kombination verschiedener Faktoren, aber in einer solchen Situation werden die Reformen dafür verantwortlich gemacht. Deshalb sehen Sie verschiedene Regierungsinitiativen, um einige dieser Produktions- und Nahrungsmitteldefizite zu decken.

In welcher Hinsicht ist die Politik der neuen Regierung anders?

Die neue Regierung hat einen anderen Ansatz zur Handhabung der Landreform. Die frühere Regierung sah den politischen Kontext - für sie musste das Land als letzte Phase des Entkolonialisierungsprozesses an die indigene Bevölkerung zurückgegeben werden. Die neue Regierung identifizierte die Landwirtschaft als Hauptmotor für die wirtschaftliche Entwicklung Simbabwes als Ganzes. Ihr Ansatz folgt mehr oder weniger neoliberalen Grundsätzen. Sie will die Landwirtschaft rentabel machen; das Land soll produktiv sein. Im vergangenen Jahr haben wir Medienberichte über die Drohungen hoher Regierungsbeamter gelesen, dass umgesiedelten Bauern das Land weggenommen werden könnte, wenn sie nicht produktiv sind. Sie müssen verstehen, dass das Land Eigentum der Regierung ist und nicht des Einzelnen, der nur Nießbrauchsrechte daran hat, so dass der Eigentümer, also die Regierung, diese Rechte jederzeit zurücknehmen kann. Die Regierung hat die Bauern auch ermutigt, Investoren zu finden, die daran interessiert sind, sie finanziell zu unterstützen, so dass es einen großen Unterschied zwischen der alten und der neuen Regierung gibt, wenn es um die Politik geht.

Siehst du bereits internationale Investoren nach Simbabwe kommen?

Ich glaube nicht, dass das Umfeld im Moment für Investoren günstig ist, es gibt zu viele Unsicherheiten, wirtschaftliche Instabilität, schlechte Publicity, politische Polarisierung und manchmal politische Inkonsistenz. Das sind die Bedingungen, die das Land korrigieren muss, wenn Investoren kommen sollen. Investoren suchen nach einem stabilen Umfeld, und ich glaube nicht, dass unser Land das im Moment bietet. Da ist die Frage der Sicherheit der Besitzverhältnisse.  Berichte über Zwangsräumungen, Invasionen auf Bauernhöfen, Missachtung von Gerichtsbeschlüssen und Rechtsstaatlichkeit führen dazu, dass Investoren sich scheuen, in das Land zu investieren. Menschen und Unternehmen investieren nur, wenn ihre Investition garantiert ist, eine instabile Wirtschaft bietet solche Garantien nicht. 

Du hast dich während deiner Doktorarbeit intensiv mit der Landreform beschäftigt. Was war dein Schwerpunkt?

Ich betrachtete die Landreform als eine Sozialpolitik. In meiner Dissertation ging es um die Frage, wie sich die Landreform fünfzehn Jahre später auf die Lebensgrundlagen der Menschen ausgewirkt hat. Ich versuchte, von den alten Debatten wegzukommen, die sich nur auf die Produktionsfragen, die Menschenrechtsverletzungen und die Frage konzentrierten, wie die Landreformprozesse hätten ablaufen sollen. Mein Schwerpunkt war der Versuch, herauszufinden, ob es möglich ist, die Landreform als ein sozialpolitisches Instrument zu betrachten, das mit anderen sozialpolitischen Maßnahmen wie Renten, Sozialbeihilfen, Bildung und anderen Interventionen vergleichbar ist. In diesem Zusammenhang habe ich gesagt, dass die Zuteilung von Land, das eine produktive Ressource oder Währung darstellt, beispielsweise mit sozialen Zuwendungen verglichen werden kann. Meine Grundlogik war also, dass Land als umverteilte Ressource zu Ergebnissen führen sollte, die das Wohlergehen und die Lebensgrundlagen der Menschen verbessern. Wenn man sich eine Sozialpolitik ansieht, dann sollte sie zu sozialem Schutz führen, zur Umverteilung von Ressourcen und zum sozialen Zusammenhalt beitragen, und ich war der Meinung, dass Land, wenn es neu verteilt wird, diese Auswirkungen haben kann. Mein Schwerpunkt lag daher auf einzelnen Haushalten, da ich der Meinung war, dass die Ergebnisse auf dieser Ebene deutlicher zu erkennen sind. Deshalb habe ich den Haushalt und nicht den gesamten landwirtschaftlichen Sektor betrachtet. Dann ging ich der Frage nach, inwieweit die Bodenreform, wenn sie eine Sozialpolitik ist, die Lebensgrundlagen der Menschen verbessert hat. Was sind die Herausforderungen? Was sind die kleinen Dinge, die sie zum Leben der Menschen beigetragen hat? Dies geschah im breiteren Kontext der Untersuchung der Frage, wie sie den Wohlstand und das Wohlergehen der bäuerlichen Haushalte verbessert hat.

Es ist wahrscheinlich schwierig, die Ergebnisse in dieser Hinsicht zu verallgemeinern. Aber wenn man versucht, sie zusammenzufassen: Was sind die Auswirkungen der Landreform auf der Haushaltsebene?

Ich kann sie nicht für das ganze Land verallgemeinern, sondern nur für das Gebiet, das ich untersucht habe, nämlich einen Distrikt namens Goromonzi in der Ostprovinz Mashonaland in Simbabwe. Sogar das Gebiet, das ich untersucht habe, hat seine eigene Dynamik - zum Beispiel hat es fruchtbare Böden, günstige klimatische Bedingungen und es ist eine der besten Regionen des Landes. Wenn man es also mit anderen Gebieten vergleicht, dann unterscheiden sich sogar die Ergebnisse der Landreform in der Nähe. Denn diese Faktoren tragen dazu bei, wie sich die Landform auf die Haushalte ausgewirkt hat. Ich habe einen Vergleich mit Menschen angestellt, die in den ehemaligen Schutzgebieten leben. Was die Produktion betrifft, so hatten die Begünstigten etwas höhere Renditen, weil ihre Pendants in armen Gebieten mit schlechten Böden und geringeren Niederschlägen leben. Sie haben auch besseren Zugang zu Produktionsmitteln, Beratungsdiensten und Bewässerungsinfrastruktur, so dass die Erträge höher sind.

