News aus dem Teilprojekt B01

Prof. Armando Barrientos
Prof. Armando Barrientos
Barrientos, ein führender Experte für Sozialpolitik und Armutsbekämpfung im Globalen Süden, wird bis Anfang Dezember in Bremen bleiben.

Armando Barrientos ist seit Mitte vergangener Woche als Mercator Fellow Mitglied des SFB 1342. Barrientos ist ein international führender Experte für Sozialpolitik und Armutsbekämpfung im Globalen Süden, er hat sich zuletzt intensiv mit der Expansion von Social Assistance in Lateinamerika, Südasien und in Subsahara-Afrika beschäftigt.

Barrientos bleibt zunächst bis Anfang Dezember in Bremen. Während dieser Zeit nimmt er an der Konferenz „Causal Mechanisms in the Analysis of Social Policy Dynamics“ Teil, auf der er einen Vortrag halten wird zu „The rise and fall of Bismarckian social policy in Latin America“. In den kommenden Wochen wird Barrientos außerdem verschiedene Teilprojekte des SFB 1342 beraten. Auch nach seinem Aufenthalt wird Barrientos dem SFB 1342 als Berater und Kooperationspartner erhalten bleiben. Im kommenden Jahr wird er beispielsweise ein Kolloquim für Doktorandinnen und Doktoranden veranstalten, die zu Sozialpolitik in Lateinamerika forschen.

Armando Barrientos ist der erste Mercator Fellow am SFB 1342. Die von der DFG geförderten Mercator Fellowships ermöglichen einen intensiven und langfristigen Austausch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Ausland. Die Fellows teilweise vor Ort, bleiben aber auch über die Dauer ihres Aufenthaltes hinaus mit den am Projekt Beteiligten in Kontakt.


Kontakt:
Prof. Armando Barrientos
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58521
E-Mail: Armando.Barrientos@manchester.ac.uk

Gemeinsam mit dem SOCIUM hat der SFB 1342 eine Arbeitspapierreihe ins Leben gerufen. Die ersten vier Beiträge sind mittlerweile erschienen.

Eröffnet wird die Reihe mit einem Beitrag von Armando Barrientos, Professor Emeritus am Global Development Institute der Universität Manchester und derzeit Mercator Fellow im Teilprojekt "Mechanismen der Verbreitung von Sozialpolitik" (B01) am SFB 1342. Weitere bisherige Autoren der Reihe sind Bastian Becker (Socium), Gulnaz Isabekova (SFB 1342) und Greta-Marleen Storath (SFB 1342).

Zu finden sind die einzelnen Titel der Arbeitspapierreihe hier: https://www.socialpolicydynamics.de/working-paper-series

Die SOCIUM SFB 1342 WorkingPapers bieten eine zusätzliche und schnelle Möglichkeit der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen und sind einem "double-blind peer-review"- Verfahren verpflichtet. Die Reihe steht allen Mitgliedern des Socium und des SFB 1342 sowie deren Kooperationspartnern offen.

Die Arbeitspapierreihe wird koordiniert von Johanna Kuhlmann.


Kontakt:
Dr. Johanna Kuhlmann
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58574
E-Mail: johanna.kuhlmann@uni-bremen.de

Der SFB 1342 und Palgrave McMillan geben eine neue Buchserie heraus. Die ersten Bände werden Anfang 2020 erscheinen.

Der SFB 1342 und der Verlag Palgrave McMillan haben diese Serie ins Leben gerufen, um Forschungsergebnisse aus dem SFB 1342 sowie von externen Kollegen zu veröffentlichen.

Diese Serie wird von Studien veröffentlichen über die Wellen, Brüche und transformativen Perioden der Expansion und des Rückgangs des Wohlfahrtsstaates weltweit, d.h. in Nationalstaaten, Großregionen und weltweit. Es bedarf einer umfassenden und globalisierten Perspektive der Sozialpolitik; dieser Ansatz wird dazu beitragen, Episoden von Einschnitten, Sparmaßnahmen und Tendenzen des Abbaus des Wohlfahrtsstaates in bestimmten Ländern, Politikbereichen und in Bezug auf bestimmte soziale Risikogruppen zu lokalisieren und zu erklären, und zwar unter Bezugnahme auf vorherige, gleichzeitige oder erwartete Episoden der Expansion oder Kontraktion in anderen Ländern und Bereichen.

