News aus dem Teilprojekt B03

Eloisa Harris, Franziska Deeg, Simone Tonelli
Eloisa Harris, Franziska Deeg, Simone Tonelli
Franziska Deeg, Eloisa Harris und Simone Tonelli werden im Frühjahr eine entsprechende Online-Befragung in Brasilien und Deutschland durchführen. Die Studie wird von der Dr. Hans Riegel-Stiftung gefördert.

Franziska Deeg (Teilprojekt B03), Eloisa Harris (Doktorandin an der BIGSSS) und Simone Tonelli (Teilprojekt A06) haben gemeinsam ein Forschungskonzept ausgearbeitet, mit dem sie herausfinden wollen, wie sich die Covid-19-Pandemie auf die Einstellung der Bevölkerung Deutschlands und Brasiliens zur Globalisierung und zum Wohlfahrtsstaat auswirkt. Die für das Frühjar 2021 geplanten Befragungen werden vom SFB 1342 und der Dr. Hans Riegel-Stiftung gefördert. In einem schriftlichen Interview erklären Deeg, Harris und Tonelli die Hintergründe und Hypothesen ihrer Studie.

Als sich die Pandemie auszubreiten begann, geriet die Globalisierung in Schockstarre - Regierungen schränkten den internationalen Reiseverkehr ein oder schlossen die Grenzen ganz. Viele Länder begannen zu erkennen, wie abhängig sie von globalen Produktions- und Handelsketten sind - und ihre Regierungen kündigten an, diese Abhängigkeit für kritische Güter und Wirtschaftszweige rückgängig zu machen. Andererseits scheint die Erprobung, Finanzierung und Verteilung von Impfstoffen zur Bekämpfung der Pandemie ohne die Vorteile der Globalisierung unmöglich. Ein Jahr nach der Pandemie - wie seht ihr die Zukunft der Globalisierung?

Deeg, Harris, Tonelli: Diese Frage, oder eher dieses Paradoxon, gehört zu denen, die unser Projekt inspiriert haben. In den letzten Jahrzehnten waren wir Zeugen eines Wiederauflebens neoliberaler Tendenzen, eines wachsenden internationalen Freihandels und der Herauskristallisierung einer globalen Versorgungskette, die die Abhängigkeit der Länder untereinander deutlich erhöht hat. Gleichzeitig schuf der Prozess der wirtschaftlichen Globalisierung eine Gruppe von so genannten "Verlierern", d.h. eine Gruppe von Menschen, deren Arbeitsplätze und Einkommen durch die internationalen Märkte bedroht sind. Jetzt macht die Pandemie die Existenz neuartiger gesundheitlicher Risiken der Globalisierung deutlich, sowie die weitere wirtschaftliche und soziale Spaltung, die als Folge des Wohlstandsgefälles und der unterschiedlichen Strategien staatlicher Interventionen in der Welt entstanden ist.

Offensichtlich haben wir (noch) keine Antwort auf deine Frage. Wie du erwähnt hast, macht der Run auf den Impfstoff einerseits die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit deutlich, was sich positiv auf die Unterstützung für eine politischere Globalisierung auswirkt. Auf der anderen Seite könnten die wirtschaftlichen Auswirkungen die Menschen zu mehr protektionistischen Tendenzen treiben und die Unterstützung für eine wirtschaftliche Globalisierung weiter verringern. Wir denken jedoch, dass die individuellen Präferenzen für mehr oder weniger wirtschaftliche und politische Globalisierung davon abhängen, in welchem Ausmaß und auf welche Weise die Menschen den wirtschaftlichen, gesundheitlichen und sozialen Folgen der Pandemie ausgesetzt waren.

Der Wohlfahrtsstaat spielt eine entscheidende Rolle bei der Abfederung der nicht gesundheitsbezogenen Folgen der Pandemie. In der Umfrage, die ihr vorbereitet, wollt ihr die Einstellung der Bürger gegenüber dem Wohlfahrtsstaat untersuchen und wie sich diese durch die Pandemie verändert haben könnte. Müsste die Antwort auf diese Frage nicht ziemlich klar sein?

