News aus dem Teilprojekt A01


On Wednesday, December 13, Gabriella Skitalinska successfully defended her PhD thesis titled "Learning to Improve Arguments: Automated Claim Quality Assessment and Optimization".

Being a member of both the former A01, now INF project and working in the field of Natural Language Processing (NLP), Gabriella obtained her PhD from the Faculty of Mathematics/Computer Science (FB 03) with a "summa cum laude". In her research, Gabriella looked at the possibilities to automatically assess argument quality and recommend improvements which may inform downstream applications like writing assistants.

On Wednesday, December 13, Gabriella Skitalinska successfully defended her PhD thesis titled "Learning to Improve Arguments: Automated Claim Quality Assessment and Optimization". In her thesis, she explores the following research question: What makes a good argument and how can we computationally model this knowledge to develop tools supporting individuals in improving their arguments? To do so, she suggests using human revisions of argumentative texts as a basis to understand and model quality characteristics of arguments. In her first paper (Skitalinskaya and Wachmsuth (2023)), she summarized the main challenges of performing argument quality assessments using revision-based corpora covering issues related to the representativeness and reliability of data, topical bias in revision behaviors, appropriate model complexities and architectures, and the need for context when judging argumentative text. As part of her second paper (Skitalinskaya et al. (2021)), she describes how revision histories of argumentative texts can be used to analyze and compare the quality of argumentative texts. Finally, as part of the third paper (Skitalinskaya et al. (2023)), she works towards not only being able to automatically assess but also to optimize argumentative text. Here, she presents an approach that generates multiple candidate optimizations of an argumentative text and then identifies the best one using quality-based reranking.

Beyond her research, Gabriella was actively involved in co-creating WeSIS right from the beginning of the CRC, and took responsibility for implementing many of the systems nowadays features. Together with further A01 members she organized the co-creation process which led to the first prototype successfully reviewed for the second funding phase. Later, she continued both her research and her work on WeSIS in the INF project before joining the working group on NLP of Henning Wachsmuth at the Institute of Artificial Intelligence, Leibniz University Hannover.

For more results of Gabriella’s research, access her publications here.

Contact: Gabriella Skitalinska (g.skitalinska@ai.uni-hannover.de)


Kontakt:
Prof. Dr. Andreas Breiter
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
E-Mail: abreiter@ifib.de

EPSA XIII 2023, Glasgow

Auf der 13. Jahreskonferenz der European Political Science Association (EPSA) Ende Juni 2023 in Glasgow stellten Dr. Nils Düpont und Hannes Salzmann ihr aktuelles Paper „The Unforced Force of the Better Argument? Computationally Assessing Arguments in Parliamentary Debates” vor. Gemeinsam mit Gabriella Skitalinska und Prof. Dr. Henning Wachsmuth vom Institut für Künstliche Intelligenz der Leibniz Universität Hannover arbeiten die beiden SFB-Kollegen aus dem INF-Projekt aktuell an der Fertigstellung der Arbeit.

Ihr Artikel befasst sich mit der Analyse von Parlamentsreden hinsichtlich der Menge und der Qualität von Argumenten. Durch die Verwendung einer Kombination von manuellen Annotationen, maschinellem Lernen und vortrainierten Modellen erhoffen sie sich Aufschluss über die Entwicklung von Argumentsqualität über Zeit und die Verbindung zu weiteren Parteifaktoren wie Regierungs- oder Oppositionszugehörigkeit, inhaltliche Positionen oder Status des/der Sprechenden.

Die EPSA zählt mit etwa 1.900 Teilnehmenden im Jahr 2023 zu den größten politikwissenschaftlichen Konferenzen in Europa. Im Panel „Qualities of Parliamentary Speech“ diskutierten die Anwesenden das Paper, das von Prof. Dr. Kenneth Benoit von der London School of Economics kommentiert wurde. Darüber hinaus übernahm Dr. Nils Düpont den Vorsitz und die Diskussionsleitung des Panels „Intra-Party Politics and Position-taking“.

Zuvor hatte Hannes Salzmann die Möglichkeit, ihre Arbeit auf der diesjährigen COMPTEXT-Konferenz im Mai 2023 – ebenfalls in Glasow – vorzustellen und dort Feedback aus dem fachspezifischen 80-köpfigen Kolleg:innen-Kreis zu erhalten.

Die Beschäftigung und der Austausch mit Kolleg:innen über die neuesten Methoden und Ansätze der quantitativen Textanalyse kommt nicht nur den Forschenden, sondern auch dem INF-Projekt zugute. Nach der Fertigstellung und Veröffentlichung des Papers könnten Daten zur durchschnittlichen Argumentsqualität von Regierung und Opposition beispielsweise auch in WeSIS eingefügt werden, um weiteren Aufschluss über die Entstehung von Sozialpolitik zu ermöglichen.


Kontakt:
Dr. Nils Düpont
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57060
E-Mail: duepont@uni-bremen.de

Hannes Salzmann
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57061
E-Mail: h.salzmann@uni-bremen.de

Fälle aus Indien, Nepal und Sierra Leone

Frau Dr. Elena Samonova vom Institut für Geographie der Universität Bremen präsentierte am 28.06.2023 ihre Forschungen zu menschenrechtsbasierten Ansätzen in der Bildungs- und Sozialpolitik.

