News-Archiv

News filtern
Suchergebnis:

Simon Gerards Iglesias, Prof. Dr. Delia González de Reufels
Simon Gerards Iglesias, Prof. Dr. Delia González de Reufels
Delia González de Reufels und Simon Gerards Iglesias sprechen über die Ergebnisse von Teilprojekt B02, wie sie mit pandemiebedingten Einschränkungen umgegangen sind und was an der Kooperation von Geschichts- und Politikwissenschaft besonders reizvoll ist.

Ihr standet vor der Mammutaufgabe, 90 Jahre sozialpolitische Entwicklung in drei Ländern zu untersuchen - wie habt ihr diese Aufgabe strukturiert?

Simon Gerards Iglesias: Für die drei Länder gibt es unterschiedliche Schwerpunkte. Ich untersuche den Fall Argentinien und habe einen Schwerpunkt auf die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) gesetzt, die erst seit 1919 existiert. Als zentralen Untersuchungszeitraum habe ich die Folgejahre bis zum Zweiten Weltkrieg definiert, denn in dieser Phase beherrschten bestimmte Strukturen die Beziehungen zwischen der ILO und Argentinien und es wurde der Grundstein für die zukünftige Entwicklung der Beziehungen gelegt.

Der Untersuchungszeitraum im Teilprojekt ist in der Tat lang, dennoch lässt er sich sinnvoll betrachten, weil er von langen Entwicklungslinien durchzogen ist. Was immer wichtig war, ist etwa der der transnationale Wissensaustausch. Das sehe ich auch in Argentinien vom 19. Jahrhundert bis heute: Dort wird immer geschaut: Was passiert in Europa? Und noch ein Punkt: Wir finden gewisse Pfadabhängigkeiten. Wenn wir z.B. die Arbeitsschutzgesetze für Frauen in Argentinien und anderen lateinamerikanischen Staaten betrachten, stellen wir fest, dass hier sehr früh durchaus restriktive Regelungen bestanden. Sie waren tatsächlich restriktiver als in Europa. In Argentinien gab es Gesetzte wie z.b. die Ley de silla, übersetzt als das „Stuhlgesetz“: In jedem Industriebetrieb musste für jede angestellte Frau ein Stuhl zur Verfügung stehen, der für Erholungspausen gedacht war. Denn in Argentinien war die Gesundheit von Frauen vor allem mit der Sorge um die Gesundheit von Müttern und damit der zukünftigen Generation verknüpft, weshalb man Frauen mehr Erholungspausen auf der Arbeit zugestand. Auch heute noch findet man dieses Gesetz in einer gewissen Form sodass aufmerksame Reisende in Argentinien überall Stühle, selbst an den kuriosesten Orten entdecken können. Der Hintergrund erschließt sich aber nur denjenigen, die einen Bezug zu den argentinischen Arbeitsschutzgesetzen herstellen können.

Delia González de Reufels: An dem von Simon genannten Beispiel sieht man sehr deutlich, dass die Sozialpolitik bis heute sichtbare Spuren hinterlassen und auf die Anliegen der jeweiligen Länder reagiert hat: Die Länder des Cono Sur hatten im 19. und auch im frühen 20. Jahrhundert prekäre Demographien. In Europa, wo die sich die Bevölkerung damals exponentiell entwickelte, mögen Arbeitgeber relativ gelassen darauf geschaut haben, dass auch schwangere Frauen an der Maschine stehen und extreme Arbeitszeiten hatten. Das war im Cono Sur allerdings anders: Dort gab es weniger Kinder und das wurde als Problem benannt und von der Sozialpolitik aufgegriffen. Das „Ley de silla“ mag heute skurril anmuten, aber die Zukunft der Nation entschied sich damals durchaus auch an der Werkbank, zumindest dann, wenn eine schwangere Frau an ihr stand. Wenig überraschend war die Bevölkerungsentwicklung eine der Entwicklungslinien, entlang derer sich gesellschaftliche Diskussionen entsponnen, die man sehr gut über 90 Jahre verfolgen kann.

Und während dieser neun Jahrzehnte überschlagen sich ja glücklicherweise nicht alljährlich die Ereignisse. Es ist eher ein Prozess der Anreicherung mit wichtigen Punkten der Kulmination. Es bedurfte ja zunächst einmal eines Problembewusstseins. Der Staat nahm sich nicht sofort aller Probleme an, sondern traf eine Auswahl. In Chile beginnt unser Untersuchungszeitraum im 19. Jahrhundert, und im Jahre 1850 äußerte die Regierung erstmals, es könne nicht angehen, dass die Menschen in die Krankenhäuser gingen, um dort zu sterben. Diese waren so schlecht ausgestattet, dass Patienten keine Chance hatten, geheilt zu werden. 1850 wird also erstmals darüber diskutiert, wie staatliches Geld, genauer: Einnahmen aus Handel und Zöllen, in die Entwicklung eines funktionierenden Krankenhauswesens umgeleitet werden können. Gesundheit war bis dahin Privatsache, aber 1850 tritt der chilenische Staat erstmals in diese Verantwortung ein und beginnt, öffentliche Gesundheit als ein Feld politischen Handelns zu begreifen. Und ab diesem Moment erweitert sich der Bereich der Gesundheitspolitik um weitere Elemente. Um dies zu beobachten, sind die 90 Jahre eigentlich ideal.

Eure Arbeit ist nicht nur räumlich, sondern auch thematisch aufgeteilt. Delia, du untersuchst in Chile vor allem die Entwicklung der Gesundheitspolitik, Simon in Argentinien den Arbeitsschutz. Wie kam es zu dieser Aufteilung?

Delia González de Reufels: Alle sozialpolitischen Felder wirken natürlich in allen diesen Ländern. Aber für den Fall Chiles habe ich festgestellt, dass viele Entwicklungen im Arbeitsschutz aus dem Gesundheitsschutz hervorgegangen sind. Also aus der Beobachtung, dass bestimmte Arbeitsverhältnisse die Gesundheit der Menschen unterminieren. Diese Beobachtung wurde fand im Gesundheitswesen statt, und daher war es sinnvoll, in der Gesundheitspolitik einen Schwerpunkt zu setzen.

Und im Falle Argentiniens haben wir den Arbeitsschutz als Schwerpunkt, weil in Buenos Aires das ILO-Büro für Lateinamerika gegründet wurde: Nachdem Südamerika zunächst von Madrid aus administriert wurde, zog die ILO mit einem eigenen Büro nach Buenos Aires um und war dort präsent. Um diese Entwicklung und deren Folgen im Projekt abbilden zu können, haben wir diese Trennung vorgenommen. Hieraus ergibt sich ein vollständigeres Bild als wenn alle Entwicklungen in allen Ländern nachvollzogen werden.

Simon Gerards Iglesias: Die Trennung hilft uns auch, damit wir trotz des großen Zeitraums die geschichtswissenschaftliche Lupe d.h. diesen analytischen Zugang anwenden können. Das geht nur bei thematischer Aufteilung. Zum Arbeitsschutz: In Argentinien gab es ein wichtiges Gesetz im Jahr 1915, das den Arbeitsschutz für IndustriearbeiterInnen neu definierte: Es regelte Schadensersatzregelung für Arbeitsunfälle und räumte der Arbeiterklasse erstmals ein wichtiges einklagbares Recht zur monetären Entschädigung ein, was ein großer Schritt zur späteren Sozialversicherung war. An dieses Gesetz haben sich viele Regelungen angeschlossen, auch viele bilaterale Abkommen mit europäischen Staaten wurden daraufhin geschlossen. Dieses Beispiel zeigt, dass Sozialpolitik im frühen 20. Jahrhundert viele transnationale Verflechtungen hatte und in einer frühen Phase der Entwicklung des Wohlfahrtsstaates bereits Rechte für Minderheitengruppen, wie etwa ausländischen ArbeiterInnen eingeführt wurden.

