News aus dem Teilprojekt B01


Welche Sozialpolitiken verfolgten Ost- und Westeuropa im Kalten Krieg? Welchen Einfluss hatte die Systemkonkurrenz? Wie verlief die Transformationsphase ab 1989? Diesen Fragen widmete sich die 4. Hermann-Weber-Konferenz in Berlin.

Für den Westen stellte der kommunistische Sozialstaat eine zentrale Herausforderung im Wettbewerb der Systeme dar. Im Wettbewerb der Systeme sollte auch die sozialpolitische Überlegenheit demonstriert werden. Das Ende des Kalten Krieges und der Wegfall des Legitimationsdrucks gegenüber dem jeweils anderen System wiederum waren Gründe für die Sozialstaatsreformen in den 1990er- und 2000er-Jahren in Ost und West, die auf der Konferenz ebenfalls diskutiert wurden.

Vom SFB 1342 nahmen sechs Wissenschaftler:innen teil:

  • Herbert Obinger erläuterte die Grundlagen des Verhältnisses von Kaltem Krieg, Kommunismus und Sozialpolitik
  • Carina Schmitt und Maria Ignatova-Pfarr hielten einen Vortrag über die Rentenpolitik Bulgariens während des Kalten Krieges
  • Delia González des Reufels hielt einen Vortrag zu der Sozialpolitik der letzten chilenischen Militärdiktatur im Kalten Krieg
  • Cornalius Torp hielt einen  Vortrag zur Rentenpolitik in Ost- und Westdeutschland im Kalten Krieg
  • Lukas Grawe hielt einen Vortrag zur Legitimation pronatalistischer Familienpolitik in der DDR.


Die 4. Hermann-Weber-Konferenz fand vom 8. Bis 10. Juni 2022 in Berlin statt. Veranstalter waren die vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderte Nachwuchsgruppe „Der ‚aktivierende Sozialstaat‘ – eine Politik- und Gesellschaftsgeschichte deutscher Sozialpolitik, 1979–2017“ am SOCIUM der Universität Bremen und das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Gefördert wurde die Konferenz durch die Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung.


Kontakt:
Prof. Dr. Delia González de Reufels
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Geschichtswissenschaft / FB 08
Universitäts-Boulevard 13
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67200
E-Mail: dgr@uni-bremen.de

Dr. Lukas Grawe
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58642
E-Mail: grawe@uni-bremen.de

Maria Ignatova-Pfarr
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57057
E-Mail: ignatova@uni-bremen.de

Prof. Dr. Herbert Obinger
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58567
E-Mail: herbert.obinger@uni-bremen.de

Prof. Dr. Carina Schmitt
Feldkirchenstraße 21
96045 Bamberg
Tel.: 0951-863 2734
E-Mail: carina.schmitt@uni-bamberg.de

Prof. Dr. Cornelius Torp
In "Causal Mechanisms in the Global Development of Social Policies" präsentieren Johanna Kuhlmann und Frank Nullmeier einen neuartigen, modularen Ansatz zur Erklärung sozialpolitischer Entwicklungen.

Causal Mechanisms in the Global Development of Social Policies, herausgegeben von Johanna Kuhlmann und Frank Nullmeier, ist der achte Band der Serie Global Dynamics of Social Policy. Die Serie wird vom SFB 1342 finanziert und Lorraine Frisina Doetter, Delia González de Reufels, Kerstin Martens und Marianne Sandvad Ulriksen herausgegeben.

Der neue Band zu kausalen Mechanismen fasst wesentliche Ergebnisse des Projektbereichs B aus der ersten Förderphase des SFB 1342 zusammen: Neun Teilprojekte haben von 2018 bis 2021 in Fallstudien und qualitativen Analysen das Zusammenspiel von internationalen Verflechtungen mit lokalen Bedingungen und die daraus resultierenden sozialpolitischen Entwicklungsdynamiken in Ländern, Ländergruppen und Großregionen untersucht.

Dabei hat der Projektbereich B das Konzept der kausalen Mechanismen entwickelt, das Erklärungen sozialpolitischer Entwicklungen ermöglicht, welche die etablierten Ansätze der Forschung ergänzen, vertiefen und in einigen Fällen sogar korrigieren können.

Mechanismen und "process tracing" sind in der Politikwissenschaft nicht neu. Kuhlmann und Nullmeier stellen jedoch einen modularen Ansatz für Kausalmechanismen vor, der 1) elementare Kausalmechanismen auf der Ebene individueller und kollektiver Akteure mit 2) komplexen Kausalmechanismen kombiniert, die aus einer Abfolge von Aktivitäten bestehen, die wiederum durch elementare Kausalmechanismen erklärt werden können.

"Durch die Unterscheidung zwischen elementaren und komplexen Kausalmechanismen lassen sich Politikprozesse in einzelne Schritte und Sequenzen zerlegen, die dadurch genauer analysiert werden können", schreiben Kuhlmann und Nullmeier im Einleitungskapitel ihres Buches.

Durch die Kombination von Prozess- und Akteursorientierung sowie Modularisierung eröffnet das Konzept der kausalen Mechanismen neue Perspektiven für das gesamte Feld der Sozialpolitikforschung, sowohl in der makro-quantitativen, vergleichenden Sozialpolitikforschung als auch in der fallstudienzentrierten Arbeit zu einzelnen Ländern oder sozialpolitischen Programmen.

Die einzelnen Kapitel des Sammelbandes analysieren die Sozialpolitik in sehr unterschiedlichen Ländern rund um den Globus sowohl in einzelnen als auch in vergleichenden Fallstudien. Der Band ist in vier Teile gegliedert, die sich mit der Sozialpolitik in Asien, Afrika, Europa und Lateinamerika befassen. Darüber hinaus behandeln die Kapitel verschiedene Bereiche der Sozialpolitik, u.a. Altersvorsorge, Gesundheit, Arbeitslosigkeit, Arbeitsunfälle, Langzeitpflege und Sozialhilfe.

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Causal Mechanisms in the Global Development of Social Policies ist Teil der Serie Global Dynamics of Social Policy, die im Open-Access-Modell bei Palgrave Macmillan erscheint. Alle Bände stehen kostenlos zum Download zur Verfügung.


Kontakt:
Dr. Johanna Kuhlmann
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58574
E-Mail: johanna.kuhlmann@uni-bremen.de

Prof. Dr. Frank Nullmeier
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58576
E-Mail: frank.nullmeier@uni-bremen.de

Der siebte Band der Palgrave-Macmillan-Reihe "Global Dynamics of Social Policy" beleuchtet in 39 Essays, wie inter- und transnationale Einflüsse die Sozialpolitik in verschiedensten Teilen der Welt beeinflusst haben.