Anhand ihrer empirischen Feldarbeiten in Indien, Nepal und Sierra Leone zeigte Elena Samonova die Möglichkeiten und Grenzen des Menschenrechtsdiskurses in den Bereich der Sozialpolitik auf. Durch die Festlegung international vereinbarter Normen bieten menschenrechtsbezogene Ansätze eine tragfähigere Grundlage für die Bürgerinnen und Bürger, Ansprüche an ihre Staaten zu stellen und die Staaten in die Pflicht zu nehmen, den Zugang zur Wahrnehmung ihrer sozialen, wirtschaftlichen und politischen Rechte zur Verantwortung zu verbessern.

In ihrem Vortrag argumentierte Elena Samonova, dass die Menschenrechte ein vielstimmiger Diskurs sind, der als polyphones Gebilde verstanden werden sollte, das aus verschiedenen Bedeutungen und Interpretationen besteht. Anhand einer Fallstudie über landwirtschaftliche Zwangsarbeit in Indien und Nepal zeigte sie das Potenzial des Menschenrechtsdiskurses auf, das den Zwangsarbeitern hilft, ihre Handlungsfähigkeit wiederzuerlangen und den Glauben an ihre eigene Menschenwürde wiederherzustellen. Im Kontext struktureller Unterdrückung und systematischer Benachteiligung können sich solche Prozesse positiv auf das Selbstbild auswirken, die Angst, sich der Unterdrückung zu widersetzen, verringern und die in Schuldknechtschaft stehenden Zwangsarbeiter motivieren, ihre Stimme gegen Ungerechtigkeiten zu erheben und nach geeigneten Methoden des Widerstands zu suchen. Es bleibt zwar unklar, ob diese Veränderungen in der Wahrnehmung zur vollständigen Abschaffung der Praxis führen werden, aber dieser Fall hat deutlich gezeigt, dass der Menschenrechtsdiskurs als Instrument zur Stärkung des Widerstands gegen Ungerechtigkeiten an der Basis beitragen kann.

Andererseits zeigte die zweite Fallstudie aus Sierra Leone, dass lokale Interpretationen der Menschenrechte nicht immer ein befreiendes Potenzial haben. Am Beispiel des Rechts auf Bildung argumentierte Elena Samonova, dass der Menschenrechtsdiskurs in Sierra Leone dazu benutzt wird, neoliberale Ansätze in den Bereichen Bildung und Sozialschutz zu rechtfertigen. Darüber hinaus hat ihre Studie die kulturellen und sozialen Spannungen aufgezeigt, die mit einer Berufung auf die Menschenrechte an der Basis verbunden sind. Diese Spannungen hängen mit traditionellen sozialen Hierarchien und einer individualistischen Auslegung der Rechte zusammen, die unter den Menschen in ländlichen Gebieten Sierra Leones weit verbreitet ist und häufig von der Rhetorik der Regierung und großer Geberorganisationen wie der Weltbank unterstützt wird.

Somit wurden das bedeutende Potenzial der Menschenrechte als wirksame Instrumente gegen Armut und Diskriminierung aufgezeigt, aber auch die Herausforderungen herausgearbeitet, die mit der Einführung des Menschenrechtsdiskurses innerhalb der Sozialpolitik verbunden sind.

 

Publikationen

Samonova, Elena. (2022). Human Rights Through the Eyes of Bonded Labourers in India. Journal of Modern Slavery: A Multidisciplinary Exploration of Human Trafficking Solutions, 7(2): 82-96.

Samonova, Elena et al. (2021). “An Empty Bag Cannot Stay Upright: The costs of “free” primary education in Sierra Leone”. International Journal of Educational Development 87: 102500.

Samonova, Elena et al. (2022). Picturing Dangers: Children’s Concepts of Safety and Risks in Rural Sierra Leone. Children and Society 37: 906–924.


Kontakt:
Prof. Dr. Ivo Mossig
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49-421-218 67410
E-Mail: mossig@uni-bremen.de

Welche Sozialpolitiken verfolgten Ost- und Westeuropa im Kalten Krieg? Welchen Einfluss hatte die Systemkonkurrenz? Wie verlief die Transformationsphase ab 1989? Diesen Fragen widmete sich die 4. Hermann-Weber-Konferenz in Berlin.

Für den Westen stellte der kommunistische Sozialstaat eine zentrale Herausforderung im Wettbewerb der Systeme dar. Im Wettbewerb der Systeme sollte auch die sozialpolitische Überlegenheit demonstriert werden. Das Ende des Kalten Krieges und der Wegfall des Legitimationsdrucks gegenüber dem jeweils anderen System wiederum waren Gründe für die Sozialstaatsreformen in den 1990er- und 2000er-Jahren in Ost und West, die auf der Konferenz ebenfalls diskutiert wurden.

Vom SFB 1342 nahmen sechs Wissenschaftler:innen teil:

  • Herbert Obinger erläuterte die Grundlagen des Verhältnisses von Kaltem Krieg, Kommunismus und Sozialpolitik
  • Carina Schmitt und Maria Ignatova-Pfarr hielten einen Vortrag über die Rentenpolitik Bulgariens während des Kalten Krieges
  • Delia González des Reufels hielt einen Vortrag zu der Sozialpolitik der letzten chilenischen Militärdiktatur im Kalten Krieg
  • Cornalius Torp hielt einen  Vortrag zur Rentenpolitik in Ost- und Westdeutschland im Kalten Krieg
  • Lukas Grawe hielt einen Vortrag zur Legitimation pronatalistischer Familienpolitik in der DDR.


Die 4. Hermann-Weber-Konferenz fand vom 8. Bis 10. Juni 2022 in Berlin statt. Veranstalter waren die vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderte Nachwuchsgruppe „Der ‚aktivierende Sozialstaat‘ – eine Politik- und Gesellschaftsgeschichte deutscher Sozialpolitik, 1979–2017“ am SOCIUM der Universität Bremen und das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Gefördert wurde die Konferenz durch die Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung.