Deeg, Harris und Tonelli: Wenn es etwas gibt, was uns die Forschung über sozialpolitische Präferenzen gelehrt hat, dann dass die Unterstützung für Umverteilung nie eindeutig ist. In diesem Projekt bauen wir auf der bestehenden Literatur darüber auf, warum und wie Präferenzen gebildet werden, um mögliche Unterschiede zwischen Gruppen und zwischen Ländern zu erklären. Die Nachfrage nach sozialpolitischen Maßnahmen ist nicht nur eine Funktion des Einkommens, wie die traditionelle Wohlfahrtsstaatsforschung vermuten lässt, sondern steht in Wechselwirkung mit einer Reihe anderer Faktoren: Arbeitsmarktschwankungen, Bildung, Optimismus, politisches Vertrauen und andere Faktoren der sozialen Umwelt. Wir stützen uns auf zwei Hauptargumente, um Erwartungen darüber zu generieren, welche Gruppen unterschiedliche Sozialpolitiken unterstützen und warum.

In ähnlicher Weise argumentieren wir, dass die Pandemie einige Gruppen mehr als andere ihren wirtschaftlichen Folgen aussetzt, und daher werden die Präferenzen der Individuen auch eine Funktion der Exposition gegenüber diesen Risiken sein. Wir stellen zwei Mechanismen vor, von denen wir glauben, dass sie erklären können, wie die Risikoexposition die politischen Präferenzen beeinflusst. Einerseits erwarten wir, dass die Exposition gegenüber wirtschaftlicher Unsicherheit, die durch die Pandemie verursacht wird, dazu führt, dass Individuen, die von wirtschaftlicher Unsicherheit betroffen sind, eine Absicherung ihres Risikos verlangen. Andererseits könnten sich Individuen, die nicht direkt von der Pandemie betroffen waren, angesichts des Ausmaßes der Medienberichterstattung über die Folgen der Pandemie, mit bestimmten Gruppen solidarisieren und mehr Umverteilung unterstützen. Daher erwarten wir, dass sowohl die wirtschaftlich Betroffenen aus Eigeninteresse als auch die Nicht-Betroffenen aus Solidarität die Ausgaben des Wohlfahrtsstaates unterstützen werden.

Da die Risiken, die mit der aktuellen Situation verbunden sind, quer zu den traditionellen wohlfahrtsstaatlichen Koalitionen liegen, wird es darüber hinaus interessant sein zu sehen, ob sich als Folge der Pandemie neue Koalitionen bilden werden. Dies wird besonders im Kontext Brasiliens interessant sein, wo der Wohlfahrtsstaat stark fragmentiert ist und bestimmte Gruppen (formelle Arbeiter) besser abdeckt als andere (informelle Arbeiter). In diesem Kontext waren Wohlfahrtspräferenzen bisher nicht deutlich sichtbar, weil das Vertrauen in die Regierung gering ist, die Steuermoral niedrig ist usw., aber ein störendes Ereignis wie die Pandemie könnte das ändern.

In eurer Befragung untersucht ihr Brasilien und Deutschland. Warum habt ihr diese beiden Länder ausgewählt?

Deeg, Harris und Tonelli: Die beiden Länder sind für einen Vergleich interessant, weil sie beide stark in den globalen Markt integriert und beide stark von der Krise betroffen sind, nicht nur in gesundheitlicher, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Beide Regierungen ergriffen strenge Eindämmungsmaßnahmen. Gleichzeitig waren diese Eindämmungsmaßnahmen nicht gleich effektiv, die beiden Volkswirtschaften unterscheiden sich im Ausmaß der Heimarbeit und sie haben unterschiedliche Sozialsysteme. Wir denken, dass dies interessante Varianten sind, um unsere Annahmen in unterschiedlichen Kontexten zu testen.

Wie wird eure Umfrage durchgeführt? Habt ihr Zugang zu einer repräsentativen Stichprobe der Bevölkerung? Oder wird die Umfrage online sein, so dass jeder teilnehmen kann?

