Prof. Dr. Frank Nullmeier und Dr. Dieter Wolf
Prof. Dr. Frank Nullmeier und Dr. Dieter Wolf
Sven Beckerts Werk über die Geschichte des globalen Baumwollhandels inspiriert Frank Nullmeier dazu, über die zukünftige Sozialpolitikforschung nachzudenken.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Global Cotton. Eine Uni – ein Buch – eine Stadt" haben Frank Nullmeier und Dieter Wolf in der vergangenen Woche vorgestellt, was die Sozialpolitikforschung von Sven Beckerts Werk "King Cotton" lernen kann (Titel des englischen Originals: "Empire of Cotton").

Basierend auf jahrelanger Recherche erzählt der Historiker Beckert in seinem Buch die Geschichte des globalen Kapitalismus am Beispiel eines Produkts: der Baumwolle. Über die Produktion, die Verarbeitung und den Handel hat die Naturfaser verschiedenste Weltregionen nachhaltig miteinander verknüpft.

Nachdem Dieter Wolf zwei Kernpunkte Beckerts diskutierte ("Der transatlantische Dreickshandel zwischen Europa, Afrika und Lateinamerika war ein gewaltsamer Handel und eine Form des Kriegskapitalismus."  - "Die Briten verboten die Sklaverei, als die industrielle Produktion, basierend auf Lohnarbeit, einträglicher wurde als das alte Model."), warf Frank Nullmeier die Frage auf, was die moderne Sozialpolitikforschung von Sven Beckerts Arbeitsweise und Methodik lernen kann. Nullmeier nannte drei Hauptpunkte:

1. Transnationalität: Die Nationalgeschichtsschreibung reicht nicht mehr aus, um die Dynamiken sozialpolitischer Entscheidungen zu erklären. Durch die Einbettung in das globale Wirtschafts- und Finanzsystem, die Auswirkungen von Migration und weltumspannende Kommunikationssystemen resultieren sozialpolitische Entscheidungen schon lange nicht mehr nur aus nationalen Faktoren. Die Sozialpolitikforschung muss daher zu einer kontinentübergreifenden Geschichte transnationaler Verknüpfungen erweitert werden, analog zu Beckerts Geschichte des Baumwollanbaus und -handels und deren Auswirkungen.

2. Politische Ökonomie: Beckert interpretierte den globalen Baumwollhandel nicht als reines Ergebnis des Zusammenspiels von Angebot und Nachfrage. Er resultiert (bis heute) zu einem erheblichen Teil aus den Macht- und Gewaltverhältnissen zwischen den beteiligten Ländern bzw. Reichen. Analog gilt dies auch für die Sozialpolitik: Die Ökonomie als eine zentrale Einflussgröße ist ohne die politik- und staatsbezogenen Gewalt- und Rechtsverhältnisse nicht ausreichend erklärbar.

3. Analytik der Kausalketten: Beckert zeigt in seinem Buch an vielen Beispielen, wie eine ganze Kaskade von Ereignissen und Reaktionen darauf vielfältige Auswirkungen an verschiedensten Orten der Welt hatte. Auch die Sozialpolitikforschung sollte lange kausale Ketten verfolgen und komplexe kausale Netze rekonstruieren, um die so die Entstehung und Veränderung von Sozialpolitiken zu verstehen.

Die Veranstaltungsreihe "Global Cotton. Eine Uni – ein Buch – eine Stadt" läuft noch bis Ende des Jahres.


Kontakt:
Prof. Dr. Frank Nullmeier
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58576
E-Mail: frank.nullmeier@uni-bremen.de