Aktuelles

Hier finden Sie Neuigkeiten aus dem Sonderforschungsbereich "Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik": Zusammenfassungen aktueller Forschungsergebnisse, Hinweise auf Veröffentlichungen, Ergebnisse von Veranstaltungen und weiteres aus den Teilprojekten.

Student Assistant for 10 hours per week

CRC 1342: Global Dynamics of Social Policy is seeking to fill the following position:

Student Assistant for 10 hours per week

We are looking for a highly motivated, reliable, and detail-oriented student assistant, with the ability to work in a team and independently, to support research activities and dissemination of the Global Social Policy Digest. The Global Social Policy Digest accompanies each issue of the peer-reviewed journal Global Social Policy and provides an overview of global social policy developments through the lens of redistribution, regulation, and rights, changes in global social governance arrangements, and currently provides sector-specific updates in the areas of health, social protection, education, and environmental justice.

Tasks may vary, but will include scoping current global social policy developments (from UN agencies, prominent bilateral development agencies, and international non-governmental organizations among others), communicating with the editorial team of the GSP Digest, assembling drafts of the GSP Digest, and updating the GSP Digest website.

English skills are a must and prior experience working within an international organization and/or policy-oriented environment and in designing and updating webpages is a strong advantage, as is a demonstrated ability to problem-solve and work creatively.

Main tasks

  • Scope and organize online links to global social policy updates
  • Regular communication with the editorial team
  • Assembling drafts of the GSP Digest
  • Updating the global social policy website

 

Necessary qualifications

  • Good communication and English language skills
  • Excellent skills using Microsoft Word and managing track changes and comments to documents
  • Ability to work to deadlines

 

Desirable qualifications (not necessary)

  • Prior experience working within an international organization or policy-oriented environment
  • Prior experience designing and updating websites
    Demonstrated ability to problem-solve and work creatively

 

The position has an expected start date of 1 April 2020 and encompasses 10 working hours per week for six months, with the possibility of extension. Interviews for the position are expected to be held on 13 and 14 February 2020. This position offers the opportunity to further develop knowledge and skills acquired during your studies as well as a great working atmosphere within the Collaborative Research Centre 1342 on the Global Dynamics of Social Policy.

If you have any questions regarding the position, please contact Amanda Shriwise (amanda.shriwise@uni-bremen.de).

Please submit your application (CV, current transcript of records, and one-page letter of motivation) as a PDF document to the same email address by Monday, 3 February 2020.

Franziska Deeg, Dr. Sarah Berens
Franziska Deeg, Dr. Sarah Berens
Sarah Berens und Franziska Deeg von Teilprojekt B03 blicken zurück auf ihre Befragungen in Mexiko und Brasilien und verraten erste Ergebnisse.

Eure Datenerhebung liegt schon ein bisschen zurück: Wo und wen habt ihr befragt in Brasilien und Mexiko?

Franziska Deeg: In Mexiko haben wir die Befragung in zwei Bundesstaaten durchgeführt: Puebla und Querétaro. In Brasilien waren wir im Bundesstaat Sao Paulo. Beide Befragungen waren Household Surveys mit repräsentativer Stichprobe. Es wurden also zufällig ausgewählte Personen befragt, sowohl in der Stadt als auch auf dem Land.

Und wie viele waren es jeweils?

Deeg: In Mexiko waren es 1400 Befragte und in Brasilien 1008.

Was wolltet ihr genau herausfinden?

Sarah Berens: Wir interessieren uns für sozialpolitische Präferenzen der mexikanischen und brasilianischen Bevölkerung. Wir untersuchen, welchen Einfluss die Veränderung von Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen Ländern auf normale, durchschnittliche Bürger und deren sozialpolitische Präferenzen nimmt.

Wie seid ihr dabei vorgegangen?

Berens: Wir haben das Phänomen auf verschiedene Weise untersucht. Wir fragten zunächst: Möchten Sie, dass der Staat das Rentensystem weiter ausbaut? Oder das Gesundheitssystem? Soll der Staat dafür mehr Geld ausgeben? Wir haben verschiedene Politikfelder innerhalb der Sozialpolitik abgefragt: Einstellung zu Renten, Ausweitung der Gesundheitsversorgung und des Bildungssystems. Und auch zu Conditional Cash Transfers wie Progresa in Mexiko und Bolsa Familia in Brasilien. Außerdem haben wir auch generellere Fragen gestellt, z.B. inwieweit der Befragte für mehr oder weniger Umverteilung ist. Und zu ihren Steuerpräferenzen: progressive Einkommenssteuern, ja oder nein? Diese Batterie an Fragen erlaubt uns, die Einstellung der Befragten zum Wohlfahrtsstaat aus verschiedensten Perspektiven zu durchleuchten.