Deeg, Harris und Tonelli: Wir werden die Online-Befragungen in Deutschland und Brasilien im März 2021 durchführen (etwa ein Jahr nach Beginn der weltweiten Pandemie). Wir werden mit einer internationalen Umfrage-Firma arbeiten, die ähnlich wie ein Marktplatz funktioniert, bei dem die Menschen auswählen können, an welchen Umfragen sie teilnehmen möchten. Wir werden in der Lage sein, mit mehr als 1000 Befragten pro Land in Kontakt zu treten (die endgültige Anzahl der Beobachtungen wird noch festgelegt). Die Umfrage wird repräsentativ für die Online-Bevölkerung sein und nach Alter (zwischen 18 und 65), Geschlecht, Region und entweder Einkommen oder Bildung (wir sind noch dabei, dies zu prüfen) stratifiziert.

Aufgrund von Budgetbeschränkungen sind wir nicht in der Lage, Haushaltsbefragungen durchzuführen. Natürlich kann die Stichprobenziehung immer verbessert werden, aber wir sind sicher, dass unsere Stichproben ausreichend repräsentativ für die uns interessierende Bevölkerung sein werden: 86% der Deutschen und etwa 67% der Brasilianer haben Zugang zum Internet. Allerdings sind die Nicht-Nutzer unter den Älteren überrepräsentiert, und sie würden ohnehin von unserer Umfrage ausgeschlossen werden.

Ihr drei forscht in verschiedenen Projekten des SFB bzw. an der BIGSSS. Warum habt ihr euch für diese Zusammenarbeit entschieden?

Deeg, Harris und Tonelli: Durch den SFB hatten wir die Möglichkeit, uns gegenseitig kennenzulernen, sei es beim Jour Fixe, bei Summer Schools oder bei sozialen Veranstaltungen. Auch wenn sich unsere SFB-Projekte auf unterschiedliche Aspekte des Wohlfahrtsstaates konzentrieren, haben wir festgestellt, dass wir gemeinsame Forschungsinteressen haben, wie z.B. die Untersuchung individueller Politikpräferenzen und Einstellungen, Umfragemethoden und quantitative Analysen. Jeder von uns bringt komplementäres Wissen in das Projekt ein, und wir alle bringen das ein, was wir in den vergangenen Jahren im SFB gelernt haben, um selbst etwas zu entwickeln.


Kontakt:
Franziska Deeg
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Cologne Center for Comparative Politics
Herbert-Lewin-Str. 2
50931 Köln
Tel.: +49 221 470-2853
E-Mail: fdeeg@uni-koeln.de

Simone Tonelli
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 9
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58540
E-Mail: si_to@uni-bremen.de

In einer Stellungnahme zu jüngsten Beschlüssen der Bundes- und Landesregierungen kritisieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Erhebung der Infektionszahlen, die unspezifischen Präventionsmaßnahmen und die Androhung eines erneuten Lockdowns.

Anlässlich der Konferenz der Bundeskanzlerin, Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten vom 14.10.2020 hat eine Gruppe von Gesundheits- und Politikwissenschaftlern, Medizinern, Juristen einer Pflegemanagerin – der auch Philip Manow vom SFB 1342 Angehört - eine ad-hoc-Stelllungnahme veröffentlicht. Die Gruppe spricht von "besorgniserregende[n] Fehlentwicklungen" und fordert die korrekte Erhebung und Interpretation von Daten zum COVID-19-Infektionsgeschehen, spezifischere Maßnahmen zum Schutz von Risikogruppen und eine moderne Risikokommunikation anstelle der Androhung eines erneuten Lockdowns.

Die Gruppe kritisiert, dass das Infektionsgeschehen lediglich durch anlassbezogene Coronatests beobachtet wird, also innerhalb einer nicht-repräsentativen Stichprobe. Über das Infektionsgeschehen in der Gesamtbevölkerung könnten daraus aber keine validen Schlüsse gezogen werden. Dafür wären großangelegte Tests in einer repräsentativen Stichprobe nötig (Kohortenstudien). Durch diese unsichere Datenlage fehlten verlässliche werte zur Steuerung der Präventionsmaßnahmen und damit des Pandemiegeschehens.

