News aus dem Teilprojekt B02

Simon Gerards Iglesias in Berlin
Simon Gerards Iglesias in Berlin
Der Online-Vortrag war der Abschluss seines Stipendiums für einen Forschungsaufenthalt in Berlin.

Simon Gerards Iglesias hatte in diesem Jahr vom Ibero-Amerikanischen Institut (IAI) aus der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ein Stipendium erhalten für einen Forschungsaufenthalt als Gastwissenschaftler in Berlin. Zum Abschluss hielt er am 16.06.2020 im Forschungskolloquium des IAI einen Vortrag über sein Dissertationsprojekt, an dem er in Teilprojekt B02 arbeitet. In seiner geschichtswissenschaftlichen Untersuchung forscht Gerards Iglesias zu den Beziehungen zwischen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO und Argentinien im Zeitraum 1919 bis 1943 aus einer transnationalen Perspektive. An dem Kolloquiumsvortrag, das Corona-bedingt als Videokonferenz stattfinden musste, nahmen neben dem Forschungspersonal des Ibero-Amerikanischen Instituts auch eine Reihe von Wissenschaftler*innen aus Lateinamerika teil.


Kontakt:
Simon Gerards Iglesias
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Geschichtswissenschaft / FB 08
Universitäts-Boulevard 13
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67204
E-Mail: sgerards@uni-bremen.de

Prof. Dr. Delia González de Reufels (Foto: Steven Keller)
Prof. Dr. Delia González de Reufels (Foto: Steven Keller)
Delia González de Reufels erklärt im Interview, warum sich Lateinamerika zum Hotspot der Covid-19-Pandemie entwickelt hat und welch unterschiedliche Strategien die Länder verfolgen, um ihr zu begegnen.

Südamerika ist ein Hotspot der Covid-19-Pandemie. Wie beurteilst du die Situation?

Die WHO hat erst in diesen Tagen den amerikanischen Doppelkontinent zum neuen Hot Spot der Pandemie erklärt, und die Lage ist wirklich erschreckend. Anders als in Ecuador, wo der erste Fall bereits Ende Februar im Zusammenhang mit einem Verwandtenbesuch einer in Madrid lebenden Frau aufgetreten ist, wurden Corona-Infektionen in vielen Ländern erst Mitte März verzeichnet. So hatte man überwiegend mehr Zeit, sich auf den Ausbruch vorzubereiten als beispielsweise Europa und die USA. Diese wertvolle Zeit ist aber vielfach nicht genutzt worden bzw. konnte nicht genutzt werden.

Wie erklärst du dir das?

Es mag banal klingen, aber eine der Erklärungen ist, dass angesichts einer drohenden Pandemie nicht plötzlich alle Versäumnisse der Vergangenheit im Gesundheitswesen behoben werden können. Die Corona-Krise legt die Schwächen der Gesundheitssysteme und der allgemeinen Infrastruktur sowie das Ausmaß an Korruption offen. Zugleich verstärkt die Krise die bestehende soziale Ungleichheit, politische Probleme und Spannungen. Um nur ein infrastrukturelles Versäumnis zu nennen: Nicht überall sind alle Haushalte mit Trinkwasser versorgt. Wer zum Wasserholen aus dem Haus muss, trifft dort Nachbarn und wird zwangsläufig mit vielen Menschen in Kontakt kommen. Auch jahrzehntelange Einsparungen im Gesundheitssektor, und hierfür ist Mexiko ein gutes Beispiel, wirken sich unmittelbar negativ aus. In Mexiko sind die öffentlichen Ausgaben für Gesundheit trotz wachsender Bevölkerung gleich geblieben. Seit Jahren betrugen sie knapp 3% des Staatsbudgets. Wenn man das in Beziehung zu den Ausgaben anderer Staaten der Hemisphäre setzt, geben nur Guatemala und Venezuela weniger für die Gesundheit aus. Das steht in deutlichem Kontrast zur Bedeutung, die Mexiko dem Gesundheitssektor früher beigemessen hat. Immerhin hatte das Land ab den 1940er Jahren massiv in öffentliche Gesundheit und in Sozialversicherung investiert.

Ein weiterer Grund, weshalb die Pandemie viele Länder Lateinamerikas so hart trifft, ist der Populismus einzelner Regierungen. Hier wurde nicht versucht, der Pandemie frühzeitig und gezielt zu begegnen, vielmehr wurde die Gefahr des Corona-Virus sehr lange heruntergespielt. Das gilt auch für Mexiko. Der Präsident Andrés Manuel López Obrador hat zu Beginn der Pandemie zum Beispiel bei einer Kundgebung auf eine entsprechende Frage hin kurz in die Jackentasche gegriffen und zwei Heiligenbildchen herausgeholt. Er hielt diese hoch und behauptete, sich gut geschützt zu fühlen. Ihm könne, so erklärte er, nichts passieren. Damit wich er tatsächlich der Frage nach Maßnahmen der Regierung gegen die Pandemie aus und gab den einfachen Mexikanerinnen und Mexikanern das Signal, einer von ihnen zu sein; mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen zum neuartigen Virus beschäftige er sich nicht. Er hat sich auch jüngst wieder geweigert, sich auf Covid-19 testen zu lassen, weil er ja keinerlei Symptome zeige. Zugleich signalisiert der Präsident: Diese Regierung sieht keinen Anlass etwas zu unternehmen und zum Beispiel die Testkapazitäten zu erhöhen. Die schlimmen Folgen dieser Haltung können wir in diesen Tagen beobachten.

