Das Forschungsprogramm

Sozialpolitik zielt auf die Sicherung sozialer Rechte und das Schaffen sozialer Sicherheit. Sie ist neben dem Markt und familialen Unterstützungsnetzwerken ein zentraler Produzent von Wohlfahrt. Der Sonderforschungsbereich 1342 (SFB) untersucht die weltweiten Entwicklungsdynamiken staatlich verantworteter Sozialpolitik. Das Forschungsprogramm des SFBs geht dabei in dreierlei Hinsicht über die bisherige Sozialpolitikforschung hinaus:

  1. In geographischer Hinsicht bezieht es die Länder des Globalen Südens systematisch in die Analyse ein.
  2. In konzeptioneller Hinsicht stützt sich der Forschungsverbund auf ein breiteres Verständnis von Sozialpolitik, indem er unter anderem die Bildungspolitik als einen elementaren Politikbereich zur Förderung von Chancengleichheit in die Analyse integriert.
  3. In analytischer Hinsicht ersetzt der SFB die nationalstaatliche Binnenorientierung der Sozialpolitikforschung durch einen interdependenzzentrierten Ansatz: Die bekannten nationalen Bedingungsfaktoren von Sozialpolitik werden in den Kontext transregionaler und internationaler Wechselbeziehungen einfügt. Grenzüberschreitende Verflechtungen wie Handelsbeziehungen, Migrationsströme oder Internationale Abkommen rücken ins Zentrum der Analyse sozialpolitischer Entwicklungsdynamiken. Erst aus dem Zusammenwirken nationaler Rahmenbedingungen mit horizontalen und vertikalen internationalen Verflechtungen können, so unsere zentrale Annahme, sozialpolitische Entwicklungsprozesse und -dynamiken in globaler und historischer Perspektive angemessen erklärt werden.


Der Forschungsverbund hat 15 Teilprojekte und gliedert sich in zwei Projektbereiche:

Projektbereich A besteht aus sechs Teilprojekten, in denen sozialpolitische Entwicklungsdynamiken weltweit untersucht werden. Diese Teilprojekte nutzen vor allem makro-quantitative Methoden, um Entstehungs- und Entwicklungsdynamiken in der Sozialpolitik zu analysieren. Dabei geht es um die Erklärung der (Nicht-)Einführung von Sicherungsprogrammen und ihre Ausgestaltung in den Bereichen Arbeitsschutz und Arbeitsrecht, Alter, Unfall, Arbeitslosigkeit, Gesundheit und Langzeitpflege, Familie und Bildung.

In der ersten Phase interessieren wir uns insbesondere für die Einführung und Verbreitung von Sozialpolitik: Welche Länder waren (regionale) Vorreiter und warum? Welche sozialpolitischen Programme sind in welcher Reihenfolge und in welchem zeitlichen Abstand zueinander in welchen Teilen der Welt eingeführt worden? Inwieweit wurde Entstehung, Expansion und Rückbau der Sozialpolitik durch trans- und internationale Einflüsse vorangetrieben bzw. durch innerstaatliche Faktoren beeinflusst?

Das teilprojektübergreifende Ziel des Projektbereichs A ist die Entwicklung eines Global Welfare State Information System (WeSIS) zur Sozialpolitik weltweit für den Zeitraum von etwa 1880 bis 2020, mit dem sich die sozialpolitische Dynamik auch als Weltsozialpolitikatlas visualisieren lässt.

Projektbereich B besteht aus neun Teilprojekten, in denen in fallstudienzentrierten, qualitativen Analysen die Kausalpfade zwischen internationalen Verflechtungen und sozialpolitischen Entwicklungsdynamiken für einzelne Ländergruppen tiefenscharf untersucht werden. Gefragt wird in der ersten Phase: Über welche kausalen Mechanismen wirken zwischenstaatliche Verflechtungen im Zusammenspiel mit der nationalen Konstellation auf die Einführung, Verbreitung, Inklusivität und Generosität von Sozialpolitik und welche Arten von Verflechtungen - vermittelt durch welche nationalen Bestimmungsfaktoren - erklären die unterschiedlichen Konsolidierungswege und Ausbaugrade von Sozialpolitik?

Das teilprojektübergreifende Ziel des Projektbereichs B ist die Entwicklung einer Theorie sozialpolitischer Entwicklungsdynamiken, die rein nationalstaatliche Narrative überwindet, indem sie die kausalen Mechanismen dingfest macht, die staatlich verantwortete Sozialpolitik aus der Interaktion zwischen nationalen Faktoren und inter- und transnationalen Verflechtungen entstehen lassen.