Dr. Roy Karadag
Dr. Roy Karadag
Roy Karadag blickt auf zwei kurze Forschungsaufenthalte in Ägypten zurück und berichtet von bürokratische Hürden, vielversprechenden Archiven und dem verheerenden Zustand des ägyptischen Bildungssystems.

Du bist für Teilprojekt B09 nach Ägypten gereist. Wo und für wie lange bist du dort gewesen?

Ich war für zwei kürzere Aufenthalte in Kairo: einmal von Ende September bis Mitte Oktober und dann noch einmal von Mitte November bis Anfang Dezember. Ich war als Visiting Fellow am Department of Political Science der American University in Cairo.

Was hattest du dir vorab für diese beiden Forschungsaufenthalte vorgenommen?

Ich wusste, dass der Zugang zu Behörden, Ministerien und Politikern in Ägypten heikel geworden ist. Mit der harten Repression, die seit 2013 vorherrscht, ist die Lage auch für Wissenschaftler immer schwieriger geworden, vor allem für europäische oder US-amerikanische Wissenschaftler. Es ist sehr schwierig, fundierte Netzwerke vor Ort aufzubauen, wenn man bislang noch nicht zu Ägypten geforscht und publiziert hat, wie das bei mir der Fall ist. Daher dienten meine Reisen nach Kairo vor allem dazu auszuloten, ob ich überhaupt Zugang in die Ministerien bekomme, um erfahren, wie dort Sozialpolitik verhandelt und umgesetzt wird.

Und wie ist es gelaufen?

Ich habe zunächst acht, neun Interviews geführt, vor allem mit Lehrern und Ärzten, außerdem hatte ich mehrere Hintergrundgespräche mit Akademikern. Ich wollte zunächst einmal mit den Leuten sprechen, die in den sozialpolitischen Feldern, die wir untersuchen, tätig sind. Ich wollte erfahren, was diese Menschen mir erzählen können zum Umgang mit Krankenversicherungen oder mit den Apparaten, den Ministerien. Ich wollte wissen, welche politischen Entscheidungen für ihren Alltag relevant sind und welche Entwicklungen ihren Alltag am meisten bestimmen.

Wie sieht der Zugang zu Behörden und Ministerien aus?

Ich komme ein bisschen ernüchtert zurück. Bei meinem ersten Aufenthalt war habe ich die Uni-Experten für die sozialpolitischen Felder angesprochen. Eine war sogar Beraterin des Bildungsministers. Aber für den Zugang zu den Ministerien und Politikern war das leider nicht hilfreich. Ich werde mich wahrscheinlich von der Idee verabschieden müssen, Experteninterviews in den Ministerien führen zu können. Das ist sehr schade, denn die Forschung zu Ägypten in den 1990ern und 2000ern von Leuten, die ihre Netzwerke über viele Jahre ausbauen konnten, war richtig stark: tolle Bücher über Machtnetzwerke, Korruption, islamistische und andere Oppositionsgruppen; aber leider sehr wenig über Policy-Felder wie Gesundheit und Bildung.

Heute gibt es unüberwindliche bürokratische Prozeduren, um unliebsame Forschung und Recherchen zu Opposition und Widerstand zu verhindern. Und leider auch harte Gewalt, wie die Ermordung des italienischen Doktoranden aus Cambridge gezeigt hat. Solche Gewalt muss nur ein oder zwei Mal angewendet werden, damit die Botschaft wirklich sitzt und man die Finger von der Untersuchung von gewerkschaftlichem Aktivismus lässt. Kairo ist in der Hinsicht wirklich unfrei geworden.

Was folgt für deine Arbeit daraus?

Wir werden uns darauf beschränken, das historische Material, die Zeitungsarchive zu durchstöbern, um gewisse Phasen und gewisse sozialpolitische Entscheidungen zu rekonstruieren. Darauf aufbauend wollen wir sehen, was das für einen Effekt hatte auf Fragen von Staatsbildung, Staat-Gesellschaft-Beziehungen, Erwartungen von Menschen an Regierungen und Staatsebene. So können wir am ehesten etwas entwickeln wie eine historische Theorie von Sozialpolitik in Afrika, um zu zeigen, was Afrika-spezifisch ist und welche Rolle der Kontinent in Diskursen zu globaler Sozialpolitik spielt bzw. spielen kann.

