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Prof. Dr. Lutz Leisering
Prof. Dr. Lutz Leisering
Im Interview spricht Leisering über den dritten Band der Reihe "Global Dynamics of Social Policy", in dem er ein Modell zur Analyse sozialpolitischer Entwicklung vorstellt, das sich auch und gerade für den Globalen Süden eignet.

Der dritte Band der Reihe "Global Dynamics of Social Policy", die unser SFB bei Pagrave Macmillan herausgibt, ist erschienen: Lutz Leiserings "One Hundred Years of Social Protection - The Changing Social Question in Brazil, India, China, and South Africa". Leisering entwickelt darin ein konzeptionelles Modell, mit dem sich die Entwicklung von Sozialpolitik analysieren lässt, auch und gerade im Globalen Süden. Dieses Modell wenden dann acht Autorinnen und Autoren auf die sozialpolitische Entwicklung der Fallbeispiele Brasilien, Indien, China und Südafrika an. Im Interview spricht Leisering über die Stellung des Bandes in der Sozialpolitikforschung und über die Lehren, die er aus den Fallstudien seiner Kolleginnen und Kollegen zieht.

Ihr Buch basiert konzeptionell auf dem "Onion Skin Model", dass Sie 2019 in "The Global Rise of Social Cash Transfers" entwickelt haben. Können Sie in wenigen Sätzen den Kern des Modells beschreiben?

Prof. Dr. Lutz LeiseringDas Zwiebelschalenmodell (onion skin model) basiert auf der Annahme, dass ausgebaute staatliche Sozialpolitik voraussetzungsvoll und evolutionär unwahrscheinlich ist. Denn Sozialpolitik hat nicht nur materielle, sondern auch, in der Forschung vernachlässigt, ideelle und soziokulturelle Voraussetzungen. Das Zwiebelschalenmodell rekonstruiert die ideellen Voraussetzungen in vier Schichten oder "Schalen": Sozialpolitik kann nur entstehen, wenn gewisse sozioökonomische Zustände als "soziale Probleme" wahrgenommen und thematisiert werden; wenn genereller die "soziale Frage" als eine zentrale Frage gesellschaftlicher Entwicklung anerkannt wird; wenn normative und kognitive Modelle der institutionellen Bearbeitung sozialer Probleme entwickelt werden; und wenn dem Staat eine soziale Verantwortung für die Wohlfahrt aller Bürger und Bürgerinnen zugeschrieben wird. Diese vier Schichten spiegeln nationale Staatstraditionen und moralische und kognitive Orientierungen der Bürger und Bürgerinnen in Bezug auf die soziale Frage.

Hinzu kommt eine fünfte, äußere Schale: Erst wenn der Nutzen von Sozialpolitik für kollektive Belange - wie Wirtschaftswachstum, politische Stabilität, nationale Einheit oder Menschenrechte – aufgezeigt wird ("Rahmung"/framing), wird Sozialpolitik nachhaltig legitimiert. Wird dagegen eine kollektive Dysfunktionalität von Sozialpolitik behauptet (negatives framing), so wird Sozialpolitik delegitimiert.

Prüft man diese fünf Schichten für jedes Land, stellt man große Unterschiede fest, auch zwischen Ländern mit ähnlichem wirtschaftlichem Entwicklungstand. Das differenzierte Schalenmodell führt weiter als die in der politischen Ökonomie des Wohlfahrtsstaats übliche Unterscheidung großer sozialer Weltanschauungen - Sozialdemokratie, Konservatismus und Liberalismus -, die auf den Globalen Süden ohnehin kaum sinnvoll anwendbar ist.

Es ist ein Modell, das sich nicht nur zur Analyse der Entwicklung von Sozialpolitik im Globalen Süden eignet, sondern generell anwendbar ist. Sie forschen seit 30 Jahren zu Sozialpolitik. Ist das Onion Skin Model so etwas wie die Kulmination all der Jahre?

Ja, im Zwiebelschalenmodell laufen Perspektiven zusammen, die sich in den Jahrzehnten meiner Beschäftigung mit Sozialpolitik entwickelt haben. Ich habe lange zu den Wohlfahrtsstaaten des Globalen Nordens geforscht und mich erst spät (aber als einer der ersten in Deutschland) der Sozialpolitik im Globalen Süden zugewandt. Bei dem Versuch, "Sozialpolitik in Entwicklungskontexten" theoretisch zu erfassen, stieß ich auf Grundfragen der Sozialpolitik, die sich im südlichen Kontext neu stellen. Eine bloße Anwendung nördlicher Theorien, wie von manchen versucht, schien mir wenig sinnvoll. Bei meiner theoretischen Suche machte sich meine Prägung durch meinen akademischen Lehrer Franz-Xaver Kaufmann bemerkbar, sowie Einflüsse meines Doktorvaters an der London School of Economics, Robert Pinker, dem wichtigsten Schüler von T. H. Marshall. In der Wohlfahrtsstaatstheorie dominieren heutzutage politökonomische Ansätze, die im Kern kapitalismustheoretisch sind und ihre Wurzel in Marx und Polanyi haben. Kaufmann hat demgegenüber einen genuin soziologischen Zugriff auf den Wohlfahrtsstaat entwickelt, der modernisierungstheoretisch orientiert ist und in der Tradition von Max Weber steht. Bei meinen Studien zum Globalen Süden fand ich, dass die fast verschüttete modernisierungstheoretische Tradition besser als die politökonomische geeignet ist, Sozialpolitik im Globalen Süden zu erfassen und sogar eine übergreifende globale Theorie zu ermöglichen. Das Zwiebelschalenmodell ist eine Operationalisierung wesentlicher Elemente dieses genuin soziologischen, Weberianischen Ansatzes.

Die Fallstudien in Ihrem Buch basieren zu einem großen Teil auf der Analyse historischer Quellen wie z.B. Dokumenten. Eine Arbeitsweise, die wir auch am SFB 1342 verfolgen, aber in Ihrem Buch schreiben Sie: "[…] systematic recourse to documents is not widespread in the social policy literature." Haben Sie eine Erklärung, warum das so ist?