Auch in Brasilien, wo die Pandemie als Ganzes vom Präsidenten Jaïr Bolsonaro negiert wurde, hat sich das Virus mit dramatischen Folgen verbreitet. Die Provinz Amazonien, die medizinisch unterversorgt ist, hat gerade unter den indigenen Bevölkerungen dramatisch viele Todesopfer zu beklagen. Aber auch in einer Stadt wie Sao Paulo wurden in diesen Tagen die Gräber knapp, die Friedhofsverwaltung wurde angewiesen, vor längerer Zeit Verstorbene zu exhumieren und die Gebeine bis auf weiteres in Containern zu lagern. So soll Platz für die vielen neuen Toten gemacht werden. Zugleich werden die wahren Dimensionen der Krise verschleiert. Die Entscheidung, keine Infektionszahlen mehr veröffentlichen zu wollen, die das Gesundheitsministerium getroffen hat, spricht eine deutliche Sprache. Allerdings ließ sich diese nicht aufrechterhalten, weil die Kritik daran im Land und im Ausland gleichermaßen groß war. Und auch Mexiko hat nicht immer alle Zahlen übermittelt, wie sich aus den Berichten von medizinischem Pflegepersonal ergeben hat. Dieses Personal konnte oft die eigenen Beobachtungen mit den z.B. für die Hauptstadt Mexiko veröffentlichten Zahlen nicht in Einklang bringen.

Gibt es auch Gegenbeispiele, also Regierungen in Lateinamerika, die die Krise ernst genommen und good practice von anderen Ländern übernommen haben?

Im Projekt B02 des SFBs betrachten wir Argentinien, Chile und Uruguay, die als Pioniere im Bereich der Sozialpolitik und der öffentlichen Gesundheit gelten. Und tatsächlich haben alle drei Länder sehr früh weitreichende Maßnahmen ergriffen, die sich in das einreihen, was wir aus Europa kennen und sich offensichtlich an diesen Instrumenten orientiert. Allerdings ist auf der südlichen Halbkugel das Virus im Herbst ausgebrochen, der Höhepunkt des Ausbruchsgeschehens wird in den Winter fallen. Das wird die Krise prägen, alle drei Länder agieren indessen recht erfolgreich:

So hat Uruguay, seitdem der erste Fall laut amtlichen Stellen Mitte März berichtet wurde, erstaunlich niedrige Ansteckungszahlen und wenige Todesfälle verzeichnet. Nach offiziellen Angaben liegt die Todesrate hier bei 0,65 pro 100 000 Einwohner. Das wird vor allem auf den guten Zustand des Gesundheitssystems zurückgeführt, in das die Regierungen der letzten zehn Jahre kontinuierlich investiert haben. Ebenso dürfte die frühe Schließung der Grenzen, der Schulen und die Einstellung des Flugverkehrs sowie das Verbot von Großveranstaltungen entscheidend gewesen sein, indessen gab es keine Ausgangssperren. Nun sollen schrittweise Lockerungen vorgenommen werden, zu denen die niedrigen Ansteckungszahlen die Regierung von Präsident Luis Lacalle Pou ermutigt haben.

Etwas anders verhält es sich in Chile, in dem bislang knapp 3000 Menschen verstorben sind. Hier gelten weiterhin strenge Ausgangsregelungen, Schulen und Universitäten bleiben geschlossen. Einwohner Santiagos dürfen nur an zwei Tagen pro Woche das Haus verlassen und dann auch nur mit Passierschein und zur Erledigung der Einkäufe. Diese strengen Regelungen treffen die prekär Beschäftigten besonders stark und sind auch deshalb problematisch, weil sie eine Zeit der gewaltsamen Proteste gefallen sind. In den sozialen Medien wurde schon gemutmaßt, dass das Virus der Regierung von Sebastián Piñera zu pass käme. Die nun bereits steigende Arbeitslosigkeit verstärkt die soziale Ungleichheit noch, zugleich bewegen sich die Ansteckungszahlen immer noch auf hohem Niveau, so dass Lockerungen in absehbarer Zeit nicht verkündet werden dürften. Auch wird in Chile der Höhepunkt der Corona-Krise noch erwartet. Indessen wurde der glücklose Gesundheitsminister ersetzt, dessen mangelnde Eingriffe in die Medikamenten-Preise ebenfalls in den vergangenen Protesten angeprangert worden waren.

Argentinien hat bislang sehr erfolgreich agiert, wie die knapp 30 500 Infektionen (Stand 14. Juni 2020) zeigen, obschon gegenwärtig die Ansteckungszahlen in Buenos Aires wieder ansteigen. Die strengen Maßnahmen, die das Land ab dem 20. März ergriffen hat, können als Ursache für den bisherigen Erfolg in der Bekämpfung des Virus gelten. Im Bereich der öffentlichen Gesundheit hat die peronistische Regierung von Alberto Fernández schnell und entschlossen gehandelt. Gleich zu Beginn der Krise hatte sie erklärt, in und um Buenos Aires zehn neue Krankenhäuser bauen zu wollen. Das war eine sehr ehrgeizige Ansage angesichts der Auslandsschulden, die das Land zu begleichen hat und die auch den Hilfszahlungen an die Arbeiter Grenzen setzen. Allerdings dürfte dies eine Reaktion auf die Nachrichten aus China gewesen sein, wo angesichts der Dynamik des Ansteckungsgeschehens schnell neue Krankenhäuser errichtet und die zusätzlichen Behandlungsplätze offenbar auch gebraucht worden waren. Weil man erkannt hat, dass städtebauliche Dichte wie in Wuhan oder New York City ein maßgeblicher Faktor bei der Verbreitung der Krankheit ist, hat die Regierung besonderes Augenmerk auf die Metropolregion Buenos Aires gelegt. Das Ausbruchsgeschehen hier hat die Regierung dazu bewogen, die Maßnahme des „social distancing“ bis zum 28. Juni zu verlängern, obwohl andere Regionen mit niedrigeren Ansteckungszahlen flexibler agieren dürfen. So zählte La Pampa während eines Zeitraumes von 65 Tagen keine neuen Fälle, und erst in diesen Tagen wurde überhaupt der sechste Infizierte berichtet, der sofort in Quarantäne ging. Wir sehen also auch hier die Anwendung der bereits in China praktizierten Maßnahmen.

Wenn man sich die Statistik der gemeldeten Fälle anschaut, fällt ins Auge, dass die Länder Lateinamerikas sehr unterschiedlich stark betroffen sind.