Allgemeine Präventionsmaßnahmen und Nachverfolgung von Infektionen sind aus Sicht der Autorinnen und Autoren zwar wichtig, letztlich könne eine erfolgreiche Prävention nur durch zielgruppenorientierte Maßnahmen erreicht werden kann. Der Schutz von "verletzlichen Personengruppen" müsse daher oberste Priorität haben.

Die ad-hoc-Stellungnahme und die vier vorhergehenden Thesenpapiere der Gruppe zur Pandemie durch SARSCoV-2/Covid-19 finden Sie hier:

Ad-hoc-Stellungnahme: Die Pandemie durch SARS-CoV-2/Covid-19 - Gleichgewicht und Augenmaß behalten

Thesenpapier zur Pandemie durch SARS-CoV-2/Covid-19. Datenbasis verbessern, Prävention gezielt weiterentwickeln, Bürgerrechte wahren.

Thesenpapier 2.0 zur Pandemie durch SARS-CoV-2/Covid-19. Datenbasis verbessern, Prävention gezielt weiterentwickeln, Bürgerrechte wahren.

Thesenpapier 3.0 zu SARS-CoV-2/COVID-19 - Strategie: Stabile Kontrolle des Infektionsgeschehens, Prävention: Risikosituationen verbessern, Bürgerrechte: Rückkehr zur Normalität.

Die Pandemie durch SARS-CoV-2/Covid-19 - der Übergang zur chronischen Phase. Verbesserung der Outcomes in Sicht; Stabile Kontrolle: Würde und Humanität wahren; Diskursverengung vermeiden: Corona nicht politisieren.


Kontakt:
Prof. Dr. Philip Manow
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58580
E-Mail: manow@uni-bremen.de

Franziska Deeg, Dr. Sarah Berens
Franziska Deeg, Dr. Sarah Berens
Sarah Berens und Franziska Deeg von Teilprojekt B03 blicken zurück auf ihre Befragungen in Mexiko und Brasilien und verraten erste Ergebnisse.

Eure Datenerhebung liegt schon ein bisschen zurück: Wo und wen habt ihr befragt in Brasilien und Mexiko?

Franziska Deeg: In Mexiko haben wir die Befragung in zwei Bundesstaaten durchgeführt: Puebla und Querétaro. In Brasilien waren wir im Bundesstaat Sao Paulo. Beide Befragungen waren Household Surveys mit repräsentativer Stichprobe. Es wurden also zufällig ausgewählte Personen befragt, sowohl in der Stadt als auch auf dem Land.

Und wie viele waren es jeweils?

Deeg: In Mexiko waren es 1400 Befragte und in Brasilien 1008.

Was wolltet ihr genau herausfinden?

Sarah Berens: Wir interessieren uns für sozialpolitische Präferenzen der mexikanischen und brasilianischen Bevölkerung. Wir untersuchen, welchen Einfluss die Veränderung von Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen Ländern auf normale, durchschnittliche Bürger und deren sozialpolitische Präferenzen nimmt.

Wie seid ihr dabei vorgegangen?

Berens: Wir haben das Phänomen auf verschiedene Weise untersucht. Wir fragten zunächst: Möchten Sie, dass der Staat das Rentensystem weiter ausbaut? Oder das Gesundheitssystem? Soll der Staat dafür mehr Geld ausgeben? Wir haben verschiedene Politikfelder innerhalb der Sozialpolitik abgefragt: Einstellung zu Renten, Ausweitung der Gesundheitsversorgung und des Bildungssystems. Und auch zu Conditional Cash Transfers wie Progresa in Mexiko und Bolsa Familia in Brasilien. Außerdem haben wir auch generellere Fragen gestellt, z.B. inwieweit der Befragte für mehr oder weniger Umverteilung ist. Und zu ihren Steuerpräferenzen: progressive Einkommenssteuern, ja oder nein? Diese Batterie an Fragen erlaubt uns, die Einstellung der Befragten zum Wohlfahrtsstaat aus verschiedensten Perspektiven zu durchleuchten.

