Teilprojekt B02

Herausbildung, Aus- und Umbau des Sozialstaats im Cono Sur im Austausch mit (Süd-)Europa (1850-1990)

Staatlich verantwortete Sozialpolitik begann in Lateinamerika an der Südspitze des Kontinents: in Argentinien, Chile und Uruguay. Diese drei Länder des Cono Sur sind durch eine gemeinsame koloniale Vergangenheit, religiöse Bindung und die spanische Sprache von früh an miteinander verbunden. Sie machten im Verlaufe des 19. Jahrhunderts zudem vergleichbare historische Erfahrungen.

In diesem Teilprojekt werden anhand der staatlichen Eingriffssphären Gesundheit und Arbeiterschutz die Entstehung und Verbreitung von Sozialpolitik historisch untersucht. Dass Sozialpolitik entstehen und sich verbreiten konnte, sehen wir unter anderem in den gemeinsamen kolonialen Traditionen und tiefen historischen Verbindungen begründet. Ferner argumentieren wir, dass sich die drei genannten Länder in der Entstehung und Formung von Sozialpolitik gegenseitig beobachteten und auch beeinflussten. Indem sie als erste die genannten Politikfelder betraten, wurden Argentinien, Chile und Uruguay ferner zu Impuls- und Ideengebern für ganz Lateinamerika. Wissen und maßgebliche Konzepte tauschten sie besonders mit südeuropäischen Ländern aus.

Die Untersuchungssonden dieses Teilprojektes - Gesundheit und Arbeiterschutz - wurden gewählt, weil sie früh ausdifferenziert wurden und zwei miteinander verwandte, klassisch-frühe Eingriffssphären des Staates bilden. Beide Eingriffssphären markieren zudem Auf- und Umbrüche sozialpolitischer Entwicklung im Cono Sur. Wir analysieren erstens, wie im Bereich Gesundheit staatliche Maßnahmen und Einrichtungen an die Stelle katholischer und philanthropischer Gesundheitsfürsorge traten. Zweitens untersuchen wir, wie sich aus der staatlichen Gesundheitsversorgung und der Sorge um die Gesundheit der Arbeiterinnen und Arbeiter der Industrien langsam der Arbeiterschutz entwickelte. Drittens analysieren wir, welche Phasen des Übergangs es dabei gab. Hier fragen wir, ob es in allen drei Ländern eine Koexistenz von kirchlicher und philanthropischer Fürsorge mit staatlicher Gesundheitsvorsorge gab. Schließlich fragen wir hier, wie Phasen der Koexistenz der nicht-staatlichen und staatlichen Gesundheitsfürsorge gestaltet wurden. Viertens untersuchen wir, ob die Überlegungen auf dem Feld der Gesundheit stets in Maßnahmen des Arbeiterschutzes mündeten. Denn wir wissen, dass zahlreiche Maßnahmen des Arbeiterschutzes aus der Gesundheitsfürsorge hervorgingen. Schließlich möchten wir fünftens analysieren, welche Maßnahmen und Modi der Verflechtung es bei drei signifikanten Akteursgruppen gab, die wir für die Entstehung und Verbreitung von Sozialpolitik im Cono Sur für bedeutsam halten. Wir konzentrieren uns auf: das Gesundheitspersonal bzw. die Gesundheitsexperten in den Ländern selbst; das Militär, das in den drei Ländern sozialpolitisch relevante Entwicklungen anstieß und sozialpolitische Instrumente einführte; schließlich die Planungstechnokraten der ILO, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die von ihnen entwickelten globalen Ansätze im Cono Sur diskutierten und in diesen Ländern zeitgleich vertraten. Die letztgenannte Akteursgruppe unterstreicht die Bedeutung internationaler Organisationen für die hier untersuchte Entwicklung von Sozialpolitik.

Uns interessiert darüber hinaus besonders der Austausch mit analogen Wirkungsstrukturen in (Süd-)Europa bzw., in geringerem Maße, in den USA. Gefragt wird auch: Welche Vorstellungen von Moderne und Modernisierung wurden hier wirksam? Methodisch knüpft das Teilprojekt an die Transnationale Geschichte, die Globalgeschichte und die historische Netzwerkforschung an. In der zweiten Phase des SFBs sollen die Entwicklungen der sozialpolitischen Maßnahmen auf den genannten Feldern in der Zeit vom Zweiten Weltkrieg bis zum Ende der 1990er-Jahre im Mittelpunkt stehen. Ein Schwerpunkt würde dann auf den Militärdiktaturen und ihren sozialpolitischen Konzepten liegen.