Delia González de Reufels: In Argentinien rückt die Arbeit einer supranationalen Organisation in den Vordergrund, die beide Bereiche- Arbeit und Gesundheit- betrachtet hat. Für den Gesundheitsschutz hätten wir die PAHO, gegründet 1902, in den Mittelpunkt stellen können. Allerdings begann in Chile begann die Gesundheitspolitik deutlich früher und war eng verknüpft mit der Professionalisierung der Medizin, die uns hier besonders interessiert hat, weil sie für die Entwicklung der Public Health von großer Bedeutung war. So haben wir schon Geschichte vor der Gründung der PAHO, die einzufangen ist. Und besonders wichtig ist, dass die ILO Themen aufgreift, die vorher seitens des Gesundheitsschutzes schon diskutiert wurden. Durch unsere Aufteilung im Projekt haben wir diese Dynamik einfangen können.

Auf welche anderen, großen Einflussfaktoren oder Mechanismen für sozialpolitische Entwicklungen seid ihr bei eurer Arbeit gestoßen?

Delia González de Reufels: Es hat sich bestätigt, dass sich die Länder gegenseitig aufmerksam beobachtet und auch voneinander gelernt und Initiativen der anderen aufgegriffen haben. Es gab eine intrinsische Motivation auf den als wichtig erkannten Feldern durch eigene Maßnahmen hervorzutregen, es gab aber auch in einem Wettbewerb untereinander. Argentinien und Chile beobachteten sich sehr genau, obwohl ja in der Region mit Uruguay ein Nachbar vorhanden ist, der sehr reformaffin war und sich selbst sehr über den sozialpolitischen Fortschritt definiert hat. Trotzdem war der Blick der Chilenen und Argentinier aufeinander gerichtet. Und natürlich nach Europa.

Simon Gerards Iglesias: Die Argentinier schauten ebenfalls in viele Richtungen, immer aber auch nach Europa. Die Argentinier sahen sich eigentlich nicht als Lateinamerikaner, sie betonten immer ihre besondere Verbindung nach Europa. Das sieht man in der Mode, der Architektur und so weiter. Europa ist dann auch in der Sozialgesetzgebung ein wichtiger Referenzpunkt. Spanien wird nicht als alte Kolonialmacht gesehen, und wenn, dann als positive, die mit den sogenannten „Leyes de Indias“ die ersten Sozialgesetze eingeführt hat. Argentinien wusste, dass es nicht so industrialisiert war wie Europa, gleichzeitig wollte es so werden und schaute sich viele Dinge ab - die Industrialisierung, aber auch die damit zusammenhängende Sozialgesetzgebung.

Was wichtig ist in Bezug auf die Rolle der ILO: Ich habe den Eindruck, dass die Konventionen und Empfehlungen gar nicht so einen großen Einfluss auf die nationalen Sozialgesetzgebungen haben. Es besteht das klassische Problem internationaler Kooperation: Man einigt sich nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Dadurch sind viele Konventionen relativ schwach und schwammig, sie lassen viel Interpretationsspielraum zu, ohne wirklich einen höheren Standard zu etablieren. Das gilt für Argentinien ganz deutlich. Dort wurden Konventionen erst sehr spät ratifiziert und nur in gewissen Bereichen umgesetzt. Es gab ein cherry picking von Konventionen für die Bereiche, wo es bereits sehr ausgefeilte Gesetze gab. Dadurch wirkten sich die Konventionen meist weder positiv noch negativ auf die argentinische Gesetzgebung aus.

Dennoch war die ILO ein ganz wichtiger Akteur: Und zwar als Plattform und Scharnier zur Wissensgenerierung in der Sozialpolitik. Die ILO war als erste und damals einzige Organisation in der Lage, große vergleichbare Studien durchzuführen. Sie hatte auch eine riesige Bibliothek und Archive aufgebaut, die von Argentiniern benutzt wurden. Das sieht man auch in den Korrespondenzen. Gerade im Bereich der Sozialversicherung wurde sehr viel bei der ILO angefragt, weil sie einen unfassbar großen Wissensschatz aufgebaut hatte.

Ihr berichtet, dass diese Länder sehr stark auf ihre Nachbarn und Europa geschaut haben. Die Welt war damals nicht so vernetzt wie heute. Was waren denn die Wege des Austausches?

Delia González de Reufels: Die Welt war damals viel vernetzter, als wir uns das heute vielfach vorstellen. Damals gab es enge Verbindungen, nicht per Flugzeug, sondern per Schiff. Wenn wir uns die Organisationen, aber auch die Militärs anschauen, so waren das hochmobile Persönlichkeiten, die reisen und Dinge in Europa eigens in Augenschein nehmen konnten. Das gilt auch für Ärzte. Ideen reisen mit den Menschen, sie reisen auch in Schriften. Die Akteure haben Französisch gelesen, Deutsch, Englisch und auch Italienisch. Gerade die Ärzte haben ein breites Spektrum europäischer Sprachen beherrscht, um die Fachzeitschriften rezipieren zu können und auf dem jeweils neuesten Stand ihrer Disziplin zu sein; zumindest gilt das für die Koryphäen. In der ältesten und bis heute veröffentlichten Mediziner-Zeitschrift, fand sich daher auch immer eine Art Reader's Digest, der zusammenfasste, was gerade in internationalen Fachzeitschriften diskutiert wurde. So konnte die gesamte Ärzteschaft an den medizinischen Fortschritten teilhaben. Zum Teil hat man den Eindruck, die Autoren stehen dabei, wenn Robert Koch wieder eine Entdeckung macht, ihre Begeisterung darüber ist den Texten ebenso zu entnehmen wie der Stolz auf die eigene Disziplin, die sich beständig fortentwickelte und zur Lösung der Probleme der Zeit in Chile und anderenorts einen Beitrag leisten würde.

Simon Gerards Iglesias: Auch von Seiten der ILO gab es zahlreiche Versuche, stärker auf diese südamerikanischen Länder einzuwirken, Menschen zu erreichen und in die Diskurse hineinzukommen. Das beginnt mit spanischsprachigen Publikationen in den 1920er-Jahren. Dann gab es Reisen von ILO-Präsidenten, von Albert Thomas und Harold Buttler und anderem ILO-Personal, die alle nach Argentinien, Uruguay und Chile reisten, um dort die Arbeit der ILO vorzustellen und für ihre Organisation zu werben. Auf der anderen Seite gibt es Interesse und Engagement von den nationalen Behörden: Die argentinische Arbeitsbehörde veröffentlicht in ihrem Bulletin Unterlagen von ILO-Konferenzen und deren Protokolle werden ins Spanische übersetzt. Diese Zeitschrift wurde Sozialpolitikexperten in Argentinien gelesen, und so trug man die Debatten und das Wissen nach Argentinien hinein.