Es gibt selbstverständlich einen Zusammenhang zwischen nicht testen und nicht wissen. Gegenwärtig steigen beispielsweise die Ansteckungszahlen in Peru rasant, dennoch muss man von einer ungleich höheren Dunkelziffer ausgehen, die auch die Todesfälle betrifft. Die Menschen versterben, ohne getestet zu werden. Das ist auch in Nikaragua der Fall. Es ist völlig unklar, wie viele Menschen dort an Covid-19 erkrankt und wie viele daran gestorben sind. In den Todesurkunden wird Lungenentzündung als Todesursache angegeben, weil die Patienten schlicht nicht getestet wurden. Dadurch tauchen sie auch nicht in den Statistiken auf. Stattdessen erklärt die Regierung, die vor zwei Jahren Ziel massiver Proteste gewesen ist, man folge dem schwedischen Modell. Die angebliche Übernahme des schwedischen Modells ist aber ein Versuch zu verbergen, dass man gar nicht die nötige Infrastruktur und Ressourcen für ein anderes Vorgehen hat.

Ähnliches hatte Mexiko vor …

Dort hatte der Präsident ebenfalls erklärt, man werde die Krise auch ohne für die Wirtschaft schädliche Maßnahmen bewältigen. Dahinter steckt, dass sehr viele Menschen im Land prekär beschäftigt sind oder im informellen Sektor arbeiten. Was machen im Lockdown all die Straßenverkäufer, die Hausangestellten? Wer keine Ersparnisse hat, kann sich es nicht leisten, zuhause zu bleiben. In einem föderal organisierten Staat wie Mexiko kommt den Gouverneuren der 32 Bundesstaaten allerdings eine große Bedeutung zu, wie sich auch in der Corona-Krise gezeigt hat. Sie haben Lockdowns angeordnet, Schulen und Universitäten geschlossen. Aber z.T. waren da die Ansteckungszahlen schon sehr hoch.

Welche wirtschaftlichen Folgen gibt es für Lateinamerika?

Regelungen, die z.B. Deutschland getroffen hat, mit sehr großzügigen Paketen zur Unterstützung der Wirtschaft und der Arbeitnehmer, können sich die meisten Länder nicht leisten. Die Arbeitslosigkeit ist folglich sehr groß, wobei die Arbeitslosen im informellen Sektor in den Statistiken bekanntlich nicht auftauchen. Als Ergebnis werden die Länder in eine Rezession rutschen, und dann wird sich zeigen, ob das den Glauben an die Demokratie erschüttert und womöglich andere Akteure auf den Plan ruft. In Brasilien gab es bereits die Sorge, dass das Militär als stabilisierender Faktor herbeigerufen werden könnte. Das wäre fatal in einem Land, das eine so lange und brutale Militärdiktatur erlebt hat, die noch immer nicht aufgearbeitet ist.

Gibt es noch andere Besonderheiten am Verlauf der Pandemie in Lateinamerika?

Ein wichtiger Aspekt ist, dass es diesen Ländern vielfach nicht gelingt, das medizinische Personal konsequent zu schützen. So entsteht auf lange Sicht eine Erosion der Leistungsfähigkeit der Gesundheitsversorgung. Es gab erschreckende Berichte vom Beginn des Ausbruchsgeschehens in Mexiko-Stadt - was mir Kollegen bestätigt haben -, als das Krankenhauspersonal angewiesen war, keinen Mundschutz oder ähnliches zu tragen um die BürgerInnen nicht zu verunsichern. Es gab die Sorge, es könne Panik in der Bevölkerung ausbrechen, weil sie begreifen könnte, dass die Pandemie doch gefährlicher ist als von der Regierung behauptet. Das Personal ist jetzt immer noch ungeschützt, weil es keine Schutzkleidung und Masken in ausreichender Zahl gibt. Ärzte und Krankenschwestern berichten, dass sie dieses selbst auftreiben und privat kaufen bzw. Masken mehrfach verwenden müssen.

Die Regierung begreift die Bevölkerung also nicht als mündige Bürger, sondern als Volk, das manipulieret werden muss.

Ja, das sieht man auch daran, welche Länder bereit sind, genauen Einblick in die Zahlen des Ausbruchsgeschehens zu geben. In Brasilien ist zudem der Vorwurf laut geworden, die Lage in Amazonien grenze an einen Genozid. Weil die indigenen Bevölkerungen von den Behörden nicht vor dem Kontakt mit Schmugglern und Goldwäschern und anderen Eindringlingen in ihr Gebiet geschützt werden. Die Bevölkerung war und ist dort medizinisch unterversorgt, hat keinen Zugang zu Ressourcen und keine Lobby. Auch das ist sehr bedenklich.

Absolut, aber es passt leider zu den Prioritäten der Regierung.

So ist es. Brasilien unter Bolsonaro zielt sehr stark auf eine wirtschaftliche Erschließung und Durchdringung des Amazonas auf Kosten der dort lebenden Bevölkerung. Man marschiert sehenden Auges einer menschlichen und ökologischen Katastrophe entgegen.

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf deine Forschungsarbeit aus?

Ich wollte im März für Archivarbeiten nach Chile fliegen. Die Reise musste ich aber absagen.

Reisen werden noch viele Monate lang schwierig sein. Welche Folgen hat das für euer Teilprojekt?

Wir hatten Glück, dass wir sehr früh Archivreisen gemacht und dabei viel Material gesichtet und gesammelt haben. Zum anderen tun sich aber jetzt, da wir unsere Quellen auswerten, Lücken auf, die wir gern noch schließen würden. Nur ist die Frage, wie wir das bewerkstelligen können. Immerhin werden europäische Quellenbestände jetzt wieder zugänglich. Aber es bleiben die lateinamerikanischen Archivalien, die wir derzeit nicht konsultieren können. Das ist auf jeden Fall eine Belastung, zumal es keine Planungssicherheit gibt. Wir können nicht davon ausgehen, dass wir die Lücken im kommenden Jahr schließen können. Wann die Archive wieder geöffnet sein werden und wir reisen können, ist leider völlig offen.


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Prof. Dr. Delia González de Reufels
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Prof. Dr. Delia Gonzáles de Reufels
Prof. Dr. Delia Gonzáles de Reufels
Interview mit Delia González de Reufels zu den Protesten gegen die Politik der chilenischen Regierung und ersten Ergebnissen ihrer Forschungsaufenthalte in Santiago de Chile.