Der Sammelband mit dem Titel "International Impacts on Social Policy - Short Histories in Global Perspective" wurde von Frank Nullmeier, Delia González de Reufels und Herbert Obinger herausgegeben und verdeutlicht in 39 zeitlich begrenzten Fallbeispielen die Bedeutung inter- und transnationaler Einflüsse für die Entwicklung nationalstaatlicher Sozialpolitik weltweit. Das Buch ist in vier Abschnitte gegliedert, in denen die Bedeutung von (1) Gewalt, (2) Internationalen Organisationen, (3) Handelsbeziehungen und Wirtschaftskrisen sowie von (4) Ideen, Netzwerken von Expert:innen und Migration analysiert wird. Die Beiträge illustrieren wichtige Teile der Ergebnisse, die der SFB 1342 und seine 15 Teilprojekte in der Zeit von 2018 bis 2021 erarbeitet haben.

Wie alle Teile der Reihe Global Dynamics of Social Policy erscheint auch dieser Band im Open-Access-Format, um die Forschungsergebnisse des SFB 1342 für die wissenschaftliche Community in allen Teilen der Welt leicht zugänglich zu machen.

Auf den Seiten von Palgrave Macmillan/Springer stehen der Gesamtband sowie die einzelnen Beiträge kostenlos zum Download zur Verfügung:

Frank Nullmeier, Delia González de Reufels, Herbert Obinger (Hg.)(2022): International Impacts on Social Policy - Short Histories in Global Perspective, Cham: Palgrave Macmillan.


Kontakt:
Prof. Dr. Delia González de Reufels
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Geschichtswissenschaft / FB 08
Universitäts-Boulevard 13
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67200
E-Mail: dgr@uni-bremen.de

Prof. Dr. Frank Nullmeier
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58576
E-Mail: frank.nullmeier@uni-bremen.de

Prof. Dr. Herbert Obinger
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58567
E-Mail: herbert.obinger@uni-bremen.de

Simon Gerards Iglesias, Prof. Dr. Delia González de Reufels
Simon Gerards Iglesias, Prof. Dr. Delia González de Reufels
Delia Gonzalez des Reufels und Simon Gerards stellten ihre Forschungsresultate vor der Vereinigung der europäischen Lateinamerikahistoriker*innen in Paris vor.

Vom 23.-27. August 2021 fand in Paris der Kongress der AHILA statt, bei dem Delia González de Reufels und Simon Gerards Iglesias von Teilprojekt B02 ihre Forschungsergebnisse im Rahmen eines eigenen Panels zur Geschichte der Sozialpolitik in Lateinamerika vor- und zur Diskussion gestellt haben. Unter dem Titel "Los vínculos de las políticas sociales estatales en Amércia Latina y sus representaciones mediáticas, siglos XIX y XX" führte das zweitägige Panel etablierte Historiker*innen zusammen, die über ihre Projekte zur Geschichte der staatlichen Sozialpolitik und deren mediale Repräsentation gesprochen haben.

Die Schwerpunkte lagen auf den Politikfeldern Arbeit, Bildung Gesundheit und Wohnen, deren historische Entwicklung sowie besondere sozialpolitische Instrumente beleuchtet wurden. Dabei wurden von den Beiträgen sowohl die nationalstaatlichen Bedingungen in den Ländern Argentinien, Brasilien, Chile, Mexiko und Uruguay als auch die Prozesse transnationalen Austausches, des Transfers von Wissen und Ideen beleuchtet. Die Bedeutung von gender für die historische Analyse von Sozialpolitik trat hier ebenso hervor wie die Rolle der Fotografie und des Mediums Film bzw. des Fernsehens. So trugen Claudia Agostoni von der UNAM in Mexiko, Washington Dener Santos Cunha von der Universidade do Estado do Rio do Janeiro in Brasilien und Maria Rosa Gudiños von der Universidad Nacional Pedagógica in Mexiko sowie acht lateinamerikanische Nachwuchshistoriker*innen vor, die auch die Forschungsprobleme und die besonderen Herausforderungen der Empirie diskutierten.

Delia González de Reufels legte in ihrem Beitrag den Schwerpunkt auf die Rolle der chilenischen Streitkräfte für die Entwicklung von Sozialpolitik seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert und die Verbindungen zwischen „warfare and welfare“ in diesem Pionierland lateinamerikanischer Sozialpolitik. Simon Gerards Iglesias stellte sein Dissertationsprojekt über die Beziehungen Argentiniens zur Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) vor und unterstrich die Bedeutung der transnationalen Wissensproduktion für die Herausbildung von Sozialpolitik. Martín Cortina Escudero, der im SFB-Teilprojekt B03 forscht, hat seine Erkenntnisse zur Bedeutung der kolonialen Vergangenheit für die Herausbildung von Sozialpolitik ebenso vorgestellt wie Teresa Huhle, die den SFB 1342 in diesem Frühjahr verlassen hatte, und zur Verbindung zwischen Bildung und Gesundheit am Beispiel der uruguayischen „Freiluftschulen“ gesprochen hat.

Die AHILA (Asocicación de Historiadores Latinomaericanistas) ist die Vereinigung der europäischen Lateinamerikahistoriker*innen, die Ende der 1970er-Jahre, mitten im Kalten Krieg, aus den Treffen der europäischen Amerikanisten hervorging. Ihr gehörten von Anfang an auch in Europa lebende Lateinamerikaner*innen sowie europäische Historiker*innern an, die jenseits des sogenannten Eisernen Vorhangs zur lateinamerikanischen Geschichte lehrten und forschten. Der Kongress der AHILA findet alle drei Jahre statt.

Der Kongress wurde organisiert und durchgeführt von den Historikerinnen Annick Lemprière, und Genevieve Verdó von der Université Paris 1, Panthéon-Sorbonne und dem dort angesiedelten Centre de Recherches d’histoire de l’Amérique Latine et du Monde Ibérique“, einem wichtigen Zentrum der europäischen Lateinamerikaforschung.  Delia González de Reufels steht seit den 1990er-Jahren im Austausch mit den Historikerinnen der Université Paris 1, Panthéon-Sorbonne und hat 2012 ein ERASMUS-Abkommen mit der Sorbonne geschlossen. Diese Kooperation soll in den nächsten Jahren fortgesetzt werden.


Kontakt:
Prof. Dr. Delia González de Reufels
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Geschichtswissenschaft / FB 08
Universitäts-Boulevard 13
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67200
E-Mail: dgr@uni-bremen.de

Der Band beleuchtet die Geschichte und Grundlagen des Konzepts der kausalen Mechanismen und stellt – als ein zentrales Ergebnis von Teilprojekt B01 - eine Weiterentwicklung zu einer Theorie kausaler Mechanismen vor.

In seinem neuen Buch "Kausale Mechanismen und Process Tracing - Perspektiven der qualitativen Politikforschung" zeigt Frank Nullmeier, wie Politikforschung mittels Process Tracing systematisch angelegt und wie politische Prozesse mittels kausaler Mechanismen im Detail besser verstanden und erklärt werden können. Nullmeier beleuchtet zunächst die Geschichte und die theoretischen Grundlagen des Konzepts der kausalen Mechanismen und präsentiert darauf aufbauend eine Weiterentwicklung zu einer Theorie kausaler Mechanismen. Darüber hinaus erläutert er, wie in der sozialwissenschaftlichen Literatur bereits identifizierte Mechanismen zur Erklärung politischer Entwicklungen genutzt werden können. Das Buch bietet abschließend einen Leitfaden zur Vorgehensweise beim Process Tracing, mit dem Forscher*innen und Studierende eigenständige politische Prozesse analysieren können.