Argentinien war für die ILO immer das wichtigste Land, um ganz Lateinamerika zu erreichen. Das lag daran, dass- wie Delia schon sagt- Chile nach Argentinien schaute und die kleineren Länder erst recht. Deswegen wählte man z.B. Alejandro Unsain, einen Sozialrechtler aus Argentinien, in ein Gremium der ILO, ins Präsidium. Auch die erklärte Feministin und Sozialistin Alicia Moreau de Justo wird als einzige Repräsentantin aus einem Land der Südhalbkugel Mitglied der Kommission für Frauen und Kinder. Man hat also versucht, argentinische Akteure einzubeziehen, nach Genf zu holen und so den Austausch und die Wissensproduktion gefördert.

Delia González de Reufels: Argentinien hatte der ILO als entwickeltes Land auch eine besondere Infrastruktur zu bieten. Das gilt auch für Chile. So fand dann in den 1930er-Jahren eine große ILO-Tagung in Santiago statt. Chile hat es genossen, dass die Welt auf Santiago schaute. Das ließ man sich auch etwas kosten, auch in Zeiten, als das Geld knapper war.  Das gilt auch für die Kongresse der Lateinamerikanischen Mediziner, deren Idee in Chile entwickelt wurde. Zugleich richtete das Land den ersten Kongress aus, der eine Weiterentwicklung des ersten chilenischen Medizinerkongresses darstellte. So waren die nationale Entwicklung und die transnationale eng miteinander verwoben.

Wir haben feststellen können, dass es immer wieder ereignisreiche Zeitabschnitte gab, die sowohl vom transnationalen Austausch als auch von Entwicklungen in den Ländern getragen wurden. Weder das eine noch das andere allein reicht aus, um eine Erklärung für die Dynamik sozialpolitischer Entwicklungen zu finden. Es gab immer eine Verbindung zwischen der transnationalen und nationalen Ebene. Erst dadurch entstand eine Dynamik, die sozialpolitische Veränderung ermöglichte. Das gilt für alle Bereiche.

Ihr habt vom eurem geschichtswissenschaftlichen Lupenblick gesprochen, ihr seid dennoch Teil des politikwissenschaftlichen SFB. Was war herausfordernd an dieser Konstellation und was war besonders gewinnbringend?

Delia González de Reufels: Herausfordernd ist, dass andere Beobachtungsräume zeitlicher Art entworfen werden. Die Geschichtswissenschaft ist immer ganz nah an der Quelle, und man sieht dann mitunter auch das größere Bild nicht, sondern muss sich das erstmal erarbeiten. Wir sind meist längere Zeit im Archiv, bevor wir daran gehen können, an Quellen unsere Theorien zu falsifizieren und Aussagen zu treffen. Da sind die die Kolleg*innen der Politikwissenschaft sehr viel schneller. Aber der SFB ist ja nicht aus dem Nichts gestartet. Es gab Jahre der Vorarbeit, es ging auch darum, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, unsere Perspektiven zu vereinen und voneinander zu lernen. Das macht es für mich bis heute so spannend. Wir kommen übrigens überwiegend zu ähnlichen Ergebnissen und ergänzen uns darüber hinaus sehr gut, obwohl wir anders auf die Dinge draufgucken.

Simon Gerards Iglesias: Ich denke, die Politikwissenschaft fokussiert sich sehr auf Methoden, z.B. die causal mechanisms, die wir uns auch erst aneignen mussten. Wir hingegen haben diesen Quellenblick, und es dauert dann meist länger, bis wir Ergebnisse vorweisen können. Aber es ist eine sehr bereichernde Kooperation. Ich habe viel gelernt und konnte z.B. Theorien zu internationalen Beziehungen gut für meine Dissertation verwenden.

Kommen wir zu einem unschönen Thema: Wie hat sich denn die Corona-Pandemie auf euer Projekt und eure Recherchen ausgewirkt?

Delia González de Reufels: Es ist wirklich bitter: Wir haben Reisemittel, die wir nicht verwenden können. Zurzeit ist vollkommen offen, wann wir wieder reisen dürfen. Und anders als viele Kolleg*innen hängen wir am gedruckten Wort: Wir müssen in die Bibliothek und in die Archive. Man kann sich zwar behelfen: Durch einen Kontakt in eine chilenische Bibliothek konnte ich etwas Material digitalisieren lassen und so an Quellen kommen. Aber das ist natürlich nur ein Ausschnitt und kann die eigene, wochenlange Archivarbeit nicht ersetzen. Denn man muss von der Ferne aus genau wissen, an welcher Stelle in welcher seriellen Publikation etwas Relevantes zu finden ist. Und man muss sich darauf verlassen, dass bei der Digitalisierung kein Fehler passiert und die Bestände vollständig sind.

Simon Gerards Iglesias: Zum Glück war ich vor zwei Jahren, gleich zu Beginnen meiner Dissertationsphase, in Argentinien und konnte dort Material sammeln. Seit Beginn der Pandemie im März 2020 hat die ILO nämlich niemand mehr in ihr Archiv gelassen, was schade ist und letztlich auch ein bisschen unverständlich. Das ist ein Riesenproblem. Wir haben so kaum ILO-Archivmaterial sichten können, nur solches, das bereits digitalisiert ist. Das ist zwar viel, aber darunter sind keine Korrespondenzen, Briefe und informelle Berichte. Dabei sind es gerade diese inoffiziellen Quellen, für die wir uns als Historiker*innen so interessieren. Und hoffen wir immer noch auf eine zeitnahe Öffnung, die eine Sichtung des Archivmaterials erlaubt.

Welche Veröffentlichungen sind trotz allem noch von euch zu erwarten in den nächsten Monaten?

Delia González de Reufels: Demnächst erscheint ein Working Paper, das die Ergebnisse meiner Forschungen und der von Mónika Contreras präsentiert und zur Diskussion stellt. Hier geht es um das Feld des Social Housing und wie sich das auf eine besondere Berufsgruppe auswirkt: die Carabineros de Chile. Das ist eine militarisierte und zentralisierte Polizeieinheit, die 1927 durch einen Zusammenschluss verschiedener anderer Polizeien entstanden und in ganz Chile präsent ist. Diese neue nationale Polizei war schnell in der Lage, dieses Gesetz zu nutzen, um sich als Arbeitgeber attraktiv zu machen und die Wohnungsmisere in Santiago für die Angehörigen der eigenen Einheit positiv zu wenden. Wohnen ist ja mehr als ein Ort der Unterbringung, es hat Auswirkungen auf das Familienleben, die Gesundheit, auf das soziale Gefüge. Außerdem habe ich noch zwei Aufsätze im in der Pipeline, für die ich auf Archivmaterial zurückgreifen kann, das ich vor Corona in Chile und der Conway Medical Library in Boston sammeln konnte.

Und als Teilprojekt sind wir an einem Band beteiligt, zu dessen Herausgeber*innen ich gehöre: Der Band hat das Ziel, die Breite und Dynamik der globalen sozialpolitischen Entwicklung in den Blick zu nehmen und wir sind dort auch mit eigenen Beiträgen beteiligt. Es hat Spaß gemacht, einige Ergebnisse unsere Arbeit in kurzer und prägnanter Form für unsere Länder zu präsentieren.

Simon, wann wirst du deine Promotion abschließen?