Deeg: In Mexiko haben wir noch eine Conjoint-Analyse im Rahmen der Umfrage durchgeführt. Den Befragten wird ganz konkret ein Policy-Design vorgeschlagen, welches in der Ausgestaltung variiert (Ausweitung versus Kürzung des Programms; wer soll Zugriff haben, z.B. ausschließlich formell Beschäftigte oder Jedermann; wie soll das Programm finanziert werden, Steuererhöhung für die Reichen oder z.B. ausschließlich über Beiträge). Wir fragen, inwieweit der Befragte dieses konkrete Policy-Design gut findet oder sich lieber für den angezeigten Alternativvorschlag aussprechen würde. Er oder sie soll anschließend noch bewerten, wie gut er/sie das Angebot A gegenüber dem Angebot B fand. Nicht nur das Design, sondern auch die Analyse ist nun sehr spannend.

Waren eure Fragen in Mexiko oder Brasilien unterschiedlich?

Berens: Einen Stamm an Fragen haben wir gleich gelassen, damit wir eine Vergleichbarkeit haben. Das war uns wichtig. Die sehr konkrete Conjoint-Analyse zu dem Design von Sozialpolitik war sehr spezifisch für Mexiko. Für Brasilien haben wir dafür andere Experimente designt, die unsere große Fragestellung nach dem Einfluss der wirtschaftlichen Interdependenz auf sozialpolitische Präferenzen auf unterschiedliche Weise beleuchten, so dass wir verschiedene Wege haben, um das zu erklärende Phänomen zu betrachten.

Eure Datenanalyse ist noch nicht abgeschlossen, aber gibt es schon erste Ergebnisse?

Berens: Einen Manuskriptaufsatz gibt es bereits aus den Daten zu Mexiko. Dort betrachten wir wirtschaftliche Interdependenz über den Arbeitsmarkt und Migration. Zu dem Zeitpunkt, als wir vor Ort waren, sind sehr viele Menschen aus Zentralamerika durch Mexiko in die USA gezogen. Das haben wir mit abgefragt im Rahmen des Surveys. Wirtschaftliche Interdependenz ist eben nicht nur Handel, sondern hat auch ganz konkrete Implikationen für den Arbeitsmarkt durch die Arbeitsmigration zwischen Mexiko, den USA als starken Handelspartner und als große Wirtschaftsmacht und den anderen zentralamerikanischen Staaten wie Honduras oder Nicaragua, die deutlich ärmer sind. Unser erster Manuskriptaufsatz beschäftigt sich mit diesem Einfluss verschiedener Typen von Migration auf sozialpolitische Präferenzen in Mexiko. Das Argument ist etwas komplex. Wir untersuchen ganz konkret den Einfluss zweier Gruppen: der Flüchtlinge aus Zentralamerika und der Returnees, also der mexikanischen Migranten, die eine Weile in den USA gearbeitet haben, um dann wieder zurück nach Mexiko zu kommen und dort in den Arbeitsmarkt einzutreten. Wir kontrastieren den Einfluss dieser beiden Gruppen und fragen: Haben sie unterschiedliche Auswirkungen auf sozialpolitische Präferenzen für unterschiedliche Gruppen innerhalb Mexikos? Interessanterweise zeigt sich, dass die Refugees aus Mittelamerika dahingehend keine Rolle spielen: Da sehen wir gar keine starken Effekte, vor allem bei den ärmeren Bevölkerungsschichten, die sich eigentlich besonders unter Druck fühlen und die Refugees als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt wahrnehmen sollten. Vielmehr sind es die besser gebildeten Mexikanerinnen und Mexikaner, die reicheren, die sensibel auf die Rückkehrer aus den USA reagieren. Die Returnees sind Wettbewerber für die gut Ausgebildeten, weil sie in den USA bessere Skills erlangt haben. Und ohnehin sind die Leute, die in die USA gehen, im Schnitt etwas gebildeter oder besser ausgebildet. Wenn diese Gruppe zurückkommt, sehen wir einen stärkeren Einfluss auf die wohlfahrtsstaatlichen Präferenzen unter den Mexikanern.