Eines der Ziele dieser Reihe ist es, die verschiedenen Konstellationen anzusprechen, die sich zwischen politischen und wirtschaftlichen Akteuren ergeben, einschließlich internationaler und zwischenstaatlicher Organisationen, politischer Akteure und Gremien sowie Wirtschaftsunternehmen. Ein besseres Verständnis dieser Dynamiken verbessert das Verständnis für sozialpolitische Entscheidungen, sozialpolitische Entscheidungen und letztlich die Ergebnisse der Sozialpolitik.

Herausgeber der Serie sind die SFB-1342-Mitglieder Lorraine Frisina Doetter, Delia González de Reufels und Kerstin Martens sowie Marianne Ulriksen (University of Southern Denmark/University of Johannesburg).


Kontakt:
Dr. Lorraine Frisina Doetter
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58561
E-Mail: frisina@uni-bremen.de

Prof. Dr. Delia González de Reufels
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Geschichtswissenschaft / FB 08
Universitäts-Boulevard 13
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67200
E-Mail: dgr@uni-bremen.de

Prof. Dr. Kerstin Martens
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67498
E-Mail: martensk@uni-bremen.de

Prof. Dr. Frank Nullmeier im Buntestagsausschuss für Arbeit und Soziales
Prof. Dr. Frank Nullmeier im Buntestagsausschuss für Arbeit und Soziales
SFB-Mitglied Frank Nullmeier wurde als Sachverständiger im Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales befragt, ob Anträge der Oppositionsfraktionen zur Bekämpfung der Altersarmut geeignet seien.

Die politischen Diskussionen um eine Grundrente als Instrument gegen Altersarmut nehmen Fahrt auf. Noch bevor der Bundesminister für Arbeit und Soziales, Hubertus Heil, einen Gesetzentwurf vorgelegt hat, sind von den vier Oppositionsparteien je eigene Grundrentenkonzepte im Bundestag vorgelegt worden. Am Montag sind dazu im Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales Experten angehört worden, darunter als Sachverständiger Frank Nullmeier vom Sonderforschungsbereich Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik.

Zentrales Thema der Anhörungen war, ob eine Bekämpfung der Armut in der gesetzlichen Rentenversicherung oder im Bereich der Grundsicherung erfolgen soll. Letzteres hatten AfD und FDP vorgeschlagen. Ein wesentlicher Einwand dagegen lautete, dass dadurch eine Ausweitung der Grundsicherung auf immer mehr Rentenbezieherinnen und -bezieher erfolge, so dass eine Art ‚Kombirente‘ aus Grundsicherung und beitragsbezogener Rente entstehen würde – mit negativen Folgen für die Legitimität und Akzeptanz der Gesetzlichen Rentenversicherung. Denn: "Im Grundsicherungssystem gilt das Prinzip der Bedarfsgerechtigkeit, in der Sozialversicherung gilt ein Prinzip der Leistungsgerechtigkeit", sagte Nullmeier. "Wir müssen dies beiden voneinander trennen und die Rechtsansprüche nicht miteinander vermischen. Eine Vermischung ist eine große Gefahr – für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Legimitationsgrundlage der gesetzlichen Rentenversicherung." Die Legimitation der gesetzlichen Rentenversicherung gerate in Gefahr, wenn langjährige Beitragszahlerinnen und Beitragszahler bei Renteneintritt nicht "frei [sind] von der Nähe zu Altersarmut und Grundsicherungsbezug", so Nullmeier. Dieses Problem müsse man adressieren und das ginge nicht durch eine Kombi-Lösung, sondern nur durch eine Verbesserung des gesetzlichen Rentenversicherungssystems. "Wenn die Arbeitswelt zu niedrige Löhne schafft, kann man entweder etwas am Lohnsystem [ändern] – dazu gibt es den Mindestlohn -, oder man muss Systeme schaffen, die innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung angesiedelt sind und in der Tradition von Rente nach Mindesteinkommen und Rente nach Mindestentgeltpunkten stehen."