Traditionell ist die extensive Analyse von Quellen eine Domäne der Historiker. Heute sind allerdings ideenorientierte Ansätze in der Policy-Forschung verbreitet, also in Untersuchungen spezifischer sozialpolitischer Gesetze oder Reformen, und diese Ansätze stützen sich auf die Analyse von Dokumenten, z.B. von Protokollen parlamentarischer Debatten. Aber was die Analyse des Gesamtarrangements sozialpolitischer Maßnahmen in einem Land bzw. des Wohlfahrtsstaats als Ganzes angeht, gibt es nur wenige ideell orientierte und dabei quellenbasierte Analysen. Dominant sind vielmehr Analysen sozioökonomischer Interessen und Machtbeziehungen, wobei Ideen nur sehr grobkörnig durch die großen sozialen Weltanschauungen Sozialdemokratie, Konservatismus, und Liberalismus eingebracht werden. Mein Band zielt dagegen auf eine feinkörnige ideelle Analyse des Gesamtarrangements sozialer Sicherung in den vier Ländern, was eine genaue Dokumentenanalyse erfordert. Ein solcher Ansatz, zumal über einen Zeitraum von 100 Jahren und ländervergleichend, ist in der Literatur sehr selten anzutreffen.

Für die Fallstudien haben Sie die Länder China, Indien, Brasilien und Südafrika ausgewählt. Warum diese Länder und z.B. keine low-income countries? 

In meiner letzten großen Studie vor diesem Band, dem DFG-Projekt FLOOR, habe ich mit meinem Team soziale Grundsicherungen in allen Ländern des Globalen Südens untersucht, also eine, wie man sagt, large n Analyse. Dabei kann man naturgemäß nicht tief in einzelne Länder eindringen. Bei der Suche nach einer kleinen Gruppe von Ländern (small n) für eine vertiefende Analyse fiel die Wahl auf einige der größten "emerging markets", weil man hier schön zeigen kann, dass neben dem viel beachteten wirtschaftlichen Aufstieg einiger Länder des Südens gleichzeitig die Sozialpolitik sich enorm entwickelt hat, was weit weniger bewusst ist. So fanden wir viel Literatur zur wirtschaftlichen Entwicklung der BRICS-Länder, jedoch sehr wenig Vergleichendes zu ihrer Sozialpolitik. Vergessen darf man zudem nicht, dass die Länder in unserem Untersuchungszeitraum, also 1920-2020, lange arm oder gar bitterarm waren. So ging das Bruttosozialprodukt in Indien und China erst nach 1980 wesentlich nach oben. Eine Analyse der vier Länder ist auch deshalb ergiebig, weil diese Ländergruppe in mehrfacher Hinsicht sehr heterogen ist.

Die Entwicklungen der Sozialpolitik in China, Indien, Brasilien und Südafrika haben viele Gemeinsamkeiten, aber auch entscheidende Unterschiede. Die Fallstudien sind sicherlich mehr als nur Anwendungsbeispiele des Onion Skin Models – was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die Sie aus dem Vergleich und der Synthese der vier Fallstudien ziehen?

Generell kann man sagen, dass unsere Befunde die These des kulturellen Eigensinns – oder "Idiosynkrasie" - jedes einzelnen Wohlfahrtsstaats bestätigen, die Franz Xaver Kaufmann für nördliche Wohlfahrtsstaaten aufgestellt hat, in Abgrenzung gegen die beliebte Einordnung von Ländern in einfache Schubladen. Diese Idiosynkrasien fanden wir auch im Globalen Süden. Trotzdem sind gewisse Muster erkennbar, es gibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den vier Ländern.

Was Gemeinsamkeiten angeht, so ist auffällig, dass in allen vier Ländern zumindest die Eliten Sozialpolitik schon früh als Teil einer anzustrebenden Modernisierung ihres Landes sahen. Überraschend für uns war, dass dies bereits in den 1920er-Jahren begann und nicht erst in den 1940er-Jahren, wie wir zunächst entsprechend der Literatur angenommen hatten. Gemeinsam ist den Ländern auch, mit Ausnahme von Indien, dass Sozialpolitik über die Jahrzehnte inklusiver geworden ist, sich also etwas von der frühen Privilegierung kleiner gesellschaftlicher Gruppen gelöst hat – ein gewisser sozialer Fortschritt. Dies spiegelte sich in der Verbreitung sozialer Semantiken wie "Sozialpolitik", "Sozialversicherung", "soziale Sicherung" und „Sozialgeldtransfers“ und der Einrichtung einschlägiger Ministerien. Auch spielten in allen Ländern externe sozialpolitische Ideen aus nördlichen Ländern und von internationalen Organisation eine Rolle, auch wenn diese länderspezifisch verarbeitet wurden.

Was Unterschiede zwischen den vier Ländern angeht, so fällt Indien am stärksten heraus. Sozialpolitik in Indien ist weniger entwickelt als in den anderen drei Ländern; die soziale Frage ist immer durch religiöse Faktoren und das Kastenwesen gleichsam "erstickt" worden, wie Sony Pellissery argumentiert. Die Hoffnung in der frühen Nachkriegszeit, dass Indien im Vergleich zu China die Überlegenheit der westlichen Demokratie demonstrieren würde, hat sich also weder wirtschaftlich noch sozialpolitisch bestätigt. Südafrika dagegen war früh sozialpolitisch aktiv, auch während der Apartheid und verstärkt danach, und hat mittlerweile ein System sozialer Grundsicherungen für verschiedenste Gruppen, das manchen als das neue Sozialmodell im Globalen Süden gilt. Dieses Modell basiert nicht, wie die meisten nördlichen Wohlfahrtsstaaten, auf beitragsfinanzierten und lohnbezogenen Sozialversicherungen, sondern auf steuerfinanzierten Grundsicherungen (social cash transfers). Unter den vier Ländern hat China die wechselvollste Geschichte im Bereich Sozialpolitik durchlaufen, auch und gerade nach der Revolution, und hat zuletzt, in den 2010er-Jahren, ein erstaunlich umfassendes soziales Sicherungssystem aufgebaut, allerdings auf sehr niedrigem Niveau. Brasilien ist ein Land mit ausgeprägter Sozialpolitikgeschichte und großen Versprechungen in der Verfassung, dies blieb jedoch immer überlagert durch die ungelöste Grundproblematik einer massiven Ungleichverteilung von Grund und Boden und damit verknüpfter Machtverhältnisse.

