News aus dem Teilprojekt A06

Eloisa Harris, Franziska Deeg, Simone Tonelli
Eloisa Harris, Franziska Deeg, Simone Tonelli
Franziska Deeg, Eloisa Harris und Simone Tonelli werden im Frühjahr eine entsprechende Online-Befragung in Brasilien und Deutschland durchführen. Die Studie wird von der Dr. Hans Riegel-Stiftung gefördert.

Franziska Deeg (Teilprojekt B03), Eloisa Harris (Doktorandin an der BIGSSS) und Simone Tonelli (Teilprojekt A06) haben gemeinsam ein Forschungskonzept ausgearbeitet, mit dem sie herausfinden wollen, wie sich die Covid-19-Pandemie auf die Einstellung der Bevölkerung Deutschlands und Brasiliens zur Globalisierung und zum Wohlfahrtsstaat auswirkt. Die für das Frühjar 2021 geplanten Befragungen werden vom SFB 1342 und der Dr. Hans Riegel-Stiftung gefördert. In einem schriftlichen Interview erklären Deeg, Harris und Tonelli die Hintergründe und Hypothesen ihrer Studie.

Als sich die Pandemie auszubreiten begann, geriet die Globalisierung in Schockstarre - Regierungen schränkten den internationalen Reiseverkehr ein oder schlossen die Grenzen ganz. Viele Länder begannen zu erkennen, wie abhängig sie von globalen Produktions- und Handelsketten sind - und ihre Regierungen kündigten an, diese Abhängigkeit für kritische Güter und Wirtschaftszweige rückgängig zu machen. Andererseits scheint die Erprobung, Finanzierung und Verteilung von Impfstoffen zur Bekämpfung der Pandemie ohne die Vorteile der Globalisierung unmöglich. Ein Jahr nach der Pandemie - wie seht ihr die Zukunft der Globalisierung?

Deeg, Harris, Tonelli: Diese Frage, oder eher dieses Paradoxon, gehört zu denen, die unser Projekt inspiriert haben. In den letzten Jahrzehnten waren wir Zeugen eines Wiederauflebens neoliberaler Tendenzen, eines wachsenden internationalen Freihandels und der Herauskristallisierung einer globalen Versorgungskette, die die Abhängigkeit der Länder untereinander deutlich erhöht hat. Gleichzeitig schuf der Prozess der wirtschaftlichen Globalisierung eine Gruppe von so genannten "Verlierern", d.h. eine Gruppe von Menschen, deren Arbeitsplätze und Einkommen durch die internationalen Märkte bedroht sind. Jetzt macht die Pandemie die Existenz neuartiger gesundheitlicher Risiken der Globalisierung deutlich, sowie die weitere wirtschaftliche und soziale Spaltung, die als Folge des Wohlstandsgefälles und der unterschiedlichen Strategien staatlicher Interventionen in der Welt entstanden ist.

Offensichtlich haben wir (noch) keine Antwort auf deine Frage. Wie du erwähnt hast, macht der Run auf den Impfstoff einerseits die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit deutlich, was sich positiv auf die Unterstützung für eine politischere Globalisierung auswirkt. Auf der anderen Seite könnten die wirtschaftlichen Auswirkungen die Menschen zu mehr protektionistischen Tendenzen treiben und die Unterstützung für eine wirtschaftliche Globalisierung weiter verringern. Wir denken jedoch, dass die individuellen Präferenzen für mehr oder weniger wirtschaftliche und politische Globalisierung davon abhängen, in welchem Ausmaß und auf welche Weise die Menschen den wirtschaftlichen, gesundheitlichen und sozialen Folgen der Pandemie ausgesetzt waren.

Der Wohlfahrtsstaat spielt eine entscheidende Rolle bei der Abfederung der nicht gesundheitsbezogenen Folgen der Pandemie. In der Umfrage, die ihr vorbereitet, wollt ihr die Einstellung der Bürger gegenüber dem Wohlfahrtsstaat untersuchen und wie sich diese durch die Pandemie verändert haben könnte. Müsste die Antwort auf diese Frage nicht ziemlich klar sein?

