Teilprojekt A07 (2022-2025)

Globale Entwicklungsdynamiken in der Langzeitpflegepolitik

Das Teilprojekt A07 führt ausgewählte Forschungsstränge der Projekte A04 und B07 aus der ersten Projektphase weiter. In der ersten Phase des Teilprojekts A04 haben wir die Einführung von staatlich verantworteten Langzeitpflegesystemen weltweit untersucht. Die Analyse ergab, dass die Einführung von staatlich verwalteten Langzeitpflegesystemen ein vergleichsweise junges Phänomen ist. Im Jahr 1960 gab es weltweit nur in drei Ländern ein Langzeitpflegesystem, 1985 waren es bereits 18, und auch heute gibt es nur in 50 Ländern Langzeitpflegesysteme, die meisten davon im Globalen Norden. Die jeweiligen Systeme unterscheiden sich in Bezug auf Regulierung, Finanzierung und Leistungserbringung, wobei sich die Leistungserbringung erheblich darin unterscheidet, inwieweit Pflegekräfte mit Migrationshintergrund eingesetzt werden. Wie die Ergebnisse des Teilprojekts B07 zeigen, hängt es vom Zusammenspiel der jeweiligen Betreuungs-, Migrations-, Arbeitsmarkt-, Bildungs- und Geschlechterregelungen ab, ob das "Migrant-in-the-family"- oder das "Migrant-in-formal-care"-Modell dominiert.

In der zweiten Phase des SFB 1342 verfolgen wir, aufbauend auf diesen Erkenntnissen, drei Ziele, wobei wir einen Methodenmix anwenden.

Erstens werden wir beschreiben, wie sich Inklusivität und Leistungsumfang der Langzeitpflegesysteme in Ländern, die ein solches System eingeführt haben, von der Einführung bis heute entwickelt haben. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Frage, inwieweit die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz berücksichtigt werden und inwieweit das Recht auf soziale Teilhabe älterer Menschen in der Langzeitpflegepolitik ausdrücklich berücksichtigt wird.

Um die jeweilige Dynamik von Inklusion, Exklusion und Leistungsumfang zu erklären, werden zweitens Regressionsanalysen durchgeführt, um den Einfluss nationaler Faktoren sowie horizontaler und vertikaler Interdependenzen als unabhängige Variablen zu untersuchen.

Schließlich führen wir zwei paarweise Ländervergleiche durch, um die Mechanismen zu untersuchen, die dem Einfluss der horizontalen und vertikalen Interdependenzen auf die Systemgestaltung zum Zeitpunkt der Einführung sowie auf die Dynamik der Expansion zugrunde liegen.

Anhand von Dokumentenanalysen und Experteninterviews vergleichen wir Südkorea und Taiwan - die beiden Länder, die erst kürzlich eine Langzeitpflegeversicherung eingeführt haben -, um die Rolle des politischen Lernens als Mechanismus der horizontalen Interdependenz und dessen Einfluss auf die tatsächliche Gestaltung der Langzeitpflegesysteme zu ermitteln. Dieser paarweise Vergleich ist auch deshalb aufschlussreich, weil sich die beiden Länder in Bezug auf die Migration von Pflegekräften als eine weitere Form der horizontalen Interdependenz unterscheiden: Während migrierende Pflegekräfte in Südkorea vor allem im formellen Sektor beschäftigt sind, hat in Taiwan die Migration in den informellen Sektor größere Bedeutung.

Die Bedeutung des vertikalen Politiktransfers über Internationale Organisationen (IOs) für die Einführung eines Langzeitpflegesystems wird anhand eines Vergleichs zweier südamerikanischer Länder, Uruguay und Chile, mit einem sehr ähnlichen Systemdesign untersucht. Uruguay hat eine Vorreiterrolle für den Globalen Süden, da es das erste und einzige südamerikanische Land ist, das bisher ein unabhängiges, umfassendes Langzeitpflegesystem eingeführt hat, während Chile ein solches System (noch) nicht eingeführt hat. Der Fallvergleich ermöglicht es uns, die Gründe dafür zu untersuchen - trotz übereinstimmender Empfehlungen der relevanten IOs in beiden Ländern.