Chile galt sehr lange als sehr stabiles und wirtschaftlich erfolgreiches Land. Auf einmal kommt es aber zu Massenprotesten mit Gewaltanwendungen vor allem durch die Sicherheitskräfte. Wie ist es dazu gekommen?

Der aktuelle Anlass war eine Erhöhung der Preise im öffentlichen Nahverkehr. Das mag unverständlich erscheinen, allerdings hat Chile im südamerikanischen Vergleich bereits das teuerste Transportsystem. Dazu kommt, dass in der Metropolregion Santiago mit ihren acht Millionen Einwohnern die Distanzen sehr groß sind. Nicht jeder kann dort wohnen, wo er arbeitet. Das Transportsystem wird daher von vielen täglich genutzt und ein beträchtlicher Teil des Einkommens wird allein dafür aufgewendet. Denn wer nutzt öffentliche Verkehrsmittel? Die Chilenen mit Topeinkommen, von denen es viele gibt, sind darauf nicht angewiesen. Es gibt im Großraum Santiago sehr viele Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen und die trifft die Preissteigerung sehr hart. Die Unzufriedenheit richtet sich aber auch gegen fehlendes sozialpolitisches Interesse der aktuellen Regierung, die in ihrer zweiten Amtszeit keine neuen Visionen für ein sozial gerechteres Chile hat. Das hat viele enttäuscht, die auf Initiativen in Kernbereichen wie der Altersversorgung, der Bildung, und der Gesundheitsversorgung und Krankenversicherung gehofft hatten.

Trotz des großen wirtschaftlichen Erfolgs des Landes, wenn man auf die Makrodaten schaut, haben offensichtlich nicht alle Bevölkerungsteile davon profitiert. Oder woran liegt es, dass viele Teile der Bevölkerung so arm sind?

Das ist ein interessanter Befund. Auf der Makroebene ist Chile ist ein sehr reiches und prosperierendes Land, es ist OECD-Mitglied und von großen ökonomischen Krisen verschont geblieben. Aber letztlich muss man sich fragen, wer an diesen Entwicklungen tatsächlich partizipiert. Ein sehr großer Teil der Bevölkerung erwirtschaftet lediglich ein Mindesteinkommen und hat steigende Kosten beim Nahverkehr und bei der Miete sowie bei den Heizkosten zu tragen. Auch die Wasserversorgung ist teuer. Chile hat auch noch viele wirtschaftliche Folgen der Politik der Militär-Junta zu tragen, die 1973 durch einen blutigen Putsch an die Macht kam. Zum Beispiel können Energieunternehmen im Winter die Preise für Heizöl anheben. Dies sind Ergebnisse der wirtschaftlichen Reformen, die zu Zeit der Diktatur erfolgt sind und die danach nicht zurückgenommen wurden. Dies hat zur großen Ungleichheiten geführt. Große Teile der Bevölkerung haben den Eindruck, dass sie sich abstrampeln, aber nicht am Wohlstand des Landes partizipieren. Diese Wut hat sich jetzt entladen und dürfte auch nicht so schnell abebben.

Wie sieht das chilenische Sozialsystem aus? Kann es die Armut nicht auffangen?

Chile hat als einer der Pioniere der Sozialpolitik sehr früh und sehr viele Maßnahmen entwickelt und implementiert. Es hat dann aber auch Programme wieder abgeschmolzen, zurückgenommen und auch die Kreise neu bestimmt, die von diesen Maßnahmen profitierten. Auch wenn es zu vielen neuen sozialpolitischen Interventionen gekommen ist, wirkt auch an dieser Stelle die Militärdiktatur nach. Weil sich die Politik nie wirklich der Armutsbekämpfung verschrieben hat, gibt es auch in Chile – wie in vielen anderen Ländern Lateinamerikas – viele Arme. Die Armut wurde billigend in Kauf genommen und hat sich daher fortgesetzt.

Wodurch erklärst du dir das? Da die Militärdiktatur nicht auf die Massen angewiesen war um gewählt zu werden? Da man sie ignorieren konnte?

Ja, und weil die Militärdiktatur zum einen Klientelpolitik gemacht hat und sich zum anderen dem Neoliberalismus geöffnet und die Wirtschaft entsprechend reformiert hat. Dabei spielte auch das Argument eine Rolle, dass eine Diktatur effizienter Reformen durchführen kann, weil sie sich nicht der Zustimmung der Wähler versichern und Prozesse im Parlament etc. abstimmen muss. Menschen sind in der Folge auf der Strecke geblieben. Obwohl das Land auf der makroökonomischen Ebene im südamerikanischen Vergleich ausgezeichnet dasteht und als sehr stabil gilt, gärt es schon lange unter der Oberfläche. Trotz allem ist das Land immer noch sehr attraktiv, es kommen aus den spanischsprachigen Nachbarländern sehr viele Zuwanderer. Chile hat in den letzten Jahren darüber hinaus einen Zustrom aus Haiti verzeichnet, der überwiegend männlich ist und im Stadtbild Santiagos sehr auffällt. Afrokaribische Bevölkerung war bislang in Chile nicht anzutreffen. Auch ist das Land jetzt mit der Herausforderung konfrontiert, Spanisch als Fremdsprache anzubieten, was man bislang bei der Zuwanderung nicht hat berücksichtigen müssen. Darauf ist das Land nicht vorbereitet, auch sehen vielen Chileninnen und Chilenen kritisch auf diese neue Zuwanderung.

Zu deiner Forschung: Du warst jetzt selber vor Ort und hast in Archiven recherchiert. Was hast du dort gefunden?

Ich war in der Nationalbibliothek in Santiago, die ausgezeichnete Bestände aus dem 19. Jahrhundert hat, also der Zeit, die ich auch in meinen Forschungen betrachte. Außerdem war ich im Nationalarchiv, das eine Vielzahl an relevanten Quellen beherbergt. In den Archiven habe ich vor allen Dingen versucht, mir ein Bild von den sozialpolitischen Ideen maßgeblicher Akteure zu machen, ihre Publikationen zu lesen und mich mit denjenigen vertraut zu machen, mit denen sie im Austausch standen. Dabei konnte ich wichtige Lücken schließen und auch mit seriellen Quellen arbeiten, die für meine Forschungsinteressen wichtig sind. Zum Beispiel Zeitschriften, aber auch einzelne Arbeiten, die auch in Spanien nicht in der Nationalbibliothek zu finden sind.