Kontakt:
Prof. Dr. Delia González de Reufels
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Geschichtswissenschaft / FB 08
Universitäts-Boulevard 13
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67200
E-Mail: dgr@uni-bremen.de

Dr. Lukas Grawe
Maria Ignatova-Pfarr
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57057
E-Mail: ignatova@uni-bremen.de

Prof. Dr. Herbert Obinger
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58567
E-Mail: herbert.obinger@uni-bremen.de

Prof. Dr. Carina Schmitt
Feldkirchenstraße 21
96045 Bamberg
Tel.: 0951-863 2734
E-Mail: carina.schmitt@uni-bamberg.de

Prof. Dr. Cornelius Torp
Michael Lischka
Michael Lischka
In seiner Monographie analysiert der Geograph die Dynamiken zwischenstaatlicher Exportbeziehungen zwischen 1995 und 2018. Lischka weist dabei neben einem Hauptkern der größten Volkswirtschaften Subzentren im Globalen Süden nach.

Michael Lischkas Arbeit trägt den Titel "Dynamiken Transnationaler Interdependenzen – Veränderungen der Integration von Nationalstaaten im globalen Exportnetzwerk zwischen 1995 und 2018 und deren Bedeutung als politisches Machtpotenzial". Lischka hat darin die Veränderungen relevanter zwischenstaatlicher Exportverflechtungen untersucht.

In seiner makroquantitativen Arbeit vereint Lischka wirtschaftsgeographische und politikwissenschaftliche Ansätze. Dadurch werden zwischenstaatliche Interdependenzen als grenzüberschreitende Flüsse von besonderer gegenseitiger Bedeutung operationalisiert. Das ermöglicht eine relationale Perspektive auf zwischenstaatliche Verflechtungen, wodurch diese mit Methoden der Sozialen Netzwerkanalyse erfasst und analysiert werden.

Zentrale Ergebnisse der Arbeit sind:

  • Das globale Interdependenzniveau ist seit 1995 bis 2018 stetig angewachsen.
  • Das heutige Exportnetzwerk zeigt einen importstarken Kern und eine importschwache Peripherie, wenn der Ähnlichkeitsaspekt ‚Bedeutung als Absatzmarkt‘ allein betrachtet wird. Der Kern besteht vorwiegend aus den etablierten Industriestaaten und aufstrebenden Schwellenländern. Der Peripherie gehören vermehrt Staaten mit geringer ausfallenden volkswirtschaftlichen Kenngrößen an.
  • Die Kern-Peripherie-Dichotomie basiert auf hochgradig unterschiedlichen Entwicklungsverläufen der Nationalstaaten untereinander.
  • Fokussiert man anstelle volkswirtschaftlicher Ähnlichkeitsmaße die Verflechtungsstrukturen der Staaten untereinander, zeigt sich eine räumlich differenzierte Mehr-Kern-Struktur, bestehend aus einem Hauptkern der größten Volkswirtschaften und einer heterogenen Peripherie mit unterschiedlichen Ländergruppen, die jeweils Zentren mit besonderer lokaler Dichte bilden, also stärker untereinander verbunden sind als mit dem Kern.
  • Die Mehrkern-Struktur spricht einerseits für ein bestehendes ökonomisches Nord-Süd-Gefälle in der Weltwirtschaft. Andererseits hebt sie die Bedeutung von Süd-Süd-Verflechtungen hervor und ermöglicht somit eine Perspektive jenseits der populären Kern-Peripherie-Dichotomie.
  • Mainstream-Außenhandelstheorien können das Zustandekommen von ökonomischen Interdependenzen nicht hinreichend erklären, da sie nur den monetären Output der komplexen Verflechtungsstrukturen fokussieren, und nicht die Verflechtungen an sich. Diese zeigen sich eindrücklich in der vorliegenden Netzwerkanalyse.

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Abbildung: Netzwerk aus überdurchschnittlichen reziproken Exportverbindungen, die über 24 Jahre (1995-2018) hinweg konstant sind.


Der Prüfungskommission gehörten an: Ivo Mossig, Michael Flitner, Herbert Obinger, Julia Lossau, Gabriela Carolina Molina León, Daniel Schuster.


Kontakt:
Michael Lischka
In einem gemeinsamen, bei Palgrave Macmillan erschienenen Sammelband untersuchen die quantitativen Projekte des SFB 1342, ob und wie die globale Verbreitung einer Vielzahl von sozialpolitischen Programmen über verschiedene Netzwerkdimensionen erfolgt.

"Networks and Geographies of Global Social Policy Diffusion. Culture, Economy and Colonial Legacies", herausgegeben von Michael Windzio, Ivo Mossig, Fabian Besche-Truthe und Helen Seitzer, ist der sechste Band des SFB 1342 in der Reihe Global Dynamics of Social Policy, die bei Palgrave Macmillan erscheint. Auf 272 Seiten analysieren die Autor*innen die Einführung eines breiten Spektrums sozialpolitischer Programme - Arbeitsunfallversicherung, Schulpflicht, Erwachsenengrundbildung, öffentliche Gesundheitsversorgung, öffentliche Langzeitpflege, Familienpolitik und Antidiskriminierungsgesetzgebung. Sie verwenden Daten, die bis ins Jahr 1880 zurückreichen, und suchen nach dem Einfluss globaler Netzwerke auf die Verbreitung dieser Politiken. In dieser Perspektive werden Netzwerke des globalen Handels, der Kolonialgeschichte, der kulturellen Ähnlichkeit und der räumlichen Nähe als "Kanal-Strukturen" oder strukturelles Rückgrat des Diffusionsprozesses betrachtet.