Simon Gerards Iglesias: Ich werde voraussichtlich im Spätsommer fertig. Die Veröffentlichung wird dann etwas später, d.h. nach dem Kolloquium erfolgen. Ich habe auch noch viel Material und Quellen, die ich bisher nicht gebraucht habe. Basierend darauf werde ich noch Artikel schreiben, aber das steht erst im zweiten Halbjahr an.


Kontakt:
Simon Gerards Iglesias
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Geschichtswissenschaft / FB 08
Universitäts-Boulevard 13
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67204
E-Mail: sgerards@uni-bremen.de

Prof. Dr. Delia González de Reufels
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Geschichtswissenschaft / FB 08
Universitäts-Boulevard 13
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67200
E-Mail: dgr@uni-bremen.de

Shire traf sich mit SFB-Mitgliedern und Gästen, um ihr mitherausgegebenes Buch "The Dynamics of Welfare Markets" vorzustellen und die Herausforderungen bei der Regulierung grenzüberschreitender Arbeit in der häuslichen Pflege im Detail zu diskutieren.

Clémence Ledoux, Karen Shire und Franca van Hooren sind Herausgeberinnen des Buches "The Dynamics of Welfare Markets - Private Pensions and Domestic/Care Services in Europe", das kürzlich bei Palgrave Macmillan erschienen ist. In den Beiträgen zu diesem Buch untersuchen und vergleichen die Autor*innen die Dynamik der sehr unterschiedlichen Segmente des Wohlfahrtsmarktes: der privaten Altersvorsorge und der Pflegedienstleistungen.

In ihrem Vortrag konzentrierte sich Karen Shire (Universität Duisburg-Essen) auf häusliche Pflegedienstleistungen und insbesondere auf den Fall Deutschland, wo einige hunderttausend migrantische Arbeitskräfte in einer Vielzahl von Arbeitsverhältnissen beschäftigt sind. Diese Arbeitskräfte haben wenig bis gar keinen Zugang zu gewerkschaftlicher Vertretung und Tarifverhandlungen, weshalb sie sich oft in einer prekären Lage befinden.

Karen Shire vertiefte den Austausch mit dem SFB 1342 in einem von Teilprojekt B07 in einem Workshop, den sie gemeinsam mit Helma Lutz (Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt) durchführte. 

Dr. Stephen Devereux, Anna Wolkenhauer, PhD
Dr. Stephen Devereux, Anna Wolkenhauer, PhD
Unser Mercator Fellow Stephen Devereux untersucht die Rolle von Hilfsorganisationen bei der Ausbreitung von Social Protection in Afrika. Devereux hat ein SFB-Working-Paper dazu veröffentlicht und schreibt mit Anna Wolkenhauer zu diesem Thema.

Noch vor 20 Jahren in Afrika fast nicht vorhanden, sind soziale Cash-Transfers, die sich an armen und vulnerable Menschen richten, heute in den meisten Ländern in Subsahara-Afrika etabliert. In seinem SFB-Working-Paper beschreibt Stephen Devereux vier kausale Mechanismen, die in der Literatur als Ursache für die schnelle Einführung von Social-Protection-Programmen in Afrika seit der Jahrtausendwende diskutiert werden - Lernen, Wettbewerb, Nachahmung und Zwang. Devereux konzentriert sich anschließend auf die zentrale Rolle transnationaler Akteure, insbesondere internationaler Entwicklungsagenturen, als "Policy Pollinators" (Bestäuber) im Bereich Sozialschutz. Mit der Einführung von "policy pollination" erweitert Devereux die Literatur über die Verbreitung von Sozialschutz im Globalen Süden um einen fünften Mechanismus. "Diese Agenturen", schreibt Devereux, "setzten eine Reihe von Taktiken ein, um afrikanische Regierungen zur Umsetzung von Geldtransferprogrammen und zum Aufbau von Sozialschutzsystemen zu bewegen, hierzu gehören:

  1. Aufbau der empirischen Beweisbasis, dass Geldtransfers positive Auswirkungen haben;
  2. die Finanzierung von Sozialschutzprogrammen, bis die Regierungen diese Verantwortung übernehmen;
  3. Stärkung der staatlichen Kapazitäten zur Bereitstellung von Sozialschutz durch technische Hilfe und Trainingsworkshops;
  4. Beauftragung und Mitverfassen von nationalen Strategien zum sozialen Schutz;
  5. Förderung der Domestizierung des internationalen Sozialschutzrechts in die nationale Gesetzgebung."


Devereux gibt kein Urteil darüber ab, ob ein gebergetriebener Prozess der Einführung von Sozialschutzprogrammen gut oder schlecht ist. Aber er wirft die Frage auf, inwieweit "die Agenden der Entwicklungsagenturen mit den nationalen Prioritäten übereinstimmen oder in Konflikt stehen, und ob Sozialschutzprogramme und -systeme blühen oder verkümmern würden, wenn die internationale Unterstützung zurückgezogen würde".

Im Moment untersuchen Stephen Devereux und SFB-Mitglied Anna Wolkenhauer die internationalen Entwicklungsagenturen noch genauer, wenn sie bei den afrikanischen Regierungen auf die Einführung von Geldtransferprogrammen drängen. Sie plädieren dafür, individuelle Handelnde und ihre Agenden in den Mittelpunkt der Analyse solcher Politikdiffusion zu stellen. Sie tun dies, indem sie den Prozess der Diffusion von Sozialschutzpolitik in Sambia durch drei individuelle Handelnde analysieren, die zwischen der nationalen und der internationalen Ebene angesiedelt sind.

Devereux und Wolkenhauer haben ihren Paper-Entwurf Mitte Mai auf einem InIIS/CRC 1342-Kolloquium vorgestellt und wertvolles Feedback von Kolleg*innen der Universität Bremen sowie von internationalen Wissenschaftler*innen erhalten. Sie planen, die überarbeitete Version ihres Papers in den nächsten Wochen bei einem internationalen Peer-Review-Journal einzureichen.

---

Lesen Sie das Working Paper von Stephen Devereux: Policy pollination. A brief history of social protection’s brief history in Africa


Kontakt:
Dr. Stephen Devereux
Library Road
BN1 9RE Brighton
Tel.: +44 1273 915802
E-Mail: s.devereux@ids.ac.uk

Anna Wolkenhauer
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67463
E-Mail: anna.wolkenhauer@uni-bremen.de

Der wissenschaftliche Beirat diskutierte mit dem Vorstand über die geplanten Forschungsvorhaben des SFB 1342 in der zweiten Förderphase.

Am vergangenen Freitag hat sich der Vorstand des SFB 1342 in einer zweistündigen Video-Konferenz mit dem Wissenschaftlichen Beirat getroffen. Aus dem Beirat nahmen Evelyne Huber (University of North Carolina), Kathleen Thelen (Massachusetts Institute of Technology), Nicola Yeates (The Open University), Ben Ross Schneider (Massachusetts Institute of Technology), Aaron Benavot (University of Albany-SUNY) und Lutz Leisering (Universität Bielefeld) an der Sitzung teil.

Zu Beginn berichtete Sprecher Herbert Obinger über den Fortschritt der Arbeiten in den 15 Teilprojekten und den Stand der Publikationen.