Was sind das für Zeitschriften?

Ich habe zum Beispiel viel mit einer Fachzeitschrift der chilenischen Mediziner gearbeitet. Die Mediziner haben sich sehr früh zusammengefunden und in Santiago eine Zeitschrift nach europäischem Vorbild gegründet. Chile ist bis heute ein stark zentralisiertes Land, und damals gab es nur eine Medizinerausbildungsstätte: die Escuela de Medicina an der Universität Santiago. Alle Absolventen im Bereich Medizin kannten sich folglich, und wünschten sich eine eigene Zeitschrift um zu kommunizieren, welche Entwicklungen es in Chile und in anderen Ländern gab, was in europäischen Zeitschriften erschien und vor allem um darüber zu diskutieren, womit die chilenische Medizin sich beschäftigte und wie die Medizinerausbildung des Landes verändert werden sollte. In dieses Medium wurde also sowohl wissenschaftliches als auch disziplinäres Interesse hineingetragen. Das für mich spannende ist, dass diese Zeitschrift so zu einem wichtigen Forum des Austausches der Ärzteschaft wurde. Hier wurde auch über die Rolle der Medizin in der Gesellschaft diskutiert. Es gibt diese Zeitschrift bis heute, allerdings mit einer deutlichen Konzentration auf fachwissenschaftliche Themen. Sie ist also ohne Unterbrechung, auch in der Zeit der Militärdiktatur veröffentlich worden und wurde zu einem Ort, an den Mediziner verhandelt haben, was sich eigentlich in Chile alles verbessern muss, damit die Menschen gesünder sind. Diese Überlegungen sind auch in die sozialpolitischen Instrumente des Landes eingeflossen.

Lassen sich in deinem Forschungsprojekt zu Chile schon erste Ergebnisse absehen?

Ja: Im Bereich der Sozialpolitik haben wir es mit Akteuren zu tun, die wir auch in Europa antreffen, aber in Ermangelung anderer Akteure in Chile wichtiger werden und andere Wege gehen.

Du meinst die Mediziner?

Ja. Mit ihren Forderungen und Anregungen sind sie nicht weitergekommen – also haben sie selbst sich in den Kongress wählen lassen und sind als Abgeordnete mit dem Anspruch angetreten, Politik in ihrem Sinne zu machen. Im Kongress haben sie selbst Gesetzvorschläge eingebracht und über Gesetze abgestimmt. Dies ist eine Konstante, die wir über das gesamte 20. Jahrhundert sehen. So war der spätere chilenische Präsident Salvador Allende Arzt, hat als Gesundheitsminister gewirkt und 1939 mit dem Band „La Realidad Médico-Social Chilena“ eines der wichtigen Bücher über die sozialen Probleme Chiles geschrieben. Mit diesem Werk hat sich Allende politisch sehr profiliert. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis der großen Nähe der Medizin zur Politik, die in Chile im 19. Jahrhundert aufgebaut worden ist.


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Prof. Dr. Delia González de Reufels
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Prof. Dr. Kerstin Martens, Prof. Dr. Marianne Ulriksen, Sharla Plant, Dr. Lorraine Frisina Doetter, Prof. Dr. Delia González de Reufels
Prof. Dr. Kerstin Martens, Prof. Dr. Marianne Ulriksen, Sharla Plant, Dr. Lorraine Frisina Doetter, Prof. Dr. Delia González de Reufels
In einem Workshop mit der Redakteurin Sharla Plant wurden die Pläne für die kommenden zwei Jahre konkretisiert und Ideen für weitere Bände entwickelt.

Anfang Dezember trafen sich die Herausgeberinnen der neuen SFB-Palgrave-Macmillan-Buchreihe „Global Dynamics of Social Policy“, Lorraine Frisina Doetter, Delia González de Reufels, Kerstin Martens und Marianne Ulriksen mit der Palgrave-Redakteurin Sharla Plant in Bremen. Gemeinsam wurde festgelegt, dass im kommenden Jahr drei Bände erscheinen werden:

  • Carina Schmitt (Hrsg.): Social Protection in the Global South
  • Lutz Leisering (Hrsg.): A Hundred Years of Social Security in Middle-Income Countries
  • Kerstin Martens, Dennis Niemann & Alexandra Kaasch (Hrsg.): International Organizations in Global Social Policy


Anschließend wurde der Entwurf eines Sammelbandes diskutiert, der in rund 40 Kurzbeiträgen eine kurze Geschichte sozialpolitischer Wendepunkte weltweit erzählen wird. Die Beiträge werden ausschließlich von SFB-Mitgliedern geliefert und fußen auf bisherigen Ergebnissen der 15 SFB-Teilprojekte. Der Band wird in der ersten Hälfte 2021 erscheinen.

Nachdem die Herausgeberinnen ein Design für die Palgrave-SFB-Reihe festgelegt hatten, traf sich Sharla Plant am Nachmittag mit rund einem Dutzend Autorinnen und Autoren, die in Einzelgesprächen ihre Ideen für weitere Bände präsentierten. Diese werden in den nächsten Monaten weiterentwickelt und konkretisiert.

Dr. Oliver Burtin
Dr. Oliver Burtin
Der Historiker Olivier Burtin von der LMU war zu Gast beim SFB 1342 und interpretierte die Generosität der Veteranenversorgung als Ergebnis zahlreicher kausaler Mechanismen.

Anfang November war Olivier Burtin, Historiker an der Ludwig-Maximilians-Universität München, zu Gast beim SFB 1342. Burtin hielt einen Gastvortrag am Socium und nahm an den folgenden Tagen teil an der Konferenz "Causal Mechanisms in the Analysis of Social Policy Dynamics".

