Keonhi Son
Keonhi Son
Keonhi Sons kam über den Umweg der Literatur- zu den Sozialwissenschaften. Ihr Interesse gilt dabei der Sozialpolitik von Schwellenländern. Warum die Mängel des südkoreanischen Sozialsystems für sie eine große Motivation sind, erzählt sie im Interview.

Du hast in Südkorea studiert und einen Bachelor-Abschluss gemacht, aber dann hast du deine Karriere komplett umgekrempelt. Bitte erzähl' mal.

Nach meinem Bachelor-Abschluss in Südkorea habe ich ein völlig neues Fach in einem völlig neuen Land begonnen.

Was war dein erstes Thema?

Mein erstes Fach war Englische Literatur, dabei habe ich mich auf englisches Theater spezialisiert. Ich war damals ziemlich begeistert bei der Sache. Aber ich kam an einen Punkt, als ich etwas anderes machen wollte.

Warum? Hast du auf diesem Gebiet gearbeitet und es gefiel dir nicht?

Ich habe ein wenig für eine Theatergruppe gearbeitet und dann bin ich nach London gegangen, um noch ein wenig mehr zu lernen. Anschließend zog ich nach Deutschland, um weiter zu studieren. Aber ich mochte das Theaterstudium in Deutschland wirklich nicht. Da wurde mir klar, dass Literatur und Theater nicht das Richtige für mich sind. Also habe ich überlegt, was mein zweites Lieblingsfach war, nämlich Verwaltungs- bzw. Politikwissenschaften - in Südkorea sind beide sehr gemischt.

In den Fächern hast du also deinen Master in Heidelberg gemacht.

Ja, in Public Policy.

Politik- oder Verwaltungswissenschaften unterscheiden sich sehr von Literatur und Theater - was gefällt dir an dem Thema so gut?

Das Studium der Politikwissenschaft hat mir viel Spaß gemacht. Aber vor allem muss Südkorea seine Sozialpolitik entwickeln. Unser Land hat seine Wirtschaft schnell entwickeln können, die anderen gesellschaftlichen Bereiche aber hinken hinterher. Zu diesen notwenigen Reformprozessen wollte ich beitragen. Ein konkretes Beispiel: Meine Eltern und Verwandten leiden darunter, dass es kein vernünftiges Rentensystem gibt. Ich habe mir gedacht: Vielleicht kann ich in dem Bereich etwas voranbringen. Deutschland war für mich in der Hinsicht der perfekte Studienort, weil es eine lange Geschichte der Sozialversicherungssysteme hat.

Ich habe gelesen, dass Südkorea kürzlich einige Fortschritte in der Sozialpolitik gemacht hat: Die Wochenarbeitszeit wurde reduziert - von 68 auf 52 Stunden!

Immer noch sehr viel!

Arbeiten die Leute tatsächlich so lange?

Ja, das tun sie. Die Menschen haben eine völlig andere Denkweise als die meisten Europäer. Früher hatten die Menschen ein sehr hohes Maß an Arbeitsplatzsicherheit und gleichzeitig dachten sie, sie gehörten zu dem Unternehmen, bei dem sie arbeiteten - sie widmeten ihr Leben ihrem Arbeitgeber. Auch wenn das Unternehmen seine Angestellten ausbeutet hat. Aber lange Zeit waren die Leute damit einverstanden und dachten: Das ist der Ort, an den ich gehöre. Aber jetzt gibt es kaum noch Arbeitsplatzsicherheit in Südkorea. Die junge Leute wollen nicht mehr so lange arbeiten: "Du beschäftigst mich nicht mehr ewig, warum sollte ich also ewig für dich arbeiten?" Die Verkürzung der Arbeitszeit ist also ein gutes Zeichen, aber gleichzeitig auch traurig, da die Arbeitsplätze nicht mehr sicher sind. Wie überall sonst auch.

Was möchtest du in in den nächsten 30 bis 40 Jahren erreichen?

Das ist eine sehr lange Zeit. Ich denke, in unserer Generation werden wir unsere Jobs oft wechseln müssen. Aber ich möchte Wissenschaftlerin bleiben. Ich möchte die Sozialpolitik der Schwellenländer erforschen. Der SFB ist das perfekte Projekt für mich, weil ich dieses Thema schon immer in meiner Heimatregion untersuchen wollte. Ich bin mir nicht so sicher, welche Porsition ich beruflich erreichen will, aber ich weiß, was ich tun will.

Heißt das, dass du die südkoreanische Gesellschaft verändern willst?

Ich möchte dabei ein wenig helfen. Veränderung ist ein großes Wort. Ich möchte zumindest ein gutes Modell für die Sozialpolitik entwerfen, das funktionieren könnte. Als Europa seinen Wohlfahrtsstaat entwickelte, war die Konstellation völlig anders als in Südkorea heute. Wir müssen ein neues Modell der Sozialpolitik entwickeln, wir können das europäische System nicht einfach kopieren. An der Entwicklung eines solchen neuen Systems zu arbeiten ist, was ich tun möchte.

Wenn du alles hättest, was du brauchst: genügend Forschungsgelder, das nötige Wissen, gute Kolleginnen und Kollegen, ausreichend Zeit - welche Forschungsfrage würdest du gernlösen?

Das ist eine sehr große Frage. Ich denke, es ist ziemlich ähnlich zu dem, was ich dir bereits gesagt habe. Die Schwellenländer befinden sich in einer Situation, in der sie unter der Finanzkrise, der raschen Globalisierung, der Deindustrialisierung, der Postindustrialisierung usw. gelitten haben - gerade mit Blick auf diese Probleme müssen diese Länder ihre Sozialpolitik entwickeln. Denn sie haben die Sozialversicherungssysteme viel langsamer entwickelt als ihre Wirtschaft. Und bevor private Unternehmen das gesamte System dominieren werden, sollten sie einen Weg finden, ein funktionierendes öffentliches Sozialsystem zu etablieren.


Kontakt:
Keonhi Son
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 9
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58541
E-Mail: son@uni-bremen.de