Die soziale Frage wurde in den vier Ländern auf unterschiedliche Weise und zu unterschiedlichen Zeitpunkten gestellt. Die früheste soziale Frage war die Boden- oder Landfrage. Sie ist in Brasilien ungelöst geblieben, während China nach der kommunistischen Revolution in den frühen 1950er-Jahren eine radikale Bodenreform durchgeführt hat, wodurch Boden lange zur Hauptform sozialer Sicherung auf dem Lande wurde. In Brasilien war die soziale Frage lange vor allem eine Arbeiterfrage, anhand derer Diktatoren durch eine neokorporatistische Verflechtung von Staat und Industriearbeiterschaft ihre Herrschaft sicherten. Ab den 1990ern wurde Brasilien aber einer der Vorreiter einer über Arbeiterpolitik hinausgehenden sozialen Sicherungspolitik für die Armen; die Inklusion breiterer Bevölkerungskreise wurde zur neuen sozialen Frage. In Südafrika war die soziale Frage durchgängig primär die Armenfrage, während der Apartheid vor allem getrieben von der Sorge um verarmte Weiße, während die Schwarzen als unzivilisiert angesehen wurden.

Die Religion war ein Faktor, der den Umgang mit der sozialen Frage prägte. Hinduistische Denktraditionen waren in Indien eine wesentliche Bremse der Idee universaler Sozialpolitik, während in Südafrika der Neo-Calvinismus einen gewissen Ausbau sozialer Sicherung förderte, jedoch verbunden mit scharfen Diskriminierungen und sozialer Kontrolle, bis hin zum Abschieben der schwarzen Bevölkerung in eigene homelands. Selbst aus heutiger Sicht übelste Diskriminierungen wurden, wie Marianne Ulriksen für Südafrika feststellt, mit elaborierten religiösen Gedankengebäuden begründet. Soziale Ideen sind also nicht immer menschenfreundlich, wie auch aktuell die Einbindung sozialer Leistungen in das landesweite Überwachungs- und Kontrollsystem in der Volksrepublik China zeigt.

Auf Basis des Vergleichs von vier Ländern kann man vorsichtig Vermutungen über die Zukunft der sozialen Sicherung im Globalen Süden anstellen. In der Literatur finden sich zum einen apokalyptische Visionen, meist von politischen Ökonomen, die eine globale Prekarisierung von Arbeit und eine neuerliche Zuspitzung der sozialen Frage postulieren. Zum anderen spiegeln Erklärungen und Programme internationaler Organisationen von innerhalb und außerhalb der Vereinten Nationen oft einen ungebrochenen Fortschrittsglauben. Vielleicht ist ein drittes Szenario wahrscheinlicher, nämlich eine heterogene Entwicklung. Schon im Globalen Norden ist genuine Wohlfahrtsstaatlichkeit (im Sinne einer vollen Entfaltung aller vier bzw. fünf Schalen des Zwiebelschalenmodells) auf wenige Länder West- und Nordeuropas und des Commonwealth beschränkt. Es ist also plausibel anzunehmen, dass sich die soziale Frage und ihre Bearbeitung auch innerhalb des Globalen Südens sehr unterschiedlich darstellt. China und Südafrika stehen hierbei für die Variante einer halbwegs universalen sozialen Sicherung auf sehr niedrigem Niveau. Hier geht es um nicht mehr (aber auch nicht weniger) als die Bekämpfung extremer Armut. Brasilien steht für ausgebaute aber gefährdete soziale Sicherung, und Indien für das Scheitern an der sozialen Frage. Die vier Länder zeigen auch die Grenzen von Sozialpolitik, nämlich die sozialen Ungleichheitsstrukturen und Spaltungslinien, die Sozialpolitik bestenfalls abmildern kann, in mehreren Dimensionen: Ethnie (Südafrika, Brasilien), Religion (Indien), Kasten (Indien), Klasse und Geschlecht (alle vier Länder).

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Lesen Sie das gesamte Buch, kostenfrei als Open-Access-Publikation: One Hundred Years of Social Protection - The Changing Social Question in Brazil, India, China, and South Africa

Shih-Jiunn Shi und Suetgiin Soon von der Nationaluniversität Taiwan dokumentieren und analysieren die sozialpolitischen Reaktionen Taiwans auf die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Covid-19-Pandemie.

In ihrem Abstract schreiben sie: "Effective countermeasures have created favourable circumstances for the government to deploy social policy as a safety net. Almost all the major responses are of a temporary nature, and a programmatic extension of the existing social security institutions (e.g., social assistance and specific in-cash benefits targeted at specific occupational or population groups). In addition, the government granted financial support to those enterprises in difficulties to disincentivize them from dismissing their employees. All these measures have largely offset the adverse consequences of the pandemic crisis. Against this backdrop, Taiwan should be amongst those countries to recover first from the pandemic shock."

In den nächsten Wochen werden insgesamt über 30 weitere Bände in der CRC 1342 Covid-19 Social Policy Response Series erscheinen, mit einem Schwerpunkt auf dem Globalen Süden. Die Serie bietet einen länderspezifischen Überblick über die weltweiten sozialpolitischen Entwicklungen in Folge der Covid-19-Pandemie. Jeder Bericht enthält einen Aufsatz, der sich auf eine bestimmte Dimension der sozialpolitischen Reaktion eines Landes konzentriert, und wird durch einen systematischen Datenanhang zur sozialpolitischen Gesetzgebung ergänzt, die seit dem Ausbruch der Pandemie verabschiedet wurde. Alle veröffentlichten Berichte wurden einem Peer-Review unterzogen. Zu den Autoren der Reihe gehören Mitglieder des SFB 1342 und seines internationalen Expertennetzwerks.

Lesen Sie den ersten Band der CRC 1342 Covid-19 Social Policy Response Series: Taiwan’s Social Policy Response to Covid-19: Protecting Workers, Reviving the Economy

Fabian Besche-Truthe, Helen Seitzer und Michael Windzio haben ein Technical Paper veröffentlicht. Das Autorenteam stellt einen datengestützten Ansatz zur Operationalisierung kultureller Merkmale von Staaten und kultureller Ähnlichkeit zwischen diesen vor.