Was die Vermarktung anbelangt, so waren die Begünstigten der Landreform im Vorteil, weil sie ihre eigenen, einzigartigen landwirtschaftlichen Vermarktungsnetze entwickelt haben und Unterstützung von der Regierung und privaten Unternehmen erhalten, von denen einige Vertragslandwirtschaftsverträge abgeschlossen haben, so dass dies zu besseren Einkommen beigetragen hat. Und in Bezug auf den sozialen Schutz war das Land tatsächlich zu einem Vermögenswert geworden, den sie besser nutzen konnten, um sich vor Risiken und Schocks zu schützen, im Vergleich zu denjenigen, die kleinere Landstücke oder gar kein Land haben.

Die Reform hatte auch eine soziale und kulturelle Dimension. Indem Menschen Land haben, haben sie tatsächlich einen Ort, an dem sie bleiben können, ich bezeichne ihn gerne als Heimat auf dem Land. Familienmitglieder, auch wenn sie in Städten leben, haben eine Anlaufstelle, an die sie sich im Falle von Krisen wie Arbeitslosigkeit und Armut wenden können. Eine weitere Dynamik, die ich beobachtet habe: Die Menschen praktizieren ihre traditionellen Rituale auf ihrem Land; sie haben Orte für die Beisetzung ihrer Angehörigen. Dies sind Aspekte, die im allgemeinen Narrativ der Landreform ignoriert werden, aber für die afrikanischen Menschen sind Traditionen, Kultur und die Verbindung zwischen den Menschen und dem Land etwas sehr Wichtiges. Der Ansatz, den ich in meiner Dissertation verfolgte, war unkonventionell, so dass es eine Menge Fragen gab, aber ich denke, die Argumentation war nachvollziehbar und wurde mit dem Doktortitel ausgezeichnet. Seither wird das Konzept der Landreform als sozialpolitisches Instrument mehr und mehr akzeptiert, ich habe sogar einige Artikel darüber veröffentlicht.

Schauen wir uns die jüngste Situation an - wie wirkt sich Covid-19 auf die ländliche Bevölkerung aus, insbesondere im Hinblick auf die Ernährungssicherheit?

Aufgrund von Covid-19, einer mageren Agrarperiode 2019-2020 und der Dürre in Simbabwe wird geschätzt, dass in diesem Jahr etwa 8 Millionen Menschen Nahrungsmittelhilfe benötigen werden. Die Pandemie hat die landwirtschaftliche Produktion, die Planung und die Märkte gestört. Landwirte und Landbewohner können ihren normalen Geschäften und Routinen nicht nachgehen, da Simbabwe seit April im Lockdown ist, zunächst für zwei Wochen, seither aber auf unbestimmte Zeit. Die Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt, die Agrarmärkte waren ursprünglich geschlossen, aber zumindest teilweise geöffnet. In vielerlei Hinsicht ist das tägliche Leben gestört. Er wird noch verschlimmert, weil viele Menschen im informellen Sektor beschäftigt sind - wenn also Städte dichtgemacht werden, wirkt sich das stark auf die Lebensgrundlagen der Menschen aus, es ist schwierig, Einkommen zu erzielen, und es unterbricht Wertschöpfungsketten auf allen Ebenen. In Bezug auf die Ernährungssicherheit gibt es Probleme, da die Menschen keine Nahrungsmittel produzieren oder kaufen können. Manche Produktionsmittel sind nicht verfügbar, manche Importprodukte sind sehr teuer geworden, produktive Aktivitäten sind, wenn sie nicht eingeschränkt werden, begrenzt, so dass sich dies in vielerlei Hinsicht auf die Ernährungssysteme auswirkt. Für Simbabwe ist dies vor dem Hintergrund einer hohen Arbeitslosigkeit zu sehen, wobei viele Familien auf Überweisungen aus anderen Ländern, insbesondere aus Südafrika, angewiesen sind. Als das Land mit seiner eigenen Covid-19-Pandemie konfrontiert war und heruntergefahren wurde, wirkte sich dies auf diejenigen aus, die dort arbeiteten und Überweisungen schickten, und erschwerte das Senden und Empfangen von Geld, so dass Covid-19 eine Herausforderung war.

Wie gehen die Menschen in ihrem Alltag mit dieser Situation um?

Die Landwirtschaft wurde zu einer lebenswichtigen Dienstleistung erklärt, damit die landwirtschaftliche Produktion nicht gestört wird, aber sie operiert nicht im luftleeren Raum, so dass das, was in anderen Wirtschaftssektoren geschehen ist, auch die Landwirtschaft und die ländlichen Gemeinden betrifft. Insgesamt denke ich, dass die Pandemie viele Menschen negativ beeinflusst hat, vor allem diejenigen, die im informellen Sektor tätig sind, und Menschen, die in städtischen Gebieten leben. Sie müssen ihre Wasserrechnungen bezahlen, sie müssen Miete zahlen, sie müssen Lebensmittel kaufen, einige haben Großfamilien zu versorgen - wie kommen sie zurecht, wenn sie nicht in der Lage sind zu arbeiten? Das wird zu einer Herausforderung, und selbst für diejenigen, die arbeiten, sind die Arbeitszeiten eingeschränkt, die Kunden sind gezwungen, zu Hause zu bleiben, und einige handeln mit importierten Waren, die nicht geliefert werden, da die Grenzen geschlossen sind, und selbst wenn sie kommen, sind die Frachtkosten exorbitant. In dieser Situation versuchen die Menschen einfach irgendwie, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es ist es interessant zu beobachten, wie sich die Menschen langsam an die "neue Normalität" gewöhnen. Diese schwierige Situation wird noch verschlimmert, weil das von der Regierung eingeführte Unterstützungssystem meiner Meinung nach undurchsichtig und nicht ausreichend ist. Ein Beispiel ist die Sozialhilfe während Covid-19. Der größte Teil der von der Regierung gewährten Unterstützung für den Sozialschutz wird über das Sozialhilfeministerium abgewickelt. Es wurde berichtet, dass es seine Datenbank nutzen wird, um potenzielle Empfänger zu identifizieren. Das lässt viele Menschen zurück, da einige, die jetzt aufgrund der Auswirkungen von Covid-19 bedürftig sind, möglicherweise nicht einmal in dieser Datenbank enthalten sind, so dass viele Menschen durchs Raster fallen. Die von der Regierung für die Unterstützung bedürftiger Haushalte zugesagte Geldsumme ist zudem sehr gering und wird durch das hyperinflationäre Umfeld im Land und Währungsschwankungen nutzlos gemacht. 