Die Gesamtergebnisse zeigen, dass die Bedeutung internationaler Verflechtungen, die durch verschiedene Netzwerktypen erfasst werden, in den untersuchten Sozialpolitiken nicht homogen ist. "Die Ergebnisse legen nahe, dass räumliche Nähe in dieser Hinsicht der wichtigste Netzwerk-Faktor ist", schreiben Carina Schmitt und Herbert Obinger in ihrer Zusammenfassung des Buches. "Räumliche Nähe impliziert starke internationale Verflechtungen in vielerlei Hinsicht, wie grenzüberschreitende Migration, kulturelle Bindungen und Handelsbeziehungen. Darüber hinaus sind alle diese Verflechtungen ein Indiz für eine intensive grenzüberschreitende Kommunikation, die weithin als Hauptvoraussetzung für die Verbreitung politischer Maßnahmen angesehen wird." Interessanterweise wurden weder koloniale Bindungen noch Handelsbeziehungen als wichtige Erklärungsfaktoren identifiziert.

In allen Kapiteln dieses Buches wurden auch die wichtigsten innerstaatlichen Faktoren untersucht, die zur Einführung der jeweiligen sozialpolitischen Programme beigetragen haben, denn nur das Zusammenspiel von internationalen Verflechtungen und nationalen Faktoren erklärt die Einführung und Verbreitung von sozialpolitischen Maßnahmen.

Nachfolgend finden Sie eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse für die einzelnen sozialpolitischen Programme

Arbeitsunfall-Programme

Nate Breznau und Felix Lanver haben Staatsbildungs- und Demokratisierungsprozesse als zentrale Antriebsfaktoren für die Einführung von Arbeitsunfallprogrammen identifiziert. Räumliche Nähe und Handelsbeziehungen haben ebenfalls einen positiven, aber geringeren Effekt.

Schulpflichtige Bildung

Helen Seitzer, Fabian Besche-Truthe und Michael Windzio fanden heraus, dass das Netzwerk kultureller Ähnlichkeit bei der Verbreitung der Schulpflicht durchweg von Bedeutung war. Koloniale Einflüsse und Handelsnetzwerke hingegen zeigten keine signifikanten Ergebnisse. "Die Forschung zur Verbreitung von Bildungspolitik sollte wirtschaftliche Faktoren nicht ignorieren", schreiben die Autoren, "sondern neben den 'üblichen Verdächtigen' auch kulturelle Faktoren einbeziehen."

Grundbildung für Erwachsene

Kulturelle Ähnlichkeit hat im Fall von Grundbildung keinen robusten Einfluss, schreibt Fabian Besche-Truthe. "Alle Ergebnisse lassen mich an einen Diffusionsprozess glauben, der zwar nicht völlig erratisch ist, aber auch nicht durch Interdependenzen zwischen den Ländern strukturiert ist", interpretiert er seine Daten.

Gesundheitssysteme

Handelsnetzwerke können die Politikdiffusion in diesem Fall nicht erklären, stellen Alexander Polte, Sebastian Haunss, Achim Schmid, Gabriela de Carvalho und Heinz Rothgang fest. Auch die Verbindungen, die durch kulturelle Ähnlichkeit und koloniale Bindungen entstehen, bieten keine universelle Erklärung für die Einführung von Gesundheitssystemen. "Basierend auf unserem Wissen über Gesundheitssysteme auf der ganzen Welt gehen wir vielmehr davon aus, dass eher die Art als der Zeitpunkt der Systemeinführung durch transnationale Politikdiffusionsnetzwerke beeinflusst wird", schreibt das Autorenteam. Die Einführung von Gesundheitssystemen fand vor allem in wirtschaftlich wohlhabenden Ländern vor dem Zweiten Weltkrieg statt, der Effekt des BIP nimmt in den nachfolgenden Perioden ab. Darüber hinaus sinkt der Effekt der räumlichen Nähe im Laufe der Zeit, während der Effekt von Handelsnetzwerken zuzunehmen scheint.

Langzeitpflegesysteme

Johanna Fischer, Alexander Polte und Meika Sternkopf haben mehrere Faktoren identifiziert, die die Einführung von Langzeitpflegesystemen begünstigen, wobei sie feststellten, dass wir uns in diesem Bereich der Sozialpolitik noch in der frühen Phase der Verbreitung befinden. Abgesehen von der geografischen Nähe scheint es keine horizontale Diffusion über Netzwerke zu geben. Vielmehr hängt die Einführung von Langzeitpflegesystemen vom Problemdruck (Bevölkerung 75+), der politischen Stellung der Frau, dem Pro-Kopf-BIP und dem Grad der Demokratisierung ab.

Familienpolitik

Der bezahlte Mutterschaftsurlaub ist ein Paradebeispiel für die Agenda-Setting-Macht der ILO. Tobias Böger, Keonhi Son und Simone Tonelli haben herausgefunden, dass koloniale und andere imperiale Beziehungen eine wichtige Rolle bei der Entstehung anderer familienpolitischer Maßnahmen außerhalb Westeuropas spielen, z. B. bei der Einführung von Kinderbetreuungseinrichtungen am Arbeitsplatz. Die Einführung von Familienbeihilfen wie z.B. das Kindergeld wird durch niedrige Fruchtbarkeitsraten gefördert. 