Deeg, Harris und Tonelli: Wenn es etwas gibt, was uns die Forschung über sozialpolitische Präferenzen gelehrt hat, dann dass die Unterstützung für Umverteilung nie eindeutig ist. In diesem Projekt bauen wir auf der bestehenden Literatur darüber auf, warum und wie Präferenzen gebildet werden, um mögliche Unterschiede zwischen Gruppen und zwischen Ländern zu erklären. Die Nachfrage nach sozialpolitischen Maßnahmen ist nicht nur eine Funktion des Einkommens, wie die traditionelle Wohlfahrtsstaatsforschung vermuten lässt, sondern steht in Wechselwirkung mit einer Reihe anderer Faktoren: Arbeitsmarktschwankungen, Bildung, Optimismus, politisches Vertrauen und andere Faktoren der sozialen Umwelt. Wir stützen uns auf zwei Hauptargumente, um Erwartungen darüber zu generieren, welche Gruppen unterschiedliche Sozialpolitiken unterstützen und warum.

In ähnlicher Weise argumentieren wir, dass die Pandemie einige Gruppen mehr als andere ihren wirtschaftlichen Folgen aussetzt, und daher werden die Präferenzen der Individuen auch eine Funktion der Exposition gegenüber diesen Risiken sein. Wir stellen zwei Mechanismen vor, von denen wir glauben, dass sie erklären können, wie die Risikoexposition die politischen Präferenzen beeinflusst. Einerseits erwarten wir, dass die Exposition gegenüber wirtschaftlicher Unsicherheit, die durch die Pandemie verursacht wird, dazu führt, dass Individuen, die von wirtschaftlicher Unsicherheit betroffen sind, eine Absicherung ihres Risikos verlangen. Andererseits könnten sich Individuen, die nicht direkt von der Pandemie betroffen waren, angesichts des Ausmaßes der Medienberichterstattung über die Folgen der Pandemie, mit bestimmten Gruppen solidarisieren und mehr Umverteilung unterstützen. Daher erwarten wir, dass sowohl die wirtschaftlich Betroffenen aus Eigeninteresse als auch die Nicht-Betroffenen aus Solidarität die Ausgaben des Wohlfahrtsstaates unterstützen werden.

Da die Risiken, die mit der aktuellen Situation verbunden sind, quer zu den traditionellen wohlfahrtsstaatlichen Koalitionen liegen, wird es darüber hinaus interessant sein zu sehen, ob sich als Folge der Pandemie neue Koalitionen bilden werden. Dies wird besonders im Kontext Brasiliens interessant sein, wo der Wohlfahrtsstaat stark fragmentiert ist und bestimmte Gruppen (formelle Arbeiter) besser abdeckt als andere (informelle Arbeiter). In diesem Kontext waren Wohlfahrtspräferenzen bisher nicht deutlich sichtbar, weil das Vertrauen in die Regierung gering ist, die Steuermoral niedrig ist usw., aber ein störendes Ereignis wie die Pandemie könnte das ändern.

In eurer Befragung untersucht ihr Brasilien und Deutschland. Warum habt ihr diese beiden Länder ausgewählt?

Deeg, Harris und Tonelli: Die beiden Länder sind für einen Vergleich interessant, weil sie beide stark in den globalen Markt integriert und beide stark von der Krise betroffen sind, nicht nur in gesundheitlicher, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Beide Regierungen ergriffen strenge Eindämmungsmaßnahmen. Gleichzeitig waren diese Eindämmungsmaßnahmen nicht gleich effektiv, die beiden Volkswirtschaften unterscheiden sich im Ausmaß der Heimarbeit und sie haben unterschiedliche Sozialsysteme. Wir denken, dass dies interessante Varianten sind, um unsere Annahmen in unterschiedlichen Kontexten zu testen.

Wie wird eure Umfrage durchgeführt? Habt ihr Zugang zu einer repräsentativen Stichprobe der Bevölkerung? Oder wird die Umfrage online sein, so dass jeder teilnehmen kann?

Deeg, Harris und Tonelli: Wir werden die Online-Befragungen in Deutschland und Brasilien im März 2021 durchführen (etwa ein Jahr nach Beginn der weltweiten Pandemie). Wir werden mit einer internationalen Umfrage-Firma arbeiten, die ähnlich wie ein Marktplatz funktioniert, bei dem die Menschen auswählen können, an welchen Umfragen sie teilnehmen möchten. Wir werden in der Lage sein, mit mehr als 1000 Befragten pro Land in Kontakt zu treten (die endgültige Anzahl der Beobachtungen wird noch festgelegt). Die Umfrage wird repräsentativ für die Online-Bevölkerung sein und nach Alter (zwischen 18 und 65), Geschlecht, Region und entweder Einkommen oder Bildung (wir sind noch dabei, dies zu prüfen) stratifiziert.