Simbabwe befindet sich seit vielen Monaten im Lockdown. Akzeptiert die Bevölkerung noch  immer die Restriktionen oder gibt es Unmut?

Es gibt in der Tat gemischte Gefühle. Die Menschen sind jetzt müde, sie wollen mit ihrem Leben weitermachen, sie wollen sich frei bewegen und arbeiten und ihre Familien versorgen. Die Menschen wollen, dass die Wirtschaft geöffnet wird, vor allem wenn sie sehen, dass Länder wie Südafrika die Beschränkungen systematisch aufheben, haben sie das Gefühl, dass wir die Beschränkungen lockern müssen, zumal die Zahl der bestätigten positiven Fälle gering ist. Aber die Menschen können sich nicht offen äußern oder demonstrieren, selbst wenn sie das starke Gefühl haben, dass das ganze Thema nicht richtig gehandhabt wird. Interessanterweise gibt es, obwohl die Menschen das Gefühl haben, dass die strengen Beschränkungen gelockert werden sollten, die Angst, dass Covid-19 das Land wie anderswo hart treffen könnte, so dass diese Vorsicht noch immer vorhanden ist.

Lass uns noch kurz über dein Forschungsprojekt mit Alex Veit vom SFB-Teilprojekt B09 sprechen, das sich auf die Ernährungssicherungspolitik in Südafrika während der letzten 100 Jahre konzentriert. Was genau untersucht ihr dabei?

In den letzten hundert Jahren wurden verschiedene Programme zur Bereitstellung von nahrungsmittelbedingter Hilfe eingeführt, die auf die verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Landes ausgerichtet waren. Während dieser Zeit hat Südafrika einen politischen und ideologischen Wandel durchgemacht. Wir fragen: Wie hat sich die Ernährungssicherungspolitik des Landes im letzten Jahrhundert entwickelt? Dann untersuchen wir die verschiedenen Ernährungssicherungspolitiken, die von den aufeinander folgenden Regierungen eingeführt wurden, um den armutsbedingten Hunger und die Unterernährung zu bekämpfen. Wichtig ist es, die Rolle der verschiedenen Akteure zu verstehen und anhand des südafrikanischen Falles zu begründen, dass Ernährungssicherheit, die eine übersehene Form der Bereitstellung öffentlicher Wohlfahrt ist, wichtige Erkenntnisse über die öffentliche Wohlfahrt als zentralen Aspekt der Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft liefern kann.

Unsere Forschung umfasst interessante Fallbeispiele wie das Schulspeisungsprogramm aus der Zeit vor und während der Apartheid, das verschiedenen demographischen Gruppen zugute kam, jedoch stark rassistisch geprägten und bisweilen schockierenden Narrativen unterworfen war. Die miteinander verflochtenen Interessen und Agenden von Politikern, Industrie- und Agrarkapitalisten, Philanthropen, religiösen Führern, afrikanischen Nationalisten, Gewerkschaften, Frauenorganisationen und anderen Interessengruppen sind Gegenstand unserer Forschung, die auch das Nahrungsmittelsubventionssystem berührt. Die Dynamik des Nahrungsmittelsubventionssystems, das eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung des sozioökonomischen und politischen Zusammenhalts der Apartheidregime spielte, während es die afrikanische Mehrheit ausschloss, sind einige der Schlüsselfragen, die wir in unserer Forschung ansprechen. Es ist eine interessante historische Forschung, die Beachtung finden sollte.

Ich kann mir vorstellen, je länger man in der Zeit zurückgeht, desto schwieriger wird es zu analysieren, wer den politischen Prozess beeinflusst hat ...

Das war in der Tat eine unserer Herausforderungen. Es gibt nicht viel Literatur zu den spezifischen Themen, nach denen wir gesucht haben, so dass wir stark auf Material aus den Archiven und Medienberichten angewiesen sind. Zeitungen waren besonders nützlich, wenn es darum ging, aktuelle Informationen darüber zu geben, was zu einem bestimmten Zeitpunkt geschah und was von Personen gesagt wurde, sogar in direkten Zitaten, zum Beispiel im Parlament. Wir haben festgestellt, dass dies sehr wertvolle Informationen sind, die wichtige Lücken in unserer Forschung gefüllt haben. Die Suche in Archiven, um zu versuchen, die damalige Situation zu verstehen, war sehr nützlich und informativ.  Ab den 1950er Jahren ist das Material nicht so schwer zu finden. Es ist die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, die ein wenig schwierig ist. Der andere Faktor ist, dass die Apartheidregierung irgendwann die Forschung in Bereichen, die Lebensmittel und Ernährung in afrikanischen Gemeinden betreffen, eingeschränkt hat - es gibt da eine merkliche Informationslücke. Dies erklärt, warum zu einigen Aspekten in einigen historischen Perioden nicht viel Literatur zur Verfügung steht. Das machte unsere Forschung schwierig und aufschlussreich zugleich, und durch die Verwendung von historischem Material konnten wir viele historische Dynamiken verstehen. Unsere Arbeit ist jetzt in einem fortgeschrittenen Stadium, aber wir sind noch dabei, einige Punkte zu verfeinern. Wir gehen ständig in die Archive, um einige Punkte zu klären und weiterzuverfolgen. Glücklicherweise sind die Archive digitalisiert, so dass sich die Reisebeschränkungen nicht allzu negativ auf diesen kritischen Aspekt unserer Forschung ausgewirkt haben.


Kontakt:
Clement Chipenda
Prof. Dr. Klaus Schlichte
Prof. Dr. Klaus Schlichte
Klaus Schlichte blickt in einem Podcast-Interview auf die Covid-19-Pandemie in den Ländern Afrikas und auf die Maßnahmen der Regierungen.

"Es gibt Unterschiede zwischen den Ländern, aber die repressive Politik ist die dominante", sagt Klaus Schlichte mit Blick auf die staatlichen Reaktionen auf die Ausbreitung des neuartigen Corona-Virus in Afrika. In vielen Ländern gebe es Ausgangssperren, die zumindest in den Städten polizeilich massiv durchgesetzt würden. Was aus epidemiologischer Sicht notwendig erscheinen mag, hat aber auch negative Folgen: "Durch die Unterbindung des Verkehrs gibt es offenbar schon Krisen in der Versorgung der städtischen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln", sagt Schlichte. Komme es zu dauerhaften Preissteigerungen bei Lebensmitteln, seien Hungerunruhen eine große Gefahr. Denn schon vor der Pandemie konnten sich viele Menschen in afrikanischen Städten Nahrungsmittel nur schwer leisten.