Frank Nullmeier wird sein Buch am 15. September 2021 auf dem DVPW-Kongress vorstellen: Unter dem Titel "Process Tracing – mehr als ein Buzzword" (12:30 – 13:00 Uhr) diskutiert Nullmeier mit seiner Kollegin Sybille Münch (Leuphana Universität Lüneburg) über den Nutzen des Konzepts der kausalen Mechanismen und des Process Tracings für die Politikwissenschaft.


Kontakt:
Prof. Dr. Frank Nullmeier
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58576
E-Mail: frank.nullmeier@uni-bremen.de

Simon Gerards Iglesias, Prof. Dr. Delia González de Reufels
Simon Gerards Iglesias, Prof. Dr. Delia González de Reufels
Delia González de Reufels und Simon Gerards Iglesias sprechen über die Ergebnisse von Teilprojekt B02, wie sie mit pandemiebedingten Einschränkungen umgegangen sind und was an der Kooperation von Geschichts- und Politikwissenschaft besonders reizvoll ist.

Ihr standet vor der Mammutaufgabe, 90 Jahre sozialpolitische Entwicklung in drei Ländern zu untersuchen - wie habt ihr diese Aufgabe strukturiert?

Simon Gerards Iglesias: Für die drei Länder gibt es unterschiedliche Schwerpunkte. Ich untersuche den Fall Argentinien und habe einen Schwerpunkt auf die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) gesetzt, die erst seit 1919 existiert. Als zentralen Untersuchungszeitraum habe ich die Folgejahre bis zum Zweiten Weltkrieg definiert, denn in dieser Phase beherrschten bestimmte Strukturen die Beziehungen zwischen der ILO und Argentinien und es wurde der Grundstein für die zukünftige Entwicklung der Beziehungen gelegt.

Der Untersuchungszeitraum im Teilprojekt ist in der Tat lang, dennoch lässt er sich sinnvoll betrachten, weil er von langen Entwicklungslinien durchzogen ist. Was immer wichtig war, ist etwa der der transnationale Wissensaustausch. Das sehe ich auch in Argentinien vom 19. Jahrhundert bis heute: Dort wird immer geschaut: Was passiert in Europa? Und noch ein Punkt: Wir finden gewisse Pfadabhängigkeiten. Wenn wir z.B. die Arbeitsschutzgesetze für Frauen in Argentinien und anderen lateinamerikanischen Staaten betrachten, stellen wir fest, dass hier sehr früh durchaus restriktive Regelungen bestanden. Sie waren tatsächlich restriktiver als in Europa. In Argentinien gab es Gesetzte wie z.b. die Ley de silla, übersetzt als das „Stuhlgesetz“: In jedem Industriebetrieb musste für jede angestellte Frau ein Stuhl zur Verfügung stehen, der für Erholungspausen gedacht war. Denn in Argentinien war die Gesundheit von Frauen vor allem mit der Sorge um die Gesundheit von Müttern und damit der zukünftigen Generation verknüpft, weshalb man Frauen mehr Erholungspausen auf der Arbeit zugestand. Auch heute noch findet man dieses Gesetz in einer gewissen Form sodass aufmerksame Reisende in Argentinien überall Stühle, selbst an den kuriosesten Orten entdecken können. Der Hintergrund erschließt sich aber nur denjenigen, die einen Bezug zu den argentinischen Arbeitsschutzgesetzen herstellen können.

Delia González de Reufels: An dem von Simon genannten Beispiel sieht man sehr deutlich, dass die Sozialpolitik bis heute sichtbare Spuren hinterlassen und auf die Anliegen der jeweiligen Länder reagiert hat: Die Länder des Cono Sur hatten im 19. und auch im frühen 20. Jahrhundert prekäre Demographien. In Europa, wo die sich die Bevölkerung damals exponentiell entwickelte, mögen Arbeitgeber relativ gelassen darauf geschaut haben, dass auch schwangere Frauen an der Maschine stehen und extreme Arbeitszeiten hatten. Das war im Cono Sur allerdings anders: Dort gab es weniger Kinder und das wurde als Problem benannt und von der Sozialpolitik aufgegriffen. Das „Ley de silla“ mag heute skurril anmuten, aber die Zukunft der Nation entschied sich damals durchaus auch an der Werkbank, zumindest dann, wenn eine schwangere Frau an ihr stand. Wenig überraschend war die Bevölkerungsentwicklung eine der Entwicklungslinien, entlang derer sich gesellschaftliche Diskussionen entsponnen, die man sehr gut über 90 Jahre verfolgen kann.

Und während dieser neun Jahrzehnte überschlagen sich ja glücklicherweise nicht alljährlich die Ereignisse. Es ist eher ein Prozess der Anreicherung mit wichtigen Punkten der Kulmination. Es bedurfte ja zunächst einmal eines Problembewusstseins. Der Staat nahm sich nicht sofort aller Probleme an, sondern traf eine Auswahl. In Chile beginnt unser Untersuchungszeitraum im 19. Jahrhundert, und im Jahre 1850 äußerte die Regierung erstmals, es könne nicht angehen, dass die Menschen in die Krankenhäuser gingen, um dort zu sterben. Diese waren so schlecht ausgestattet, dass Patienten keine Chance hatten, geheilt zu werden. 1850 wird also erstmals darüber diskutiert, wie staatliches Geld, genauer: Einnahmen aus Handel und Zöllen, in die Entwicklung eines funktionierenden Krankenhauswesens umgeleitet werden können. Gesundheit war bis dahin Privatsache, aber 1850 tritt der chilenische Staat erstmals in diese Verantwortung ein und beginnt, öffentliche Gesundheit als ein Feld politischen Handelns zu begreifen. Und ab diesem Moment erweitert sich der Bereich der Gesundheitspolitik um weitere Elemente. Um dies zu beobachten, sind die 90 Jahre eigentlich ideal.

Eure Arbeit ist nicht nur räumlich, sondern auch thematisch aufgeteilt. Delia, du untersuchst in Chile vor allem die Entwicklung der Gesundheitspolitik, Simon in Argentinien den Arbeitsschutz. Wie kam es zu dieser Aufteilung?

Delia González de Reufels: Alle sozialpolitischen Felder wirken natürlich in allen diesen Ländern. Aber für den Fall Chiles habe ich festgestellt, dass viele Entwicklungen im Arbeitsschutz aus dem Gesundheitsschutz hervorgegangen sind. Also aus der Beobachtung, dass bestimmte Arbeitsverhältnisse die Gesundheit der Menschen unterminieren. Diese Beobachtung wurde fand im Gesundheitswesen statt, und daher war es sinnvoll, in der Gesundheitspolitik einen Schwerpunkt zu setzen.