Die Zugänge zu den Archiven sind sichergestellt?

Die Zeitungsarchive sind inzwischen relativ gut online verfügbar. Ich versuche natürlich noch an Zentralarchive zu kommen. In Kairo wäre da die zentrale Stelle das Dar al-Watha’iq, das ägyptische Nationalarchiv. Das läuft alles nur über formale Anfragen und wird vermutlich ein längerer bürokratischer Prozess. Aber es sollte möglich sein. Es wäre schön, so an Material zu Dekreten zu kommen, weil diese Dekrete am ehesten zeigen, wie politischer Alltag in Ägypten aussieht.

Ihr untersucht drei Politikfelder: Gesundheit, Bildung und Ernährung. Welchem Zeitraum widmet ihre euch?

Vorgesehen ist das ganze Jahrhundert: 1918 bis 2018. Natürlich ist es schwer, drei Politikfelder über 100 Jahre abzuarbeiten. Daher konzentrieren uns bei der Analyse der Zeitungsarchive, des anderen Materials und der Sekundärliteratur vor allem auf die großen Schübe, die in Nordafrika in den 1950er- und 1960er-Jahren stattgefunden haben. In Ägypten sind die späten 40er- und frühen 50-Jahre sehr interessant, weil damals Sozialpolitik zum ersten Mal zur Legitimierung der neuen Staatsbürokratie diente.

Du hast erwähnt, dass du mit Lehrern und Ärzte interviewt hast. Was das Interessanteste, das du von diesen Menschen erfahren hast?

Der Schwertpunkt der Gespräche lag auf Bildung, und es ist kam ein deprimierendes Bild entstanden. Ägypten ist ein armes Land mit sehr großer sozialer Ungleichheit. Das zeigt sich auch im Feld der Bildung und der Bildungspolitik. Obere Mittelschichten und die Reichen haben sich abgekoppelt und können ihren Kindern vielfältige und gute Bildungschance bieten. Schon früher haben sie ihre Kinder auf deutsche, amerikanische oder britische Schulen geschickt, inzwischen sind auch die Japaner dabei. Es gibt eine starke Ausdifferenzierung und einen Wettstreit innerhalb der ökonomischen und bürokratischen Eliten und ihren Kindern um Machtchancen für nächsten Jahrzehnte. Dieser Wettstreit ist brutal. Es gibt zwar so etwas wie ein Zentralabitur, aber auch Vorwürfe von Korruption und Betrug. Es gibt viel Raum, um Geld in Bildungschancen zu verwandeln, während untere Schichten mit überfüllten Klassen, schweren Transportwegen und Schulen mit schwacher Infrastruktur zu kämpfen haben. Deshalb kratzen die Eltern jeden Cent zusammenkratzen, um ihren Kindern Nachhilfe zu bieten - und diese Nachhilfe wird von Lehrern angeboten, die selber nicht viel verdienen. Für die Lehrer ist es nicht entscheidend, an einer öffentlichen Schule zu unterrichten, sondern Privatunterricht zu geben. Das schmälert natürlich die Qualität des allgemeinen Unterrichts. Sämtliche Ideen, die in globalen Bildungsdiskursen entwickelt werden zu interaktiver Lehre und ähnlichem, prallen einfach an diesen harten sozioökonomischen Realitäten ab.

Du hast jetzt Netzwerke ausgekundschaftet. Wie gehst du nun weiter vor?

Ich werde noch weitere Male nach Ägypten bzw. Kairo fahren, um mich mit dem Material aus dem aus den 1940er- bis 1970er Jahren auseinandersetzen. Ich werde das Material über relevante politische Entscheidungen systematisch zusammenstellen, um damit innerhalb unseres Teilprojekts die größten Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erörtern und bewerten.


Kontakt:
Dr. Roy Karadag
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67468
E-Mail: karadag@uni-bremen.de