Derzeit scheint der afrikanische Kontinent noch vergleichsweise wenig von der Pandemie betroffen zu sein. Dies liege an der vergleichsweise geringen internationalen Mobilität der Bevölkerung. "Ist das Virus aber erst einmal in den Städten angekommen, dürfte die Verbreitung schneller verlaufen als etwa in Europa", sagt Schlichte. "Denn die Menschen leben enger beieinander und haben weniger Rückzugsräume in Form eigener Wohnungen oder Häuser."

Wie sich die Pandemie entwickeln werde, sei durch die schlechte Datenlage schwer abzuschätzen. Ein Problem bei der Prognose sei, dass es kaum Daten zur Verbreitung von Vorerkrankungen wie Asthma und anderen Atemwegserkrankungen gebe. "Die afrikanischen Gesellschaften sind viel jünger als etwa die europäischen. Es gibt vergleichsweise wenig alte Menschen, bei denen Covid-19 häufiger besonders schwere Verläufe nimmt." Dieser positive Effekt werde womöglich aber dadurch aufgewogen, dass es viele Menschen mit Mangel- und Unterernährung gebe.

Wirtschaftlich trifft die Covid-19-Pandemie die afrikanischen Gesellschaften hart. Der Tourismus, der in den Küstenregionen, aber auch im Landesinneren in Form von Safaris große Bedeutung habe, breche massiv ein. "Wichtiger aber ist der Rückgang der so genannten Remittances [also der Geldüberweisungen von Familienangehörigen, die z.B. in Europa arbeiten]. Dadurch bricht die wichtigste Devisenquelle afrikanischer Ökonomien ein." In Summe seien die Rücküberweisungen höher als die gesamte Entwicklungshilfe, die afrikanische Staaten erhielten.

Mittelfristig könnte die Corona-Krise aber auch positive Folgen haben: "Möglicherweise wird nun der Druck auf die afrikanischen Regierungen steigen", sagt Schlichte, "mehr Mittel für die öffentliche Gesundheitsversorgung auszugeben und weniger für Militär und Polizei."

Das Podcast-Interview mit Klaus Schlichte führte Thomas Walli vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck im Rahmen der Sonderreihe "Corona und die Politik".


Kontakt:
Prof. Dr. Klaus Schlichte
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Alex Nadège Ouedraogo im Brüsseler Homeoffice.
Alex Nadège Ouedraogo im Brüsseler Homeoffice.
Wegen des plötzlichen Shutdowns musste Alex Nadège Ouedraogo ihren Forschungsaufenthalt im südlichen Senegal abbrechen und konnte nur Dank eines Sonderfluges ausreisen.

Hallo Nadège, bitte erzähle mir von deiner Reise in den Senegal.

Ich bin am 11. März in Bremen abgereist. Ich wollte eigentlich etwas mehr als zwei Wochen im Senegal bleiben. Geplant waren ein Wissensaustausch mit Experten der Assane Seck Universität in Ziguinchor im Süden Senegals und Interviews mit den Empfängern senegalesischer Cash Transfers. Doch dieser Plan brach wegen der Ausbreitung des Corona-Virus völlig zusammen.

Warst du auf dieses Szenario vorbereitet?

Als ich von Bremen aus startete, war Afrika nicht so betroffen wie Europa. Als ich ankam, war alles noch normal, doch dann änderte sich die Situation sehr schnell. An meinem dritten Tag wurden die ersten COVID-19-Fälle bestätigt, und von da an ging alles drunter und drüber. Anscheinend kamen ein paar französische Rentner, die infiziert waren, zurück in den Senegal, wo sie jetzt leben. Viel schlimmer war der Fall eines Senegalesen, der aus Italien nach Touba zurückkehrte. Touba ist eine religiöse Stadt, und das bedeutet, dass es mehr Austausch zwischen den Menschen gibt als in anderen Städten durch gemeinsame Sitzungen, Treffen, Gebete und so weiter. Nach dem, was die Menschen und die Presse berichteten, erwähnte er nicht, dass er aus Italien kam, und er wusste nichts von dem Virus, das er laut Pressebericht in sehr kurzer Zeit auf bis zu 70 Menschen übertragen hat. Diese hochschnellenden Fälle änderten die Situation sehr schnell. Bevor ich es merkte, begannen Regierungen weltweit drastische Maßnahmen zu ergreifen: Fluggesellschaften sagten Flüge ab, der senegalesische Präsident Macky Sall ergriff frühzeitig Maßnahmen und schloss alle Schulen und Universitäten, verbot Versammlungen, Freitagsgebete in Moscheen, um zu verhindern, dass sich Menschen versammeln, und so weiter - viele Maßnahmen, die dazu führten, dass ich im Hotel blieb und hoffte, nach Europa zurückkehren zu können.

Bedeutet das, dass du mit niemandem an den Universitäten sprechen konntest?

Ich hatte geplant, für eine Woche an der Assane-Seck-Universität in Ziguinchor als Gastforscher zu arbeiten. Nach allem, was dort vor sich ging, habe ich mich mit dem Leiter der Abteilung Soziologie, mit dem ich meinen Besuch vereinbart hatte, in Verbindung gesetzt, um zu erfahren, was zu tun ist. Er sagte mir, dass die Universität bald geschlossen werden würde. Ich beschloss, mich zumindest mit einem der Kollegen zu treffen, um über unsere Projekte zu diskutieren. Parallel zu diesem universitären Austausch hatte ich eine abschließende Datenerhebung geplant: Ich wollte zehn Familien befragen, die von Cash Transfers profitieren. Irgendwann musste ich mich aber dazu entschließen, die Interviews abzusagen, weil die Familien vielleicht Angst haben könnten, mit mir in engen Kontakt zu treten, da ich aus Europa kam, wo das Coronavirus viel weiter verbreitet war. Meinen Aufenthalt im Süden des Senegal, der ursprünglich für eine Woche geplant war, wollte ich auf drei Tage verkürzen, aber selbst das erwies sich als zu optimistisch. Noch am Tag meiner Ankunft wurde mir klar, dass ich nach Dakar zurückkehren musste, um so schnell wie möglich einen Rückflug nach Hause zu nehmen, da Regierungen weltweit die Grenzen schlossen.

Ein Flugticket zu bekommen, muss einer Lotterie geglichen haben ...