Deeg: In Mexiko haben wir noch eine Conjoint-Analyse im Rahmen der Umfrage durchgeführt. Den Befragten wird ganz konkret ein Policy-Design vorgeschlagen, welches in der Ausgestaltung variiert (Ausweitung versus Kürzung des Programms; wer soll Zugriff haben, z.B. ausschließlich formell Beschäftigte oder Jedermann; wie soll das Programm finanziert werden, Steuererhöhung für die Reichen oder z.B. ausschließlich über Beiträge). Wir fragen, inwieweit der Befragte dieses konkrete Policy-Design gut findet oder sich lieber für den angezeigten Alternativvorschlag aussprechen würde. Er oder sie soll anschließend noch bewerten, wie gut er/sie das Angebot A gegenüber dem Angebot B fand. Nicht nur das Design, sondern auch die Analyse ist nun sehr spannend.

Waren eure Fragen in Mexiko oder Brasilien unterschiedlich?

Berens: Einen Stamm an Fragen haben wir gleich gelassen, damit wir eine Vergleichbarkeit haben. Das war uns wichtig. Die sehr konkrete Conjoint-Analyse zu dem Design von Sozialpolitik war sehr spezifisch für Mexiko. Für Brasilien haben wir dafür andere Experimente designt, die unsere große Fragestellung nach dem Einfluss der wirtschaftlichen Interdependenz auf sozialpolitische Präferenzen auf unterschiedliche Weise beleuchten, so dass wir verschiedene Wege haben, um das zu erklärende Phänomen zu betrachten.

Eure Datenanalyse ist noch nicht abgeschlossen, aber gibt es schon erste Ergebnisse?

Berens: Einen Manuskriptaufsatz gibt es bereits aus den Daten zu Mexiko. Dort betrachten wir wirtschaftliche Interdependenz über den Arbeitsmarkt und Migration. Zu dem Zeitpunkt, als wir vor Ort waren, sind sehr viele Menschen aus Zentralamerika durch Mexiko in die USA gezogen. Das haben wir mit abgefragt im Rahmen des Surveys. Wirtschaftliche Interdependenz ist eben nicht nur Handel, sondern hat auch ganz konkrete Implikationen für den Arbeitsmarkt durch die Arbeitsmigration zwischen Mexiko, den USA als starken Handelspartner und als große Wirtschaftsmacht und den anderen zentralamerikanischen Staaten wie Honduras oder Nicaragua, die deutlich ärmer sind. Unser erster Manuskriptaufsatz beschäftigt sich mit diesem Einfluss verschiedener Typen von Migration auf sozialpolitische Präferenzen in Mexiko. Das Argument ist etwas komplex. Wir untersuchen ganz konkret den Einfluss zweier Gruppen: der Flüchtlinge aus Zentralamerika und der Returnees, also der mexikanischen Migranten, die eine Weile in den USA gearbeitet haben, um dann wieder zurück nach Mexiko zu kommen und dort in den Arbeitsmarkt einzutreten. Wir kontrastieren den Einfluss dieser beiden Gruppen und fragen: Haben sie unterschiedliche Auswirkungen auf sozialpolitische Präferenzen für unterschiedliche Gruppen innerhalb Mexikos? Interessanterweise zeigt sich, dass die Refugees aus Mittelamerika dahingehend keine Rolle spielen: Da sehen wir gar keine starken Effekte, vor allem bei den ärmeren Bevölkerungsschichten, die sich eigentlich besonders unter Druck fühlen und die Refugees als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt wahrnehmen sollten. Vielmehr sind es die besser gebildeten Mexikanerinnen und Mexikaner, die reicheren, die sensibel auf die Rückkehrer aus den USA reagieren. Die Returnees sind Wettbewerber für die gut Ausgebildeten, weil sie in den USA bessere Skills erlangt haben. Und ohnehin sind die Leute, die in die USA gehen, im Schnitt etwas gebildeter oder besser ausgebildet. Wenn diese Gruppe zurückkommt, sehen wir einen stärkeren Einfluss auf die wohlfahrtsstaatlichen Präferenzen unter den Mexikanern.