Fabian Besche-Truthe, Helen Seitzer und Michael Windzio haben ein Paper in der SFB 1342 Technical Paper Series veröffentlicht. Das Autorenteam stellt einen datengestützten Ansatz zur Operationalisierung kultureller Merkmale von Staaten und kultureller Ähnlichkeit zwischen diesen vor. Warum ist dies wichtig? Die Autoren sind davon überzeugt, dass Kultur ein wesentlicher Faktor ist, der die Entwicklungspfade von Staaten und Regionen beeinflusst.

Ihr Datensatz über "kulturelle Sphären" ist ein innovatives Werkzeug, um kulturelle Konfigurationen von Nationen auf eine relationale Weise zu beschreiben. Länder können durch eine Vielzahl von kulturellen Merkmalen verbunden werden, die durch eine Vielzahl von Variablen wie dominante Religion(en), dominante Sprache, Kolonialgeschichte, Geschlechterbeziehungen, bürgerliche Freiheit definiert werden. Als Ergebnis erhalten die Nutzerinnen und Nutzer eine Typologie der kulturellen Sphären. Diese Typologie besteht aus jährlich ermittelten Netzwerken, die einen Zeitrahmen von 1789 bis 2010 umfassen (siehe Abbildung, das 2015 als Beispiel). Je mehr dieser Merkmale zwei Länder gemeinsam haben, desto enger sind sie miteinander verbunden.

Cultural Spheres Network 2015

Besche-Truthe, Seitzer und Windzio bieten durch einen relationalen, additiven Ansatz für kulturelle Sphären ein Werkzeug, das sich für verschiedene Forschungsfragen anpassen lässt, insbesondere im Hinblick auf die Diffusion von Policies. Ihr Datensatz ist ein erster Schritt, um die "Culture matters"-Proklamation in einer standardisierten, kontrollierbaren, relationalen Weise nutzbar zu machen.

Das vollständige Paper steht zum Download zur Verfügung: Cultural Spheres - Erstellung eines dyadischen Datensatzes zur kulturellen Nähe

Mehr Informationen zur Forschung des Teilprojekts A05: Die globale Entwicklung, Diffusion und Transformation von Bildungssystemen

 

Dr. Mónika Contreras Saiz
Dr. Mónika Contreras Saiz
Seit einigen Wochen arbeitet Mónika Contreras Saiz als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in Teilprojekt B02 "Herausbildung, Aus- und Umbau des Sozialstaats im Cono Sur im Austausch mit (Süd-)Europa (1850-1990)". Höchste Zeit, sie vorzustellen.

Liebe Mónika, du bist seit Kurzem Mitarbeiterin in Teilprojekt B02 – herzlich willkommen! Womit beschäftigst du dich derzeit hauptsächlich?

Mónika Contreras Saiz: Ich beschäftige mich mit der Entstehung und Herausbildung der Wohnungspolitik in Chile am Fallbeispiel der Polizeibeamten. Aus einer mikrohistorischen Perspektive analysiere ich die Bereitstellung von sozialen Wohnungen sowie den Zusammenhang dieser staatlichen Wohnungspolitik für eine spezifische Bevölkerungsgruppe mit einer umfassenderen nationalen Sozialpolitik.

Plakatwettbewerb: Ausstellung kostengünstiges Wohnen (Aus: Revista de La Habitación. Organo del Consejo Superior y de los Consejos Departamentales de Habitaciones Obreras. Ano II, Santiago, Setiembre de 1922, N. 21, S. 613)Ebenso wie die Gesundheits- und Arbeitsschutzpolitik, die wir im Teilprojekt B02 untersuchen, erhielt die chilenische Sozialwohnungspolitik regionale und europäische Impulse, denen wir ebenfalls nachgehen. Ein weiterer zu betrachtende Aspekt der Sozialwohnungspolitik ist ihr Zusammenhang mit der Politik im Bereich der öffentlichen Gesundheit und Sicherheit, zum Beispiel als Teil der Lösung eines schwerwiegenden Problems der öffentlichen Gesundheit wie der Kindersterblichkeit. In Chile starb zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren aus ärmeren Sozialschichten. Die Bereitstellung von hygienischem Wohnraum und dessen Regulierung würden zur Lösung dieses Problems beitragen.

Im Bereich der inneren Sicherheit war das Wohnungsproblem an ein moralisches Problem gekoppelt, das die Sicherheit und sogar die Wirtschaft betraf. Es wurde argumentiert, dass der Mangel an angemessenem Wohnraum zu Alkoholismus ("Ein gutes Haus hält den Arbeiter von der Taverne fern" – Zitat aus einer Empfehlung für den Wohnungsbau für chilenische Arbeiter im Jahr 1904), Elend und Unmoral, und damit zu kriminellen Verhaltensweisen und Unordnung führte, was fatale Folgen nicht nur für die öffentliche Ordnung, sondern auch die wirtschaftliche Entwicklung hätte.

Was bei deinem Lebenslauf auffällt: Du hast zwei Studienabschlüsse. Zunächst hast du in Bogotá an der Universidad Nacional de Colombia ein Diplom in Geschichte erworben. Von 2005 bis 2007 hast du nach einen Magister in Altamerikanistik und Geschichte an der FU Berlin gemacht. Was war der Grund, nach dem Diplom ein zweites Studium zu beginnen?

Dr. Mónika Contreras Saiz: Es ist eine lange Geschichte, aber ich versuche, sie kompakt darzustellen: Ich habe 2003 in Kolumbien meinen Abschluss gemacht und wollte einen Master in Politikwissenschaft, Anthropologie, Geschichts- oder Kommunikationswissenschaft in Deutschland absolvieren. In Kolumbien beriet mich eine deutsche Professorin, die an meiner Universität arbeitete (Prof. Dr. Gisela Cramer), und erklärte, dass es in Deutschland zu dieser Zeit keine Master-Abschlüsse gab. Der Bologna-Prozess wurde jedoch bereits in den Gang gesetzt, der das gesamte Studiensystem in Deutschland zu verändern begann. Es wäre also wahrscheinlich, dass es zum geplanten Studienbeginn (damals angesetzt für den Sommer 2005) bereits einige neue Masterstudiengänge geben würde.