Die Anhörung machte auch klar, dass eine organisatorische Verbindung von Grundsicherung und Rente nur zu Doppelbürokratien führt und gerade keine administrative Entlastung ermöglicht. Gegen diese Lösungen standen Modelle einer Anhebung der Einkommen aller Rentnerinnen und Rentner auf ein Niveau oberhalb der Armutsrisikoschwelle durch eine neue, komfortable Form der Grundsicherung mit entsprechend großen finanziellen Belastungen (Die Linke) und eine Lösung rein innerhalb der Rentenversicherung durch eine Aufstockung der Renten aller Versicherten mit mehr als 30 Versicherungsjahren auf eine Rente, die 30 Entgeltpunkten entspricht (Bündnis90/Die Grünen). Dadurch würde ein Grundsicherungsbezug nicht mehr erforderlich werden.

Der Deutsche Bundestag bietet die gesamte Anhörung vom 6. Mai 2019 im Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales als Video-Stream an.


Kontakt:
Prof. Dr. Frank Nullmeier
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58576
E-Mail: frank.nullmeier@uni-bremen.de

Hubertus Heil und Eva Quante-Brandt
Hubertus Heil und Eva Quante-Brandt
Hubertus Heil war Gast beim SOCIUM und SFB 1342. Der Bundesminister diskutierte über Rentenreformvorschläge und die Zukunft der Sozialpolitikforschung.

Hubertus Heil, Bundesminister für Arbeit und Soziales, hat am Freitag mit Mitgliedern des Sonderforschungsbereichs "Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik" und des SOCIUMS diskutiert. Themen waren dabei renten- und arbeitsmarktpolitische Reformvorhaben sowie die Lage der Sozialpolitikforschung.

Niedrige Renten und wachsende Altersarmut sind ein drängendes Problem, das die Legitimation der Gesetzlichen Rentenversicherung insgesamt in Frage stellt. Heil sagte, er warte gespannt auf die Empfehlungen der Rentenkommission, die für März 2020 erwartet werden. Die Regierung könne aber bis dahin aber nicht "keine Rentenpolitik" machen. Im Zusammenhang mit seinem jüngsten Rentenreformvorschlag, der Einführung einer sogenannten Grundrente, fragte Heil die anwesendem Sozialpolitikforscherinnen und -forscher, ob sie eine Bedürftigkeitsprüfung für ratsam hielten. Frank Nullmeier, Sprecher des SOCIUMS und Vorstandsmitglied im SFB 1342, sagte, eine Bedürftigkeitsprüfung sei nicht ratsam, die Wissenschaft sei sich in diesem Punkt einig.

Die Grundrente erfasse, so Nullmeier, die wachsende Gruppe der prekären Selbständigen nicht, die aber in besonderem Maße von Altersarmut bedroht seien. Um deren Altersarmut zu begegnen, brachte Nullmeier eine "Digitale Sozialversicherung" ins Spiel: Betriebsstätten der Digitalwirtschaft, z.B. Internetknotenpunkte, könnten mit einer ans Datenvolumen gekoppelten Abgabe belegt werden, um arbeitgeberäquivalente Beitragszahlungen zur Gesetzlichen Rentenversicherung prekärer Selbständiger zu generieren (ähnlich wie die Künstlersozialversicherung). Heil sagte daraufhin, wie Abgrenzung der Selbständigkeit sei in vielen Fällen schwierig, das Konzept sei aber interessant.

"Als Arbeits- und Sozialminister bin ich auf Sozialpolitikforschung über den tagespolitischen Zeithorizont hinaus angewiesen, um Probleme frühzeitig zu erkennen und lösen zu können", sagte Hubertus Heil. Sein Ministerium habe mit dem Fördernetzwerk interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (FIS) einen ersten wichtigen Schritt zur Förderung der Sozialpolitikforschung getan. Weitere Vorhaben sollen folgen. Konkret wurde der Minister in diesem Punkt nicht. Er sagte lediglich: "Ich träume von einem DIW der Sozialpolitikforschung." Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist eines der größten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute und wird als eingetragener Verein vom Land Berlin und der Bundesregierung finanziert, weitere Mittel stammen aus Drittmittelprojekten und Spenden.