Evelyne Huber nannte das Vorhaben des SFB „unglaublich ambitioniert“ und mit Blick auf das Global Welfare State Information System (WeSIS), die Datenbank sehe sehr vielversprechend aus. Gerade im in den zurückliegenden Monaten hat die Zahl der Publikationen der SFB-Mitglieder deutlich zugenommen. Für Aaron Benavot sind "die Produktivität und der Output – auch unter den Bedingungen der Pandemie mit den einhergehenden Einschränkungen - sehr beeindruckend".

Lutz Leisering bemerkte, dass die Veröffentlichungen der SFB-1342-Mitglieder in englischsprachigen Fachzeitschriften einen großer Sprung für die internationale Präsenz der deutschen Sozialpolitikforschung darstellen.

Der SFB 1342 veröffentlicht einen großen Teil seiner Publikationen in Open-Access-Journalen, seiner Open-Access-Buchreihe bei Palgrave Macmillan und in seinen frei zugänglichen Eigenpublikationen. Diese Publikationsstrategie produziere „unbezahlbare Ressourcen für Wissenschaftler*innen, Studierende und die allgemeine Öffentlichkeit“, sagte Nicola Yeates.

Im zweiten Teil der Sitzung diskutierten die Beiräte den Antrag des SFB 1342 für die zweite Förderphase (in den Tagen zuvor hatten sie Kurzfassungen der Teilprojektanträge gelesen). Mit ihren Fragen, Anmerkungen und konstruktiven Kritikpunkten gaben die Beiräte wertvolle Hinweise zur Forschungsplanung für die kommenden Jahre.


Kontakt:
Prof. Dr. Herbert Obinger
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58567
E-Mail: herbert.obinger@uni-bremen.de

In "Social Policy & Administration" haben 7 Teilprojekte des SFB 1342 Fallstudien sozialpolitischer Dynamiken im Globalen Süden vorgelegt. Deren Synthese zeigt: Das Konzept der kausalen Mechanismen ist gut geeignet, solche Entwicklungen zu analysieren.

Sieben Teilprojekte aus dem Projektbereich B des SFB 1342 haben eine Sonderausgabe von "Social Policy & Administration" veröffentlicht: Causal mechanisms in the analysis of transnational social policy dynamics: Evidence from the global south. Die zentrale Forschungsfrage, der die Autor*innen nachgehen, lautet: Welche kausalen Mechanismen können die transnationalen Dynamiken der Sozialpolitik im Globalen Süden erfassen?

Um Antworten auf diese Frage zu finden, präsentieren die Autor*innen vertiefende Fallstudien zu sozialpolitischen Dynamiken in verschiedenen Ländern und Regionen des Globalen Südens sowie in unterschiedlichen sozialpolitischen Feldern. Alle Beiträge konzentrieren sich auf das Zusammenspiel von nationalen und transnationalen Akteuren bei der Gestaltung von Sozialpolitik. (Die Beiträge dieser Special Issue sind unten aufgeführt.)

Die zentralen Erkenntnisse der Autorinnen und Autoren sind:

  • Erklärungen der Sozialpolitik im Globalen Süden bleiben unvollständig, wenn nicht auch transnationale Faktoren berücksichtigt werden
  • Dies bedeutet jedoch nicht, dass nationale Faktoren nicht mehr wichtig sind. Bei sozialpolitischen Entscheidungen sind nationale institutionelle Rahmenbedingungen und Akteure von zentraler Bedeutung
  • Die mechanismusbasierte Forschung kann das Zusammenspiel zwischen transnationalen und nationalen Akteuren und deren Einfluss auf die Gestaltung sozialpolitischer Ergebnisse plausibel nachzeichnen. Die Artikel identifizieren eine Vielzahl von Kausalmechanismen, die dieses Zusammenspiel erfassen können
  • Das Ergebnis sozialpolitischer Entscheidungen ist komplex und kann oft nicht durch einen einzigen Mechanismus erklärt werden. Die Untersuchung der Kombination und des möglichen Zusammenspiels mehrerer kausaler Mechanismen kann tiefer gehende Erklärungen liefern 
  • Das Konzept der Kausalmechanismen kann auch in vergleichenden Analysen angewendet werden
  • Mechanismen können induktiv in einem Fall aufgespürt und dann auf einen anderen Fall übertragen werden.


---

Johanna Kuhlmann & Tobias ten Brink (2021). Causal mechanisms in the analysis of transnational social policy dynamics: Evidence from the global south. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12725

Armin Müller (2021). Bureaucratic conflict between transnational actor coalitions: The diffusion of British national vocational qualifications to China. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12689 

Johanna Kuhlmann & Frank Nullmeier (2021). A mechanism‐based approach to the comparison of national pension systems in Vietnam and Sri Lanka. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12691 

Kressen Thyen & Roy Karadag (2021). Between affordable welfare and affordable food: Internationalized food subsidy reforms in Egypt and Tunisia. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12710

Monika Ewa Kaminska, Ertila Druga, Liva Stupele & Ante Malinar (2021). Changing the healthcare financing paradigm: Domestic actors and international organizations in the agenda setting for diffusion of social health insurance in post‐communist Central and Eastern Europe. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12724

Gulnaz Isabekova & Heiko Pleines (2021). Integrating development aid into social policy: Lessons on cooperation and its challenges learned from the example of health care in Kyrgyzstan. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12669 

Anna Safuta (2021). When policy entrepreneurs fail: Explaining the failure of long‐term care reforms in Poland. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12714

Jakob Henninger & Friederike Römer (2021). Choose your battles: How civil society organisations choose context‐specific goals and activities to fight for immigrant welfare rights in Malaysia and Argentina. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12721


Kontakt:
Dr. Johanna Kuhlmann
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58574
E-Mail: johanna.kuhlmann@uni-bremen.de

Prof. Dr. Tobias ten Brink
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Research IV und China Global Center
Campus Ring 1
28759 Bremen
Tel.: +49 421 200-3382
E-Mail: t.tenbrink@jacobs-university.de

Dr. Alex Veit, Dr. Clement Chipenda
Dr. Alex Veit, Dr. Clement Chipenda
Clement Chipenda und Alex Veit analysieren die Entwicklungen der südafrikanischen Agrar- und Nahrungsmittelpolitik am Beispiel von Schulspeisungen und Subventionen. Zu lesen in einem neuen Working Paper.

Ihr Arbeitspapier bietet eine chronologische Analyse der südafrikanischen Ernährungspolitik von der Gründung Südafrikas als halb-autonomer Siedlerstaat bis zur demokratischen Revolution.

Auf Grundlage von Primärquellen aus Archiven und Sekundärliteratur vergleichen Chipenda und Veit zwei Politiken der Ernährungssicherung: Schulspeisungen und Nahrungsmittelsubventionen. In der Zeit zwischen den Weltkriegen wurde Nahrungsmittelknappheit und -unsicherheit ein zunehmendes Problem, wodurch Nahrungsmittelpolitik elementarer Teil des expandierenden Wohlfahrtsstaates wurde. Kostenlose Schulspeisungen waren ein wichtiges Instrument, vom dem alle Kinder profitierten, bis das Apartheid-Regime Ende der 1940er-Jahre an die Macht kam. Das Regime schloss afrikanische Kinder von den Schulspeisungen aus.

Auf den ersten Blick widersprüchlicherweise, blieb ein weiteres ernährungspolitisches Instrument auch unter dem Apartheid-Regime erhalten, von dem alle, also auch afrikanische Bevölkerungsgruppen profitierten, welches im Laufe der Jahre sogar ausgeweitet wurde: allgemeine Nahrungsmittelsubventionen.