Ich hatte mich um ein DAAD-Colfuturo-Stipendium beworben und bin schließlich im Winter 2004 nach Deutschland gekommen. Als ich Deutsch lernte, sollte ich mich entscheiden, welchen Masterstudiengang ich anfangen soll. Langsam näherte sich das Sommersemester 2005 und der einzige Masterstudiengang, der für mich in Frage kam, begann erst im Oktober 2005. Zugleich hatte ich die Verpflichtung, mein Studium im April 2005 zu beginnen. Aufgrund dieser Situation entschied ich mich für den zweiten Teil eines Magisterstudiums, der mit einem Master-Abschluss (zwei Jahre Besuchsseminare und Vorbereitung der Abschlussarbeit) gleichzusetzen war. In diesem Sinne war für mich der Magister eine Art von Fortbildung und weniger ein zweites Studium. Später hatte ich die Möglichkeit, zum Master zu wechseln, ich war aber sehr zufrieden mit dem Magisterstudiengang und beschloss, immatrikuliert zu bleiben. Ich gehöre also zu den letzten Generationen, die den Titel Magister bzw. Magistra Artium in Deutschland erhalten haben.

Nach deiner Promotion hast du am Lateinamerika-Institut der FU Berlin gelehrt und geforscht. Was waren dabei deine Schwerpunkte?

Dr. Mónika Contreras Saiz: In der ersten Phase lagen meine Schwerpunkte in der Kolonisierungsgeschichte Lateinamerikas aus transnationaler und globaler Perspektive und den interethnischen Beziehungen in Grenzgebieten und ökonomischen Räumen als entstehende Koexistenzräume. In der zweiten Phase habe ich mich besonders auf die historische Forschung der Erinnerungskultur in Lateinamerika und den Einsatz digitaler Methoden in der historischen Forschung konzentriert. In meiner Forschung habe ich mich also mit der Herstellung und Gewährleistung von Sicherheit im Rahmen von Staatsbildungsprozessen in Lateinamerika, der deutschen Polizeihilfe für lateinamerikanische Polizeibeamte bis hin zur Geschichtsvermittlung durch Unterhaltungsmedien in Lateinamerika beschäftigt.

All diese Forschungsbereiche klingen zwar sehr unterschiedlich, sind aber irgendwie miteinander verbunden und haben mir auch Forschungsmöglichkeiten in neuen Bereichen eröffnet. Zum Beispiel führte mich die Untersuchung der Beziehungen zwischen dem Staat und indigenen Gruppen zur Untersuchung der Polizeikräfte. Die Untersuchung der Polizeikräfte in Lateinamerika führte mich wiederum zum Thema Sozialwohnungspolitik. Und obendrauf gibt es auch noch schöne Arbeits- und Lebenszufälle: So nahm ich 2011 an einer Veranstaltung zum Thema Erinnerung teil und seitdem hat mich dieses Thema stets begleitet und mir viele neue Forschungsgelegenheiten geboten.

Mehr Informationen zu Teilprojekt B02: Herausbildung, Aus- und Umbau des Sozialstaats im Cono Sur im Austausch mit (Süd-)Europa (1850-1990)

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Bild 1: privat.
Bild 2: Plakatwettbewerb - Ausstellung kostengünstiges Wohnen (Aus: Revista de La Habitación. Organo del Consejo Superior y de los Consejos Departamentales de Habitaciones Obreras. Año II, Santiago, Setiembre de 1922, N. 21, S. 613)


Kontakt:
Dr. Mónika Contreras Saiz
Dr. Tim Dorlach
Dr. Tim Dorlach
Die Länderberichte dokumentieren, welche sozialpolitischen Maßnahmen Staaten rund um den Globus ergriffen haben, um die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Pandemie abzumildern. Tim Dorlach erklärt im Interview, was wir erwarten können.

Lieber Tim, in wenigen Tagen wird unser erster Länderbericht zu sozialpolitischen Antworten auf die Covid-19-Pandemie veröffentlicht. Erklär doch bitte kurz, worum es geht.

Tim Dorlach: Die Beiträge in unserer neuen Länderbericht-Reihe analysieren die sozialpolitischen Maßnahmen, mit denen nationale Regierungen bislang versucht haben, die negativen sozialen Auswirkungen dieser globalen Pandemie abzufedern. Jeder Bericht besteht aus einem Essay und einem Datenanhang zu zentralen sozialpolitischen Reformen. Dabei liegt der Fokus in der ersten Runde zuerst einmal auf Ländern des Globalen Südens. Über die sozialpolitischen Antworten auf die Pandemie jenseits von Europa und Nordamerika weiß die Forschung noch viel zu wenig.

Wie viele Länderberichte werden in der Serie erscheinen und wer schreibt sie?

Tim Dorlach: In den kommenden Monaten werden erst einmal rund 30 Länderberichte erscheinen. Verfasst werden diese Berichte von einigen Mitgliedern des SFB 1342 sowie von einer Vielzahl von Mitgliedern unseres internationalen Länderexpert*innen-Netzwerkes. Dieses Netzwerk wurde initiiert, um es dem SFB zu ermöglichen, globale Sozialpolitikforschung in enger Kooperation mit lokalen Expert*innen durchzuführen.

Die Corona-Pandemie ist noch lang nicht vorüber, das Gleiche gilt für ihre sozialen Auswirkungen und damit verbunden: die sozialpolitischen Antworten der Nationalstaaten. Wird es daher so etwas wie einen Folgebericht für die Länder geben – „Covid-19 Social Policy Responses in 2021“ oder so ähnlich?

Tim Dorlach: Das ist der Plan. Die mittel- und langfristigen sozialpolitischen Antworten auf die Pandemie werden ja vermutlich auch anders aussehen als die ersten kurzfristigen Reaktionen in den ersten Monaten nach dem Ausbruch der Pandemie. Einerseits werden Regierungen vermutlich strukturellere wohlfahrtsstaatliche Lösungen finden müssen, aber andererseits geht Ihnen dafür vielleicht auch bald das Geld aus.

Die Covid-19-Länderberichte waren in der ursprünglichen Planung des SFB 1342 (natürlich) nicht vorgesehen. Kannst du kurz beschrieben, wie dieses Projekt entstanden ist?