Und was wünschen sich die besser gebildeten Mexikaner, wenn sie sehen, dass viele Rückwanderer aus den USA kommen?

Berens: Weniger Sozialstaat. Dass der Kuchen kleiner wird oder begrenzt wird. Dass nur die Mexikaner vor Ort, die im formalen Arbeitsmarkt sind, Zugang haben zu den sozialpolitischen Programmen, wie z.B. der Rente. Es gibt eine Hinwendung zu mehr Exklusion, weg von Solidarität. Das Interessante ist, dass diese Haltung gegen diejenigen gerichtet ist, die ja eigentlich Mexikaner sind. Man stört sich gar nicht so sehr an den zentralamerikanischen Ausländern, sondern man stört sich an den Landsleuten, die in die USA gegangen sind und Mexiko für eine Weile hinter sich gelassen haben, und jetzt gerne Rente hätten.

Deeg: Gerade die formell Beschäftigten sind stärker gegen die Returnees, weil die in die Systeme nicht eingezahlt haben und nun trotzdem gern Zugriff hätten auf das Sozialsystem. Es stellt sich die Solidaritätsfrage: Du warst in den USA und hast da gearbeitet. Und jetzt kommst du zurück und hast gute Chancen, auf dem Arbeitsmarkt formelle Beschäftigung zu finden, weil du auf jeden Fall relativ gesehen besser ausgebildet bist als andere Teile der Bevölkerung. Und dann sollst du aber trotzdem keinen Zugang zu sozialen Gütern haben.

Gilt das auch für die Krankenversicherung?

Berens: In Mexiko ist das Gesundheitssystem reformiert worden und ist nun universell. Zur Gesundheitsversorgung haben auch Leute Zugang, die nicht eingezahlt haben. Das Rentensystem ist hingegen beitragsbasiert, nur wer eingezahlt hat, bekommt Leistungen. Das ist das Spannende an unserem Projekt: Dadurch, dass wir verschiedene Politikfelder betrachten, die sich unterscheiden in der Zugänglichkeit für verschiedene Gruppen, können wir schauen: Wo geht es hier um Solidarität oder um Ausgrenzung?

Deeg: Genau deswegen ist das Argument in dem Paper auch so komplex, weil wir uns zwei Gruppen von Migranten angucken - die Refugees und die Returnees. Und dann unterscheiden wir in Mexiko zwischen den formell und den informell Beschäftigten bzw. nach dem Skill-Level. Hinzu kommen dann noch verschiedene Arten von Sozialleistungen, die unterschiedlich geöffnet sind für verschiedene Gruppen. Das alles macht die Argumentation relativ komplex.

Wie sieht es in Brasilien aus?

Berens: Da stecken wir noch in großen Datenbergen. Zum Analysieren sind wir noch nicht gekommen. Für die zweite Hälfte des Projekts wird es unser Vorhaben sein, diese Daten zu analysieren, verschiedene Experimente auszuwerten und im Vergleich zu gucken, wo die Unterschiede zwischen Mexiko und Brasilien sind.

Deeg: Brasilien ist handelspolitisch auch sehr interessant. Bei Mexiko hat man die starke Abhängigkeit zu den USA, Brasilien ist schon ein bisschen diversifiziert aufgestellt, obwohl es eine Abhängigkeit zum Beispiel gegenüber China gibt. Es gibt auf jeden Fall interessante Dynamiken, gerade weil auch die Art der Exporte aus beiden Ländern unterschiedlich ist. Deswegen ist es auf jeden Fall spannend, dies genauer anzugucken.

Hattet ihr in Brasilien auch einen speziellen Blickwinkel wie im Falle Mexikos, wo ihr speziell auf die Migration geschaut habt?