Und was wünschen sich die besser gebildeten Mexikaner, wenn sie sehen, dass viele Rückwanderer aus den USA kommen?

Berens: Weniger Sozialstaat. Dass der Kuchen kleiner wird oder begrenzt wird. Dass nur die Mexikaner vor Ort, die im formalen Arbeitsmarkt sind, Zugang haben zu den sozialpolitischen Programmen, wie z.B. der Rente. Es gibt eine Hinwendung zu mehr Exklusion, weg von Solidarität. Das Interessante ist, dass diese Haltung gegen diejenigen gerichtet ist, die ja eigentlich Mexikaner sind. Man stört sich gar nicht so sehr an den zentralamerikanischen Ausländern, sondern man stört sich an den Landsleuten, die in die USA gegangen sind und Mexiko für eine Weile hinter sich gelassen haben, und jetzt gerne Rente hätten.

Deeg: Gerade die formell Beschäftigten sind stärker gegen die Returnees, weil die in die Systeme nicht eingezahlt haben und nun trotzdem gern Zugriff hätten auf das Sozialsystem. Es stellt sich die Solidaritätsfrage: Du warst in den USA und hast da gearbeitet. Und jetzt kommst du zurück und hast gute Chancen, auf dem Arbeitsmarkt formelle Beschäftigung zu finden, weil du auf jeden Fall relativ gesehen besser ausgebildet bist als andere Teile der Bevölkerung. Und dann sollst du aber trotzdem keinen Zugang zu sozialen Gütern haben.

Gilt das auch für die Krankenversicherung?

Berens: In Mexiko ist das Gesundheitssystem reformiert worden und ist nun universell. Zur Gesundheitsversorgung haben auch Leute Zugang, die nicht eingezahlt haben. Das Rentensystem ist hingegen beitragsbasiert, nur wer eingezahlt hat, bekommt Leistungen. Das ist das Spannende an unserem Projekt: Dadurch, dass wir verschiedene Politikfelder betrachten, die sich unterscheiden in der Zugänglichkeit für verschiedene Gruppen, können wir schauen: Wo geht es hier um Solidarität oder um Ausgrenzung?

Deeg: Genau deswegen ist das Argument in dem Paper auch so komplex, weil wir uns zwei Gruppen von Migranten angucken - die Refugees und die Returnees. Und dann unterscheiden wir in Mexiko zwischen den formell und den informell Beschäftigten bzw. nach dem Skill-Level. Hinzu kommen dann noch verschiedene Arten von Sozialleistungen, die unterschiedlich geöffnet sind für verschiedene Gruppen. Das alles macht die Argumentation relativ komplex.

Wie sieht es in Brasilien aus?

Berens: Da stecken wir noch in großen Datenbergen. Zum Analysieren sind wir noch nicht gekommen. Für die zweite Hälfte des Projekts wird es unser Vorhaben sein, diese Daten zu analysieren, verschiedene Experimente auszuwerten und im Vergleich zu gucken, wo die Unterschiede zwischen Mexiko und Brasilien sind.

Deeg: Brasilien ist handelspolitisch auch sehr interessant. Bei Mexiko hat man die starke Abhängigkeit zu den USA, Brasilien ist schon ein bisschen diversifiziert aufgestellt, obwohl es eine Abhängigkeit zum Beispiel gegenüber China gibt. Es gibt auf jeden Fall interessante Dynamiken, gerade weil auch die Art der Exporte aus beiden Ländern unterschiedlich ist. Deswegen ist es auf jeden Fall spannend, dies genauer anzugucken.

Hattet ihr in Brasilien auch einen speziellen Blickwinkel wie im Falle Mexikos, wo ihr speziell auf die Migration geschaut habt?

Berens: Wir haben dort auch die Migration in den Blick genommen, weil wir gesehen haben, dass sie so eine große Rolle in Mexiko spielt und wir die Möglichkeit haben wollten, mit dem brasilianischen Daten dazu eine Aussage zu machen. Aber Migration in Brasilien ist ganz anders. Die Gruppe der Migranten, die eine stärkere Rolle spielt, kommt vor allem aus Venezuela. Und dann gibt es eine kleinere Gruppe von Haitianern, die durch Armut und Staatsversagen aus Haiti getrieben werden und die überwiegend negativ wahrgenommen werden in Brasilien.