Prof. Dr. Klaus Schlichte
Prof. Dr. Klaus Schlichte
Klaus Schlichte berichtet von seinem Forschungsaufenthalt in Uganda, bei dem er durch systematische Recherche, geplante Irritationen und nicht zuletzt durch Zufälle vieles über die dortige Sozialpolitik erfuhr.

Lieber Herr Schlichte, für das Teilprojekt B09 waren sie kürzlich für rund zwei Monate in Uganda. Was war das Ziel des Aufenthalts?

Es ging mir darum, ein allgemeines Mapping zu machen. Denn die Sozialpolitik in Afrika ist bei Weitem nicht so erforscht wie in der OECD oder Europa. Und es gibt dort Formen von Sozialpolitik, die im Globalen Norden weniger präsent sind, wie etwa die Subventionierung von Grundnahrungsmitteln oder die Vorbeugung von Epidemien. Mein Ziel war also, dazu Stimmen zu sammeln: Was denken die Menschen über die sozialpolitischen Verhältnisse in Uganda? Wie sind die Positionen der Regierungsseite? Was denken die Krankenschwestern, Ärzte oder Lehrergewerkschaften? Ich wollte aber auch wissen, wie "ordinäre" Leute, also Nicht-Experten, im Alltag mit der Frage von Krankheit und Gesundheitsvorsorge umgehen. Es gab dabei keine übergeordnete Fragestellung: Beim Mapping versucht man, eine Collage zusammenzustellen und offen zu sein für alles, was sich ergibt.

Aber Sie sind doch sicher nicht unvorbereitet nach Uganda geflogen ...

Das natürlich nicht. Ich habe früher schon in Uganda zu anderen Themen gearbeitet und habe deshalb eine ganze Reihe von Kontakten. Dennoch wollte ich nicht mit einer engen Fragestellung auf die Materialsuche gehen. Wir nennen das Feldforschung, hochtrabend könnte man es auch Ethnographie nennen. Natürlich mache ich auch Experteninterviews, aber die Alltagsgeschichten gehören genauso dazu wie all das, was in der Zeitung steht und was die Leute beiläufig erzählen. Außerdem sammle ich alle möglichen Dokumente, informelle Papiere zum Beispiel von in Uganda tätigen Entwicklungshilfeorganisationen. Die Annahme ist: Alles ist Material. Alles, was man sieht, hört und findet. Es gibt da keine Grenze.

Sie sind also mit einem Koffer nach Kampala geflogen und mit fünf Koffern heimgekehrt? Oder ernsthaft: Wie dokumentieren Sie beim Mapping Ihre Arbeit?

Früher, als alle Unterlagen noch gedruckt waren, habe ich tatsächlich Postsäcke gepackt und nach Deutschland verschickt. Aber das ist natürlich heute auch in Uganda fast alles digitalisiert und passt alles auf einen USB-Stick und in ein paar Mappen.

Und die Gespräche mit Menschen schneiden Sie mit?

Manchmal. Die meisten allerdings nicht. Viele Gespräche sind Alltagskonversationen, da wäre es sehr merkwürdig, anderen mit dem Mikro vor der Nase herum zu hantieren. Ich mache mir in der Regel in Gesprächen Notizen und schreibe hinterher alles ausführlich auf. Das ergibt dann später ein Transkript des Gesprächs. Entscheidend ist, dass ich mich gleich hinsetze. Deshalb gehe ich nach Gesprächen sofort ins Café, nach Hause oder in die Bibliothek und schreibe ein Gesprächsprotokoll auf der Grundlage der Notizen.

Gab es etwas auf Ihrer Reise, dass Sie überrascht hat?