Um diese Entwicklungen erklären zu können, analysieren Chipenda und Veit die Figuration aus Akteuren und ihren Interdependenzen:

  • die dominanten, nationalistischen Kräfte des weißen politischen Establishments, die die Verantwortung für das Wohlergehen der afrikanischen Bevölkerung abstritten
  • die liberalen, demokratischen philanthropischen und kirchlichen Gruppen, die die Ernährungssicherheit für alle Bevölkerungsgruppen einforderten
  • Industrielle, vor allem aus dem Agrar- und Rohstoffsektor, die auf die Bedeutung einer gesunden, zahlreichen Arbeitsbevölkerung hinwies.


Die Abhängigkeit der südafrikanischen Agrar- und Rohstoffindustrie von den billigen afrikanischen Arbeitskräften, mag den Ausschlag gegeben haben, die zu einer zentralstaatlichen Regulierung und Subventionierung des Agrar- und Nahrungsmittelmarktes geführt hat. Aber Chipenda und Veit weisen auf die „eigentümliche Figuration“ aus nationalistischen, kapitalistischen, liberalen, philanthropischen Kräften hin, die sich bei der Nahrungsmittelpolitik auf ein gemeinsames Handeln verständigten, wenngleich aus unterschiedlichen Interessen.

---

Lesen Sie das gesamte Working Paper: The trajectory of food security policies in South Africa, 1910-1994. The persistence of food subsidies


Kontakt:
Dr. Alex Veit
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67471
E-Mail: veit@uni-bremen.de

Dr. Dennis Niemann
Dr. Dennis Niemann
Wie beeinflussen Internationale Organisationen die globale Entwicklung von Sozialpolitik? Der vierte Band der SFB-finanzierten Reihe bei Palgrave Macmillan geht dieser Frage nach. Mit Co-Herausgeber Dennis Niemann haben wir über das Buch gesprochen.

Das Ziel eures Buches ist, die "architecture of arguments in global social governance" zu analysieren. Vereinfacht ausgedrückt, geht ihr in zwei Schritten vor: Zunächst kartiert ihr das Feld (welche IOs engagieren sich zu welchen sozialpolitischen Themen?), dann untersucht ihr den Diskurs (mit welchen Strategien versuchen die IOs, ihren Ideen und Konzepten Gehör zu verschaffen?). Fangen wir mit dem ersten Teil an: Vor gut 100 Jahren war das Feld noch übersichtlich, mit der ILO gab es genau eine IO, die sich mit Sozialpolitik beschäftigte und noch heute existiert. Wie hat sich das Feld bis heute erweitert und ausdifferenziert?

Dennis Niemann: Stimmt, der generelle Trend, dass es spätestens seit Ende des Zweiten Weltkriegs immer mehr internationale Organisationen gibt, lässt sich auch in der Sozialpolitik finden. Überaschenderwiese gibt es einige zentrale Akteurinnen, die hier annähernd das gesamte Spektrum der Sozialpolitik umspannen. Die OECD, die ILO und die Weltbank tauchen immer wieder auf und prägen diverse Bereiche. Aber auch die UNESCO, die Bildungs-, Wissenschafts-, und Kulturorganisation der UN, findet sich in vielen Sozialpolitikfeldern. Wir konnten aber auch beobachten, dass die Gesamtpopulation der Sozialpolitik-IOs mit der Zeit diverser wurde. Nicht nur die großen, bekannten IOs engagieren sich, sondern auch viele, teils regionale IOs traten auf den Plan, sozialpolitische Themen abzudecken: z.B. ASEAN, African Union oder Mercosur.

Viele IOs haben ihr Portfolio im Laufe der Zeit um sozialpolitische Themen erweitert bzw. ihr sozialpolitisches Portfolio auf weitere Felder ausgedehnt. Warum ist das so?

Dennis Niemann: Für die Gründe lassen sich zwei maßgebliche Faktoren anführen. Zum einen wurden die IOs quasi aktiv von ihren Mitgliedsstaaten beauftragt, sich mit bestimmten sozialpolitischen Themen zu beschäftigen - auch wenn sie da historisch gesehen keine große Expertise hatten. Zum Beispiel wurde die OECD, deren thematischer Schwerpunkt auf Wirtschaftspolitik lag, in den 1980er-Jahren von einigen Mitgliedsstaaten damit beauftragt, ein Instrument zu entwickeln, um nationale Bildungsleistungen zu vermessen. Heraus kam PISA und heute ist die OECD eine zentrale IO in der internationalen Bildungspolitik. Generell ist Bildungspolitik mit 30 aktiven IOs besonders dicht bevölkert. Zum anderen war diese thematische Expansion aber auch innerorganisatorischen Faktoren geschuldet. D.h. die IOs erweiterten proaktiv ihr Portfolio. Dies geschah etwa, weil sie dadurch ihre eigentliche Kernmission besser erfüllen konnten.

Nicht zu vernachlässigen ist ferner, dass bestimmte Politikfelder diskursiv um eine sozialpolitische Komponente erweitert wurden. Beispielsweise hat sich die Interpretation von Wasser als eine natürliche Ressource um eine sozialpolitische Komponente erweitert: Wasser und der Zugang dazu ist ein soziales Gut.

Kommen wir zum zweiten Teil, den Diskursen. In den sozialpolitischen Feldern sind mitunter sehr viele IOs aktiv. Üben sie sich dabei in Kooperation oder in Konkurrenz?

Dennis Niemann: Sowohl als auch. Natürlich sind die fundamentalen Sichtweisen bestimmter IOs auf Prioritäten in der Sozialpolitik durchaus divers und teils bipolar. Wo die eine Seite ökonomische Effizienz bevorzugt, wollen andere IOs zuvorderst gesellschaftlichen Zusammenhalt garantiert sehen. Diese beiden Blickwinkel sind oftmals schwerlich unter einen Hut zu bringen. Aber unmöglich ist das nicht. Wir sehen, dass bei zahlreichen Initiativen pragmatische Ansätze verfolgt werden und IOs aus unterschiedlichen "Familien" in konkreten Projekten produktiv zusammenarbeiten. Die Weltbank, OECD und ILO haben beispielsweise seit 2008 in der Familienpolitik einen gemeinsamen Ansatz entwickelt. Ähnliches lässt sich auch in Bereichen der Jugendarbeitslosigkeit und der Migration von Health Care Workers beobachten.

Ihr schreibt, dass die Tendenz zur Kooperation in den letzten ca. 10 Jahren zugenommen hat. Warum ist das so?

Dennis Niemann: Nun, ich denke, dass unterschiedliche IOs – vielleicht auch durch begonnene, eher niedrigschwellige Kooperationsprojekte – zunehmend ihre programmatischen Sichtweisen integrieren können. Wir sollten aber nicht vergessen, dass bei Sozialpolitik oftmals verschiedene Ideen weiterhin konkurrieren; nur vielleicht nicht mehr in Fundamentalopposition. Für erhöhte Kooperation spielt sicherlich auch eine Rolle, dass bestimmte Werte universeller und gültiger wurden. Ein Kristallisationspunkt hierfür waren die Millennium Development Goals und die Sustainable Development Goals der UN. Sie etablierten auch bestimmte normative Referenzpunkte für IOs in der Sozialpolitik, an denen diese ihr Argumentieren und Handeln zunehmend ausrichten. Und eine gemeinsame Wertebasis erleichtert Kooperation dann doch ungemein.