Tim Dorlach: Die Pandemie hat uns natürlich alle überrascht und aus der Bahn geworfen. In vielen Teilen hat die Pandemie die Arbeit auch stark beeinträchtigt. Andererseits ist die Universität Bremen mit dem SFB auch ideal darauf vorbereitet, die sozialen Auswirkungen der Pandemie und sozialpolitische Lösungsansätze aus globaler Perspektive zu untersuchen. Daher ist relativ kurzfristig dieses zusätzliche Vorhaben gestartet worden.

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Tim Dorlach ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am SOCIUM. Aktuell forscht er zu Sozial- und Gesundheitspolitik in Schwellenländern. Er twittert unter @TimDorlach.

Tuberkulosebakterien (©Juan Gärtner - stock.adobe.com)
Tuberkulosebakterien (©Juan Gärtner - stock.adobe.com)
Die Ausbreitung der arzneimittelresistenten Tuberkulose in Armenien steht im Zusammenhang mit zurückkehrenden Arbeitsmigrantinnen und -migranten und deren prekären Lebensbedingungen in Russland.

Die Ausbreitung der arzneimittelresistenten Tuberkulose in Armenien steht im Zusammenhang mit den aus Russland zurückkehrenden Arbeitsmigrantinnen und -migranten. Aufgrund des eingeschränkten Zugangs zu medizinischer Versorgung und der Angst vor Abschiebung in Russland haben die Migrantinnen und Migranten nur begrenzte Möglichkeiten, sich testen zu lassen und, wenn nötig, die entsprechende Behandlung zu erhalten. Diese Situation hat die Belastung durch die Krankheit in Armenien erhöht, wo die meisten Patienten mit arzneimittelresistenten Formen der Tuberkulose zurückgekehrte Arbeitsmigrantinnen und -migranten sind.

Für weitere Informationen lesen Sie die Veröffentlichung:
Isabekova, Gulnaz, 2019: The Contribution of Vulnerability of Labour Migrants to Drug Resistance in the Region: Overview and Suggestions, in: The European Journal of Development Research, 31 (3), pp. 620 - 642.

Mehr über die Forschungsarbeit des Teilprojektes B06: Externe Reformmodelle und interne Debatten bei der Neukonzipierung von Sozialpolitik in der post-sowjetischen Region


Kontakt:
Gulnaz Isabekova
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Forschungsstelle Osteuropa
Klagenfurter Straße 8
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57073
E-Mail: gulnaz@uni-bremen.de

Prof. Dr. Frank Nullmeier
Prof. Dr. Frank Nullmeier
Frank Nullmeier diskutiert in einem Aufsatz den Begriff der Freiheit in Zeiten der Pandemie. Er plädiert dafür, den Infektionsschutz zu reformieren und dann als sozialpolitisches Instrument zu begreifen, das Freiheit erst ermöglicht.

Während der Pandemie greifen die Infektionsschutzmaßnahmen von Regierungen und Verwaltungen in die alltäglichen Aktivitäten der Bürgerinnen und Bürger ein. Diese Maßnahmen werden von manchen als Verletzung der Freiheit des Einzelnen wie auch der Gesellschaft kritisiert. Doch ein solcher Freiheitsbegriff sei im Kontext einer Pandemie nicht angemessen, argumentiert Frank Nullmeier. Es sei in erster Linie die Pandemie, die die Freiheit verletze. Wir müssten ein Konzept der sozialstaatlich geprägten Freiheit entwickeln, das es erlaube, staatliche Eingriffe zunächst als Reaktion auf einen Zustand der Unfreiheit zu verstehen.

Historisch gesehen, schreibt Nullmeier, sei der öffentliche Infektionsschutz in der Polizeiarbeit verwurzelt, und die Denkmuster des Sozialrechts und des Sozialstaats seien hier nicht fest integriert. Frank Nullmeier plädiert daher dafür, den Infektionsschutz zu reformieren und ihm einen sozialpolitischen Charakter zu geben, ähnlich wie bei der Regulierung von Arbeitsverhältnissen (z.B. Arbeitsschutz). Angemessene Formen des Regierens, die auch eine institutionelle Umstrukturierung der Infektionsbekämpfungspolitik implizieren, müssten auf einem sozialstaatlich ausgerichteten Konzept von Freiheit beruhen, dass sich an sozialer Freiheit orientiert. 

Frank Nullmeiers gesamter Aufsatz auf dem Theorie-Blog: Covid-19-Pandemie und soziale Freiheit


Kontakt:
Prof. Dr. Frank Nullmeier
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58576
E-Mail: frank.nullmeier@uni-bremen.de

Dr. Achim Schmid, Gabriela de Carvalho, Johanna Fischer (v.l.n.r.)
Dr. Achim Schmid, Gabriela de Carvalho, Johanna Fischer (v.l.n.r.)
Gabriela de Carvalho erklärt im Interview, warum bestehende Typologien von Gesundheitssystemen einen starken Global-North-Bias haben und warum das problematisch ist.

Gabriela de Carvalho, Achim Schmid und Johanna Fischer haben die Literatur zu Klassifikationen von Gesundheitssystemen untersucht. Das Team hat festgestellt, dass die bestehenden Typologien einen starken Global-North-Bias aufweisen und somit wichtige Merkmale der Gesundheitssysteme des Globalen Südens nicht erfassen können. Gabriela de Carvalho, die Erstautorin des in Global Social Policy veröffentlichten Papers, erläutert einige Details ihrer Ergebnisse und was diese für Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger bedeuten.

Ihr habt die Literatur zu den bestehenden Klassifikationen von Gesundheitssystemen ausgewertet und festgestellt, dass diese kaum geeignet sind, um damit Forschung über den Globalen Süden zu betreiben. Was ist der Grund dafür?