Deeg: Außerdem betrachten wir auch die innerstaatliche Migration. Viele Menschen aus dem Norden Brasiliens wandern in den Süden ab, weil es dort mehr Arbeitsplätze gibt. Diese Binnenmigranten werden auch sehr negativ wahrgenommen in den Städten. Es wir die Frage aufgeworfen, ob diese Migranten Zugang zu Sozialleistungen haben sollen oder nicht. Was die Solidarität innerhalb des Landes auf die Probe stellt.


Kontakt:
Dr. Sarah Berens
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Cologne Center for Comparative Politics
Herbert-Lewin-Str. 2
50931 Köln
Tel.: +49 221 470-2853
E-Mail: sarah.berens@uni-koeln.de

Franziska Deeg
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Cologne Center for Comparative Politics
Herbert-Lewin-Str. 2
50931 Köln
Tel.: +49 221 470-2853
E-Mail: fdeeg@uni-koeln.de

Prof. Dr. Delia Gonzáles de Reufels
Prof. Dr. Delia Gonzáles de Reufels
Interview mit Delia González de Reufels zu den Protesten gegen die Politik der chilenischen Regierung und ersten Ergebnissen ihrer Forschungsaufenthalte in Santiago de Chile.

Chile galt sehr lange als sehr stabiles und wirtschaftlich erfolgreiches Land. Auf einmal kommt es aber zu Massenprotesten mit Gewaltanwendungen vor allem durch die Sicherheitskräfte. Wie ist es dazu gekommen?

Der aktuelle Anlass war eine Erhöhung der Preise im öffentlichen Nahverkehr. Das mag unverständlich erscheinen, allerdings hat Chile im südamerikanischen Vergleich bereits das teuerste Transportsystem. Dazu kommt, dass in der Metropolregion Santiago mit ihren acht Millionen Einwohnern die Distanzen sehr groß sind. Nicht jeder kann dort wohnen, wo er arbeitet. Das Transportsystem wird daher von vielen täglich genutzt und ein beträchtlicher Teil des Einkommens wird allein dafür aufgewendet. Denn wer nutzt öffentliche Verkehrsmittel? Die Chilenen mit Topeinkommen, von denen es viele gibt, sind darauf nicht angewiesen. Es gibt im Großraum Santiago sehr viele Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen und die trifft die Preissteigerung sehr hart. Die Unzufriedenheit richtet sich aber auch gegen fehlendes sozialpolitisches Interesse der aktuellen Regierung, die in ihrer zweiten Amtszeit keine neuen Visionen für ein sozial gerechteres Chile hat. Das hat viele enttäuscht, die auf Initiativen in Kernbereichen wie der Altersversorgung, der Bildung, und der Gesundheitsversorgung und Krankenversicherung gehofft hatten.

Trotz des großen wirtschaftlichen Erfolgs des Landes, wenn man auf die Makrodaten schaut, haben offensichtlich nicht alle Bevölkerungsteile davon profitiert. Oder woran liegt es, dass viele Teile der Bevölkerung so arm sind?

Das ist ein interessanter Befund. Auf der Makroebene ist Chile ist ein sehr reiches und prosperierendes Land, es ist OECD-Mitglied und von großen ökonomischen Krisen verschont geblieben. Aber letztlich muss man sich fragen, wer an diesen Entwicklungen tatsächlich partizipiert. Ein sehr großer Teil der Bevölkerung erwirtschaftet lediglich ein Mindesteinkommen und hat steigende Kosten beim Nahverkehr und bei der Miete sowie bei den Heizkosten zu tragen. Auch die Wasserversorgung ist teuer. Chile hat auch noch viele wirtschaftliche Folgen der Politik der Militär-Junta zu tragen, die 1973 durch einen blutigen Putsch an die Macht kam. Zum Beispiel können Energieunternehmen im Winter die Preise für Heizöl anheben. Dies sind Ergebnisse der wirtschaftlichen Reformen, die zu Zeit der Diktatur erfolgt sind und die danach nicht zurückgenommen wurden. Dies hat zur großen Ungleichheiten geführt. Große Teile der Bevölkerung haben den Eindruck, dass sie sich abstrampeln, aber nicht am Wohlstand des Landes partizipieren. Diese Wut hat sich jetzt entladen und dürfte auch nicht so schnell abebben.

Wie sieht das chilenische Sozialsystem aus? Kann es die Armut nicht auffangen?