Und im Falle Argentiniens haben wir den Arbeitsschutz als Schwerpunkt, weil in Buenos Aires das ILO-Büro für Lateinamerika gegründet wurde: Nachdem Südamerika zunächst von Madrid aus administriert wurde, zog die ILO mit einem eigenen Büro nach Buenos Aires um und war dort präsent. Um diese Entwicklung und deren Folgen im Projekt abbilden zu können, haben wir diese Trennung vorgenommen. Hieraus ergibt sich ein vollständigeres Bild als wenn alle Entwicklungen in allen Ländern nachvollzogen werden.

Simon Gerards Iglesias: Die Trennung hilft uns auch, damit wir trotz des großen Zeitraums die geschichtswissenschaftliche Lupe d.h. diesen analytischen Zugang anwenden können. Das geht nur bei thematischer Aufteilung. Zum Arbeitsschutz: In Argentinien gab es ein wichtiges Gesetz im Jahr 1915, das den Arbeitsschutz für IndustriearbeiterInnen neu definierte: Es regelte Schadensersatzregelung für Arbeitsunfälle und räumte der Arbeiterklasse erstmals ein wichtiges einklagbares Recht zur monetären Entschädigung ein, was ein großer Schritt zur späteren Sozialversicherung war. An dieses Gesetz haben sich viele Regelungen angeschlossen, auch viele bilaterale Abkommen mit europäischen Staaten wurden daraufhin geschlossen. Dieses Beispiel zeigt, dass Sozialpolitik im frühen 20. Jahrhundert viele transnationale Verflechtungen hatte und in einer frühen Phase der Entwicklung des Wohlfahrtsstaates bereits Rechte für Minderheitengruppen, wie etwa ausländischen ArbeiterInnen eingeführt wurden.

Delia González de Reufels: In Argentinien rückt die Arbeit einer supranationalen Organisation in den Vordergrund, die beide Bereiche- Arbeit und Gesundheit- betrachtet hat. Für den Gesundheitsschutz hätten wir die PAHO, gegründet 1902, in den Mittelpunkt stellen können. Allerdings begann in Chile begann die Gesundheitspolitik deutlich früher und war eng verknüpft mit der Professionalisierung der Medizin, die uns hier besonders interessiert hat, weil sie für die Entwicklung der Public Health von großer Bedeutung war. So haben wir schon Geschichte vor der Gründung der PAHO, die einzufangen ist. Und besonders wichtig ist, dass die ILO Themen aufgreift, die vorher seitens des Gesundheitsschutzes schon diskutiert wurden. Durch unsere Aufteilung im Projekt haben wir diese Dynamik einfangen können.

Auf welche anderen, großen Einflussfaktoren oder Mechanismen für sozialpolitische Entwicklungen seid ihr bei eurer Arbeit gestoßen?

Delia González de Reufels: Es hat sich bestätigt, dass sich die Länder gegenseitig aufmerksam beobachtet und auch voneinander gelernt und Initiativen der anderen aufgegriffen haben. Es gab eine intrinsische Motivation auf den als wichtig erkannten Feldern durch eigene Maßnahmen hervorzutregen, es gab aber auch in einem Wettbewerb untereinander. Argentinien und Chile beobachteten sich sehr genau, obwohl ja in der Region mit Uruguay ein Nachbar vorhanden ist, der sehr reformaffin war und sich selbst sehr über den sozialpolitischen Fortschritt definiert hat. Trotzdem war der Blick der Chilenen und Argentinier aufeinander gerichtet. Und natürlich nach Europa.

Simon Gerards Iglesias: Die Argentinier schauten ebenfalls in viele Richtungen, immer aber auch nach Europa. Die Argentinier sahen sich eigentlich nicht als Lateinamerikaner, sie betonten immer ihre besondere Verbindung nach Europa. Das sieht man in der Mode, der Architektur und so weiter. Europa ist dann auch in der Sozialgesetzgebung ein wichtiger Referenzpunkt. Spanien wird nicht als alte Kolonialmacht gesehen, und wenn, dann als positive, die mit den sogenannten „Leyes de Indias“ die ersten Sozialgesetze eingeführt hat. Argentinien wusste, dass es nicht so industrialisiert war wie Europa, gleichzeitig wollte es so werden und schaute sich viele Dinge ab - die Industrialisierung, aber auch die damit zusammenhängende Sozialgesetzgebung.

Was wichtig ist in Bezug auf die Rolle der ILO: Ich habe den Eindruck, dass die Konventionen und Empfehlungen gar nicht so einen großen Einfluss auf die nationalen Sozialgesetzgebungen haben. Es besteht das klassische Problem internationaler Kooperation: Man einigt sich nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Dadurch sind viele Konventionen relativ schwach und schwammig, sie lassen viel Interpretationsspielraum zu, ohne wirklich einen höheren Standard zu etablieren. Das gilt für Argentinien ganz deutlich. Dort wurden Konventionen erst sehr spät ratifiziert und nur in gewissen Bereichen umgesetzt. Es gab ein cherry picking von Konventionen für die Bereiche, wo es bereits sehr ausgefeilte Gesetze gab. Dadurch wirkten sich die Konventionen meist weder positiv noch negativ auf die argentinische Gesetzgebung aus.

Dennoch war die ILO ein ganz wichtiger Akteur: Und zwar als Plattform und Scharnier zur Wissensgenerierung in der Sozialpolitik. Die ILO war als erste und damals einzige Organisation in der Lage, große vergleichbare Studien durchzuführen. Sie hatte auch eine riesige Bibliothek und Archive aufgebaut, die von Argentiniern benutzt wurden. Das sieht man auch in den Korrespondenzen. Gerade im Bereich der Sozialversicherung wurde sehr viel bei der ILO angefragt, weil sie einen unfassbar großen Wissensschatz aufgebaut hatte.

Ihr berichtet, dass diese Länder sehr stark auf ihre Nachbarn und Europa geschaut haben. Die Welt war damals nicht so vernetzt wie heute. Was waren denn die Wege des Austausches?