Was mich überrascht hat ist, dass sämtliche „policies“ unheimlich stark der Demokratiemaschine Ugandas unterworfen ist. Das geht so weit, dass viele ugandische Experten mittlerweile an der Demokratisierung zweifeln, weil der politische Wettbewerb so scharf geworden ist, dass er Interferenzen in allen möglichen Politiken kreiert.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen wir die Polizeiarbeit in Uganda. Während der Wahlkämpfe ist die gesamte Polizei im Auftrag der Regierung unterwegs. Alles wird eingesetzt, damit der Präsident geschmeidig durch das Land reisen kann und die Massen organisiert werden können, um ihm zuzujubeln. Dabei bleibt die normale Polizeiarbeit auf der Strecke, wobei die Ressourcen der Polizei ohnehin nicht üppig sind. Dieses Prinzip erstreckt sich aber auch auf die Schulen und die Gesundheitsversorgung. Man generiert politische Unterstützung über die Verteilung der ohnehin knappen öffentlichen Ressourcen. Das kennen wir zwar auch aus Deutschland auch: bestimmte Regionen und Fraktionen werden mit Mitteln ausgestattet, um Loyalität zu erzeugen. In Uganda geschieht das in radikaler Form, was mit der verbreiteten Armut zu tun hat. Die Amtsinhaber setzen den gesamten Staat für den politischen Wettbewerb in Gang. Sogar intellektuelle, liberale und fortschrittliche Leute sagten mir, man sollte weniger wählen und in größeren Abständen, weil zu viel Geld und zu viele Ressourcen verpulvert werden für die Herstellung von Loyalität. Mich hat überrascht, wie kritisch die Stimmung mittlerweile gegenüber demokratischen Verfahren ist.

Wahlen finden in Uganda finden alle fünf Jahre statt.

Ja, in der Regel amtiert der Präsident fünf Jahre, auch das Parlament wird alle fünf Jahre gewählt. Das klingt nach einem entspannten Rhythmus. Aber die Loyalität muss auch zwischendrin gesichert werden. Man braucht Parlamentsmehrheiten. Und das Parlament nicht so stark durch Parteien diszipliniert wie bei uns, sondern die Loyalität von Abgeordneten wird auch gesteuert über den Bau von Krankenhäusern, Straßen und dergleichen. Denn die Abgeordneten stehen unter einem gewissen Druck, ihrem Wahlkreis etwas liefern zu müssen.

Womit wir bei der der Sozialpolitik wären.

Wo werden die Krankenhäuser gebaut? Wo sie nötig sind, oder wo der Abgeordnete wohnt, dessen Unterstützung gebraucht wird? Diese Logik hat mich überrascht. Ich glaube, Uganda ist da kein Einzelfall, man wird das in ganz vielen Staaten beobachten können, auch weit über Afrika hinaus: Das politische Establishment ist gleichzeitig auch unternehmerisches Establishment. Zum Beispiel ist der Permanent Secretary of State im Bildungsministerium gleichzeitig der Besitzer von mehreren privaten Secondary Schools. Ähnliches sieht man bei vielen Parlamentsabgeordneten. Das sind politische Unternehmer, die mit der Privatisierung von Bildung und Gesundheit stark verknüpft sind. So ist eine Oligarchie entstanden, die gar kein Interesse daran haben kann, Bildung und Gesundheit wieder zum öffentlichen Gut zu machen. Der boomende Markt gerade für Bildung in Uganda ist fest in der Hand derer, die auch politisch das Sagen haben. Eine Locked-in-Situation, die so arretiert ist, dass man sich fragt: Wie soll sich das jemals wieder ändern? Das ist vielleicht eine zweite These, die aus dem Aufenthalt hervorgegangen ist.

Ich stelle es mir schwierig vor, solche Dinge wie die Verquickungen des Permanent Secretary of State im Bildungsministerium vor Ort zu verifizieren.

So etwas sagen einem die Menschen natürlich nicht ins Mikrofon, sondern im Vertrauen. Aber man kann so etwas genauso verifizieren wie beispielsweise in Deutschland, indem man zur Handelskammer geht und nachschaut, wer dort als Unternehmer für was eingetragen ist.

Ich frage deshalb, weil Ihr Kollege Roy Karadag in Ägypten ein ähnliches Mapping versucht hat und zumindest bei Behörden und Ministerien abgeblockt wurde.

Das ist in Uganda ganz anders. Bei Behörden und Ministerien muss man sich am Empfang registrieren, aber dann kann man sich – und das macht es für die Forschung eben unheimlich leicht - im Gebäude völlig frei bewegen. Man klopft einfach an die Türen. Man muss vielleicht warten oder am nächsten Tag wiederkommen, aber es gibt grundsätzlich immer Gesprächsbereitschaft. Uganda ist da viel liberaler als zum Beispiel Deutschland.