Chile hat als einer der Pioniere der Sozialpolitik sehr früh und sehr viele Maßnahmen entwickelt und implementiert. Es hat dann aber auch Programme wieder abgeschmolzen, zurückgenommen und auch die Kreise neu bestimmt, die von diesen Maßnahmen profitierten. Auch wenn es zu vielen neuen sozialpolitischen Interventionen gekommen ist, wirkt auch an dieser Stelle die Militärdiktatur nach. Weil sich die Politik nie wirklich der Armutsbekämpfung verschrieben hat, gibt es auch in Chile – wie in vielen anderen Ländern Lateinamerikas – viele Arme. Die Armut wurde billigend in Kauf genommen und hat sich daher fortgesetzt.

Wodurch erklärst du dir das? Da die Militärdiktatur nicht auf die Massen angewiesen war um gewählt zu werden? Da man sie ignorieren konnte?

Ja, und weil die Militärdiktatur zum einen Klientelpolitik gemacht hat und sich zum anderen dem Neoliberalismus geöffnet und die Wirtschaft entsprechend reformiert hat. Dabei spielte auch das Argument eine Rolle, dass eine Diktatur effizienter Reformen durchführen kann, weil sie sich nicht der Zustimmung der Wähler versichern und Prozesse im Parlament etc. abstimmen muss. Menschen sind in der Folge auf der Strecke geblieben. Obwohl das Land auf der makroökonomischen Ebene im südamerikanischen Vergleich ausgezeichnet dasteht und als sehr stabil gilt, gärt es schon lange unter der Oberfläche. Trotz allem ist das Land immer noch sehr attraktiv, es kommen aus den spanischsprachigen Nachbarländern sehr viele Zuwanderer. Chile hat in den letzten Jahren darüber hinaus einen Zustrom aus Haiti verzeichnet, der überwiegend männlich ist und im Stadtbild Santiagos sehr auffällt. Afrokaribische Bevölkerung war bislang in Chile nicht anzutreffen. Auch ist das Land jetzt mit der Herausforderung konfrontiert, Spanisch als Fremdsprache anzubieten, was man bislang bei der Zuwanderung nicht hat berücksichtigen müssen. Darauf ist das Land nicht vorbereitet, auch sehen vielen Chileninnen und Chilenen kritisch auf diese neue Zuwanderung.

Zu deiner Forschung: Du warst jetzt selber vor Ort und hast in Archiven recherchiert. Was hast du dort gefunden?

Ich war in der Nationalbibliothek in Santiago, die ausgezeichnete Bestände aus dem 19. Jahrhundert hat, also der Zeit, die ich auch in meinen Forschungen betrachte. Außerdem war ich im Nationalarchiv, das eine Vielzahl an relevanten Quellen beherbergt. In den Archiven habe ich vor allen Dingen versucht, mir ein Bild von den sozialpolitischen Ideen maßgeblicher Akteure zu machen, ihre Publikationen zu lesen und mich mit denjenigen vertraut zu machen, mit denen sie im Austausch standen. Dabei konnte ich wichtige Lücken schließen und auch mit seriellen Quellen arbeiten, die für meine Forschungsinteressen wichtig sind. Zum Beispiel Zeitschriften, aber auch einzelne Arbeiten, die auch in Spanien nicht in der Nationalbibliothek zu finden sind.

Was sind das für Zeitschriften?

Ich habe zum Beispiel viel mit einer Fachzeitschrift der chilenischen Mediziner gearbeitet. Die Mediziner haben sich sehr früh zusammengefunden und in Santiago eine Zeitschrift nach europäischem Vorbild gegründet. Chile ist bis heute ein stark zentralisiertes Land, und damals gab es nur eine Medizinerausbildungsstätte: die Escuela de Medicina an der Universität Santiago. Alle Absolventen im Bereich Medizin kannten sich folglich, und wünschten sich eine eigene Zeitschrift um zu kommunizieren, welche Entwicklungen es in Chile und in anderen Ländern gab, was in europäischen Zeitschriften erschien und vor allem um darüber zu diskutieren, womit die chilenische Medizin sich beschäftigte und wie die Medizinerausbildung des Landes verändert werden sollte. In dieses Medium wurde also sowohl wissenschaftliches als auch disziplinäres Interesse hineingetragen. Das für mich spannende ist, dass diese Zeitschrift so zu einem wichtigen Forum des Austausches der Ärzteschaft wurde. Hier wurde auch über die Rolle der Medizin in der Gesellschaft diskutiert. Es gibt diese Zeitschrift bis heute, allerdings mit einer deutlichen Konzentration auf fachwissenschaftliche Themen. Sie ist also ohne Unterbrechung, auch in der Zeit der Militärdiktatur veröffentlich worden und wurde zu einem Ort, an den Mediziner verhandelt haben, was sich eigentlich in Chile alles verbessern muss, damit die Menschen gesünder sind. Diese Überlegungen sind auch in die sozialpolitischen Instrumente des Landes eingeflossen.