Berens: Wir haben dort auch die Migration in den Blick genommen, weil wir gesehen haben, dass sie so eine große Rolle in Mexiko spielt und wir die Möglichkeit haben wollten, mit dem brasilianischen Daten dazu eine Aussage zu machen. Aber Migration in Brasilien ist ganz anders. Die Gruppe der Migranten, die eine stärkere Rolle spielt, kommt vor allem aus Venezuela. Und dann gibt es eine kleinere Gruppe von Haitianern, die durch Armut und Staatsversagen aus Haiti getrieben werden und die überwiegend negativ wahrgenommen werden in Brasilien.

Deeg: Außerdem betrachten wir auch die innerstaatliche Migration. Viele Menschen aus dem Norden Brasiliens wandern in den Süden ab, weil es dort mehr Arbeitsplätze gibt. Diese Binnenmigranten werden auch sehr negativ wahrgenommen in den Städten. Es wir die Frage aufgeworfen, ob diese Migranten Zugang zu Sozialleistungen haben sollen oder nicht. Was die Solidarität innerhalb des Landes auf die Probe stellt.


Kontakt:
Dr. Sarah Berens
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Cologne Center for Comparative Politics
Herbert-Lewin-Str. 2
50931 Köln
Tel.: +49 221 470-2853
E-Mail: sarah.berens@uni-koeln.de

Franziska Deeg
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Franziska Deeg mit Koperationsartnern in Brasilien
Franziska Deeg mit Koperationsartnern in Brasilien
Die zweite der beiden Umfragen in Lateinamerika durch die Kölner SFB-Mitglieder fand im Sommer im Staat Sao Paulo in Brasilien statt.

Im Kölner Teil des Teilprojektes B03 wurden zwei Befragungen durchgeführt – eine in Mexiko und eine in Brasilien –, um Einblicke in die Verbindung von Handel und Sozialpolitik auf Mikroebene zu erhalten. Mit der Umfrage wurden verschiedene Dimensionen abgedeckt: Die Befragten hatten die Möglichkeit, Auskünfte zu Themen wie Sozialpolitik, Handel, Migration, Sicherheit und Korruption zu geben. Mit den Daten hofft das Kölner Team den Link zwischen Globalisierung und sozialpolitischen Präferenzen in Brasilien zu erforschen, aber auch viele weitere interessante Fragestellungen können adressiert werden.

Franziska Deeg in sao Paulo

Um die Implementation in Brasilien zu begleiten, verbrachte Franziska Deeg, die Kölner Doktorandin des Projektteams B03, fast drei Wochen in Sao Paulo. Dort konnte sie mit dem Meinungsforschungsinstitut IBOPE den Fragebogen vollständig an den brasilianischen Kontext und die portugiesische Sprache anpassen. Weiterhin wurden 30 Pre-Tests mit einkommensschwachen Haushalten durchgeführt, um die Fragestellungen zu testen, und ein Interviewertraining implementiert, um Interviewer-Effekte zu reduzieren.

Damit hat das Team einen weiteren wichtigen Meilenstein des Projekts erreicht und kann sich nun vollständig auf die Auswertung der umfangreichen Datensätze aus den Umfragen in Mexiko und Brasilien konzentrieren. Die Daten liegen dem Kölner B03-Team seit Mitte August vor.


Kontakt:
Dr. Sarah Berens
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Franziska Deeg
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Im Zuge der Datenerhebung in Mexiko durch das Kölner Projektteam haben wir einen Pre-Analysis-Plan angefertigt und bei EGAP registriert.

Diese Möglichkeit wird von mehr und mehr Wissenschaftlern genutzt, um vor allem experimentelle, akademische Arbeit transparenter zu machen.

Der Pre-Analysis Plan des Teilprojekts B03 kann hier abgerufen werden.