Aufgrund von Budgetbeschränkungen sind wir nicht in der Lage, Haushaltsbefragungen durchzuführen. Natürlich kann die Stichprobenziehung immer verbessert werden, aber wir sind sicher, dass unsere Stichproben ausreichend repräsentativ für die uns interessierende Bevölkerung sein werden: 86% der Deutschen und etwa 67% der Brasilianer haben Zugang zum Internet. Allerdings sind die Nicht-Nutzer unter den Älteren überrepräsentiert, und sie würden ohnehin von unserer Umfrage ausgeschlossen werden.

Ihr drei forscht in verschiedenen Projekten des SFB bzw. an der BIGSSS. Warum habt ihr euch für diese Zusammenarbeit entschieden?

Deeg, Harris und Tonelli: Durch den SFB hatten wir die Möglichkeit, uns gegenseitig kennenzulernen, sei es beim Jour Fixe, bei Summer Schools oder bei sozialen Veranstaltungen. Auch wenn sich unsere SFB-Projekte auf unterschiedliche Aspekte des Wohlfahrtsstaates konzentrieren, haben wir festgestellt, dass wir gemeinsame Forschungsinteressen haben, wie z.B. die Untersuchung individueller Politikpräferenzen und Einstellungen, Umfragemethoden und quantitative Analysen. Jeder von uns bringt komplementäres Wissen in das Projekt ein, und wir alle bringen das ein, was wir in den vergangenen Jahren im SFB gelernt haben, um selbst etwas zu entwickeln.


Kontakt:
Franziska Deeg
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Cologne Center for Comparative Politics
Herbert-Lewin-Str. 2
50931 Köln
Tel.: +49 221 470-2853
E-Mail: fdeeg@uni-koeln.de

Simone Tonelli
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 9
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58540
E-Mail: si_to@uni-bremen.de

Keonhi Son
Keonhi Son
Für ihren Journal-Artikel über die statistische Analyse von Privatisierung und die Rolle der dabei gewählten Indikatoren erhielten Son und ihr Co-Autor Reimut Zohlnhofer den JCPA Best Comparative Article Award.

In ihrem Paper "Measuring Privatization: Comparing Five Indicators of the Disposition of State-Owned Enterprises in Advanced Democracies", erschienen in Volume 21:4 des Journal of Comparative Policy Analysis, untersuchen Son und Zohlnhofer die Anwendung von Indikatoren zur Bestimmung von Privatisierung.

In der wissenschaftlichen Literatur kursieren zahlreiche solcher Indikatoren, die meist als Äquivalente behandelt würden. Dabei werde kaum darauf geachtet, ob sie tatsächlich eng miteinander übereinstimmen. In ihrem Paper stellen Son und Zohlnhofer fest, dass die Korrelationen zwischen diesen Indikatoren erschreckend gering sind. In der Folge habe sich gezeigt,dass die Ergebnisse statistischer Analysen deutlich voneinander abweichen könnten, abhängig davon, welcher Privatisierungsindikator verwendet werde. Son und Zohlnhofer schlagen daher vor, die verschiedenen Indikatoren nicht als Äquivalente, sondern als Messung verschiedener Aspekte von Privatisierung zu betrachten.

Die Jury begründete ihre Entscheidung für die Auszeichnung Sons und Zohlnhofers mit folgenden Worten:

"'Measuring Privatization' by Son and Zohlnhöfer takes comparative policy analysis seriously and advances the field by shedding light on the multiple dimensions of different dependent variables/indicators that often have been seen as substitutes for each other. The authors highlight the importance of choosing the right indicators to explain phenomena that analysts seek to understand. They illustrate why scholars using large-N data sometimes end up with inconclusive or mixed results when they ignore this fundamental issue. More importantly, this study of state-owned enterprises has implications for other sectors and comparative approaches to important policy issues. The focus on indicators is widely used in comparative policy analysis, and this article contributes to the policy literature on privatization and to the development of methods in the broader field of comparative policy studies."