Lassen sich in deinem Forschungsprojekt zu Chile schon erste Ergebnisse absehen?

Ja: Im Bereich der Sozialpolitik haben wir es mit Akteuren zu tun, die wir auch in Europa antreffen, aber in Ermangelung anderer Akteure in Chile wichtiger werden und andere Wege gehen.

Du meinst die Mediziner?

Ja. Mit ihren Forderungen und Anregungen sind sie nicht weitergekommen – also haben sie selbst sich in den Kongress wählen lassen und sind als Abgeordnete mit dem Anspruch angetreten, Politik in ihrem Sinne zu machen. Im Kongress haben sie selbst Gesetzvorschläge eingebracht und über Gesetze abgestimmt. Dies ist eine Konstante, die wir über das gesamte 20. Jahrhundert sehen. So war der spätere chilenische Präsident Salvador Allende Arzt, hat als Gesundheitsminister gewirkt und 1939 mit dem Band „La Realidad Médico-Social Chilena“ eines der wichtigen Bücher über die sozialen Probleme Chiles geschrieben. Mit diesem Werk hat sich Allende politisch sehr profiliert. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis der großen Nähe der Medizin zur Politik, die in Chile im 19. Jahrhundert aufgebaut worden ist.


Kontakt:
Prof. Dr. Delia González de Reufels
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Geschichtswissenschaft / FB 08
Universitäts-Boulevard 13
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67200
E-Mail: dgr@uni-bremen.de

Dr. Nils Düpont
Dr. Nils Düpont
Nils Düpont war für Teilprojekt A01 mehrere Wochen in Göteborg, um die Zusammenarbeit mit dem schwedischen Demokratieforschungsinstitut voranzubringen. Was er sich davon verspricht, erzählt er im Interview.

Du warst im Sommer für einige Zeit als Gastwissenschaftler am V-Dem Institute in Göteborg, das sich die Aufgabe stellt, Demokratie weltweit zu vermessen. Aus deinem Aufenthalt ist nun eine Kooperation zwischen unserem SFB und dem V-Dem Institut entstanden. Wie kam es dazu?

Meine Aufgabe im SFB ist unter anderem, Informationen zu sammeln über nationalstaatliche und insbesondere politische Variablen. Mein persönliches Interesse gilt da vor allen Dingen den Parteien und ihrer Ideologie bzw. Verortung und die Frage, welchen Einfluss das auf die Einführung und Ausbreitung von Sozialpolitik hat. Bislang gibt es dazu wenig Daten, die weit zurückreichen oder einen globalen Scope haben. Aus diesem Grund hatte ich angefangen, mit Holger Döring, einem Kollegen am Lehrstuhl von Philip Manow, zusammenzuarbeiten und Daten zu erheben, im ersten Schritt über Wahlergebnisse und Parteien in allen Ländern, die wir im SFB untersuchen – von 1880 bis heute. Holger hatte schon länger Kontakt zu Anna Lührmann vom V-Dem-Team. Sie ist dort Deputy Director und hatte ein neues Projekt angestoßen, wo sie bei ihrer Untersuchung bis auf Parteiebene gehen wollten. Es war schnell klar, dass die Daten, die wir am SFB erheben und zum Großteil schon validiert hatten, eigentlich die Basis darstellen für das, was V-Dem vorhatte. Und über diese Verbindung kam dann die Kooperation zustande.

Was trägt der SFB also in der Kooperation bei?

Wir liefern Informationen über Wahlen, Parteien und Wahlergebnisse aus aller Welt seit 1880. Diese Daten bilden die Grundlage für das V-Party-Projekt. Und auf Grundlage dieser Daten wird auch gesteuert, für welche Parteien und welches Jahr die Experten anschließend Fragen zu den Parteien, ihrer Ideologie und ihren organisationalen Merkmalen bekommen.

Und was bekommt der SFB?