Antidiskriminierungsgesetze in Beschäftigung und Beruf

Mit Ausnahme des Netzwerks der geografischen Nähe spielen die von Jenny Hahs untersuchten Netzwerke keine bedeutende Rolle als Verbreitungsweg. "Der Einfluss der ILO-Mitgliedschaft verlangsamt die Wirkung der Ratifizierung eher, als dass er sie unterstützt", folgert Hahs. "Überraschenderweise ist der Einfluss des nationalen De-jure-Status von Antidiskriminierungsrechten völlig irrelevant. Dies spricht für eine Entkopplung von transnationaler und nationaler Regulierung im Bereich der Antidiskriminierungsrechte."

Antidiskriminierungsvorschriften am Arbeitsplatz für die LGBTQ+-Gemeinschaft

Innerstaatliche Faktoren, vor allem der Demokratisierungsindex und der Gleichstellungsindex, haben einen sehr starken positiven Einfluss auf die Einführung von Antidiskriminierungsvorschriften, schreibt Helen Seitzer in ihrem Beitrag. "Das interessanteste Ergebnis der Analyse ist der negative Effekt des Netzwerks der kulturellen Sphären. Länder mit gemeinsamen kulturellen Merkmalen rufen keine Übertragungen hervor, im Gegenteil, sie verlangsamen die Verbreitung. Allerdings könnte dies nur für einige Länder der Fall sein."

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Windzio, Michael; Mossig, Ivo; Besche-Truthe, Fabian; Seitzer, Helen (Hg.), 2022: Networks and Geographies of Global Social Policy Diffusion. Culture, Economy and Colonial Legacies, Global Dynamics of Social Policy, Cham: Palgrave Macmillan, doi:10.1007%2F978-3-030-83403-6


Kontakt:
Dr. Fabian Besche-Truthe
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57066
E-Mail: fbesche@uni-bremen.de

Prof. Dr. Ivo Mossig
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49-421-218 67410
E-Mail: mossig@uni-bremen.de

Dr. Helen Seitzer
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57065
E-Mail: seitzer@uni-bremen.de

Prof. Dr. Michael Windzio
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 9
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58629
E-Mail: mwindzio@uni-bremen.de

Netzwerk des globalen Wettbewerbs in Exportmärkten
Netzwerk des globalen Wettbewerbs in Exportmärkten
Ivo Mossig, Hendrik Heuer, Michael Lischka und Fabian Besche-Truthe haben zwei neue Indikatoren entwickelt, um den Zusammenhang von Wettbewerb und Sozialpolitik besser untersuchen zu können. Die dazugehörigen Datensätze umfassen jährliche Verflechtungsang

Die SFB-Mitglieder Ivo Mossig, Hendrik Heuer, Michael Lischka und Fabian Besche-Truthe haben zwei Indikatoren entwickelt, die den wirtschaftlichen Wettbewerb zwischen Ländern auf neue Weise abbilden. Dadurch lässt sich der Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Wettbewerb und sozialpolitischen Entwicklungen genauer analysieren. Wie die Indikatoren im Detail berechnet werden, haben die vier Autoren in Band 8 der SFB 1342 Technical Paper Series beschrieben: Measuring global competition in export markets and export sectors. Im folgenden Interview erläutert Ivo Mossig in groben Zügen, worum es geht.

In welcher Hinsicht ist internationaler Wettbewerb ein Faktor bei der Diffusion von Sozialpolitik?

Ivo Mossig: Unser Sonderforschungsbereich will die Dynamik von Sozialpolitik nicht nur durch die nationale Konstellation erklären, sondern auch durch zwischenstaatliche Verflechtungen, darunter auch ökonomische. Wettbewerb wird in dem Zusammenhang in zweierlei Hinsicht - etwas kontrovers - diskutiert: Zum einen gibt es die Effizienzthese, wonach Staaten Sozialleistungen als Belastung im internationalen Wettbewerb ansehen. Die Folge sei demnach ein "race to the bottom": Um Kostenvorteile zu erreichen, werden Sozialstandards und -leistungen abgebaut. Auf der anderen Seite gibt es die Kompensationsthese: Gerade kleine Volkswirtschaften sind oftmals in hochspezialisierten Bereichen auf dem Weltmarkt aktiv. Und ihre Gesamtwirtschaft hängt sehr stark von deren Weltmarktintegration ab, weil sie keinen großen Binnenmarkt haben. Als Puffer, z.B. um unvorhergesehene Entwicklung und Schocks auf den Weltmärkten abzufedern, werden Sozialsysteme ausgebaut. Trotz dieser kontroversen Thesen ist unstrittig: Wettbewerb und dabei insbesondere ökonomischer Wettbewerb ist ein relevanter Faktor für die Entwicklung von Sozialpolitik.

Wie operationalisiert ihr diesen Wettbewerb? Wie macht ihr ihn messbar?

Ivo Mossig: In der Vergangenheit diente der Grad der Handelsverflechtungen als Indikator, z.B. die Größe der Handelsströme zwischen Ländern. Wenn Land A vor allem Kaffee exportiert und Land B Computerbildschirme, dann gibt es zwar globale Handelsverflechtung, aber Land A und B stehen nicht zwangsläufig im Wettbewerb zueinander, sondern ergänzen sich.

Deshalb haben wir jetzt zwei neue Indikatoren vorgelegt: Der eine Indikator bildet den Wettbewerb auf Exportmärkten ab, dafür betrachten wir die Bedeutung der einzelnen Absatzmärkte für jedes der Länder, gemessen am Exportvolumen. Wenn zwei Länder anteilig ähnliche Absatzmärkte haben, begegnen sie sich auf den Absatzmärkten als Konkurrenten. Mit einem zweiten Indikator messen wir Konkurrenz von Ländern in Exportbranchen. Wenn die Exporte zweier Länder auf ähnliche Branchen verteilt sind, dann sind sie in diesen Branchen Konkurrenten auf dem Weltmarkt: Liegen die Exportschwerpunkte auf unterschiedlichen Waren und Dienstleistungen, sind sie es nicht.