Bei Ihrer Mapping-Methode sind Sie auch auf Zufälle angewiesen. Ein solcher Zufall hat Sie mit dem ugandischen Krankenhaussystem vertraut gemacht. Würden Sie das kurz erzählen?

In Kampala habe ich bei einer ehemaligen Doktorandin gewohnt, die Zimmer untervermietet. In dem Haus wohnte neben einer Nachrichtensprecherin auch der Onkel meiner Vermieterin, der vom Land nach Kampala gekommen war, weil er Zungenkrebs hatte. Sein Beispiel machte mir deutlich, wie das Gesundheitssystem Ugandas System funktioniert und welche Rolle Familie, Verwandtschaft und Freundschaft als Funktionsprinzip der sozialen Sicherung spielen. Uganda hat etwa 40 Millionen Einwohner. Für Menschen, die keine private Krankenversicherung haben und sich Operationen nicht leisten können – also etwa 98 Prozent der Bevölkerung -, gibt es im gesamten Land genau eine Station, wo Krebsoperationen möglich sind. Der Onkel wäre gestorben, wenn seine Nichte nicht einen Job hätte, durch den sie den Krankenhausaufenthalt finanzieren konnte. Das war die erste Bedingung, warum er heute noch lebt. Die zweite war, dass in dem Krankenhaus 20 Ärzte aus Chicago zwei Wochen lang ohne Entgelt operierten - Tag und Nacht im Wechselschichtbetrieb. Nur deshalb war die Operation zu dem Zeitpunkt möglich. Denn die meisten Ärzte und Pfleger, die in den öffentlichen Krankenhäusern Ugandas arbeiten, können von ihrem Gehalt nicht leben, weshalb sie auch noch in Privatkliniken tätig sind. Das erklärt, warum Krebsoperationen in Uganda nicht in der Geschmeidigkeit ablaufen, wie das bei uns der Fall ist.

Wie ging es mit dem Mann weiter?

Es gibt keine Reha-Kliniken in Uganda, daher wurde er ein paar Tage nach der Operation entlassen. Für jemanden vom Land stellt sich dann die Frage: Wie kommt man aus dem Krankenhaus wieder nach Hause? Das Medianeinkommen in Uganda liegt bei 55.000 Schilling im Monat, umgerechnet etwa 25 Euro. Der Transport von Kampala aufs Land, sagen wir mal 400 Kilometer weit, kostet etwa 30.000 Schilling, also ein mittleres Monatseinkommen. Viele Patienten sind deshalb auf Hilfe angewiesen. Und so schießen wildfremde Menschen noch am Krankenhaus solchen Patienten etwas zu. Das klingt jetzt romantisch, hat aber auch eine Schattenseite: Denn diese Art von moralischen Verpflichtungen sind auch der Hintergrund dessen, was wir als Korruption denunzieren. Irgendwo muss das Geld schließlich herkommen. Wenn es Massenarmut gibt, gibt es auch Korruption – nicht, weil die Leute schlecht sind, sondern im Gegenteil: Weil umverteilt werden muss und der Zugang zu öffentlichen Ressourcen der wichtigste Zugang zu Ressourcen überhaupt ist.
Wie all das im Gesundheitssektor miteinander verschränkt ist, war mir vorher nicht so klar. Das ist vielleicht der wichtigste Grund für diese Form von Forschung. Für Experteninterviews müsste ich nicht nach Kampala fliegen. Was ich dort suche, sind eher „geplante“ Irritationen. So entdecke ich Dinge und Zusammenhänge, von denen ich vorher wenig wusste, die aber wichtig sind.

Wie schließt sich jetzt Ihre weitere Arbeit daran an?