Gabriela de Carvalho: Das Hauptziel unserer Forschung war die Auswertung der Literatur zur Typologie der Gesundheitssysteme und ihre Fähigkeit, die Besonderheiten der Gesundheitssysteme des Globalen Südens zu erfassen. Die Ergebnisse unserer Studie weisen auf die Grenzen verschiedener Merkmale bestehender Typologien hin: ihrer Abdeckung, der verwendeten Methoden und der Kriterien, auf denen sie aufbauen. Was die Abdeckung betrifft, so werden die Gesundheitssysteme der LMICs (Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen) in der Literatur nur selten berücksichtigt, da die klassifizierten Fälle im Verhältnis 1:5 aus Ländern des Südens und des Nordens bestehen. Was die Methoden anbelangt, so werden durch das übermäßige Zurückgreifen auf induktive Ansätze bei der Klassifizierung oft Länder ausgeschlossen, die sich nicht numerisch erfassen lassen. Gesundheitsstatistiken konzentrieren sich meist auf den Globalen Norden und enthalten erst in jüngster Zeit mehr Daten über Länder des Südens, was die Analyse von Regelungen jenseits der Länder mit hohem Einkommen erschwert. Die Verwendung induktiver Typologien zur Klassifizierung von Systemen kann zu schlecht abgesicherten Klassifikationen führen, insbesondere wenn die Studie darauf abzielt, ein Instrument für die Anwendbarkeit über ihre Stichprobe von Fällen hinaus zu schaffen. Im Hinblick auf die Kriterien und Merkmale, nach denen Gesundheitssysteme verglichen werden, werden dominante Merkmale von Gesundheitssystemen, die in den LMICs meist vorhanden sind, wie die Segmentierung des Systems für verschiedene Bevölkerungsgruppen, in vielen Typologien nicht berücksichtigt. Dies führt häufig zu Typologien, die die empirische Realität des Südens nicht erfassen.

In eurem Paper schreibt ihr, dass sich die Gesundheitssysteme in vielen Ländern des Globalen Südens sehr von denen des Globalen Nordens unterscheiden. Was sind die wichtigsten Punkte?

Gabriela de Carvalho: Alle Gesundheitssysteme, unabhängig vom Land, stehen vor zahlreichen Herausforderungen, und die aktuelle Pandemie hat dies noch deutlicher gemacht. Dennoch ist unbestreitbar, dass die Systeme des Globalen Südens mit noch größeren finanziellen und technischen Zwängen zu kämpfen haben. Neben größeren Disparitäten bei den Pro-Kopf-Ausgaben für die Gesundheitsversorgung, der Zahl der Gesundheitsfachkräfte und der Krankheitslast sind die LMICs stärker abhängig von internationalen Akteuren (transnationale Organisationen, INGOs und Drittländer), um ihre Systeme zu finanzieren, Dienstleistungen zu erbringen und sogar zu regulieren. Ein weiteres sehr wichtiges Merkmal vieler Gesundheitssysteme des Globalen Südens ist die Segmentierung, die Koexistenz verschiedener Systeme, die je nach Einkommen, sozialem Status und/oder Art der Beschäftigung auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen abzielen. In der Regel sind die Armen aufgrund ihres Ausschlusses von der formellen Beschäftigung Nutznießer der öffentlichen Dienstleistungen, während die oberen Schichten sozial und/oder privat versichert sind. Diese Schichtung führt zu weitreichenden gesundheitlichen Ungleichheiten, da öffentliche Dienstleistungen nur eine Grundversorgung bieten und Zusatzleistungen nur von denjenigen in Anspruch genommen werden können, die in der Lage sind, sie sich zu leisten.

Worin siehst du die Gründe dafür, dass diese Aspekte in der Klassifikationsliteratur bisher nicht ausreichend berücksichtigt wurden?

Gabriela de Carvalho: Im Allgemeinen glauben wir, dass sich die wissenschaftliche Forschung aufgrund der Datenverfügbarkeit, der finanziellen und technischen Ressourcen, der institutionellen Kapazitäten und des Interesses der Forscher noch immer auf die OECD-Länder konzentriert. Natürlich hat in den letzten Jahrzehnten eine Ausweitung der (Gesundheitssystem-)Forschung zu den LMICs stattgefunden, vor allem in Form von vertieften Fallstudien, aber sie hinkt im Vergleich zur Literatur des Globalen Nordens immer noch hinterher, insbesondere wenn es um einen systematischen Vergleich geht. Wenn die vielfältigeren Fälle nicht berücksichtigt werden, wird die Literatur weiterhin nur teilweise die empirische Realität abbilden und die "Unsichtbarkeit" der weniger untersuchten Länder und Regionen verstärken. Insbesondere für die Wissenschaft, die wir analysieren, ist klar, dass die Klassifizierung und die Entwicklung aussagekräftiger Typologien viel komplizierter ist, wenn es sich um Länder des Globalen Südens handelt. Die Gründe dafür variieren von der Segmentierung/parallelen (öffentlichen) Systemen, von Bevölkerungsteilen und/oder Gesundheitsdiensten, die den Märkten überlassen werden, bis hin zur Existenz weniger "ausgereifter" Systeme. Während die Systeme im Globalen Norden in gewisser Weise auch gemischt oder hybride Systeme sein können, ist es viel schwieriger, die Informationen zu verdichten und ein LMIC einem Idealtyp zuzuordnen.

Welche Folgen hat die Diskrepanz zwischen den bestehenden Klassifikationen in der Literatur und den im Globalen Süden existierenden Gesundheitssystemen - für die wissenschaftliche Forschung und für die Praxis/Politik?

Gabriela de Carvalho: Da sich die Literatur bei der Entwicklung von Klassifikationsinstrumenten häufig auf die Gesundheitssysteme des Globalen Nordens stützt, liegt die Vermutung nahe, dass die aus diesen Typologien resultierenden Modelle die Vorstellungen von Wissenschaftlern und politischen Entscheidungsträgern darüber, wie ein Gesundheitssystem aussieht - und aussehen sollte - stärker prägen und beeinflussen. Wir gehen davon aus, dass Beispiele aus Ländern mit hohem Einkommen (falsch) so interpretiert werden können, dass sie die "besten" Modelle oder "Benchmarks" darstellen, was zur Festlegung von Standards für andere Länder führen kann, ohne die besonderen und grundlegenden Merkmale der Gesundheitssysteme in den LMICs zu berücksichtigen. Dies könnte auch dazu führen, dass die Politikberatung nach den bekannten Typen modelliert wird. Für die wissenschaftliche Forschung könnte diese Nordorientierung neue Wissensproduktion behindern, die sich möglicherweise auf weniger analysierte Fälle konzentrieren könnte, da die Forschung dazu neigt, sich auf einflussreiche Werke zu konzentrieren und ungewohnte Fälle oder neue theoretische Überlegungen beiseite zu lassen.