Gibt es denn große Unterschiede zwischen den beiden Indikatoren?

Ivo Mossig: Auf jeden Fall. In dem Technical Paper nutzen wir Norwegen als Beispiel, um den Unterschied plausibel aufzuzeigen: Auf Norwegens Exportmärkten sind andere skandinavische Länder die Hauptkonkurrenten, weil Norwegen viel in die EU-Länder exportiert, genauso wie Finnland und Dänemark. Wenn wir die Wirtschaftssektoren betrachten, sind Norwegens Hauptkonkurrent hingegen die Vereinigten Arabischen Emirate oder Kolumbien, weil in diesen Ländern ebenso wie in Norwegen Erdöl das überragende Exportprodukt ist.

Wie groß ist euer Datensatz?

Ivo Mossig: Der Datensatz reicht von 1962 bis 2017/2018, mit Werten für jedes Jahr. Und er deckt nicht nur die OECD-Welt ab, sondern 164 Länder. Für jedes dieser 57 Jahre haben wir einen Zahlenwert bezüglich des Wettbewerbs auf Märkten und in Exportbranchen für jedes mögliche Länderpaar, also über 13.000 Verflechtungsangaben pro Jahr und Indikator. Der nächste Schritt besteht nun darin zu analysieren, ob sich mit diesen neuen Daten das Wettbewerbsargument im Hinblick auf Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik besser erfassen lässt, wir also zu einer Schärfung des Wettbewerbsarguments beitragen können.

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Lesen Sie das Paper im PDF-Format: Measuring global competition in export markets and export sectors


Kontakt:
Prof. Dr. Ivo Mossig
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
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Tel.: +49-421-218 67410
E-Mail: mossig@uni-bremen.de

Der Datensatz, an dem Nils Düpont vom SFB 1342 mitgewirkt hat, versammelt Informationen zu politischen Positionen von Parteien seit 1970. Demnach werden demokratische Regierungsparteien weltweit illiberaler, ganz vorn dabei die Republikaner in den USA.

Gemessen am "V-Party Illiberation Index" hat sich die Republikanische Partei seit dem Jahr 2006 schrittweise davon verabschiedet, demokratische Normen hochzuhalten. Der illiberale Schwenk war 2016 so groß, dass die Wahlkampfrhetorik der Republikaner seither derjenigen der AKP in der Türkei und des Fidesz in Ungarn näher steht als der durchschnittlicher Regierungsparteien in demokratischen Ländern der Welt.

Wenngleich die Republikaner unter Trump ein extremes Beispiel sind, steht es doch stellvertretend für einen Trend: Laut dem V-Party Illiberation Index sind in den letzten Jahrzehnten die Regierungsparteien in Demokratien weltweit im Mittel illiberaler geworden. Das bedeutet, dass sie sich tendenziell dem Pluralismus weniger verpflichtet fühlen, politische Gegner eher dämonisieren, Minderheitenrechte ignorieren und sogar zu politischer Gewalt ermutigen.

Der Datensatz "Varieties of Party Identity and Organization Dataset (V-Party)" wurde vom V-Dem Institute an der Universität Göteborg zusammengestellt und umfasst Angaben zu 1560 Wahlen und 1955 politischen Parteien weltweit zwischen 1970 und 2019. 665 internationale Länderexperten haben die politischen Positionen der Parteien über die gesamten Zeitspanne anhand von 30 Indikatoren analysiert und codiert.

Die wichtigsten Ergebnisse aus der Analyse des V-Party-Datensatzes hat das V-Dem Institute in einem Kurz-Report zusammengefasst: V-Dem Institute Briefing Paper #9.

Der gesamte Datensatz kann kostenlos heruntergeladen werden.

Informationen zur Beteiligung von Nils Düpont und dem SFB 1342 an der Erstellung des V-Party-Datensatzes finden Sie hier.


Kontakt:
Dr. Nils Düpont
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Gabriela Molina León, Michael Lischka
Gabriela Molina León, Michael Lischka
Gabriela Molina León und Michael Lischka haben 20 Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler befragt, wie thematische Karten für ihre Zwecke beschaffen sein sollten. Die Studie präsentierten sie auf der IEEE Visualization Conference.

Choroplethenkarten (auch Flächendichtekarten genannt - z.B. Bevölkerungsdichtekarten) sind ein gängiges Mittel, um Forschungsergebnisse grafisch darzustellen. Es gibt dabei eine Vielzahl von Variablen, die die Dastellung beeinflussen, darunter die Projektionsart, den Maßstab, das Zentrum der Karte und die Farbskala. Gabriela Molina León und Michael Lischka haben in Zusammenarbeit mit Andreas Breiter mit einer Befragung untersucht, welche Varianten thematischer Karten Sozialwissenschaftlerinnen und –wissenschaftler für ihre Arbeit bevorzugen. Dafür hatten die 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, eine thematische Karte anhand der oben genannten Variablen nach ihren Bedürfnissen und Vorlieben anzupassen.

In einem kurzen Interview erläutern Gabriela Molina León und Michael Lischka ihre Ergebniss, die sie am 28. Oktober 2020 auf der IEEE Visualization Conference vorgestellt haben (eine Preprint-Version des Artikels, der in den Conference Proceedings veröffentlicht werden wird, gibt es hier).