Abstract:

We promote the argument that countries' economic structural interdependence based on trade relationships influence individual preferences for social policy programs. When a central trading partner raises barriers in the form of increased tolls and tariffs it will increase the perception of labor market vulnerability and economic risk. Subsequently, increased risk perception should fuel different demands for different types of social policy reforms. Labor market segmentation into formal and informal workers thereby moderates the impact of risk. Our analysis contains two steps: the impact of changing trade relationships on individual economic risk perception, and, subsequently, the effect of risk on social policy preferences. To investigate the first part of the argument, we use a vignette experiment that primes individuals about hazards of changes in current trade relationships between Mexico and the U.S.. Next, we analyze how risk perception influences social policy preferences and how far different redistribution coalitions arise. As workers embedded in notoriously permeable labor markets not only frequently switch the sector of employment, but also share households with a spouse who works e. g. in the informal sector, social policy preferences cannot be simply derived from income level. Using a conjoint experiment that models the trade-off between different social policies and different degrees of scope, level, and who pays for it, allows to study the effect of increased risk perception and employment sector on policy preferences in a more nuanced way. We study our argument with an experimental survey for the case of Mexico in 2018.


Kontakt:
Dr. Sarah Berens
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Cologne Center for Comparative Politics
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Franziska Deeg
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Franziska Deeg und Leticia Juarez
Franziska Deeg und Leticia Juarez
Franziska Deeg war für Teilprojekt B03 zwei Monate in Mexiko-Stadt, um die abschließenden Vorbereitungen und die Durchführung der Interviews vor Ort zu koordinieren.

Im Kölner Teil des Teilprojektes B03 werden zwei Befragungen durchgeführt - eine in Mexiko und eine in Brasilien -, um Einblicke in die Verbindung von Handel und Sozialpolitik auf Mikroebene zu erhalten. Die erste Umfrage in Mexiko wurde am 21.11. abgeschlossen: ein Meilenstein für das Projektteam B03. Seit Juni wurde die Studie in Köln vorbereitet und schließlich von September bis November von der Doktorandin Franziska Deeg vor Ort und mit tatkräftiger Unterstützung des Kölner Teams umgesetzt. Die Zeit vor Ort in Mexico-Stadt war ein besonders arbeitsintensiv, denn der Fragebogen musste noch abschließend übersetzt werden und die Pre-Tests durchlaufen. Zudem wurden Interviewer-Trainings durchgeführt.

Für die Vorbereitung und letztliche Implementation der Umfrage bestand reger Austausch zwischen Frau Deeg und Beltran, Juarez y Asociados (BGC), dem Meinungsforschungsinstitut, das für die Datenerfassung beauftragt wurde. Dabei wurde besonders Wert auf eine konzeptionell richtige Übersetzung des Fragebogens gelegt, welche auch auf den mexikanischen Fall zum Thema Sozialpolitik abgestimmt ist. Dies war eine besondere Herausforderung, da das Sozialsystem in Mexiko stark fragmentiert ist. Außerdem war es für das Team möglich, 60 Interviews als Pre-Test in den beiden für die Studie ausgewählten Staaten durchzuführen (Puebla und Queretaro). Dadurch konnten erste Einblicke in die Daten gewonnen und der Fragebogen weiter angepasst werden. Hierbei stand vor allem die Verständlichkeit der Fragen im Fokus, und besonders die Fragen zu Sozialpolitik konnten durch die Erfahrungen im Pre-Test nochmals verbessert werden.

Vor der finalen Datenerhebung wurde der Fragebogen in einer Schulung mit allen Interviewern zusammen durchgearbeitet. Durch das Training konnten Interviewer-Effekte stark verringert und auf Besonderheiten der Umfrage eingegangen werden, wie zum Beispiel auf die Conjoint.

Franziska Deeg konnte ihren Aufenthalt in Mexiko City mit einem Forschungsbesuch am Colegio de Mexico (Colmex) verknüpfen, einer der besten Universitäten Lateinamerikas. Sie konnte von dem reichen Vortragsangebot der Universität profitieren, mehr über die zahlreichen Forschungstätigkeiten am Colmex erfahren und mit Dr. Melina Altamirano zusammenarbeiten, die die Umsetzung der Studie mit ihrem Know-how stark unterstützte.

Durch die effiziente Arbeit des gesamten Teams und den siebenwöchigen Aufenthalt vor Ort konnte die Befragung erfolgreich implementiert werden. Die Daten liegen nun vor und sind bereit für die Analyse.


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Franziska Deeg
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