Delia González de Reufels: Die Welt war damals viel vernetzter, als wir uns das heute vielfach vorstellen. Damals gab es enge Verbindungen, nicht per Flugzeug, sondern per Schiff. Wenn wir uns die Organisationen, aber auch die Militärs anschauen, so waren das hochmobile Persönlichkeiten, die reisen und Dinge in Europa eigens in Augenschein nehmen konnten. Das gilt auch für Ärzte. Ideen reisen mit den Menschen, sie reisen auch in Schriften. Die Akteure haben Französisch gelesen, Deutsch, Englisch und auch Italienisch. Gerade die Ärzte haben ein breites Spektrum europäischer Sprachen beherrscht, um die Fachzeitschriften rezipieren zu können und auf dem jeweils neuesten Stand ihrer Disziplin zu sein; zumindest gilt das für die Koryphäen. In der ältesten und bis heute veröffentlichten Mediziner-Zeitschrift, fand sich daher auch immer eine Art Reader's Digest, der zusammenfasste, was gerade in internationalen Fachzeitschriften diskutiert wurde. So konnte die gesamte Ärzteschaft an den medizinischen Fortschritten teilhaben. Zum Teil hat man den Eindruck, die Autoren stehen dabei, wenn Robert Koch wieder eine Entdeckung macht, ihre Begeisterung darüber ist den Texten ebenso zu entnehmen wie der Stolz auf die eigene Disziplin, die sich beständig fortentwickelte und zur Lösung der Probleme der Zeit in Chile und anderenorts einen Beitrag leisten würde.

Simon Gerards Iglesias: Auch von Seiten der ILO gab es zahlreiche Versuche, stärker auf diese südamerikanischen Länder einzuwirken, Menschen zu erreichen und in die Diskurse hineinzukommen. Das beginnt mit spanischsprachigen Publikationen in den 1920er-Jahren. Dann gab es Reisen von ILO-Präsidenten, von Albert Thomas und Harold Buttler und anderem ILO-Personal, die alle nach Argentinien, Uruguay und Chile reisten, um dort die Arbeit der ILO vorzustellen und für ihre Organisation zu werben. Auf der anderen Seite gibt es Interesse und Engagement von den nationalen Behörden: Die argentinische Arbeitsbehörde veröffentlicht in ihrem Bulletin Unterlagen von ILO-Konferenzen und deren Protokolle werden ins Spanische übersetzt. Diese Zeitschrift wurde Sozialpolitikexperten in Argentinien gelesen, und so trug man die Debatten und das Wissen nach Argentinien hinein.

Argentinien war für die ILO immer das wichtigste Land, um ganz Lateinamerika zu erreichen. Das lag daran, dass- wie Delia schon sagt- Chile nach Argentinien schaute und die kleineren Länder erst recht. Deswegen wählte man z.B. Alejandro Unsain, einen Sozialrechtler aus Argentinien, in ein Gremium der ILO, ins Präsidium. Auch die erklärte Feministin und Sozialistin Alicia Moreau de Justo wird als einzige Repräsentantin aus einem Land der Südhalbkugel Mitglied der Kommission für Frauen und Kinder. Man hat also versucht, argentinische Akteure einzubeziehen, nach Genf zu holen und so den Austausch und die Wissensproduktion gefördert.

Delia González de Reufels: Argentinien hatte der ILO als entwickeltes Land auch eine besondere Infrastruktur zu bieten. Das gilt auch für Chile. So fand dann in den 1930er-Jahren eine große ILO-Tagung in Santiago statt. Chile hat es genossen, dass die Welt auf Santiago schaute. Das ließ man sich auch etwas kosten, auch in Zeiten, als das Geld knapper war.  Das gilt auch für die Kongresse der Lateinamerikanischen Mediziner, deren Idee in Chile entwickelt wurde. Zugleich richtete das Land den ersten Kongress aus, der eine Weiterentwicklung des ersten chilenischen Medizinerkongresses darstellte. So waren die nationale Entwicklung und die transnationale eng miteinander verwoben.

Wir haben feststellen können, dass es immer wieder ereignisreiche Zeitabschnitte gab, die sowohl vom transnationalen Austausch als auch von Entwicklungen in den Ländern getragen wurden. Weder das eine noch das andere allein reicht aus, um eine Erklärung für die Dynamik sozialpolitischer Entwicklungen zu finden. Es gab immer eine Verbindung zwischen der transnationalen und nationalen Ebene. Erst dadurch entstand eine Dynamik, die sozialpolitische Veränderung ermöglichte. Das gilt für alle Bereiche.

Ihr habt vom eurem geschichtswissenschaftlichen Lupenblick gesprochen, ihr seid dennoch Teil des politikwissenschaftlichen SFB. Was war herausfordernd an dieser Konstellation und was war besonders gewinnbringend?

Delia González de Reufels: Herausfordernd ist, dass andere Beobachtungsräume zeitlicher Art entworfen werden. Die Geschichtswissenschaft ist immer ganz nah an der Quelle, und man sieht dann mitunter auch das größere Bild nicht, sondern muss sich das erstmal erarbeiten. Wir sind meist längere Zeit im Archiv, bevor wir daran gehen können, an Quellen unsere Theorien zu falsifizieren und Aussagen zu treffen. Da sind die die Kolleg*innen der Politikwissenschaft sehr viel schneller. Aber der SFB ist ja nicht aus dem Nichts gestartet. Es gab Jahre der Vorarbeit, es ging auch darum, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, unsere Perspektiven zu vereinen und voneinander zu lernen. Das macht es für mich bis heute so spannend. Wir kommen übrigens überwiegend zu ähnlichen Ergebnissen und ergänzen uns darüber hinaus sehr gut, obwohl wir anders auf die Dinge draufgucken.

Simon Gerards Iglesias: Ich denke, die Politikwissenschaft fokussiert sich sehr auf Methoden, z.B. die causal mechanisms, die wir uns auch erst aneignen mussten. Wir hingegen haben diesen Quellenblick, und es dauert dann meist länger, bis wir Ergebnisse vorweisen können. Aber es ist eine sehr bereichernde Kooperation. Ich habe viel gelernt und konnte z.B. Theorien zu internationalen Beziehungen gut für meine Dissertation verwenden.

Kommen wir zu einem unschönen Thema: Wie hat sich denn die Corona-Pandemie auf euer Projekt und eure Recherchen ausgewirkt?

Delia González de Reufels: Es ist wirklich bitter: Wir haben Reisemittel, die wir nicht verwenden können. Zurzeit ist vollkommen offen, wann wir wieder reisen dürfen. Und anders als viele Kolleg*innen hängen wir am gedruckten Wort: Wir müssen in die Bibliothek und in die Archive. Man kann sich zwar behelfen: Durch einen Kontakt in eine chilenische Bibliothek konnte ich etwas Material digitalisieren lassen und so an Quellen kommen. Aber das ist natürlich nur ein Ausschnitt und kann die eigene, wochenlange Archivarbeit nicht ersetzen. Denn man muss von der Ferne aus genau wissen, an welcher Stelle in welcher seriellen Publikation etwas Relevantes zu finden ist. Und man muss sich darauf verlassen, dass bei der Digitalisierung kein Fehler passiert und die Bestände vollständig sind.

Simon Gerards Iglesias: Zum Glück war ich vor zwei Jahren, gleich zu Beginnen meiner Dissertationsphase, in Argentinien und konnte dort Material sammeln. Seit Beginn der Pandemie im März 2020 hat die ILO nämlich niemand mehr in ihr Archiv gelassen, was schade ist und letztlich auch ein bisschen unverständlich. Das ist ein Riesenproblem. Wir haben so kaum ILO-Archivmaterial sichten können, nur solches, das bereits digitalisiert ist. Das ist zwar viel, aber darunter sind keine Korrespondenzen, Briefe und informelle Berichte. Dabei sind es gerade diese inoffiziellen Quellen, für die wir uns als Historiker*innen so interessieren. Und hoffen wir immer noch auf eine zeitnahe Öffnung, die eine Sichtung des Archivmaterials erlaubt.