Die beliebtesten Weltkarten - zumindest in Europa - basieren auf der genannten Mercator-Projektion. Sie wurde Mitte des 16. Jahrhunderts erfunden und ist auch heute noch weit verbreitet (mit einigen Variationen), z.B. in Nachrichtensendungen. Ist es Zeit für eine neue Art von Weltkarte, wenn es um die sozialpolitische Forschung geht?

Michael Lischka: Es ist nicht die Zeit für eine neue Art von Weltkarte, aber man sollte ein Gespür für die Eigenschaften einer Karte haben, wenn man sie als Informationsmedium versteht. Jede Karte ist der Versuch, ein dreidimensionales Objekt (Globus) zweidimensional abzubilden. Eine direkte Übertragung aller Eigenschaften ist schlichtweg unmöglich, daher ist jede Weltkartenprojektion ein Kompromiss. Dementsprechend können je nach Verwendungszweck der Karte bessere oder schlechtere Entscheidungen getroffen werden. Grundsätzlich kann man zwischen Karten unterscheiden, die jeweils eine von drei Eigenschaften korrekt darstellen: Flächen (flächengleiche Projektionen), Winkel (konform) oder Abstände (äquidistant). Da wir uns nicht mit Entfernungsmessungen an irgendeinem Punkt befassten, schlossen wir äquidistante Karten von vornherein aus.

Für die Navigation sind konforme Projektionen sinnvoll. Bei kleinen Kartenausschnitten sind Winkel- und Flächengenauigkeit nahezu identisch mit der Realität. Dies ist vor allem bei der Routenplanung (z.B. Google Maps), bei Straßenkarten, im Luft- und Seeverkehr ein großer Vorteil. Aber auf globaler Ebene sieht man starke Größenverzerrungen. Da du gerade Mercator erwähnt hast: Diese Projektion stellt räumliche Einheiten größer dar, je näher sie an den Polen liegen. So scheinen Russland, Kanada, die USA, China und Europa viel größer zu sein. Zumal Europa im Zentrum der Darstellung liegt und damit im Vergleich zu Afrika dominant erscheint. Dies kann auch in einer eurozentrischen Berichterstattung sinnvoll sein. Einige Nachrichtenformate haben sogar Rubriken wie "Europa und die Welt". Aber eine solche Projektion kann nicht für eine Forschung verwendet werden, die Länder des "Globalen Südens" gleichberechtigt einbezieht. Zumindest nicht, wenn Karten als Informationsmedium zur Wissensverbreitung genutzt werden. Projektionen eröffnen eine Perspektive auf die Welt.

Für Choroplethenkarten werden allgemein flächentreue Karten empfohlen. Kannst du kurz erläutern, warum das so ist?

Lischka: Flächengleiche Karten stellen die Größe von Landmassen und räumlichen Einheiten korrekt dar. Auf der negativen Seite wird die Form der Landmassen zwangsläufig verzerrt. Wenn man aber Länder auf der Grundlage bestimmter Daten einfärbt, ohne ihre korrekte Fläche darzustellen, verliert man die Möglichkeit, Länder hinsichtlich der Dichte der dargestellten Variablen zu vergleichen. Die Darstellung der richtigen relativen Flächen ist daher eine wesentliche Eigenschaft von Karten, um zuverlässige vergleichende Aussagen zwischen Weltregionen und Ländern treffen zu können. Die einfachsten Beispiele sind Bevölkerungsdichte, Waldbedeckung und landwirtschaftliche Nutzung. Derartige Informationen auf Karten, die nicht flächengetreu sind, können zu Fehlinterpretationen durch den Betrachter führen.

Da flächengleiche Karten Länder so stark verzerren können, dass sie nicht erkannt werden, werden oft Karten verwendet, die einen Kompromiss zwischen Flächengröße und Form eingehen. Zum Beispiel die Winkels-Projektion, die in deutschen Schulatlanten verwendet wird. Weltkarten dieser Art bieten sowohl Gebiets- als auch Formtreue und ermöglichen das Wiedererkennen von räumlichen Einheiten.

Ihr habt die Präferenzen von Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern untersucht. Wie sieht ihre Lieblings-Choroplethenkarte aus und warum?

Lischka: Für ihre eigenen Forschungsprojekte war die Equal-Earth-Projektion die dominierende Wahl unter den Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern, die an unserer Studie teilgenommen haben. Sie hatten ein ganzes Konglomerat von Gründen - von "ästhetisch ansprechend" bis "sieht richtig aus", "formgetreu" und "flächengetreu". Letztendlich zielte die erste Aufgabe unserer Studie auf die individuellen Bedürfnisse der Forscher ab. Einige von ihnen konzentrierten ihre Forschung auf bestimmte Regionen der Welt, so dass sie die Zoom-Funktion nutzten und genau auf die Wiedererkennbarkeit der jeweiligen Region achteten.

Abbildung 1: Thematische Weltkarte, dargestellt mittels Equal-Earth-Projektion

Abbildung 1: Thematische Weltkarte, dargestellt mittels Equal-Earth-Projektion

Für die beste Darstellung der Forschung über den Globalen Süden setzte sich in unserer Studie die Gall-Peters-Projektion durch, allerdings nur mit knappem Vorsprung. Tatsächlich war die Verteilung sehr ausgewogen. Diese kleine Abweichung ist wahrscheinlich auf die Aufgabe zwei, die wir den Teilnehmern gestellt haben, und den dort erwähnten Hinweis auf die Karte zurückzuführen. Gall-Peters verzerrt am offensichtlichsten die Länderformen und zeigt ein strenges Koordinatensystem, das demonstrativ die Treue zur Gebietsgröße suggeriert. Die Forscher wussten nicht, dass alle Projektionen, die wir ihnen anboten, flächengleich waren, und entschieden daher "im Sinne der Objektivität", teilweise gegen ästhetische Überzeugungen und den Wiedererkennungswert.