Das Entscheidende ist, dass wir damit für Parteien teilweise erstmalig überhaupt Informationen über ihre Ideologie oder einige organisationelle Merkmale bekommen, die bislang so noch gar nicht im Fokus der Parteienforschung stehen. Auch in der Parteienforschung haben wir nämlich - analog zur Sozialpolitikforschung im SFB - einen relativ starken OECD-Bias. Lateinamerika ist noch relativ gut erfasst. Sobald man dann aber nach Afrika oder Asien schaut, wird es spärlicher mit Expertise, Informationen und Analysen. Und das Schöne an V-Dem ist ja, dass sie dieses globale Netzwerk an Experten haben, der Survey jetzt schon ein paar Jahre läuft und wir damit auch an Experten kommen, die uns solche Parteien einschätzen, für die wir bislang noch wenig bis gar keine Informationen haben. Diese Informationen helfen uns, die Parteien überhaupt ideologisch einzuschätzen. Und zusammen mit den von uns erhobenen Informationen über beispielsweise die Stärke im Parlament lassen sich dann unabhängige Variablen kreieren für die Sozialpolitikforschung und die Frage: Welchen Einfluss haben Parteien auf die Einführung oder Ausbreitung von Sozialpolitik? In der Summe kriegen wir also für den SFB Informationen zurück, die wir als Variablen im Stile der sogenannten Partisan Politics testen können.

Was hast du konkret gemacht in Göteborg bei V-Dem?

Im Wesentlichen haben wir konzeptuell ein paar Dinge besprochen und die Daten, die wir bislang erhoben hatten, noch einmal harmonisiert. Diese vorläufigen Daten haben wir anschließend zum Validierungscheck an Länder- und Regionsexperten geschickt. Insgesamt konnten wir also während meines Aufenthalts den ersten Grundstein legen, auf dem wir jetzt weiter aufbauen.

Mit wem hast du in Göteborg zusammengearbeitet?

Im Wesentlichen mit Anna Lührmann, die auch das V-Party-Projekt leitet. V-Party ist angelehnt an V-Dem, an die Methodologie und das ganze Setup. Das Besondere dabei ist, dass V-Dem bislang immer auf einer makro-quantitativen Land-Jahr-Logik basierte und es mit V-Party das erste Mal ein Projekt gibt, das in die Länder hineingeht, also eine Ebene tiefer. Das bringt natürlich ganz eigene Schwierigkeiten in der Datenerhebung mit sich. Aber die Zeit war reif, diesen Versuch zu wagen. Anna Lührmann ist als Projektleiterin die zentrale Figur, die auch das Expertennetzwerk zusammenhält.

Was kann man von dem Survey erwarten?

Die Vorbereitung für den Survey geht jetzt in die heiße Phase. Nachdem die Plausibilitätsprüfung und Validierung durch die Regionsexperten durch ist, haben wir das Feedback eingearbeitet und damit die Datenerhebung praktisch abgeschlossen. Parallel wird gerade der Technische Stack aufgesetzt, dass der Survey dann im Januar ausrollen kann. Dazu werden gerade noch die letzten Experten rekrutiert. Die können sich dann auf einer Web-Plattform einloggen und bekommen die entsprechenden Informationen angezeigt. Dafür ist es ganz wichtig, dass die Rohdaten korrekt sind, damit die Coder dann auch das Richtige sehen und damit was anfangen können. Wenn alles gut läuft, sollte der Survey im Januar abgeschlossen sein. Dann beginnt bei den V-Dem-Leuten der übliche Prozess: Datenbereinigung und Aufbereitung. Wir hoffen, dass im Frühjahr nächsten Jahres die Daten soweit fertig sind, dass man erste Analysen machen kann. Und dass wir dann ein bisschen mehr erfahren über Parteien in der Welt, über die wir bislang wenig bis gar nichts wissen.


Kontakt:
Dr. Nils Düpont
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57060
E-Mail: duepont@uni-bremen.de

Prof. Dr. Kerstin Martens, Prof. Dr. Marianne Ulriksen, Sharla Plant, Dr. Lorraine Frisina Doetter, Prof. Dr. Delia González de Reufels
Prof. Dr. Kerstin Martens, Prof. Dr. Marianne Ulriksen, Sharla Plant, Dr. Lorraine Frisina Doetter, Prof. Dr. Delia González de Reufels
In einem Workshop mit der Redakteurin Sharla Plant wurden die Pläne für die kommenden zwei Jahre konkretisiert und Ideen für weitere Bände entwickelt.