Burtin erforscht die Entwicklung des US-amerikanischen Sozialprogramms, das ausschließlich den Kriegsveteranen zugute kommt und mit jährlich rund 220 Milliarden US-Dollar mit einem beträchtlichen Budget versehen ist. Burtin interpretierte das Sozialprogramm für Kriegsveteranen als Ergebnis etlicher kausaler Mechanismen:

  • die USA waren an vielen Kriegen beteiligt
  • die Kriege wurden fast ausschließlich außerhalb des Landes geführt, wodurch die Zivilbevölkerung im Gegensatz zu den Soldaten kaum betroffen war – dieses Gefälle verleiht den Ansprüchen der Veteranen moralisches Gewicht
  •  die Veteranen-Organisation sind etablierte und einflussreiche politische Kräfte
  • Sozialleistungen für Veteranen haben eine lange Tradition
  • bis Mitte des 20. Jahrhunderts bestand die US-Armee fast ausschließlich aus weißen Männern, einer Gruppe mit großem politischen Gewicht
  • und schließlich schreckten Politiker davor zurück, Leistungen für Veteranen zu kürzen, um ihre Erfolgsaussichten bei Wahlen nicht zu gefährden.

 


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Prof. Dr. Delia González de Reufels
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Der SFB 1342 und Palgrave McMillan geben eine neue Buchserie heraus. Die ersten Bände werden Anfang 2020 erscheinen.

Der SFB 1342 und der Verlag Palgrave McMillan haben diese Serie ins Leben gerufen, um Forschungsergebnisse aus dem SFB 1342 sowie von externen Kollegen zu veröffentlichen.

Diese Serie wird von Studien veröffentlichen über die Wellen, Brüche und transformativen Perioden der Expansion und des Rückgangs des Wohlfahrtsstaates weltweit, d.h. in Nationalstaaten, Großregionen und weltweit. Es bedarf einer umfassenden und globalisierten Perspektive der Sozialpolitik; dieser Ansatz wird dazu beitragen, Episoden von Einschnitten, Sparmaßnahmen und Tendenzen des Abbaus des Wohlfahrtsstaates in bestimmten Ländern, Politikbereichen und in Bezug auf bestimmte soziale Risikogruppen zu lokalisieren und zu erklären, und zwar unter Bezugnahme auf vorherige, gleichzeitige oder erwartete Episoden der Expansion oder Kontraktion in anderen Ländern und Bereichen.

Eines der Ziele dieser Reihe ist es, die verschiedenen Konstellationen anzusprechen, die sich zwischen politischen und wirtschaftlichen Akteuren ergeben, einschließlich internationaler und zwischenstaatlicher Organisationen, politischer Akteure und Gremien sowie Wirtschaftsunternehmen. Ein besseres Verständnis dieser Dynamiken verbessert das Verständnis für sozialpolitische Entscheidungen, sozialpolitische Entscheidungen und letztlich die Ergebnisse der Sozialpolitik.

Herausgeber der Serie sind die SFB-1342-Mitglieder Lorraine Frisina Doetter, Delia González de Reufels und Kerstin Martens sowie Marianne Ulriksen (University of Southern Denmark/University of Johannesburg).


Kontakt:
Dr. Lorraine Frisina Doetter
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58561
E-Mail: frisina@uni-bremen.de

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Dr. Teresa Huhle
Dr. Teresa Huhle
Teresa Huhle hat in Montevideos Bibliotheken und Archiven recherchiert, welche internationalen Einflüsse und Kontakte die Entwicklung der uruguayischen Gesundheitspolitik beeinflusst haben.

Teresa, du warst im Frühjahr für euer Teilprojekt unterwegs. Wo warst du genau?

Ich war für acht Wochen in Uruguay, genauer gesagt in der Hauptstadt Montevideo. Für meine Arbeit an der Uruguay-Fallstudie sind insgesamt vier Monate Archivarbeit vor Ort vorgesehen – diese Reise war also die erste Hälfte. Ich war aber vor zwei Jahren, bevor der SFB angefangen hatte, schon einmal dort und habe erste Erkundungen gemacht, deswegen konnte ich jetzt direkt loslegen.

Welche Archive hast du dir angeschaut?

Ich habe vor allem in der Nationalbibliothek gearbeitet. Dort gibt es auch Archivmaterial, aber ich habe in erster Linie mit alten Zeitschriften gearbeitet, die am vollständigsten in der Nationalbibliothek liegen. Es gibt dort auch Nachlässe, alte Karten, Fotos … Letztendlich habe ich aber die meiste Zeit mit Zeitschriften verbracht.

Sind das wissenschaftliche Zeitschriften?

Ja, wissenschaftliche bzw. staatliche Zeitschriften, die für meine Arbeit zur Entwicklung der Gesundheitsversorgung in Uruguay maßgeblich sind. 1932 wurde dort das Gesundheitsministerium gegründet, aber schon vorher gab es zwei wichtige staatliche Institutionen: Die Asistencia Pública Nacional und der Consejo Nacional de Higiene. Beide Institutionen hatten eine eigene Zeitschrift, die ich auswerte. Im Rahmen des SFBs untersuchen wir ja auch transnationale Einflüsse auf nationalstaatliche Sozialpolitik, und dazu findet sich viel in der Zeitschrift. Es geht hier zum Beispiel um Konferenzen und explorative Reisen hochrangiger Vertreter der genannten Institutionen.

Welche Zeitspanne schaust du dir an?

Ich habe mir bei diesem Aufenthalt vorgenommen, die kompletten Jahrgänge der Zeitschrift des Consejo Nacional de Higiene anzugucken, also 1906 bis 1931, um nachzuvollziehen, wie sich die Institution verändert hat.

Das sind 26 Jahrgänge. Wie umfangreich sind die?

Die Zeitschrift ist monatlich erschienen, insgesamt mit rund 800 bis 1.000 Seiten pro Jahr. Ich habe also schon ordentlich geblättert.

Konntest du alles sichten?