Abbildung 2: Thematische Weltkarte, dargestellt mittels Gall-Peters-Projektion

Abbildung 2: Thematische Weltkarte, dargestellt mittels Gall-Peters-Projektion

Es ist nicht nur die Art der Projektion, die eine "gute" Choroplethenkarte der Welt ausmacht - wie sieht es mit den Farben aus?

Gabriela Molina León: Es gibt bekannte Werkzeuge, die mehrere Farbschemata für Choroplethenkarten empfehlen und zum Testen anbieten, wie z.B. Color Brewer. Deshalb haben wir die fünf Farbschemata unserer Studie entsprechend ihren Empfehlungen ausgewählt.

Da die Choroplethenkarte unserer Studie Daten zur Lebenserwartung visualisierte, haben wir sequenzielle Skalen verwendet. Bei der Wahl eines Farbschemas bestimmen die Daten, welche Art von Skala am besten passt: Wenn die visualisierte Variable zwei entgegengesetzte Richtungen kodiert (z.B. negative und positive Temperaturwerte), dann ist eine Skala mit divergierenden Farben (z.B. von dunkelrot bis dunkelblau) am besten geeignet. Wenn die Daten kategorial sind, wird ein kategoriales Schema empfohlen.

Für den Fall von sequentiellen Skalen wurde kürzlich bestätigt, dass Leser dazu neigen, dunklere Farben mit höheren Werten zu assoziieren, daher haben wir Farbschemata bevorzugt, die dieser Assoziation folgen.

Welches waren die Farben der Wahl unter den Wissenschaftlern, mit denen Sie zusammengearbeitet haben?

Molina León: Das gelb-grün-blaue Farbschema (YlGnBu, verfügbar unter https://observablehq.com/@d3/color-schemes) war das am häufigsten gewählte Schema. Von den 40 Karten, die von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erstellt wurden, verwendeten 23 dieses Schema.

Interessanterweise erwähnten sie in ihrer Argumentation etwas, das wir nicht erwartet hatten: Sie wünschten sich ein graues Farbschema (oder eines, das in Graustufen gut aussieht), weil sie oft nicht die Möglichkeit haben, in ihren Publikationen Farben zu verwenden.


Kontakt:
Michael Lischka
Gabriela Molina León
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57067
E-Mail: molina@uni-bremen.de

In einem dreitägigen SFB/ERC-Workshop erörtern internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Einfluss der Politik und Strukturen europäischer Kolonialmächte auf die Entwicklung sozialer Sicherung im Globalen Süden.

In ihrer Keynote zum Auftakt des Workshops "Colonialism and Social Protection" am 26. September sprach Gurminder Bhambra von der University of Sussex über die Varianten des europäischen Kolonialismus, der zu Beginn vor allem von Handelsinteressen geprägt gewesen sei. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts stand die Ausweitung des beherrschten Territoriums im Vordergrund. Der Wohlstand der europäischen Nationalstaaten – damals wie heute - basiere auf dem Kolonialismus, sagt Bhambra, der bis heute die Wurzel globaler Ungleichheiten sei. Bezogen auf die Kolonialmächte hält sie den Begriff Nationalstaat für unpassend, imperiale Staaten bzw. koloniale Empire seien treffender.

Bastian Becker vom SOCIUM erläuterte in einem Vortrag, warum ein akteurszentrierter Forschungsansatz wichtige Erkenntnisse liefern kann. Schließlich sei der Kolonialismus durch verschiedenste Akteure auf verschiedenen Ebenen beeinflusst worden (sowohl innerhalb der Kolonien als auch auf transnationaler Ebene).

Michele Mioni vom SOCIUM erläuterte den Einfluss Großbritanniens und Frankreichs sowie Internationaler Organisationen auf die Sozialpolitik in den (ehemaligen) Kolonien nach 1945. Mioni sagte, die Kolonialmächte und die IOs (ILO und UN) hätten zwar unterschiedliche sozialpolitische Auffassungen vertreten, es sei aber auch zu Kooperationen gekommen.

Jessica Lynne Pearson vom Macalester College skizzierte die koloniale Gesundheitspolitik. Die ersten Public-Health-Programme seien Massenimpfungen und Mutter-Kind-Programme gewesen. Generell habe der Schwerpunkt kolonialer Gesundheitspolitik auf der Prävention gelegen.

Marlous van Waijenburg von der Harvard Business School analysierte die Fiskalpolitk der Kolonialmächte. Ein Ziel sei gewesen, die Kosten sozialpolitischer Programme in den Kolonien durch lokal erhobene Steuern zu decken. Das Ergebnis sei eine große Bandbreite unterschiedlicher Besteuerungssysteme innerhalb der Kolonialstaaten gewesen, typisch aber sei eine Besteuerung der Arbeitskraft gewesen (bis hin zu Zwangsarbeit).

Der Workshop "Colonialism and Social Protection", organisiert von Carina Schmitt, geht am 2. Oktober in die zweite Runde und endet mit einer dritten Sitzung am 9. Oktober.


Kontakt:
Prof. Dr. Carina Schmitt
Feldkirchenstraße 21
96045 Bamberg
Tel.: 0951-863 2734
E-Mail: carina.schmitt@uni-bamberg.de