Kontakt:
Keonhi Son
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 9
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58541
E-Mail: son@uni-bremen.de

Prof. Rueyming Tsay
Prof. Rueyming Tsay
Rueyming Tsay ist derzeit Gastwissenschaftler im Projekt A06 „Entwicklung und Diffusion von Familienpolitik in globaler Perspektive“.

Rueyming Tsay, Professor für Soziologie an der Tunghai-Universität in Taiwan und ein führender Experte für Familienfragen, insbesondere des Alterns, ist derzeit Gast im Projekt A06 des SFB 1342. Seine Forschungsinteressen umfassen zudem die Themenbereiche Bildungssoziologie, Lebensqualität und soziale Ungleichheit. Kürzlich hat er an einer vergleichenden Studie gearbeitet, in der die Auswirkungen des familiären und sozialen Engagements auf die Lebensqualität und Gesundheit der Ältesten in Taiwan, China und den USA untersucht wurden. Die Daten wurden von Forschungsteams der Tunghai University und der University of Hawaii in Manoa gesammelt, um den Alterungsprozess von Chinesen in verschiedenen Gesellschaften und über kulturelle Grenzen hinweg zu vergleichen.

Professor Tsay wird bis Juli 2020 in Bremen bleiben. Sein Fachwissen über asiatische Gesellschaften, insbesondere in Bezug auf die Familienkultur, liefert einen wertvollen Hintergrund für die am SFB durchgeführten Forschungsarbeiten.

Länder in Ost- und Südostasien haben sich in den letzten fünf Jahrzehnten in bezug auf Themen des demografischen und sozialen Wandels rasant verändert. Vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung und familienpolitische Forschung in dieser Weltregion sind jedoch trotzdem rar. Es wurde argumentiert, dass Trends in Bezug auf Ehe und Geburtenrate die Spannung zwischen schnellen sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen einerseits und begrenzten Veränderungen der familiären Erwartungen und Verpflichtungen andererseits widerspiegeln. Auch die Altersvorsorge in asiatischen Familien ist für die politischen Entscheidungsträger zu einem wichtigen Thema geworden. Die demografische Entwicklung und der asiatische Ansatz in Bezug auf Sozial- und Familienpolitik hängen daher stark von den traditionellen Familienwerten und -praktiken ab.

Eine Gelegenheit, mehr über die Arbeit von Professor Tsay zu erfahren, bietet sich auch, wenn er im Mai im Rahmen der Jour Fixe Reihe einen Vortrag hält.


Kontakt:
Prof. Sonja Drobnič
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 9
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-66360
E-Mail: sonja.drobnic@bigsss.uni-bremen.de

Keonhi Son
Keonhi Son
Keonhi Sons kam über den Umweg der Literatur- zu den Sozialwissenschaften. Ihr Interesse gilt dabei der Sozialpolitik von Schwellenländern. Warum die Mängel des südkoreanischen Sozialsystems für sie eine große Motivation sind, erzählt sie im Interview.

Du hast in Südkorea studiert und einen Bachelor-Abschluss gemacht, aber dann hast du deine Karriere komplett umgekrempelt. Bitte erzähl' mal.

Nach meinem Bachelor-Abschluss in Südkorea habe ich ein völlig neues Fach in einem völlig neuen Land begonnen.

Was war dein erstes Thema?

Mein erstes Fach war Englische Literatur, dabei habe ich mich auf englisches Theater spezialisiert. Ich war damals ziemlich begeistert bei der Sache. Aber ich kam an einen Punkt, als ich etwas anderes machen wollte.

Warum? Hast du auf diesem Gebiet gearbeitet und es gefiel dir nicht?

Ich habe ein wenig für eine Theatergruppe gearbeitet und dann bin ich nach London gegangen, um noch ein wenig mehr zu lernen. Anschließend zog ich nach Deutschland, um weiter zu studieren. Aber ich mochte das Theaterstudium in Deutschland wirklich nicht. Da wurde mir klar, dass Literatur und Theater nicht das Richtige für mich sind. Also habe ich überlegt, was mein zweites Lieblingsfach war, nämlich Verwaltungs- bzw. Politikwissenschaften - in Südkorea sind beide sehr gemischt.

In den Fächern hast du also deinen Master in Heidelberg gemacht.

Ja, in Public Policy.

Politik- oder Verwaltungswissenschaften unterscheiden sich sehr von Literatur und Theater - was gefällt dir an dem Thema so gut?