Es gab überhaupt keine Flüge, man konnte nichts über das Internet buchen. Bei Egencia wurden Flüge auf der Website angeboten, aber man konnte sie nicht buchen. Ich habe mehrere Agenturen kontaktiert, um zu sehen, was sie für mich tun könnten - nichts. Es waren keine Informationen verfügbar, ich fühlte mich irgendwie verloren, während in Europa die Leute bereits im Lockdown waren. Als ich es geschafft hatte, nach Dakar zurückzukehren, waren die Grenzen geschlossen. Alle internationalen Flüge waren gestrichen. Ich war im Senegal gestrandet.

Was hast du dann getan?

Zusammen mit meinem Team und Irina habe ich Kontakt zu verschiedenen Stellen aufgenommen (Egencia, Fluggesellschaften, dem Außenministerium, deutschen Institutionen in Dakar und so weiter). Sie waren alles sehr hilfsbereit aber konnten wenig tun. Da ich auch belgische Staatsbürgerin bin, habe ich die belgische Botschaft kontaktiert. Sie sagten mir sofort, dass sie nichts organisieren könnten. Dasselbe galt für die deutsche Botschaft. Nur die Franzosen organisierten anscheinend Rückführungsflüge, aber die waren natürlich postwendend ausgebucht. Dieser ganze Prozess dauerte eine ganze Woche mit Emails und Telefonaten. Ich wusste nicht, wann ich den Senegal wieder würde verlassen können.

Wie hast du es dann trotzdem geschafft?

In letzter Minute, am Sonntag, den 22., bekam ich eine E-Mail von der belgischen Botschaft, in der stand, dass sie einen Flug organisieren würden. Ich musste einige Formulare ausfüllen, um ein Ticket zu beantragen. Noch in derselben Nacht schickten sie mir eine Bestätigung für den nächsten Tag, 8 Uhr morgens. Als ich ankam, war der riesige Flughafen leer, bis auf uns und all die belgischen Diplomaten, die Masken und Handschuhe trugen.  Wir erhielten keinerlei Informationen und wurden lediglich aufgefordert, uns in einer Reihe aufzustellen und dabei einen Abstand von 1,5 Metern zueinander einzuhalten. Ein paar Leute ohne Ticket saßen dort mit ihrem Gepäck, die Atmosphäre war angespannt. Aber schließlich schaffte ich es nach Brüssel. Nach Bremen weiterreisen konnte ich allerdings nicht, da es weder Züge noch Flüge gab. Hier in Brüssel muss ich 14 Tage lang in Isolation bleiben.

Jetzt hast du viel Zeit für deine Doktorarbeit, aber nicht die Daten, die du im Senegal sammeln wolltest, oder?

Das ist schon in Ordnung, denn ich schreibe eine kumulative Dissertation. Ich habe bereits begonnen, einen Artikel mit Klaus Schlichte zu schreiben, und es gibt einen weiteren, den ich im November vorgestellt hatte. Ich bin also mit den Papern beschäftigt, die ich einreichen muss. Das Problem ist die Isolation hier in Brüssel. Ich bin hier in einer anderen Arbeitsumgebung und bin das nicht gewohnt. Ich kann arbeiten, aber es ist nicht so effizient. Ich werde trotzdem mein Bestes tun, um die Paper zu schreiben und zur Projektarbeit beizutragen.

Aber was ist mit den Interviews, die du im Senegal führen wolltest?

Da sich einer meiner Artikel mit sozialen Sicherungssystemen während Wahlkampfzeiten befassen wird, waren die Interviews so etwas wie eine Evaluation oder eine zusätzliche Informationsquelle nach der Wahl. Ich hatte bereits während der Wahlkampfperiode Daten gesammelt, und ich wollte einige Informationen über die Zeit nach den Wahlen in das letzte Paper, das ich schreibe, integrieren.  Abgesehen von den Familieninterviews über Geldtransfers wollte ich an der Universität einen Runden Tisch mit einigen Experten für Sozialpolitik durchführen, die im Bereich der Ernährungssicherheit tätig sind. Davon hatte ich mir wirklich viel versprochen. Ich konnte Leute aus dem Fachbereich Soziologie und aus nationalen und internationalen Institutionen, die lokal verankert sind, zusammenbringen. Es war enttäuschend, dass ich ihnen meine Arbeit nicht vorstellen und darüber diskutieren konnte, um zu erfahren, was sie über meine Ergebnisse denken. Mehr lokal verankertes Fachwissen hätte mir beim Schreiben wirklich geholfen.


Kontakt:
Alex Nadège Ouedraogo
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 176 73 96 96 90
E-Mail: ouedraogo@uni-bremen.de

Die SFB-Mitglieder Kressen Thyen und Alex Veit haben bei der 14. Pan-European Conference on International Relations den Vorsitz der Section 39.

Call for Papers: "The Politics of Internationalised Welfare" (S39)

European International Studies Association (EISA), 14th Pan-European Conference on International Relations, Msida, Malta, September 16 – 19, 2020

Proposal submission deadline: March 16, 2020
Section chairs: Alex Veit & Kressen Thyen (University of Bremen)

The call for papers is now open for "The Politics of Internationalised Welfare", Section 39 at the EISA-PEC, 16-19 September 2020.
Section 39: The Politics of Internationalised Welfare

In recent years, students of International Relations have increasingly paid attention to internationalised welfare as a relevant field of study. In contrast to the traditional welfare literature, which conceptualises social policy primarily as a domestic issue, this new branch of scholarship emphasises the influence and impact of global dynamics and international actors on social needs and welfare provision. However, different areas of international engagement, such as global health, social protection, or humanitarian aid, are often treated as separate fields of study.
In this section, we aim to bring these fields together and to analyse the fundamental questions linking them: How do international political structures—from colonialism to global governance—impact on welfare states around the globe? What influence do international and transnational actors have on the design, finance and provision of welfare systems? Which ideas and interests drive international involvement in welfare provision?

From the "age of empires" to the contemporary multilateral world, international authorities and actors have addressed social inequality, political grievances and environmental risks in different ways. This section seeks to highlight changes and continuities of internationalised welfare. It is therefore structured in a historical order that connects the past, present, and future.

