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Alex Nadège Ouedraogo im Brüsseler Homeoffice.
Alex Nadège Ouedraogo im Brüsseler Homeoffice.
Wegen des plötzlichen Shutdowns musste Alex Nadège Ouedraogo ihren Forschungsaufenthalt im südlichen Senegal abbrechen und konnte nur Dank eines Sonderfluges ausreisen.

Hallo Nadège, bitte erzähle mir von deiner Reise in den Senegal.

Ich bin am 11. März in Bremen abgereist. Ich wollte eigentlich etwas mehr als zwei Wochen im Senegal bleiben. Geplant waren ein Wissensaustausch mit Experten der Assane Seck Universität in Ziguinchor im Süden Senegals und Interviews mit den Empfängern senegalesischer Cash Transfers. Doch dieser Plan brach wegen der Ausbreitung des Corona-Virus völlig zusammen.

Warst du auf dieses Szenario vorbereitet?

Als ich von Bremen aus startete, war Afrika nicht so betroffen wie Europa. Als ich ankam, war alles noch normal, doch dann änderte sich die Situation sehr schnell. An meinem dritten Tag wurden die ersten COVID-19-Fälle bestätigt, und von da an ging alles drunter und drüber. Anscheinend kamen ein paar französische Rentner, die infiziert waren, zurück in den Senegal, wo sie jetzt leben. Viel schlimmer war der Fall eines Senegalesen, der aus Italien nach Touba zurückkehrte. Touba ist eine religiöse Stadt, und das bedeutet, dass es mehr Austausch zwischen den Menschen gibt als in anderen Städten durch gemeinsame Sitzungen, Treffen, Gebete und so weiter. Nach dem, was die Menschen und die Presse berichteten, erwähnte er nicht, dass er aus Italien kam, und er wusste nichts von dem Virus, das er laut Pressebericht in sehr kurzer Zeit auf bis zu 70 Menschen übertragen hat. Diese hochschnellenden Fälle änderten die Situation sehr schnell. Bevor ich es merkte, begannen Regierungen weltweit drastische Maßnahmen zu ergreifen: Fluggesellschaften sagten Flüge ab, der senegalesische Präsident Macky Sall ergriff frühzeitig Maßnahmen und schloss alle Schulen und Universitäten, verbot Versammlungen, Freitagsgebete in Moscheen, um zu verhindern, dass sich Menschen versammeln, und so weiter - viele Maßnahmen, die dazu führten, dass ich im Hotel blieb und hoffte, nach Europa zurückkehren zu können.

Bedeutet das, dass du mit niemandem an den Universitäten sprechen konntest?

Ich hatte geplant, für eine Woche an der Assane-Seck-Universität in Ziguinchor als Gastforscher zu arbeiten. Nach allem, was dort vor sich ging, habe ich mich mit dem Leiter der Abteilung Soziologie, mit dem ich meinen Besuch vereinbart hatte, in Verbindung gesetzt, um zu erfahren, was zu tun ist. Er sagte mir, dass die Universität bald geschlossen werden würde. Ich beschloss, mich zumindest mit einem der Kollegen zu treffen, um über unsere Projekte zu diskutieren. Parallel zu diesem universitären Austausch hatte ich eine abschließende Datenerhebung geplant: Ich wollte zehn Familien befragen, die von Cash Transfers profitieren. Irgendwann musste ich mich aber dazu entschließen, die Interviews abzusagen, weil die Familien vielleicht Angst haben könnten, mit mir in engen Kontakt zu treten, da ich aus Europa kam, wo das Coronavirus viel weiter verbreitet war. Meinen Aufenthalt im Süden des Senegal, der ursprünglich für eine Woche geplant war, wollte ich auf drei Tage verkürzen, aber selbst das erwies sich als zu optimistisch. Noch am Tag meiner Ankunft wurde mir klar, dass ich nach Dakar zurückkehren musste, um so schnell wie möglich einen Rückflug nach Hause zu nehmen, da Regierungen weltweit die Grenzen schlossen.

Ein Flugticket zu bekommen, muss einer Lotterie geglichen haben ...

Es gab überhaupt keine Flüge, man konnte nichts über das Internet buchen. Bei Egencia wurden Flüge auf der Website angeboten, aber man konnte sie nicht buchen. Ich habe mehrere Agenturen kontaktiert, um zu sehen, was sie für mich tun könnten - nichts. Es waren keine Informationen verfügbar, ich fühlte mich irgendwie verloren, während in Europa die Leute bereits im Lockdown waren. Als ich es geschafft hatte, nach Dakar zurückzukehren, waren die Grenzen geschlossen. Alle internationalen Flüge waren gestrichen. Ich war im Senegal gestrandet.

Was hast du dann getan?

