Prof. Dr. Klaus Schlichte
Prof. Dr. Klaus Schlichte
Klaus Schlichte blickt in einem Podcast-Interview auf die Covid-19-Pandemie in den Ländern Afrikas und auf die Maßnahmen der Regierungen.

"Es gibt Unterschiede zwischen den Ländern, aber die repressive Politik ist die dominante", sagt Klaus Schlichte mit Blick auf die staatlichen Reaktionen auf die Ausbreitung des neuartigen Corona-Virus in Afrika. In vielen Ländern gebe es Ausgangssperren, die zumindest in den Städten polizeilich massiv durchgesetzt würden. Was aus epidemiologischer Sicht notwendig erscheinen mag, hat aber auch negative Folgen: "Durch die Unterbindung des Verkehrs gibt es offenbar schon Krisen in der Versorgung der städtischen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln", sagt Schlichte. Komme es zu dauerhaften Preissteigerungen bei Lebensmitteln, seien Hungerunruhen eine große Gefahr. Denn schon vor der Pandemie konnten sich viele Menschen in afrikanischen Städten Nahrungsmittel nur schwer leisten.

Derzeit scheint der afrikanische Kontinent noch vergleichsweise wenig von der Pandemie betroffen zu sein. Dies liege an der vergleichsweise geringen internationalen Mobilität der Bevölkerung. "Ist das Virus aber erst einmal in den Städten angekommen, dürfte die Verbreitung schneller verlaufen als etwa in Europa", sagt Schlichte. "Denn die Menschen leben enger beieinander und haben weniger Rückzugsräume in Form eigener Wohnungen oder Häuser."

Wie sich die Pandemie entwickeln werde, sei durch die schlechte Datenlage schwer abzuschätzen. Ein Problem bei der Prognose sei, dass es kaum Daten zur Verbreitung von Vorerkrankungen wie Asthma und anderen Atemwegserkrankungen gebe. "Die afrikanischen Gesellschaften sind viel jünger als etwa die europäischen. Es gibt vergleichsweise wenig alte Menschen, bei denen Covid-19 häufiger besonders schwere Verläufe nimmt." Dieser positive Effekt werde womöglich aber dadurch aufgewogen, dass es viele Menschen mit Mangel- und Unterernährung gebe.

Wirtschaftlich trifft die Covid-19-Pandemie die afrikanischen Gesellschaften hart. Der Tourismus, der in den Küstenregionen, aber auch im Landesinneren in Form von Safaris große Bedeutung habe, breche massiv ein. "Wichtiger aber ist der Rückgang der so genannten Remittances [also der Geldüberweisungen von Familienangehörigen, die z.B. in Europa arbeiten]. Dadurch bricht die wichtigste Devisenquelle afrikanischer Ökonomien ein." In Summe seien die Rücküberweisungen höher als die gesamte Entwicklungshilfe, die afrikanische Staaten erhielten.

Mittelfristig könnte die Corona-Krise aber auch positive Folgen haben: "Möglicherweise wird nun der Druck auf die afrikanischen Regierungen steigen", sagt Schlichte, "mehr Mittel für die öffentliche Gesundheitsversorgung auszugeben und weniger für Militär und Polizei."

Das Podcast-Interview mit Klaus Schlichte führte Thomas Walli vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck im Rahmen der Sonderreihe "Corona und die Politik".


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Prof. Dr. Klaus Schlichte
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
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