Am Anfang habe ich am ersten Band getestet, ob es machbar ist und es hat sich herausgestellt, dass ich tatsächlich die Zeitschrift komplett sichten konnte. Was interessant für mich war, habe ich fotografiert und Notizen dazu gemacht. Die Notizen wegzulassen, ist fatal, denn dann hat man am Ende ein paar tausend Fotos auf dem Rechner und weiß nicht, was das jeweils ist. Deswegen war ich relativ diszipliniert. Jeden fotografierten Text habe ich direkt bibliographiert und idealerweise drei Sätze dazu geschrieben.

Was hast du in den rund 300 Ausgaben der Zeitschrift gefunden?

Ich habe nach internationalen Einflüssen und verschiedenen inter- und transnationalen Netzwerken gesucht, in denen die Akteure und Institutionen eingebettet waren, als Reformen umgesetzt wurden. Daher habe ich zum Beispiel Ausschau gehalten nach allen internationalen Konferenzen mit uruguayischer Beteiligung. Das Material dazu war sehr unterschiedlich. Manchmal steht dort nur, dass jemand aus Uruguay dabei war und manchmal findet man lange Berichte, in denen der uruguayische Delegierte ganz genau die Panels zusammengefasst und geschrieben hat, was er auf der Konferenz gelernt hat.

Das sind also gewisse Inputfaktoren – kontrollierst du auch den Output? Also: Ob diese Einflüsse irgendwelche Konsequenzen hatten?

Das punktuell feststellen zu können, ist langfristig mein Ziel. Ich finde es augenblicklich noch sehr schwierig, zwischen Rhetorik und tatsächlichem Einfluss zu unterscheiden. Es gibt derzeit noch nicht viele Stellen, wo ich mich darauf festlegen würde zu sagen: "Diese Konferenz, diese Europareise oder dieser Besuch in Argentinien hat dafür gesorgt, dass Uruguay jenes Gesetz eingeführt hat." Das ist methodisch gar nicht so einfach, aber es wäre sicherlich der nächste Schritt.

Wie wertest du jetzt aus?

Derzeit stelle ich zusammen, welche Verbindungswege, Netzwerke und Austauschformen es überhaupt gab. Ich schaue mir auch an, wie die uruguayischen Reformer ihr Handeln selber reflektiert haben, wie zum Beispiel die Einschätzung: "Ich war in Holland, mir wurde Folgendes gezeigt, aber das ist nichts, was wir umsetzen können." Aber es findet sich auch das gegenteilige Urteil: "Ich glaube, genau das müssen wir jetzt auch umsetzen." Ob und wie sie das dann gemacht haben, ist noch eine andere Frage, aber es ist schön zu sehen, dass diese internationalen Austauschprozesse in den Quellen explizit thematisiert werden.

Welche Länder und internationalen Organisationen hatten denn den größten Einfluss auf die Gesundheitspolitik Uruguays?

Sehr wichtig waren internationale Kongresse, sowohl in Europa als auch in den Amerikas.

An Universitäten?

Nein, das waren zum Beispiel die "Internationalen Kongresse für Hygiene und Demographie". Die fanden seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa statt mit jeweils mehreren hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmern – es waren weltweit die wichtigsten Kongresse für alle Fragen der Hygiene und der öffentlichen Gesundheit. Wichtig waren auch andere internationale Medizinkongresse, die mit der öffentlichen Gesundheit zu tun hatten, wie Tuberkulosekongresse oder internationale Kongresse zu Geschlechtskrankheiten. In den 1920er Jahren wurde dann der Völkerbund relativ wichtig als internationales Forum, so organisierte die Gesundheitsorganisation des Völkerbundes internationale Austauschreisen. Was einzelne Länder betrifft, gab es beispielsweise einen sehr engen Austausch mit Argentinien.

War Argentinien ein Vorbild oder war Uruguay Partner auf Augenhöhe?

Geopolitisch war Uruguay der kleine Pufferstaat zwischen den zwei großen Mächten Argentinien und Brasilien. Aber im Austausch zu gesundheitspolitischen Reformen war Uruguay definitiv auf Augenhöhe.

Gab es noch andere Länder, die wichtig waren?

Ja, Brasilien, und in Europa spielt Frankreich eine besondere Rolle, weil es eine lange Tradition gab, dass uruguayische Mediziner ihre Ausbildung oder Teile davon in Frankreich absolviert haben.

Erstaunlich, dass es nicht Spanien war …

Frankreich war das große kulturelle Vorbild und Modell für die uruguayische Elite, und in der Medizin ganz besonders. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts gehörte es dazu, dass uruguayische Mediziner – staatlich finanziert – nach Paris gingen. Diese Mediziner konnten alle Französisch, ebenso die Politiker. Es gibt auch medizinische Bücher, die nur auf Französisch erschienen sind. Das ist ganz bemerkenswert. Deswegen spielt Frankreich in diesem Gesundheitsbereich eine große Rolle.

Was waren noch wichtige Punkte deiner Reise?

Es gibt noch andere Bibliotheken, die für mich wichtig sind, die aber nicht gut katalogisiert sind. Man muss also wissen, was man dort finden kann und sich mit den Bibliothekaren absprechen. Um diese Informationen vorab zu bekommen, habe ich Kolleginnen und Kollegen vor Ort kontaktiert, vor allem auch aus der Medizingeschichte.

Wie geht es jetzt weiter mit deiner Arbeit und eurem gesamten Teilprojekt?

2019 sind alle Mitglieder des Teilprojektes inklusive der Leiterin des TPs Delia González de Reufels viel unterwegs und kommen mit viel Material aus Archiven und Bibliotheken sowie Ideen zurück. Außerdem haben wir ein neues Teammitglied: Simon Gerards Iglesias, der nun seinerseits zu Archivreisen aufbricht. Derzeit arbeite ich einen Vortrag aus und werde im August in den USA weiterrecherchieren. Im März 2020 fahre ich dann noch einmal nach Uruguay. In diesem Frühjahr hatte ich ja noch den Luxus zu wissen: Ich komme noch einmal wieder. Im nächsten Jahr wird es dann aber ernst: Ich muss mir vorher genau überlegen, was ich von dort noch brauche.


Kontakt:
Dr. Teresa Huhle
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57062
E-Mail: teresa.huhle@uni-bremen.de

Dr. Teresa Huhle
Dr. Teresa Huhle
Teresa Huhle über ihre Spurensuche in Archiven, spannende Gespräche, die dort entstehen, und ihre Aufgaben im Teilprojekt B02.


Was wärest du geworden, wenn du nicht Wissenschaftlerin geworden wärest?

Als ich anfing, Regionalwissenschaften Lateinamerika in Köln zu studieren, hatte ich zwei Dinge vor Augen: entweder Journalismus oder Arbeit für internationalen Organisationen im Bereich Menschenrechte bzw. Entwicklungszusammenarbeit. Das waren aber keine konkreten Pläne, sondern nur vage Vorstellungen.

Warum bist du dann Historikerin geworden?

Von der ersten Hausarbeit an hat mir mein Studium großen Spaß gemacht, besonders das Fach Geschichte - ich hatte noch Politik und Spanisch als gleichwertige Fächer. Es waren dann vor allem zwei Phasen, in denen ich gemerkt habe, dass ich gerne geschichtswissenschaftlich arbeiten möchte: ein Praktikum in Nordspanien und später meine Diplomarbeit. Im Praktikum ging es um die Opfer des spanischen Bürgerkriegs. Einerseits habe ich Archivrecherche gemacht und dabei vor allem Sterberegister durchgeschaut; auf der anderen Seite habe ich Interviews mit Menschen geführt, die sich daran erinnern konnten, wo es anonyme Massengräber gibt. In diesem Praktikum konnte ich also historische Arbeitsweisen vor Ort kennenlernen. Später habe ich meine Diplomarbeit über die US-amerikanische Beteiligung am spanischen Bürgerkrieg geschrieben. Dafür war ich längere Zeit in San Francisco und New York, wo ich in einem Archiv zu Gewerkschaften und anderen linken Bewegungen in den USA gearbeitet habe. Das war eine tolle Erfahrung! Ab da war klar, dass ich diese Arbeit weitermachen möchte.

Was gefällt dir am Studium von Akten und anderen Dokumenten?

Ich mag die einsame Seite der Archivarbeit, das konzentrierte Lesen und Entdecken von Dokumenten. Gleichzeitig sind Archive auch Orte, an denen sich sehr viele Menschen aus unterschiedlichen Gegenden begegnen und an denen spannende Gespräche entstehen.

Dein Schwerpunkt als Historikerin ist Lateinamerika. Warum ausgerechnet diese Region?

Ich hatte schon vor dem Studium großes Interesse an Lateinamerika und versprach mir von dem Studium viele Gelegenheiten, dorthin zu reisen. Nach den Ausflügen in die spanische und US-amerikanische Geschichte wollte ich für die Doktorarbeit dann gerne zu Lateinamerika arbeiten. In Bremen hatte ich die Chance zur Geschichte Kolumbiens zu promovieren und dabei auch Verbindungen in die USA zu betrachten. Bei meinen Forschungsreisen nach Kolumbien fand ich vor allem den Austausch mit den dortigen Kolleginnen und Kollegen sehr inspirierend. Die Wissenschaftskultur ist eine andere, die Universitäten sind politisierter, als ich es aus Deutschland kannte.

Was ist nun deine Aufgabe im SFB?

Ich arbeite in einem Teilprojekt, in dem wir die Genese staatlicher Sozialpolitik in den Ländern Uruguay, Argentinien und Chile untersuchen. Das Projekt hat vier Arbeitspakete, von denen ich eines übernehme: das zu Uruguay. Ich schaue mir die frühe staatliche Sozialpolitik von Uruguay an, vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1930er-Jahre. Ich frage vor allem danach, wie, warum und mit welchen Effekten der Staat sich in den Bereichen Gesundheit und Arbeit eingesetzt hat - und welchen anderen Organisationen er diese Aufgaben abgenommen hat: konkret der Kirche und der Philanthropie.
Außerdem arbeite ich an einem zweiten Arbeitspaket mit, in dem untersucht wird, welche Rolle die Internationale Arbeitsorganisation ILO in der Ausbildung der Sozialpolitik der drei Länder gespielt hat.

Wie wirst du bei deiner Forschungsarbeit vorgehen?

Bei dieser Epoche kann ich keine Zeitzeugen mehr befragen, daher steht für mich als Historikerin die Archivarbeit im Vordergrund. Wir untersuchen die transnationalen Faktoren, gehen also z. B. der Frage nach: Mit wem standen uruguayische Medizinerinnen und Mediziner in Kontakt in anderen Ländern und internationalen Organisationen? Das bedeutet für mich eine sehr internationale Archivarbeit. Ich werde nach Uruguay fahren, aber auch in europäische Archive, das ILO-Archiv in Genf und auch in die USA. Am Anfang geht es darum zu identifizieren, wer die zentralen Akteurinnen und Akteure waren, mit wem sie in Kontakt standen und wie der Wissensaustausch stattfand. Teilweise gibt es dazu Anhaltspunkte, teilweise ist das aber vollständig offen. Ich muss mich von meinen Archivreisen überraschen lassen.

Wann rechnest du mit ersten Ergebnissen?

Ich werde dieses Jahr ausgiebige Forschungsreisen machen. Publizierbare Ergebnisse werde ich daher wahrscheinlich erst im kommenden Jahr haben. Aber von jeder Reise hoffe ich, Ergebnisse auf Vortragsebene mitbringen zu können.

Zur Person:
Teresa Huhle ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bremen. Im Teilprojekt B02, das von Delia González de Reufels geleitet wird, untersucht Huhle die Entwicklung der frühen staatlichen Sozialpolitik in Uruguay. 2015 promivierte Teresa Huhle an der Universität Bremen zu Thema "Bevölkerung, Fertilität und Familienplanung in Kolumbien zur Zeit des Kalten Krieges: Eine transnationale Wissensgeschichte". Zuvor hatte Huhle hat an der Universität Köln Regionalwissenschaften Lateinamerika studiert mit den Fächern Iberische- und Lateinamerikanische Geschichte, Anglo-Amerikanische Geschichte, Politikwissenschaft und Spanisch.


Kontakt:
Dr. Teresa Huhle
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57062
E-Mail: teresa.huhle@uni-bremen.de