Zusammen mit meinem Team und Irina habe ich Kontakt zu verschiedenen Stellen aufgenommen (Egencia, Fluggesellschaften, dem Außenministerium, deutschen Institutionen in Dakar und so weiter). Sie waren alles sehr hilfsbereit aber konnten wenig tun. Da ich auch belgische Staatsbürgerin bin, habe ich die belgische Botschaft kontaktiert. Sie sagten mir sofort, dass sie nichts organisieren könnten. Dasselbe galt für die deutsche Botschaft. Nur die Franzosen organisierten anscheinend Rückführungsflüge, aber die waren natürlich postwendend ausgebucht. Dieser ganze Prozess dauerte eine ganze Woche mit Emails und Telefonaten. Ich wusste nicht, wann ich den Senegal wieder würde verlassen können.

Wie hast du es dann trotzdem geschafft?

In letzter Minute, am Sonntag, den 22., bekam ich eine E-Mail von der belgischen Botschaft, in der stand, dass sie einen Flug organisieren würden. Ich musste einige Formulare ausfüllen, um ein Ticket zu beantragen. Noch in derselben Nacht schickten sie mir eine Bestätigung für den nächsten Tag, 8 Uhr morgens. Als ich ankam, war der riesige Flughafen leer, bis auf uns und all die belgischen Diplomaten, die Masken und Handschuhe trugen.  Wir erhielten keinerlei Informationen und wurden lediglich aufgefordert, uns in einer Reihe aufzustellen und dabei einen Abstand von 1,5 Metern zueinander einzuhalten. Ein paar Leute ohne Ticket saßen dort mit ihrem Gepäck, die Atmosphäre war angespannt. Aber schließlich schaffte ich es nach Brüssel. Nach Bremen weiterreisen konnte ich allerdings nicht, da es weder Züge noch Flüge gab. Hier in Brüssel muss ich 14 Tage lang in Isolation bleiben.

Jetzt hast du viel Zeit für deine Doktorarbeit, aber nicht die Daten, die du im Senegal sammeln wolltest, oder?

Das ist schon in Ordnung, denn ich schreibe eine kumulative Dissertation. Ich habe bereits begonnen, einen Artikel mit Klaus Schlichte zu schreiben, und es gibt einen weiteren, den ich im November vorgestellt hatte. Ich bin also mit den Papern beschäftigt, die ich einreichen muss. Das Problem ist die Isolation hier in Brüssel. Ich bin hier in einer anderen Arbeitsumgebung und bin das nicht gewohnt. Ich kann arbeiten, aber es ist nicht so effizient. Ich werde trotzdem mein Bestes tun, um die Paper zu schreiben und zur Projektarbeit beizutragen.

Aber was ist mit den Interviews, die du im Senegal führen wolltest?

Da sich einer meiner Artikel mit sozialen Sicherungssystemen während Wahlkampfzeiten befassen wird, waren die Interviews so etwas wie eine Evaluation oder eine zusätzliche Informationsquelle nach der Wahl. Ich hatte bereits während der Wahlkampfperiode Daten gesammelt, und ich wollte einige Informationen über die Zeit nach den Wahlen in das letzte Paper, das ich schreibe, integrieren.  Abgesehen von den Familieninterviews über Geldtransfers wollte ich an der Universität einen Runden Tisch mit einigen Experten für Sozialpolitik durchführen, die im Bereich der Ernährungssicherheit tätig sind. Davon hatte ich mir wirklich viel versprochen. Ich konnte Leute aus dem Fachbereich Soziologie und aus nationalen und internationalen Institutionen, die lokal verankert sind, zusammenbringen. Es war enttäuschend, dass ich ihnen meine Arbeit nicht vorstellen und darüber diskutieren konnte, um zu erfahren, was sie über meine Ergebnisse denken. Mehr lokal verankertes Fachwissen hätte mir beim Schreiben wirklich geholfen.


Kontakt:
Alex Nadège Ouedraogo
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 176 73 96 96 90
E-Mail: ouedraogo@uni-bremen.de

Alex Nadège Ouedraogo, Doktorandin in Teilprojekt B09, war vier Wochen im Senegal. In Dakar und Casamance recherchierte sie zum Thema ihrer Doktorarbeit: Sozialpolitik in Bezug auf Ernährungssicherheit.

Nadège, du bist kürzlich von einer Forschungsreise zurückgekehrt. Wo warst du genau?

Ich war in Dakar und Ziguinchor, einer Stadt im Süden Senegals, in der einige Jahre lang Konflikte herrschten. Aber jetzt scheint alles ruhig zu sein.

Was war der Zweck deiner Reise?