Das gesamnte Paper (Open Access) lesen: Classifications of health care systems: Do existing typologies reflect the particularities of the Global South?

Mehr über die Arbeit von Gabriela de Carvalho, Achim Schmid, Johanna Fischer und des gesamten Projekt-A04-Teams:
Globale Entwicklungen in Gesundheitssystemen und in der Langzeitpflege als neues soziales Risiko


Kontakt:
Gabriela de Carvalho
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57078
E-Mail: decarvalho@uni-bremen.de

Johanna Fischer
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57074
E-Mail: johanna.fischer@uni-bremen.de

Dr. Achim Schmid
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58526
E-Mail: aschmid@uni-bremen.de

Anna Wolkenhauer
Anna Wolkenhauer
Anna Wolkenhauer vom InIIS vertritt Alex Veit bis Ende März 2021 in Teilprojekt B09. Wir stellen sie in einem Interview kurz vor.

Du hattest Mitte September deine Verteidigung. Wie ist es gelaufen, kann man dir gratulieren?

Ja, ihr könnt mir gerne gratulieren! Den Titel (PhD) trage ich ja erst mit der Publikation meiner Monografie, aber die Verteidigung ist schonmal sehr gut gelaufen.

Es ist wahrscheinlich unmöglich, aber dennoch: Kannst du in wenigen Sätzen erklären, worum es in deiner Dissertation ging?

Ich bin in meiner Dissertation der Frage nachgegangen, wie Sozialpolitik und Staatswerdung (state formation) im Zeitalter des "Neoliberalismus 2.0" zusammenhängen. Während meiner, sich mittlerweile über viele Jahre erstreckenden, Arbeit und Forschung in Sambia wurde mit der Zeit deutlich, dass hier spannende Dynamiken am Werk sein könnten. So habe ich dort dann Angestellte des Staates, Empfänger*innen von Sozialpolitik, sowie auch Menschen aus der Zivilgesellschaft und aus internationalen Organisationen interviewt, um die vielschichtigen Auswirkungen der neuen sozialpolitischen Programme auf den Staat besser zu verstehen. In einem qualitativen Analyseprozess habe ich verschiedene Mechanismen herausgearbeitet, durch die Staatlichkeit sich vom Zentrum in die Peripherien des Landes ausbreitet, was sich bspw. in der diskursiven Einbeziehung und der Bürokratisierung und Standardisierung der Bevölkerung äußert sowie in politischen Verbindungen und Möglichkeiten der Einflussnahme. Es lässt sich hierbei jedoch eine gewisse Ambivalenz konstatieren: In diese Ausweitung von Staatlichkeit sind die ideologischen sowie praktischen und als natürlich wahrgenommenen Grenzen des Staates bereits eingebaut.

In den kommenden Monaten vertrittst du Alex Veit (Vertretungsprofessor in Marburg)  im SFB-Teilprojekt B09 "Transnationale Wohlfahrt. Aufstieg, Zerfall und Renaissance der Sozialpolitik in Afrika". Welche Aufgaben wirst du im Projekt übernehmen?

Ich werde meine Ergebnisse aus Sambia für vergleichende Diskussionen mit den anderen Länderstudien des Projekts einbringen und bin außerdem dabei, an Publikationen mitzuwirken.

Welche Lehrveranstaltungen übernimmst du im Wintersemester?

Ich biete ein BA-Seminar zu "Politik auf dem Land" sowie eine Übung zur Vorlesung "Internationale Beziehungen" an.

Welche fachlich-beruflichen Pläne hast du für die nächsten Jahre?

Ich fange gerade an, mich noch eingehender mit Politik im ländlichen Raum und ihrer Wechselwirkung mit staatlicher Sozialpolitik zu befassen. Mich interessiert die Frage, wie sich Veränderungen, die mit Globalisierung der Landwirtschaft und der neoliberalen Wende in der Sozialpolitik zusammenhängen, auf die Art und Weise der politischen Beteiligung und des politischen Selbstverständnisses auf dem Land auswirken.


Kontakt:
Anna Wolkenhauer
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67463
E-Mail: anna.wolkenhauer@uni-bremen.de

Der Datensatz, an dem Nils Düpont vom SFB 1342 mitgewirkt hat, versammelt Informationen zu politischen Positionen von Parteien seit 1970. Demnach werden demokratische Regierungsparteien weltweit illiberaler, ganz vorn dabei die Republikaner in den USA.

Gemessen am "V-Party Illiberation Index" hat sich die Republikanische Partei seit dem Jahr 2006 schrittweise davon verabschiedet, demokratische Normen hochzuhalten. Der illiberale Schwenk war 2016 so groß, dass die Wahlkampfrhetorik der Republikaner seither derjenigen der AKP in der Türkei und des Fidesz in Ungarn näher steht als der durchschnittlicher Regierungsparteien in demokratischen Ländern der Welt.

Wenngleich die Republikaner unter Trump ein extremes Beispiel sind, steht es doch stellvertretend für einen Trend: Laut dem V-Party Illiberation Index sind in den letzten Jahrzehnten die Regierungsparteien in Demokratien weltweit im Mittel illiberaler geworden. Das bedeutet, dass sie sich tendenziell dem Pluralismus weniger verpflichtet fühlen, politische Gegner eher dämonisieren, Minderheitenrechte ignorieren und sogar zu politischer Gewalt ermutigen.

Der Datensatz "Varieties of Party Identity and Organization Dataset (V-Party)" wurde vom V-Dem Institute an der Universität Göteborg zusammengestellt und umfasst Angaben zu 1560 Wahlen und 1955 politischen Parteien weltweit zwischen 1970 und 2019. 665 internationale Länderexperten haben die politischen Positionen der Parteien über die gesamten Zeitspanne anhand von 30 Indikatoren analysiert und codiert.

Die wichtigsten Ergebnisse aus der Analyse des V-Party-Datensatzes hat das V-Dem Institute in einem Kurz-Report zusammengefasst: V-Dem Institute Briefing Paper #9.

Der gesamte Datensatz kann kostenlos heruntergeladen werden.

Informationen zur Beteiligung von Nils Düpont und dem SFB 1342 an der Erstellung des V-Party-Datensatzes finden Sie hier.


Kontakt:
Dr. Nils Düpont
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57060
E-Mail: duepont@uni-bremen.de

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