Das Studium der Politikwissenschaft hat mir viel Spaß gemacht. Aber vor allem muss Südkorea seine Sozialpolitik entwickeln. Unser Land hat seine Wirtschaft schnell entwickeln können, die anderen gesellschaftlichen Bereiche aber hinken hinterher. Zu diesen notwenigen Reformprozessen wollte ich beitragen. Ein konkretes Beispiel: Meine Eltern und Verwandten leiden darunter, dass es kein vernünftiges Rentensystem gibt. Ich habe mir gedacht: Vielleicht kann ich in dem Bereich etwas voranbringen. Deutschland war für mich in der Hinsicht der perfekte Studienort, weil es eine lange Geschichte der Sozialversicherungssysteme hat.

Ich habe gelesen, dass Südkorea kürzlich einige Fortschritte in der Sozialpolitik gemacht hat: Die Wochenarbeitszeit wurde reduziert - von 68 auf 52 Stunden!

Immer noch sehr viel!

Arbeiten die Leute tatsächlich so lange?

Ja, das tun sie. Die Menschen haben eine völlig andere Denkweise als die meisten Europäer. Früher hatten die Menschen ein sehr hohes Maß an Arbeitsplatzsicherheit und gleichzeitig dachten sie, sie gehörten zu dem Unternehmen, bei dem sie arbeiteten - sie widmeten ihr Leben ihrem Arbeitgeber. Auch wenn das Unternehmen seine Angestellten ausbeutet hat. Aber lange Zeit waren die Leute damit einverstanden und dachten: Das ist der Ort, an den ich gehöre. Aber jetzt gibt es kaum noch Arbeitsplatzsicherheit in Südkorea. Die junge Leute wollen nicht mehr so lange arbeiten: "Du beschäftigst mich nicht mehr ewig, warum sollte ich also ewig für dich arbeiten?" Die Verkürzung der Arbeitszeit ist also ein gutes Zeichen, aber gleichzeitig auch traurig, da die Arbeitsplätze nicht mehr sicher sind. Wie überall sonst auch.

Was möchtest du in in den nächsten 30 bis 40 Jahren erreichen?

Das ist eine sehr lange Zeit. Ich denke, in unserer Generation werden wir unsere Jobs oft wechseln müssen. Aber ich möchte Wissenschaftlerin bleiben. Ich möchte die Sozialpolitik der Schwellenländer erforschen. Der SFB ist das perfekte Projekt für mich, weil ich dieses Thema schon immer in meiner Heimatregion untersuchen wollte. Ich bin mir nicht so sicher, welche Porsition ich beruflich erreichen will, aber ich weiß, was ich tun will.

Heißt das, dass du die südkoreanische Gesellschaft verändern willst?

Ich möchte dabei ein wenig helfen. Veränderung ist ein großes Wort. Ich möchte zumindest ein gutes Modell für die Sozialpolitik entwerfen, das funktionieren könnte. Als Europa seinen Wohlfahrtsstaat entwickelte, war die Konstellation völlig anders als in Südkorea heute. Wir müssen ein neues Modell der Sozialpolitik entwickeln, wir können das europäische System nicht einfach kopieren. An der Entwicklung eines solchen neuen Systems zu arbeiten ist, was ich tun möchte.

Wenn du alles hättest, was du brauchst: genügend Forschungsgelder, das nötige Wissen, gute Kolleginnen und Kollegen, ausreichend Zeit - welche Forschungsfrage würdest du gernlösen?

Das ist eine sehr große Frage. Ich denke, es ist ziemlich ähnlich zu dem, was ich dir bereits gesagt habe. Die Schwellenländer befinden sich in einer Situation, in der sie unter der Finanzkrise, der raschen Globalisierung, der Deindustrialisierung, der Postindustrialisierung usw. gelitten haben - gerade mit Blick auf diese Probleme müssen diese Länder ihre Sozialpolitik entwickeln. Denn sie haben die Sozialversicherungssysteme viel langsamer entwickelt als ihre Wirtschaft. Und bevor private Unternehmen das gesamte System dominieren werden, sollten sie einen Weg finden, ein funktionierendes öffentliches Sozialsystem zu etablieren.


Kontakt:
Keonhi Son
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 9
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58541
E-Mail: son@uni-bremen.de