In der ersten Woche war ich an einer Summer School in Dakar, die vom Council for the Development of Social Science Research in Africa (CODESRIA) und dem Centre for African Studies Basel (CASB) organisiert wurde. Das Thema war: "African Studies and Africanists: Whence the Gaze?". Da meine Eltern aus Burkina Faso stammen, interessiere ich mich sehr für die Zusammenarbeit mit afrikanischen Wissenschaftlern in Afrika. Es war großartig, mit Doktoranden vom afrikanischen Kontinent umgeben zu sein. Ich habe viel über die Arbeit an der Promotion und über Forschung in Afrika gelernt. Danach blieb ich eine weitere Woche in Dakar, um Informationen zu Archiven zu sammeln und persönliche Netzwerke aufzubauen. In der dritten Woche bin ich in den Süden gereist, um die Region zu erkunden und kennenzulernen, und kam für die letzte Woche nach Dakar zurück. Die letzten drei Wochen meiner Reise standen in direktem Zusammenhang mit meiner Doktorarbeit und der Forschung in unserem B09-Projekt, während es in der ersten Woche eher darum ging, Forscherin im afrikanischen Kontext zu sein.

Worum geht es in deiner Forschung?

In unserem Projekt B09 arbeiten wir zur Sozialpolitik in Afrika, und in meinem Fall geht es um die Sozialpolitik mit Bezug zu Ernährungssicherheit. Die Reise in den Senegal hat mir sehr geholfen, einen spezielleren und originelleren Blickwinkel zu finden, aus dem ich meine Forschung angehen kann.

Inwiefern hat dir die Reise da geholfen?

Ich habe vor Beginn meiner Recherchereise keine Termine für Interviews vereinbart. Ich wollte mir einen ersten Eindruck davon verschaffen, was auf lokaler Ebene vor sich geht. Ich wollte nicht sofort an die Regierung oder NGOs herantreten, sondern mich Menschen aus der der lokalen Bevölkerung treffen und mit ihnen sprechen. Das habe ich auch gemacht.

Konntest du bereits Informationen oder Daten sammeln, die du für deine Forschung verwenden kannst?

Keine konkreten Daten. Aber ich weiß jetzt, in welche Richtung ich meine Forschung gehen soll. Es hat mir sehr geholfen, mit vielen Leuten vor Ort zu sprechen, mit ihnen auf dem Markt zu sitzen. Ich habe auch einige Haushalte von Leuten besucht, die ich kennengelernt habe. Ich habe mit den Menschen darüber gesprochen, was sie über Sozialpolitik denken und was sie für sie bedeutet. Dabei habe ich festgestellt, dass die meisten von ihnen diese Begriffe gar nicht verwenden. Es ergibt für sie keinen Sinn. Die meisten von ihnen verwenden den Begriff Public Policy. Diese erste Erkundungsreise hat mir geholfen, eine bestimmte Position einzunehmen und mir und ein bestimmtes Vokabular anzueignen. Mir wurde auch klar, dass Ernährungssicherheit für die Einheimischen vom Zugang zu Nahrung abhängt: Zugang nicht im finanziellen Sinn, sondern eher in Bezug auf den Transport und lokale Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln. Die meisten Leute sagten mir, dass sie gerne bestimmte Lebensmittel kaufen würden, sie aber vor Ort nicht bekommen können. Oder dass diese Lebensmittel ausschließlich für den Export produziert werden. Es war interessant festzustellen, dass die Ernährungssicherheit eng mit der Verkehrsinfrastruktur und der Raumplanung verbunden ist.

Welche Sprache hast du mit den Menschen vor Ort gesprochen?

Französisch. Aber die meisten Menschen im Senegal sprechen Wolof, das ich nicht spreche. Das machte es etwas schwieriger, dass die Leute mich verstehen und umgekehrt. Aber meistens wurde ich von jemandem begleitet, der beim Übersetzen half, wenn die Leute nicht viel Französisch sprachen. Aber ich werde mein Bestes tun, um bald selbst etwas Wolof zu sprechen.

Was sind deine nächsten Schritte?

Jetzt muss ich das Exposé für meine Doktorarbeit schreiben. Dank der Recherchereise und der Literatur, die ich bislang gelesen habe, sollte das gut zu schaffen sein. Jetzt habe ich Ideen, wie ich meine Forschung durchführen möchte, und das Ganze ist fundierter, weil ich vor Ort im Senegal war.

Hast du bereits weitere Reisen geplant?

Wenn mein Exposé akzeptiert wird, möchte ich für eine längere Zeit in den Senegal zurückkehren. Zeit ist ein limitierender Faktor. Ich kann nicht all meine Arbeit hier in Bremen liegenlassen, aber es ist wirklich wichtig, dass ich bei meinem ethnographischen Forschungsansatz vor Ort im Land unterwegs bin und dort so lange wie möglich bleiben kann.


Kontakt:
Alex Nadège Ouedraogo
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 176 73 96 96 90
E-Mail: ouedraogo@uni-bremen.de