Anfang Dezember trafen sich die Herausgeberinnen der neuen SFB-Palgrave-Macmillan-Buchreihe „Global Dynamics of Social Policy“, Lorraine Frisina Doetter, Delia González de Reufels, Kerstin Martens und Marianne Ulriksen mit der Palgrave-Redakteurin Sharla Plant in Bremen. Gemeinsam wurde festgelegt, dass im kommenden Jahr drei Bände erscheinen werden:

  • Carina Schmitt (Hrsg.): Social Protection in the Global South
  • Lutz Leisering (Hrsg.): A Hundred Years of Social Security in Middle-Income Countries
  • Kerstin Martens, Dennis Niemann & Alexandra Kaasch (Hrsg.): International Organizations in Global Social Policy


Anschließend wurde der Entwurf eines Sammelbandes diskutiert, der in rund 40 Kurzbeiträgen eine kurze Geschichte sozialpolitischer Wendepunkte weltweit erzählen wird. Die Beiträge werden ausschließlich von SFB-Mitgliedern geliefert und fußen auf bisherigen Ergebnissen der 15 SFB-Teilprojekte. Der Band wird in der ersten Hälfte 2021 erscheinen.

Nachdem die Herausgeberinnen ein Design für die Palgrave-SFB-Reihe festgelegt hatten, traf sich Sharla Plant am Nachmittag mit rund einem Dutzend Autorinnen und Autoren, die in Einzelgesprächen ihre Ideen für weitere Bände präsentierten. Diese werden in den nächsten Monaten weiterentwickelt und konkretisiert.

Dr. Stefan Giljum
Dr. Stefan Giljum
Stefan Giljum von der Wirtschaftuniversität Wien präsentierte sein Datenbank- und Analyseprojekt zu Rohstoffströmen und ihren ökologischen sowie sozialen Folgen.

Stefan Giljum von der Wirtschaftsuniversität Wien war beim SFB 1342 zu Gast, um sein Datenbank- und Analyseprojekt FINEPRINT zu präsentieren. Das Ziel von FINEPRINT ist Wissen zu generieren, das den Zusammenhang zwischen Produktions- und Konsumverhalten (Fokus: "Globaler Norden") und den ökologischen und sozialen Folgen der Ressourcenextraktion vor Ort (Fokus: „Globaler Süden“) analysierbar macht. Grundsätzlich werden globale Wertschöpfungsketten in ihrer materiellen Zusammensetzung aufgeschlüsselt. Das Resultat ist eine wachsende Datenbank mit disaggregierten und georeferenzierten Daten.

Vor einem größeren Publikum zeichnete Giljum die Wege ausgewählter Materialflüsse nach vom Ort der Ressourcenentnahme, über die Produktion bis zum Wertschöpfungssegment in den Konsumregionen und analysierte sie hinsichtlich ihrer ökologischen Folgen am Ort der Rohstoffschöpfung (z.B. Wasserknappheit, Entwaldung, Flächenverbrauch). In der anschließenden Diskussion ging es auch darum, wie diese Daten Analysen hinsichtlich sozioökonomischer Effekte ermöglichen. Für die SFB-Mitglieder war ein sehr interessanter Diskussionspunkt, wie subnationale Daten die (inter-)nationale Perspektive des SFBs ergänzen können.

Am Vormittag hatte das A01-Teilprojekt ein internes Treffen mit Stefan Giljum. Dort stellte er das mit einem ERC-Consolidator-Grant ausgestattete Datenbank- und Analyseprojekt FINEPRINT im Detail vor. Es folgte ein intensiver Erfahrungsaustausch über Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten beim Aufbau großer Informationssysteme wie WeSIS oder der FINEPRINT-Datenbank. Insbesondere die folgenden Punkte wurden diskutiert:

  • Umgang mit Copyrights bei Nutzung bestehender Datensätze
  • Dokumentation und Pflege der eigenen Datenbestände
  • Umsetzung der Open Source Prinzipien
  • Datenqualität (z.B. Validierung, Harmonisierung)


Es hat sich gezeigt, dass FINEPRINT ein gutes Beispiel für den Aufbau einer Datenbank mit gelungenen Visualisierungen und Analysemöglichkeiten ist, an denen sich WeSIS in einigen Punkten orientieren kann. In dem Gespräch haben sich einige Schnittstellen zwischen den Projekten ergeben, die Ideen für zukünftige Kooperationen hervorgebracht haben.


Kontakt:
Prof. Dr. Ivo Mossig
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 / 421 / 218 67410
E-Mail: mossig@uni-bremen.de