With this call we are inviting paper proposals in particular relating to the following panels:

  • Imperial, Late Imperial and Post-Imperial Welfare Politics in the Global South
  • Welfare in the Post-colony: Between Popular Contention, Statebuilding and Internationalisation
  • Beyond Capital IR – Studying Social Questions in the Countryside
  • Climate Change and Poverty: Vulnerable Populations, Human Security & Social Justice


A more detailed description of the intended panels follows below.
Please submit your paper proposal through the EISA-PEC online platform. Submission guidelines are available here: https://eisa-net.org/pec-2020-abstract-submission-guidelines/

We look forward to receiving your proposals and to seeing you in Msida!
Alex & Kressen


Imperial, Late Imperial and Post-Imperial Welfare Politics in the Global South
Panel Chair: Roy Karadağ

This panel targets the imperial sources of internationalised welfare. It aims to bring together scholars who investigate and critically reflect upon the ideas, policy measures and practices of empires in identifying, problematizing and dealing with poverty, social crises and contestations from excluded groups across global peripheries. What were the features of this imperial wave of global social policy? Under which conditions did imperial politicians, bureaucrats and academics engage with teaching, healing and nurturing subject populations in colonies and protectorates? In which ways were these policies and practices themselves transformed in the late imperial years after the Second World War? What were the overall consequences for social policy making after decolonisation had finally materialised?
Organised around this set of questions, contributions ideally bridge the gap between themes of dependent development and the politics of empire, on the one hand, and of welfare statism and social policy, on the other hand. In particular, the goal is to theorise what the "imperial" is in "imperial social policy and welfare". Geographically, we invite papers that cover African, Middle Eastern and Asian contexts of imperial rule. With regard to policy fields, papers may cover anything from education, health, food, labour, pensions, housing and social assistance schemes. Contributions may render the multi-sited and multi-causal nature of imperial policy making visible, for example by investigating the various imperial justifications of policies and regulations, and the contestations they produced both within and beyond the respective imperial institutions.


Welfare in the Post-colony: Between Popular Contention, Statebuilding and Internationalisation
Panel Chairs: Kressen Thyen & Alex Veit

This panel interrogates postcolonial welfare states in the Global South as processes and products of entanglement between domestic and transnational political configurations.
On the national level, public welfare connects state organizations and social groups. It may increase state legitimacy, but also trigger new demands. It addresses social inequality, but also manifests group privileges. It symbolises nationhood and provides vision, but also exposes gaps between ambition and implementation. Geographically, welfare bureaucracies embody the state in the most remote village, but also reproduce urban-rural divides. Welfare administrative knowledge is the backbone of planning for the public good, but such data can also be used as a tool of control and repression. In sum, welfare provision creates colourful, often contradictory bonds between states and populations.
At the same time, welfare states of the Global South are transnational configurations. The design, finance, and provision of welfare is a transnational process in which international organisations, bilateral donors, transnational NGOs, religious organisations and expert communities are centrally involved. While such international involvement arguably creates a "global social policy" in its infancy, it also renders concepts of sovereignty, citizenship, democracy, accountability, entitlement, and durability highly precarious. This fundamentally puts into question previous assumptions on welfare state formation.
To address these processes of entanglement between transnational and domestic configurations, we invite papers addressing or relating to the following questions: How can we conceptualise welfare in the Global South? How does internationalisation impact on everyday patterns of legitimation and contestation? In what ways did neoliberalism and structural adjustments disrupt postcolonial welfare politics? Where do countervailing ideas emerge against dominant welfare approaches?


Beyond Capital IR – Studying Social Questions in the Countryside
Panel Chairs: Klaus Schlichte & Anna Wolkenhauer

A lot is going on in the countryside. In recent years, Sociology, Development Studies and Political Science have paid renewed attention to rural areas for a number of reasons. Deteriorating food security, increasingly frequently felt impacts of climate change, and a growing awareness of sustainability issues have put farmers back at the centre of attention.
Practices like land-grabbing, the depletion of natural resources, food insecurity or huge gaps in public service delivery seem to fuel forms of opposition that have hitherto rather been ignored by “capital IR”. This panel aims at interrogating social questions that specifically address rural areas, rural populations and internationalised politics targeting them. This can include social policies, rural development, food policies or other schemes geared by “the will to improve” (Tanya Li). While locally effective, state and non-state policies are embedded in a global system of development initiatives, governance structures, trade rules, and political representation more widely. We are convinced that IR is well-advised not to ignore the connections between rural change and international structures – historical and contemporary.
This panel invites contributions related to the following or related questions: How are structural transformations in the countryside addressed by (internationalised) welfare? How have state retrenchment and a neoliberal redefinition of social policy affected rural areas? How are social and political questions related in the countryside; do welfare and political representation interact? What potential do food security interventions hold for social inclusion and transformation?


Climate Change and Poverty: Vulnerable Populations, Human Security & Social Justice

Panel Chair: Simon Chin-Yee

Climate change plays an increasingly important role in discussions of poverty, human security and socio-economic risks. Vulnerable populations are increasingly susceptible to weather shocks, desertification, sea level rise and conflicts which can lead to poverty traps. Sustained eradication of poverty will depend on many socio-economic conditions, including access to health care, education and economic growth. Climate change impacts on poverty exponentially as vulnerable populations are more exposed to its effects and have less capacity to adapt or react to natural disasters. Additionally, climate change is increasingly seen as a threat multiplier further exacerbating impacts on human security. These are human rights and climate justice issues.
This panel seeks to examine how changing environmental conditions are impacting vulnerable populations with an eye to the future, answering questions such as: How can vulnerable communities avoid falling into the poverty trap? How do populations cope when experiencing negative shocks in multiple channels simultaneously? What responsibility does the global climate regime have to address issues of human rights and vulnerable populations? To what extent are climate related risks addressed by internationalised social policy-making?

Programme
https://eisa-net.org/pec-2020-sections/#topanchor


Contact
Section Chairs are Alex Veit (veit@uni-bremen.de) and Kressen Thyen (thyen@uni-bremen.de), Institute for Intercultural and International Studies (InIIS), CRC Global Dynamics of Social Policy, University of Bremen, Germany.

For further information related to the submission process please contact info.pec20@eisa-net.org.


Kontakt:
Dr. Kressen Thyen
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58515
E-Mail: thyen@uni-bremen.de

Dr. Alex Veit
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67471
E-Mail: veit@uni-bremen.de

Dr. Alex Veit
Dr. Alex Veit
Veit hat eine "Special Section" zu "The Politics of Intervention Against (Conflict-Related) Sexual and Gender Based Violence" publiziert.