Einige IOs sind dominant im sozialpolitischen Diskurs. Welche Faktoren führen dazu, dass eine IO ein Feld dominiert oder zumindest eine einflussreiche Position einnimmt?

Dennis Niemann: In erster Linie wohl Timing und Ressourcen. Wenn IOs den Zeitgeist treffen, genießen sie eine zusätzliche Legitimation, die es ihnen ermöglicht sozialpolitische Diskurse zu bestimmen. IOs, denen auch die notwendigen Mittel zur Umsetzung ihrer programmatischen Vorgaben zur Verfügung stehen, können natürlich prägender wirken als IOs, denen diese Mittel zur Reichweitengenerierung fehlen.

Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Der Einfluss von IOs auf die Sozialpolitik ist in der Vergangenheit gestiegen. Wird sich dieser Trend fortsetzen oder in einigen Bereich sogar umkehren?

Dennis Niemann: Die Glaskugel ist hier natürlich etwas vernebelt, aber prinzipiell haben wir in der Vergangenheit eigentlich immer einen Bedeutungsanstieg von IOs in der Sozialpolitik gesehen. Mir fallen momentan wenige Gründe ein, die eine Trendumkehr heraufbeschwören würden. Was ich mir allerdings vorstellen könnte, und was sich teilweise auch abzeichnet, ist, dass einzelne IOs an Bedeutung verlieren und andere, z.B. die Big Players, noch bigger werden. Ebenfalls könnte sich die diskursive Lagerbildung wieder etwas stärker ausprägen. Generell sollte man aber die sozialpolitischen Outcomes nicht außer Betracht lassen. Solange die IOs "liefern", also für sozialpolitische Problemlagen Lösungswege aufzeigen und diese mitgestalten können, werden sie weiterhin zentrale Akteurinnen in diesem Feld sein und uns noch vor viele spannende Forschungsaufgaben stellen.

---

Lesen Sie das gesamte Buch, kostenfrei als Open-Access-Publikation:
Kerstin Martens, Dennis Niemann, Alexandra Kaasch (Hrsg.)(2021): International Organizations in Global Social Governance. Palgrave Macmillan. Cham


Kontakt:
Dr. Dennis Niemann
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67473
E-Mail: dniemann@uni-bremen.de

Netzwerk des globalen Wettbewerbs in Exportmärkten
Netzwerk des globalen Wettbewerbs in Exportmärkten
Ivo Mossig, Hendrik Heuer, Michael Lischka und Fabian Besche-Truthe haben zwei neue Indikatoren entwickelt, um den Zusammenhang von Wettbewerb und Sozialpolitik besser untersuchen zu können. Die dazugehörigen Datensätze umfassen jährliche Verflechtungsang

Die SFB-Mitglieder Ivo Mossig, Hendrik Heuer, Michael Lischka und Fabian Besche-Truthe haben zwei Indikatoren entwickelt, die den wirtschaftlichen Wettbewerb zwischen Ländern auf neue Weise abbilden. Dadurch lässt sich der Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Wettbewerb und sozialpolitischen Entwicklungen genauer analysieren. Wie die Indikatoren im Detail berechnet werden, haben die vier Autoren in Band 8 der SFB 1342 Technical Paper Series beschrieben: Measuring global competition in export markets and export sectors. Im folgenden Interview erläutert Ivo Mossig in groben Zügen, worum es geht.

In welcher Hinsicht ist internationaler Wettbewerb ein Faktor bei der Diffusion von Sozialpolitik?

Ivo Mossig: Unser Sonderforschungsbereich will die Dynamik von Sozialpolitik nicht nur durch die nationale Konstellation erklären, sondern auch durch zwischenstaatliche Verflechtungen, darunter auch ökonomische. Wettbewerb wird in dem Zusammenhang in zweierlei Hinsicht - etwas kontrovers - diskutiert: Zum einen gibt es die Effizienzthese, wonach Staaten Sozialleistungen als Belastung im internationalen Wettbewerb ansehen. Die Folge sei demnach ein "race to the bottom": Um Kostenvorteile zu erreichen, werden Sozialstandards und -leistungen abgebaut. Auf der anderen Seite gibt es die Kompensationsthese: Gerade kleine Volkswirtschaften sind oftmals in hochspezialisierten Bereichen auf dem Weltmarkt aktiv. Und ihre Gesamtwirtschaft hängt sehr stark von deren Weltmarktintegration ab, weil sie keinen großen Binnenmarkt haben. Als Puffer, z.B. um unvorhergesehene Entwicklung und Schocks auf den Weltmärkten abzufedern, werden Sozialsysteme ausgebaut. Trotz dieser kontroversen Thesen ist unstrittig: Wettbewerb und dabei insbesondere ökonomischer Wettbewerb ist ein relevanter Faktor für die Entwicklung von Sozialpolitik.

Wie operationalisiert ihr diesen Wettbewerb? Wie macht ihr ihn messbar?

Ivo Mossig: In der Vergangenheit diente der Grad der Handelsverflechtungen als Indikator, z.B. die Größe der Handelsströme zwischen Ländern. Wenn Land A vor allem Kaffee exportiert und Land B Computerbildschirme, dann gibt es zwar globale Handelsverflechtung, aber Land A und B stehen nicht zwangsläufig im Wettbewerb zueinander, sondern ergänzen sich.

Deshalb haben wir jetzt zwei neue Indikatoren vorgelegt: Der eine Indikator bildet den Wettbewerb auf Exportmärkten ab, dafür betrachten wir die Bedeutung der einzelnen Absatzmärkte für jedes der Länder, gemessen am Exportvolumen. Wenn zwei Länder anteilig ähnliche Absatzmärkte haben, begegnen sie sich auf den Absatzmärkten als Konkurrenten. Mit einem zweiten Indikator messen wir Konkurrenz von Ländern in Exportbranchen. Wenn die Exporte zweier Länder auf ähnliche Branchen verteilt sind, dann sind sie in diesen Branchen Konkurrenten auf dem Weltmarkt: Liegen die Exportschwerpunkte auf unterschiedlichen Waren und Dienstleistungen, sind sie es nicht.

Gibt es denn große Unterschiede zwischen den beiden Indikatoren?

Ivo Mossig: Auf jeden Fall. In dem Technical Paper nutzen wir Norwegen als Beispiel, um den Unterschied plausibel aufzuzeigen: Auf Norwegens Exportmärkten sind andere skandinavische Länder die Hauptkonkurrenten, weil Norwegen viel in die EU-Länder exportiert, genauso wie Finnland und Dänemark. Wenn wir die Wirtschaftssektoren betrachten, sind Norwegens Hauptkonkurrent hingegen die Vereinigten Arabischen Emirate oder Kolumbien, weil in diesen Ländern ebenso wie in Norwegen Erdöl das überragende Exportprodukt ist.

Wie groß ist euer Datensatz?

Ivo Mossig: Der Datensatz reicht von 1962 bis 2017/2018, mit Werten für jedes Jahr. Und er deckt nicht nur die OECD-Welt ab, sondern 164 Länder. Für jedes dieser 57 Jahre haben wir einen Zahlenwert bezüglich des Wettbewerbs auf Märkten und in Exportbranchen für jedes mögliche Länderpaar, also über 13.000 Verflechtungsangaben pro Jahr und Indikator. Der nächste Schritt besteht nun darin zu analysieren, ob sich mit diesen neuen Daten das Wettbewerbsargument im Hinblick auf Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik besser erfassen lässt, wir also zu einer Schärfung des Wettbewerbsarguments beitragen können.