Nach dem Sammeln des Materials in Uganda gibt eine Phase der Distanzierung. Vieles entdeckt man erst, wenn man sich das Material später wieder anguckt, auch weil man inzwischen andere Sachen gelesen und sich mit anderen unterhalten hat. Ich habe vor 20 Jahren angefangen, mich mit Uganda zu beschäftigen, und die Aufzeichnung von damals sind immer noch auskunftsreich. Ich werde jetzt einen Aufsatz zu Uganda [Anmerkung: Könnten Sie das etwas genauer sagen, worum es in dem Aufsatz gehen wird?] und einen zur kolonialen Sozialpolitik schreiben. Bis Sommer werden die Manuskripte fertig sein. Unsere Forschung in dem Teilprojekt B09 hat aber auch eine historische Dimension. Wir wollen das Auf und Ab von Sozialpolitiken in sechs afrikanischen Ländern erfassen und analysieren. Dann halten wir die Analysen nebeneinander. Gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede? Was geschieht zeitgleich, was phasenversetzt und warum? Welche äußeren Einflüsse gibt es? Sind sie gleichgerichtet oder widersprüchlich? Das sind die Fragen, die wir in der ersten SFB-Förderphase klären werden. Aber wir wollten jetzt schon durch das Mapping erkunden, welche Entwicklungen es in der Sozialpolitik in Afrika gibt und welche Fragen sich daraus ergeben, die wir in der zweiten Phase des SFB bearbeiten können.


Kontakt:
Prof. Dr. Klaus Schlichte
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67475
E-Mail: kschlich@uni-bremen.de

Dr. Johanna Kuhlmann
Dr. Johanna Kuhlmann
Im Interview erzählt Johanna Kuhlmann, die von der TU Braunschweig zum SFB 1342 wechselte, warum Sozialpolitik das Kleinteilige mit dem großen Ganzen verbindet und warum es sie reizt, Neues im Bekannten zu entdecken.

Du bist Politikwissenschaftlerin. Wann wusstest du, dass das der passende Beruf für dich ist?

Zumindest nicht, als ich angefangen habe zu studieren. Ich habe Politikwissenschaft und Germanistik studiert und hatte am Anfang noch keine konkrete Vorstellung davon, was ich werden will. Journalismus war eine Idee, aber das war sehr vage. Ich habe dann mehrere Praktika gemacht im politikwissenschaftlichen Bereich und im Bereich Germanistik.

Was genau?

Ich habe in einem Ministerium und bei einem Bundestagsabgeordneten gearbeitet, aber auch in einem literaturwissenschaftlichen Forschungsinstitut. Ich habe mich damals noch etwas breiter aufgestellt. Ich wusste, dass ich politikwissenschaftlich arbeiten will, als ich meine erste Stelle als studentische Hilfskraft an der Uni hatte.

Das war noch in Münster, richtig?

Ja. Das hat mir total gut gefallen, weil mein damaliger Chef die studentischen Hilfskräfte direkt inhaltlich in die Forschung eingebunden hat. Ich war an vielen Diskussionen beteiligt und konnte richtig mitforschen. So habe ich schnell einen umfassenden Einblick bekommen. Da hab ich gedacht: Das kann ich mir vorstellen.

Was interessiert dich an Sozialpolitik?

Als ich im Studium angefangen habe, mich mit Sozialpolitik zu beschäftigen, habe ich mich vor allem für strategische Aspekte interessiert, konkret: Warum kürzen politische Akteure sozialpolitische Leistungen, die für viele ihrer Wählerinnen und Wähler essentiell sind? Das war wenige Jahre nach den Agenda 2010-Reformen. In meiner Dissertation stand dann mehr die inhaltliche Dimension von Sozialpolitik im Vordergrund, also wie genau verändert sich eigentlich sozialpolitische Leistungserbringung? Und wie kann man das – über strategische Aspekte hinaus – erklären? Auch, wenn Sozialpolitik unheimlich kleinteilig ist und man sich lange mit Paragraphen einzelner Sozialgesetzbücher beschäftigen kann: Veränderungen von Sozialpolitik machen immer auch Aussagen über Grundprinzipien gesellschaftlichen Zusammenlebens und über die Frage, welche Rolle der Staat im Zusammenhang mit der Erbringung von Wohlfahrt für Bürgerinnen und Bürger zu übernehmen bereit ist.

Warum bist du zum SFB gewechselt?