Alex Veit hat als Gastherausgeber eine "Special Section" zu "The Politics of Intervention Against (Conflict-Related) Sexual and Gender Based Violence" im Journal of Intervention and Statebuilding (Vol. 13,4) publiziert. Die Publikation ist Teil des Forschungsprojekts "Internationale Interventionen gegen sexualisierte Gewalt in Konfliktgebieten. Intendierte und unintendierte Konsequenzen", finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Projektmitglied Lisa Tschörner hat einen der Artikel gemeinsam mit Alex verfasst.

Inhalt:

Feminism in the Humanitarian Machine. Introduction to the Special Section on "The Politics of Intervention Against (Conflict-Related) Sexual and Gender-based Violence"

by Alex Veit

Abstract: The prevention and mitigation of sexual and gender-based violence in (post-) conflict societies has become an important humanitarian activity. This introductory article examines the analytical discourses on these interventions, the institutionalization of SGBV expertise in international politics, and the emancipatory potential of anti-SGBV practices. It argues that the confluence of feminist professional activism and militarized humanitarian interventionism produced specific international activities against SGBV. As part of the institutionalization of gender themes in international politics, feminist emancipatory claims have been taken up by humanitarian organizations. The normal operating state of the humanitarian machine, however, undercuts its potential contribution to social transformation towards larger gender equality in (post-) conflict societies.

"A Real Woman Waits" – Heteronormative Respectability, Neo-Liberal Betterment and Echoes of Coloniality in SGBV Programming in Eastern DR Congo

by Charlotte Mertens and Henri Myrttinen

Drawing on archival and field research, this article critically examines the production and distribution of gender roles and expectations in SGBV programming, in particular in eastern Democratic Republic of Congo (DRC). We find the underlying currents in some of these programmes reinscribe heteronormativity and focus on individual betterment which resonates with regulating gender and sexuality during colonialism. In some cases, strongly western-inspired norms of individual agency have been introduced, disregarding structural constraints of people’s lives. To conclude, we explore alternative approaches to SGBV prevention, ones in which international approaches are re-defined and vernacularized for local use – but which also at times inform global understandings.

"Without Education You Can Never Become President": Teenage Pregnancy and Pseudo-empowerment in Post-Ebola Sierra Leone

by Anne Menzel

This article analyses the emergence of ‘teenage pregnancy’ as a new policy focus in post-Ebola Sierra Leone and explores how Sierra Leoneans interpret the problem of ‘teenage pregnancy’. I argue that the new policy focus is not indicative of changing or new problems. Rather, ‘teenage pregnancy’ has created opportunities for donors and the Government of Sierra Leone to continue cooperation in gender politics. At the same time, Sierra Leoneans are clearly concerned about ‘teenage pregnancy’, and many agree with sensitization campaigns that responsibilize young women and girls while downplaying structural factors that render them vulnerable to arrangements involving transactional sex.

Creative appropriation: academic knowledge and interventions against sexual violence in the Democratic Republic of Congo

by Alex Veit and Lisa Tschörner

Recent academic research has questioned assumptions about sexual violence in (post-) conflict contexts. Gender norms rather than military decision-making have been found to constitute a major underlying reason for wartime sexual violence. In this contribution, we investigate whether international organisations seeking to prevent sexual violence in the Democratic Republic of Congo have accordingly changed their analytical perspectives and modified policies and programming. We find that many, but not all, such organisations creatively appropriate new academic work in their policy and project documents. However, incentives for continuity in the humanitarian field have slackened the pace of any substantive practical changes.


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Dr. Alex Veit
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Dr. Alex Veit
Dr. Alex Veit
In Teilprojekt B09 arbeitet Alex Veit an Fallstudien zur Sozialpolitik Südafrikas und Tansanias. Kürzlich war er vor Ort auf Forschungsreise und hat sich die Bildungspolitik beider Länder näher angeschaut.

Lieber Alex, für Teilprojekt B09 warst du in Afrika unterwegs. Wo genau?

Ich war im März zunächst in Kapstadt, dann eine Woche in Johannesburg und anschließend in Daressalam.

Was hattest du dir vorgenommen?

Es ging zunächst darum, die akademische Landschaft zu eruieren. Wir wollen mit Leuten vor Ort kooperieren, die zu ähnlichen Themen wie wir arbeiten. Ich habe mir einen Einblick verschafft, wer wozu arbeitet, was sie genau machen und wo gemeinsame Interessen liegen könnten.

Du hast also gezielt Sozialpolitikforscherinnen und Historiker angesprochen?

In Südafrika ist die Unilandschaft relativ groß, einige Unis können auf unserem Niveau ohne Probleme mitspielen. Für uns besonders interessant sind die Education Studies, aber auch viele Soziologen, die zu Bildung arbeiten. Oder Politikwissenschaftler, die sich auf Health spezialisiert haben. Ich als gelernter Historiker habe aber auch mit vielen Historikern gesprochen.

Und in Tansania?

In Tansania ist die Uni Daressalam das Flaggschiff des Landes. Sie ist eigentlich die einzige Uni, die eine gewisse Ausstattung hat, die Forschung ermöglicht. Die anderen Unis und die privaten Hochschulen sind im Grunde reine Lehreinrichtungen. Aber in Daressalam gibt es das legendäre Historical Department, das in den 1960ern und -70ern bahnbrechende Forschung hervorgebracht hat. Dort wurde marxistische Geschichtswissenschaft betrieben von in der Szene bekannten Leuten. Das war damals ein Sehnsuchtsort für viele Historiker. Es sind noch immer viele gute Leute da. Mit einigen habe ich gesprochen und eine Zusammenarbeit angeschoben.

Was sind deine ersten Erkenntnisse über die Bildungssysteme der Länder?

Bildung gilt in beiden Ländern als ein riesiges Versprechen: Mit Bildung lässt sich alles ändern, was in der Gesellschaft nicht so läuft. Aber es gibt gravierende Unterschiede zwischen den beiden Ländern. In Südafrika laufen alle Diskurse vor der Folie der Apartheid und der rassistischen Ungleichheit. Auch das Bildungssystem wird unter diesem Paradigma betrachtet. Die Gesellschaft ist sehr zerklüftet, dementsprechend wird sehr viel mit Schuldzuweisungen hantiert. 25 Jahre nach Ende der Apartheid sind alle total unzufrieden. Südafrikas öffentliche Schulen fallen in internationalen Vergleichen zum Teil hinter Tansania zurück, das für die Bildung viel weniger Geld ausgibt und auch vom Entwicklungsstand her viel schwieriger dasteht als Südafrika, das 20 Prozent des staatlichen Budgets in die öffentlichen Schulen steckt. Gerade in den ärmsten Regionen sind die Schulen miserabel.