---

Lesen Sie das Paper im PDF-Format: Measuring global competition in export markets and export sectors


Kontakt:
Prof. Dr. Ivo Mossig
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 / 421 / 218 67410
E-Mail: mossig@uni-bremen.de

Buch vier der Serie, herausgegeben von Kerstin Martens, Dennis Niemann und Alexandra Kaasch, beleuchtet den Einfluss Internationaler Organisationen auf die Entwicklung verschiedener sozialpolitischer Felder.

Internationale Organisationen (IOs) sind wichtige politische Akteure, die die Entwicklung vieler sozialpolitischer Felder beeinflussen. Der Sammelband "International Organizations in Global Social Governance" vertieft und systematisiert unser Verständnis davon, welche Rolle IOs in der globalen Sozialpolitik spielen.

In 14 Kapiteln beleuchten die Autor*innen das Engagement von IOs in den sozialpolitischen Feldern Arbeit, Migration, Familie, Bildung sowie Umwelt und Gesundheit. Sie erfassen dabei, welche IOs am Diskurs innerhalb eines Feldes beteiligt sind und welche Trends sie setzen. Die Autor*innen untersuchen dabei auch den Diskurs innerhalb der IOs und zwischen diesen. Damit leistet dieses Buch einen wesentlichen Beitrag zur Forschung über Sozialpolitik und internationale Beziehungen, sowohl was die theoretische Fundierung als auch den Umfang und die Tiefe der Empirie betrifft.

Das Buch basiert auf einem internationalen Workshop des SFB-Teilprojekts A05 "Die globale Entwicklung, Diffusion und Transformation von Bildungssystemen", der im Mai 2019 an der Universität Bremen stattfand.

---

Lesen Sie das gesamte Buch, kostenfrei als Open-Access-Publikation:
International Organizations in Global Social Governance


Kontakt:
Prof. Dr. Kerstin Martens
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67498
E-Mail: martensk@uni-bremen.de

Dr. Dennis Niemann
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67473
E-Mail: dniemann@uni-bremen.de

Teilprojekt B06 hat ein Special Issue bei „Global Social Policy“ veröffentlicht: In 7 Aufsätzen analysieren TP-Mitglieder und Gastautor*innen die Rolle internationaler Akteure bei der Einführung sozialpolitischer Konzepte in post-sowjetischen Staaten.

Die Autor*innen dieser Sonderausgabe untersuchen, wie der Transfer von sozialpolitischen Konzepten - und in der Folge das Lernen - auf nationaler und lokaler Ebene in der post-sowjetischen Region stattfindet. Dabei liegt ein Schwerpunkt auf der Frage, welche internationalen und nationalen Akteure an diesem Prozess beteiligt sind. Sie analysieren die Interaktion zwischen Internationalen Organisationen (IO) und nationalen Regierungen, zwischen IO und nationalen Experten sowie zwischen IO und lokalen Nichtregierungsorganisationen (NGO).

Zu dem Themenheft haben die vier Mitglieder des SFB-Teilprojektes B06, Andreas Heinrich, Heiko Pleines, Gulnaz Isabekova und Martin Brand, Beiträge geliefert.

Andreas Heinrich überprüft in seinem Artikel "The advice they give: Knowledge transfer of international organisations in countries of the former Soviet Union" die Annahmen der Literatur über die neoliberale Agenda ('Washington Consensus'), die von Internationalen Organisationen durch Wissenstransfer gefördert wird, und über die Macht, die sie demnach durch Kreditkonditionalität haben, um Ländern in finanzieller Not ihren Willen aufzuzwingen. Heinrich untersucht am Beispiel der Länder Kasachstan, Kirgisien und Russland, welche Ratschläge die IO zwischen 1991 und 2018 zur Reform der Gesundheitssysteme gegeben haben.

Heiko Pleines hat für seinen Beitrag "The framing of IMF and World Bank in political reform debates: The role of political orientation and policy fields in the cases of Russia and Ukraine" die Inhalte von Parlamentsdebatten in Russland und der Ukraine analysiert. In beiden Ländern lehnten sowohl linke als auch rechte Parteien eine Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfond (IWF) ab. Die Ukraine ist dennoch einer der größten Empfänger von IWF-Krediten. Aufgrund der fehlenden Unterstützung aus dem Parlament zog sich die ukrainische Regierung auf das Argument zurück, dass für die Reformen keine anderen Geldgeber verfügbar seien.

Gulnaz Isabekova betrachtet in ihrem Beitrag den Wissenstransfer auf lokaler Ebene. Ihr Artikel "Mutual learning on the local level: The Swiss Red Cross and the Village Health Committees in the Kyrgyz Republic" konzentriert sich auf die Interaktion zwischen IO und lokalen NGO, und dabei insbesondere auf das gegenseitige Lernen zwischen Gebern und Empfängern von Entwicklungshilfe. Dafür untersucht Isabekova das internationale Projekt "Community Action for Health", das darauf abzielt, ländliche Gemeinden in Kirgisistan zu stärken und ihre Beteiligung an der Gesundheitsversorgung zu fördern. Ihr Artikel analysiert die Faktoren, die gegenseitiges Lernen in der Praxis ermöglichen. Relevant sind demnach die Dezentralisierung der Organisation, die Projektleitung und deren Umgang mit Misserfolg, der kontinuierliche Kontakt zwischen Gebern und Empfängern von Entwicklungshilfe und die Betonung des Beitrags lokaler Expertise.

In seinem Beitrag "The OECD poverty rate: Lessons from the Russian case" betont Martin Brand die Notwendigkeit, die normative Annahmen über Armut bei der Verwendung von Armutsdaten explizit zu machen. Insbesondere für länderübergreifende Vergleiche von Armutsquoten plädiert Brand für einen mehrdimensionalen Armutsindikator, damit mehrere Facetten dieses Phänomens und die Besonderheiten des sozioökonomischen Gefüges der betrachteten Länder berücksichtigt werden.

----

Das Themenheft bei „Global Social Policy“ ist aus einem internationalen Workshop zum Thema "International knowledge transfer in social policy: The case of the post-Soviet region" entstanden, der von Teilprojekt B06 am 9. November 2019 an der Universität Bremen durchgeführt worden war.

Lesen Sie das gesamte Themenheft online (einzelne Aufsätze open access):
Global Social Policy, Volume 21 Issue 1, April 2021


Kontakt:
Martin Brand
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Forschungsstelle Osteuropa
Klagenfurter Straße 8
28359 Bremen
E-Mail: martin.brand@uni-bremen.de

Dr. Andreas Heinrich
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Klagenfurter Straße 8
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57071
E-Mail: heinrich@uni-bremen.de

Dr. Gulnaz Isabekova
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Forschungsstelle Osteuropa
Klagenfurter Straße 8
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57073
E-Mail: gulnaz@uni-bremen.de

Prof. Dr. Heiko Pleines
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Forschungsstelle Osteuropa
Klagenfurter Straße 8
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-69602
E-Mail: pleines@uni-bremen.de

Suchergebnis: