Dr. Nate Breznau
Dr. Nate Breznau
Breznau stellt fest, dass Wohlfahrtsstaaten das empfundene Risiko im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie insbesondere dann verringern, wenn Regierungen keine schnellen und entschlossenen Gegenmaßnahmen ergreifen.

Die neuartige Coronavirus-Pandemie erhöht oder intensiviert soziale Risiken, insbesondere in den Bereichen Beschäftigung und Gesundheit. Daher kann die Pandemie das Gemeinwohl stören und ist ein Test dafür, wie gut Gesellschaften auf einen plötzlichen globalen Wandel sozialer Risiken vorbereitet sind. Seit der industriellen Revolution haben Gesellschaften damit begonnen, als Wohlfahrtsstaaten Risiken sozial zu bündeln. Durch den Einsatz verschiedener Formen der Sozialversicherung und die Verlagerung der Risikolast von der individuellen auf die gesellschaftliche Ebene werden Einzelpersonen und Familien im Notfall oder bei Bedarf versorgt. Dies hat starke Auswirkungen auf die Risikowahrnehmung unter "normalen" Bedingungen. In Breznaus Studie wird dann die Frage gestellt, ob sich diese wohlfahrtsstaatlichen Implikationen auch bei einem anormalen Risikoschock zeigen, wie er bei der Pandemie aufgetreten ist.

In einer Sonderausgabe von European Societies veröffentlichte Breznau seine Studie "The Welfare State and Risk Perceptions: The Novel Coronavirus Pandemic and Public Concern in 70 Ländern". Auf der Grundlage neuartiger Daten aus der weltweiten COVIDiSTRESS-Umfrage vergleicht er 70 Länder im April 2020, einem Monat, in dem in drei Viertel der Gesellschaften der Welt Todesfälle infolge von Covid-19 auftraten. Unter Berücksichtigung des lokalen Zeitpunkts und der Schwere der Pandemie stellt er fest, dass die Stärke des Wohlfahrtsstaates eine geringere Risikowahrnehmung bedingt. Dies ist jedoch kein universeller Effekt. Die Auswirkungen des Wohlfahrtsstaates hängen davon ab, wie schnell eine Regierung strenge " Lockdown"-Maßnahmen eingeführt hat, und damit davon, wie wirksam sie das Virus eindämmen oder einzudämmen scheinen. Je länger es dauerte, bis eine Regierung reagierte, desto mehr reduziert der Wohlfahrtsstaat das wahrgenommene Risiko. Gesellschaften, deren Regierungen bereits vor dem Virus Schutzmaßnahmen ergriffen haben, zeigen keine Unterschiede in der Risikowahrnehmung, wohingegen in Gesellschaften, deren Regierungen 30 Tage brauchten, um zu reagieren, die Risikowahrnehmung niedriger war (um bis zu 1,5 Standardabweichungen im Falle von Gesellschaften mit den stärksten Wohlfahrtsstaaten). Breznau kommt daher zu dem Schluss, dass der Wohlfahrtsstaat sehr wichtig ist, wenn Regierungen in einem globalen Notfall keine wirksamen Interventionsmaßnahmen ergreifen.

Breznau stellt alle Daten und den Code für sein Projekt über das Open Science Framework zur Verfügung. Da es sich bei European Societies um eine kostenpflichtige Zeitschrift handelt, können Interessierte darüber hinaus einen Vorabdruck des bei SocArXiv hochgeladenen Artikels abrufen - auch dies im Einklang mit den besten offenen Wissenschaftspraktiken und zur Förderung einer ethischeren, transparenteren und reproduzierbareren Wissenschaft.


Kontakt:
Dr. Nate Breznau
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
E-Mail: nbreznau@uni-bremen.de