Welche Veröffentlichungen sind trotz allem noch von euch zu erwarten in den nächsten Monaten?

Delia González de Reufels: Demnächst erscheint ein Working Paper, das die Ergebnisse meiner Forschungen und der von Mónika Contreras präsentiert und zur Diskussion stellt. Hier geht es um das Feld des Social Housing und wie sich das auf eine besondere Berufsgruppe auswirkt: die Carabineros de Chile. Das ist eine militarisierte und zentralisierte Polizeieinheit, die 1927 durch einen Zusammenschluss verschiedener anderer Polizeien entstanden und in ganz Chile präsent ist. Diese neue nationale Polizei war schnell in der Lage, dieses Gesetz zu nutzen, um sich als Arbeitgeber attraktiv zu machen und die Wohnungsmisere in Santiago für die Angehörigen der eigenen Einheit positiv zu wenden. Wohnen ist ja mehr als ein Ort der Unterbringung, es hat Auswirkungen auf das Familienleben, die Gesundheit, auf das soziale Gefüge. Außerdem habe ich noch zwei Aufsätze im in der Pipeline, für die ich auf Archivmaterial zurückgreifen kann, das ich vor Corona in Chile und der Conway Medical Library in Boston sammeln konnte.

Und als Teilprojekt sind wir an einem Band beteiligt, zu dessen Herausgeber*innen ich gehöre: Der Band hat das Ziel, die Breite und Dynamik der globalen sozialpolitischen Entwicklung in den Blick zu nehmen und wir sind dort auch mit eigenen Beiträgen beteiligt. Es hat Spaß gemacht, einige Ergebnisse unsere Arbeit in kurzer und prägnanter Form für unsere Länder zu präsentieren.

Simon, wann wirst du deine Promotion abschließen?

Simon Gerards Iglesias: Ich werde voraussichtlich im Spätsommer fertig. Die Veröffentlichung wird dann etwas später, d.h. nach dem Kolloquium erfolgen. Ich habe auch noch viel Material und Quellen, die ich bisher nicht gebraucht habe. Basierend darauf werde ich noch Artikel schreiben, aber das steht erst im zweiten Halbjahr an.


Kontakt:
Simon Gerards Iglesias
Prof. Dr. Delia González de Reufels
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In "Social Policy & Administration" haben 7 Teilprojekte des SFB 1342 Fallstudien sozialpolitischer Dynamiken im Globalen Süden vorgelegt. Deren Synthese zeigt: Das Konzept der kausalen Mechanismen ist gut geeignet, solche Entwicklungen zu analysieren.

Sieben Teilprojekte aus dem Projektbereich B des SFB 1342 haben eine Sonderausgabe von "Social Policy & Administration" veröffentlicht: Causal mechanisms in the analysis of transnational social policy dynamics: Evidence from the global south. Die zentrale Forschungsfrage, der die Autor*innen nachgehen, lautet: Welche kausalen Mechanismen können die transnationalen Dynamiken der Sozialpolitik im Globalen Süden erfassen?

Um Antworten auf diese Frage zu finden, präsentieren die Autor*innen vertiefende Fallstudien zu sozialpolitischen Dynamiken in verschiedenen Ländern und Regionen des Globalen Südens sowie in unterschiedlichen sozialpolitischen Feldern. Alle Beiträge konzentrieren sich auf das Zusammenspiel von nationalen und transnationalen Akteuren bei der Gestaltung von Sozialpolitik. (Die Beiträge dieser Special Issue sind unten aufgeführt.)

Die zentralen Erkenntnisse der Autorinnen und Autoren sind:

  • Erklärungen der Sozialpolitik im Globalen Süden bleiben unvollständig, wenn nicht auch transnationale Faktoren berücksichtigt werden
  • Dies bedeutet jedoch nicht, dass nationale Faktoren nicht mehr wichtig sind. Bei sozialpolitischen Entscheidungen sind nationale institutionelle Rahmenbedingungen und Akteure von zentraler Bedeutung
  • Die mechanismusbasierte Forschung kann das Zusammenspiel zwischen transnationalen und nationalen Akteuren und deren Einfluss auf die Gestaltung sozialpolitischer Ergebnisse plausibel nachzeichnen. Die Artikel identifizieren eine Vielzahl von Kausalmechanismen, die dieses Zusammenspiel erfassen können
  • Das Ergebnis sozialpolitischer Entscheidungen ist komplex und kann oft nicht durch einen einzigen Mechanismus erklärt werden. Die Untersuchung der Kombination und des möglichen Zusammenspiels mehrerer kausaler Mechanismen kann tiefer gehende Erklärungen liefern 
  • Das Konzept der Kausalmechanismen kann auch in vergleichenden Analysen angewendet werden
  • Mechanismen können induktiv in einem Fall aufgespürt und dann auf einen anderen Fall übertragen werden.


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Johanna Kuhlmann & Tobias ten Brink (2021). Causal mechanisms in the analysis of transnational social policy dynamics: Evidence from the global south. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12725

Armin Müller (2021). Bureaucratic conflict between transnational actor coalitions: The diffusion of British national vocational qualifications to China. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12689 

Johanna Kuhlmann & Frank Nullmeier (2021). A mechanism‐based approach to the comparison of national pension systems in Vietnam and Sri Lanka. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12691 

Kressen Thyen & Roy Karadag (2021). Between affordable welfare and affordable food: Internationalized food subsidy reforms in Egypt and Tunisia. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12710

Monika Ewa Kaminska, Ertila Druga, Liva Stupele & Ante Malinar (2021). Changing the healthcare financing paradigm: Domestic actors and international organizations in the agenda setting for diffusion of social health insurance in post‐communist Central and Eastern Europe. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12724

Gulnaz Isabekova & Heiko Pleines (2021). Integrating development aid into social policy: Lessons on cooperation and its challenges learned from the example of health care in Kyrgyzstan. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12669 

Anna Safuta (2021). When policy entrepreneurs fail: Explaining the failure of long‐term care reforms in Poland. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12714

Jakob Henninger & Friederike Römer (2021). Choose your battles: How civil society organisations choose context‐specific goals and activities to fight for immigrant welfare rights in Malaysia and Argentina. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12721


Kontakt:
Dr. Johanna Kuhlmann
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58574
E-Mail: johanna.kuhlmann@uni-bremen.de

Prof. Dr. Tobias ten Brink
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Research IV und China Global Center
Campus Ring 1
28759 Bremen
Tel.: +49 421 200-3382
E-Mail: t.tenbrink@jacobs-university.de

Teresa Huhle und Johanna Kuhlmann berichten im Interview von einem 6-tägigen Seminar zu Sozialpolitik im Globalen Süden, das sie während der Frühjahrsakademie der Studienstiftung des deutschen Volkes geleitet haben.