Inwiefern?

Zum einen sind die Ergebnisse bei Vergleichsstudien schlecht, zum anderen aber auch die Infrastruktur. Es kommen jedes Jahr mehrere Schüler um, die in die Latrinen reinfallen. Es stellt sich dann die Frage, wer ist schuld? Viele sagen, die Regierungspartei kriegt es nicht auf die Reihe. Andere zeigen auf die Gewerkschaften, die die Lehrer davor beschützen, mehr leisten zu müssen. Wieder andere beschuldigen die Weißen, die ihre Kinder in Privatschulen stecken, weshalb das staatliche System zurückfällt und die guten Lehrer in die Privatschulen gehen.

Wo es auch mehr Geld zu verdienen gibt ...

Ja. Es gibt einfach alle möglichen Gründe in so einer zerklüfteten Gesellschaft. Tansanias Gesellschaft ist im Vergleich viel homogener. Da gibt es nicht diese klaren Konflikte. Alle sprechen dort von Entwicklung, alle wollen, dass es vorangeht, und sind auch einigermaßen zufrieden. Es wird viel gebaut, die Infrastruktur macht Fortschritte. Das Telefonnetz zum Beispiel ist in Daressalam teils besser als in Bremen.

Und die Schulen?

Die Schulen sind jetzt gratis. Aber fast alle, mit denen ich gesprochen habe, schicken ihre Kinder auf Privatschulen. Viele geben einen Großteil ihres Gehalts dafür aus, weil sie die Qualität der staatlichen Schulen im Vergleich als miserabel betrachten.

Gab es auf deiner Reise etwas, das dich überrascht hat?

Sehr überrascht hat mich, wie eng die Ökonomen in die Entwicklung von Policy involviert sind, gerade auch im Bildungsbereich. In Tansania vor allem über die Internationalen Organisationen. In Südafrika sind es die einheimischen Ökonomen. Die Soziologen und Historiker sind damit sehr unzufrieden. Denn Sozialpolitik wird sehr stark quantifiziert.

Entwickelt sich das Bildungssystem dadurch in eine gewisse Richtung?

Die Soziologen sagen, dass alles in Richtung Privatisierung geht und dass da ist eine politische Agenda dahintersteht. In Stellenbosch, der führenden ehemals afrikaans-sprachigen Unis und eine der fünf Eliteuniversitäten des Landes, ist die Apartheid akademisch ausgedacht und legitimiert worden. Dort gibt es ein sehr starkes Ökonomie-Department, und die ANC-Regierung greift auf genau diese Uni zurück. Das hätte ich jetzt so nicht erwartet. Das hat etwas damit zu tun, dass am Übergang von der Apartheid zur Demokratie viele Wissenschaftler aus dem Exil zurückgekommen sind, das waren in der Regel radikale Leute, auch Akademiker, die in Großbritannien waren. Mit denen wollte man zusammen etwas aufbauen. Gleichzeitig hat sich auch die Weltbank massiv engagiert in der Phase. Es gab ein internationales Programm, um Südafrika wieder auf die Füße zu helfen. Man wollte Südafrika aufbauen als Leuchtturm der Demokratie in Afrika. Es gab also einen unheimlichen Ansturm von allen Seiten. Das Problem der radikalen Linken und auch der Exilanten des ANC war, dass sie sehr gut Widerstand organisieren konnten, aber aufs Regieren waren sie nicht vorbereitet. Wer aber echt gut vorbereitet war, waren die Weltbankleute. Die haben sich zusammengetan mit den Stellenbosch-Ökonomen. Die haben dieselbe Sprache gesprochen. Es gab schnell alle möglichen Reformversprechungen, dazu gehörte auch die "Outcome-based-Education". Da geht es im Prinzip darum, dass jedes Kind nach seinen Bedürfnissen gefördert wird und es kein starres Curriculum gibt. Stattdessen entwickeln die Lehrer mit den Schülern zusammen das Material. Gleichzeitig soll aber am Ende ganz klar und vergleichbar gemessen werden, welche Fähigkeiten die Schüler erworben haben. Das klafft total auseinander und hat zu einer Vollkatastrophe geführt. Alle waren total verwirrt in einer Phase, in der ohnehin alles im Umbruch war. Diese Riesenreform hat alle Schulen, alle Lehrer verunsichert. Es gab keine Lehrbücher mehr, kein Curriculum und gleichzeitig gab es an allen Schulen ein ganz starres, autoritäres Lehrverständnis. Über Jahrzehnte gab es Frontalunterricht, und jetzt plötzlich sollte das ganz anderes werden. Das haben sie ein paar Jahre versucht, dann wurde wieder alles zurückgestellt.

Wie gehst du jetzt weiter vor?

Ich fahre im Juni für ein paar Wochen nach Tansania. Ich werde Interviews mit Leuten führen, die in der Bildungs- und Ernährungspolitik involviert sind. Ich treffe mich mit den Internationalen Organisationen. Die sind in Tansania relativ prominent, viel prominenter als in Südafrika. Ich versuche auch mit der Regierung und mit der Verwaltung zu sprechen. Und dann fahr ich auch in ein kleineres Städtchen und rede mit Lehrern und lokaler Verwaltung. Nach Südafrika fahre ich erst nächstes Jahr wieder.

Dann ist der SFB schon im dritten Jahr ...

Ja, aber zu Südafrika gibt es so viel Literatur, da muss ich viel weniger eigene Daten erheben. In Tansania ist die Situation ganz anders. Da muss ich stärker Primärmaterial produzieren. Nach Südafrika bin ich jetzt auch deshalb gefahren, um zu verstehen, welche Akteure dort mit welcher politischen Agenda schreiben. Weil es so enge Verbindungen zwischen den Universitäten und der Regierung gibt, schreiben alle mit einer Agenda. Das muss man einzuschätzen wissen. Wenn ich dort nächstes Jahr hinfahre, werde ich auch mit Lehrern und Schuldirektoren sprechen, um zu verstehen, wie sich Policy bei ihnen eigentlich niederschlägt. Denn die Realität hat ja mehrere Layer.


Kontakt:
Dr. Alex Veit
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
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