Die SFB-Mitglieder Teresa Huhle und Johanna Kuhlmann haben vom 20. bis 25. März 2021 eine Arbeitsgruppe der Frühjahrsakademie der Studienstiftung des deutschen Volkes geleitet. An dem sechstägigen Seminar zum Thema „Sozialpolitik im Globalen Süden – Ein interdisziplinärer Perspektivwechsel“ haben 13 Studierende aus unterschiedlichen Disziplinen teilgenommen. Im Interview erzählen Huhle und Kuhlmann, wie die Akademie gelaufen ist.

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Wer war zu der Akademie zugelassen?

Johanna Kuhlmann: An der Akademie konnten Stipendiat*innen der Studienstiftung teilnehmen, die eher am Beginn ihres Studiums sind. Wir hatten 13 Studierende vom ersten bis zum sechsten Semester.

Teresa Huhle: Der Zugang war auf keine Disziplin beschränkt. So hatten wir dann einen bunten Mix: ungefähr die Hälfte kam aus den Sozialwissenschaften, dazu kam eine Historikerin. Die anderen studieren Jura, VWL, Medizin, Physik und Philosophie.

Wie war euer Seminar konzipiert?

Huhle: Wir hatten fünf inhaltliche Arbeitstage – nach einem Einführungstag stand jeder Tag unter einem thematischen Schwerpunkt: koloniale Sozialpolitik, Internationale Organisationen, Entwicklungspolitik als Sozialpolitik und schließlich Propaganda und Verhaltenspolitik. Tag sechs war einem Rückblick und der Vorbereitung einer Präsentation für den gemeinsamen Abschlussabend der Akademie gewidmet. Zur Vorbereitung hatten die Teilnehmer*innen pro Tag zwei bis drei Texte zu lesen. Aber die einzelnen Tage haben wir dann variabel gestaltet und die Themen in sehr unterschiedlichen Formaten bearbeitet.

Kuhlmann: Gerade auch mit Blick auf das digitale Format wollten wir die Teilnehmer*innen aktivieren. Das hat auch gut geklappt. Zwei Dinge als Beispiel: Wir haben eine Plenardebatte gemacht zu Sozialpolitik als Entwicklungspolitik, in der sich die Teilnehmer*innen in einer Art Rollenspiel in verschiedene Charaktere hineinversetzt haben. Ein anderes Mal haben wir eine sozialpolitische Maßnahme im Detail diskutiert: Welche Gründe und Argumente kann man für oder auch gegen die Einführung eines bestimmten Programms anführen und wovon hängt letztlich die Entscheidung ab.

Huhle: Am Tag zu Propaganda ging es in einem Text um Gesundheitsfilme, die 1943/1944 von Disney in den USA für Lateinamerika produziert worden waren. Einen der Filme konnten wir uns gemeinsam anschauen und haben ihn anschließend diskutiert. Bei den Formaten haben wir auf Abwechslung geachtet. Das hat gut funktioniert – die Studierenden waren alle sehr motiviert und hatten Lust, in Gruppen zu arbeiten und zu diskutieren.

Anhand welcher Kriterien hattet ihr die Texte ausgewählt, die als Grundlage für jeden Tag dienten?

Kuhlmann: Weil wir den historischen und politikwissenschaftlichen Zugang kombinieren wollten, mussten wir Texte finden, die zueinander sprechen – sei es, weil sie sich ergänzen oder auch widersprechen. Uns war auch die Zugänglichkeit der Texte wichtig. Wir hatten ja auch fachfremde Studierende im Seminar. Dass diese überfordert sein könnten, war aber eine unbegründete Sorge.

In dem Seminar ging es euch um einen Perspektivwechsel – bezog sich das auf die Perspektive Nord-Süd oder auf die fachliche Perspektive?

Huhle: Wir haben das bei der Ankündigung des Programms eher von den Fachdisziplinen her gedacht. Aber wir haben schnell gemerkt: Was die Studierenden angezogen hat, war nicht die sozialpolitische oder historische Perspektive, sondern die Kategorie "Globaler Süden". Alle hatten Interesse an Fragen von globaler Ungleichheit, kolonialen Strukturen und deren Fortwirken usw. Viele waren auch schon länger im Ausland, u. a. im Freiwilligendienst. Erfreulicherweise haben aber zum Abschluss einige gesagt, dass es für sie besonders interessant war, Einblicke in unsere geschichts- und politikwissenschaftliche Arbeitsweise zu bekommen.

Ihr hattet Teilnehmer*innen aus einer Reihe unterschiedlicher Fächer – die Spanne reichte von Physik über Philosophie bis Jura – konnten diese trotzdem miteinander, in einer "gemeinsamen Sprache" sprechen?

Kuhlmann: Ja, das hat erstaunlich gut geklappt. Wir haben meistens gar nicht gemerkt, wer welches Fach studiert.

Huhle: Der Physikstudent hat uns einmal darum gebeten, Fachbegriffe nicht einfach zu verwenden, ohne sie zu erklären. Sonst gab es keinen Moment, in dem die Fächerzugehörigkeit zur Sprache kam. Das lag sicher daran, dass alle sehr motiviert und interessiert waren. Aber vielleicht spielt auch eine Rolle, dass die Schulzeit der Teilnehmer*innen noch nicht lange zurückliegt. Sie kommen ja gerade erst aus einem System, in dem es völlig selbstverständlich ist, sich mit ganz unterschiedlichen Themen zu beschäftigen.

Was habt ihr als Seminarleiterinnen aus dem Kurs gelernt, was nehmt ihr mit?

Kuhlmann: Im Seminar haben Studierende aus ganz verschiedenen Fächern Gedanken aus ihren Perspektiven eingebracht. Das hat mich inhaltlich besonders angesprochen: Dadurch habe ich über Fragen nicht nur aus historischer oder politikwissenschaftlicher Perspektive nachgedacht, sondern zum Beispiel auch aus volkswirtschaftlicher oder juristischer.

Huhle: Das Seminar war sehr intensiv und hat für alle sehr viele Denkanstöße geliefert. Das würde ich sehr gern wieder machen. Und ganz pragmatisch: Es war eine tolle Übung für die Online-Lehre, wir konnten ganz verschiedene Dinge ausprobieren. Präsenz kann natürlich nicht ersetzen werden, aber es ist trotzdem gelungen, über die Woche ein Gruppengefühl herzustellen. Ich habe das Gefühl, ich habe im Laufe der Woche 13 Menschen tatsächlich kennengelernt. Und das finde ich sehr schön.


Kontakt:
Dr. Teresa Huhle
Dr. Johanna Kuhlmann
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
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E-Mail: johanna.kuhlmann@uni-bremen.de

Öktem hat an der Bilkent-Universität in Ankara zur Entstehung von Wohlfahrtssystemen im Globalem Süden promoviert. Im Interview spricht er über seine akademische Laufbahn und erklärt seine Rolle im SFB.

Lieber Kerem, du bist vor einigen Wochen an die Uni Bremen gewechselt und arbeitest nun auch im SFB –Teilprojekt B01 – herzlich willkommen! Welchen Themen und Aufgaben wirst du dich in den nächsten Monaten widmen?

Kerem Öktem: Als Mitarbeiter im Teilprojekt zu „Mechanismen der Verbreitung von Sozialpolitik“ werde ich mir insbesondere die Entwicklung der türkischen Sozialpolitik anschauen. Ein besonderes Augenmerk meiner Arbeit wird darauf liegen, zu verstehen, welche kausalen Mechanismen bei der Einführung und Entwicklung der Arbeitslosigkeitsversicherung in der Türkei eine Rolle gespielt haben.

Nach deinem Studium in Bayreuth bist du an die Bilkent-Universität in Ankara gewechselt. Was waren deine Gründe, dort zu promovieren?

Bereits während meines Studiums in Bayreuth bin ich für ein Auslandspraktikum bei der türkischen Menschenrechtsstiftung (TIHV) und für ein Auslandssemester an der Middle East Technical University (METU/ODTÜ) in Ankara gewesen. Aus privaten Gründen war es für mich naheliegend, in Ankara zu bleiben und so entschied ich mich, an der Bilkent Universität zu promovieren.

Es gibt wahrscheinlich kaum eine Phase in der Laufbahn eines Wissenschaftlers, in der man sich derart intensiv mit einem Thema beschäftigen kann wie während der Promotionszeit. Deine Dissertation trägt den Titel: "Pathways to universal social security in lower income countries: explaining the emergence of welfare states in the developing world". Was war aus deiner Sicht die wichtigste Erkenntnis, die du dabei gewonnen hast?

Meine Dissertation widmet sich der Frage, unter welchen Umständen relativ arme Länder eine so umfassende Sozialpolitik entwickeln, dass man sie in gewisser Weise als Sozialstaaten beschreiben kann. Was mich dabei besonders überrascht hat, war, dass Sozialpolitik in sehr verschiedenen Kontexten, von Regierungen und Regimes sehr unterschiedlicher Art ausgebaut wurde. Zwei der Fälle, die ich mir im Detail angeschaut habe, waren Brasilien und Südafrika. Hier hat sich beispielsweise gezeigt, dass in Brasilien nicht nur die demokratischen mitte-links Regierungen der 2000er-Jahre, sondern bereits das rechte Militärregime von 1964 bis 1985, und in Südafrika nicht nur die vom African National Congress (ANC) gebildeten Regierungen der post-Apartheid-Ära, sondern bereits Regierungen während der Apartheid-Zeit Sozialpolitik aus sehr eigenen Motiven heraus ausgebaut haben.

2017 bist du an die Uni Bielefeld gewechselt und hast im Projekt "How 'Social' Is Turkey"? gearbeitet. Kann man darauf eine Antwort geben – wie sozial ist die Türkei?

Die Frage "wie 'sozial' ist die Türkei?" in dem Projekttitel bezog sich auf unseren Versuch, zu verstehen, inwiefern in der Türkei eine Sozialpolitik entstanden ist, die europäischen Sozialstaaten ähnlich ist. Dabei haben wir herausgefunden, dass in den letzten Jahrzehnten die wichtigsten Sozialpolitikprogramme, die den modernen Sozialstaat ausmachen, wie z.B. eine Altersrente oder eine Krankenversicherung, in der Türkei eingeführt und nach und nach auf einen Großteil der Bevölkerung ausgedehnt wurden. Insofern ist die Türkei inzwischen den europäischen Sozialstaaten recht ähnlich. Wenn man sich allerdings die Details der Programme anschaut, sieht man, dass weiterhin Unterschiede bestehen. So fehlt z.B. ein Rechtsanspruch auf materielle Grundsicherung, wie er in Deutschland besteht. Wenn man den Kontext weiter fasst und den europäischen Sozialstaat im demokratischen Rechtsstaat eingebettet sieht, wird der Vergleich natürlich noch schwerer.

Wird die Türkei ein Schwerpunkt deiner wissenschaftlichen Arbeit bleiben oder verschiebt sich dein Interesse in eine andere Region?

Die Erforschung der türkischen Sozialpolitik aus vergleichender Perspektive wird weiterhin ein Schwerpunkt meiner Arbeit bleiben. Allerdings möchte ich mich auch wieder verstärkt anderen Ländern zuwenden. Sofern mir die Zeit dafür bleibt, werde ich mir beispielsweise die sozialpolitischen Entwicklungen in Indien, die in der internationalen Forschung erstaunlich wenig diskutiert werden, anschauen.


Kontakt:
Dr. Kerem Gabriel Öktem
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
E-Mail: oektem@uni-bremen.de

Prof. Dr. Frank Nullmeier
Prof. Dr. Frank Nullmeier
Frank Nullmeier diskutiert in einem Aufsatz den Begriff der Freiheit in Zeiten der Pandemie. Er plädiert dafür, den Infektionsschutz zu reformieren und dann als sozialpolitisches Instrument zu begreifen, das Freiheit erst ermöglicht.

Während der Pandemie greifen die Infektionsschutzmaßnahmen von Regierungen und Verwaltungen in die alltäglichen Aktivitäten der Bürgerinnen und Bürger ein. Diese Maßnahmen werden von manchen als Verletzung der Freiheit des Einzelnen wie auch der Gesellschaft kritisiert. Doch ein solcher Freiheitsbegriff sei im Kontext einer Pandemie nicht angemessen, argumentiert Frank Nullmeier. Es sei in erster Linie die Pandemie, die die Freiheit verletze. Wir müssten ein Konzept der sozialstaatlich geprägten Freiheit entwickeln, das es erlaube, staatliche Eingriffe zunächst als Reaktion auf einen Zustand der Unfreiheit zu verstehen.

Historisch gesehen, schreibt Nullmeier, sei der öffentliche Infektionsschutz in der Polizeiarbeit verwurzelt, und die Denkmuster des Sozialrechts und des Sozialstaats seien hier nicht fest integriert. Frank Nullmeier plädiert daher dafür, den Infektionsschutz zu reformieren und ihm einen sozialpolitischen Charakter zu geben, ähnlich wie bei der Regulierung von Arbeitsverhältnissen (z.B. Arbeitsschutz). Angemessene Formen des Regierens, die auch eine institutionelle Umstrukturierung der Infektionsbekämpfungspolitik implizieren, müssten auf einem sozialstaatlich ausgerichteten Konzept von Freiheit beruhen, dass sich an sozialer Freiheit orientiert. 

Frank Nullmeiers gesamter Aufsatz auf dem Theorie-Blog: Covid-19-Pandemie und soziale Freiheit


Kontakt:
Prof. Dr. Frank Nullmeier
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