Weil mich die inhaltliche Konzeption des SFB insgesamt und des Teilprojektes, in dem ich jetzt mitarbeite, sehr interessiert hat. In dem Teilprojekt geht es darum, die Ergebnisse der anderen fallstudienzentrierten Teilprojekte zu bündeln und zu erklären, durch welche kausalen Mechanismen es zu einer Verbreitung von Sozialpolitik kommt. So soll ein eigenständiger theoretischer Beitrag entstehen. Das hat mich gereizt. Ich bin keine reine Theoretikerin und habe auch in meiner Dissertation empirisch gearbeitet. Aber ich habe schon ein Faible für theoretische Fragestellungen. Ich habe mich außerdem bisher vor allem mit europäischen Wohlfahrtsstaaten beschäftigt. Ein Ausgangspunkt des SFB ist: Wir wissen sehr viel über OECD-Wohlfahrtssysteme, aber längst nicht so viel über andere Wohlfahrtssysteme. Das ist bei mir ähnlich.

Und das empfandst du nicht als abschreckend, sondern als reizvoll?

Auf jeden Fall. Das ist ja auch etwas, was wissenschaftliches Arbeiten ausmacht, nämlich blinde Flecken aufzudecken. Mit den grundsätzlichen Debatten und theoretischen Bezugspunkten des SFB, die in meiner Arbeit im Teilprojekt zunächst im Vordergrund stehen werden, sind mir vertraut. Aber die Sozialpolitik vieler Nicht-OECD-Länder, vor allem im Detail, ist Neuland für mich. Weil wir in unserem Teilprojekt, das keinen eigenen empirischen Gegenstand hat, viel in die anderen Teilprojekte reingucken werden, verspreche ich mir einiges davon.


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Prof. Dr. Frank Nullmeier und Dr. Dieter Wolf
Prof. Dr. Frank Nullmeier und Dr. Dieter Wolf
Sven Beckerts Werk über die Geschichte des globalen Baumwollhandels inspiriert Frank Nullmeier dazu, über die zukünftige Sozialpolitikforschung nachzudenken.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Global Cotton. Eine Uni – ein Buch – eine Stadt" haben Frank Nullmeier und Dieter Wolf in der vergangenen Woche vorgestellt, was die Sozialpolitikforschung von Sven Beckerts Werk "King Cotton" lernen kann (Titel des englischen Originals: "Empire of Cotton").

Basierend auf jahrelanger Recherche erzählt der Historiker Beckert in seinem Buch die Geschichte des globalen Kapitalismus am Beispiel eines Produkts: der Baumwolle. Über die Produktion, die Verarbeitung und den Handel hat die Naturfaser verschiedenste Weltregionen nachhaltig miteinander verknüpft.

Nachdem Dieter Wolf zwei Kernpunkte Beckerts diskutierte ("Der transatlantische Dreickshandel zwischen Europa, Afrika und Lateinamerika war ein gewaltsamer Handel und eine Form des Kriegskapitalismus."  - "Die Briten verboten die Sklaverei, als die industrielle Produktion, basierend auf Lohnarbeit, einträglicher wurde als das alte Model."), warf Frank Nullmeier die Frage auf, was die moderne Sozialpolitikforschung von Sven Beckerts Arbeitsweise und Methodik lernen kann. Nullmeier nannte drei Hauptpunkte:

1. Transnationalität: Die Nationalgeschichtsschreibung reicht nicht mehr aus, um die Dynamiken sozialpolitischer Entscheidungen zu erklären. Durch die Einbettung in das globale Wirtschafts- und Finanzsystem, die Auswirkungen von Migration und weltumspannende Kommunikationssystemen resultieren sozialpolitische Entscheidungen schon lange nicht mehr nur aus nationalen Faktoren. Die Sozialpolitikforschung muss daher zu einer kontinentübergreifenden Geschichte transnationaler Verknüpfungen erweitert werden, analog zu Beckerts Geschichte des Baumwollanbaus und -handels und deren Auswirkungen.

2. Politische Ökonomie: Beckert interpretierte den globalen Baumwollhandel nicht als reines Ergebnis des Zusammenspiels von Angebot und Nachfrage. Er resultiert (bis heute) zu einem erheblichen Teil aus den Macht- und Gewaltverhältnissen zwischen den beteiligten Ländern bzw. Reichen. Analog gilt dies auch für die Sozialpolitik: Die Ökonomie als eine zentrale Einflussgröße ist ohne die politik- und staatsbezogenen Gewalt- und Rechtsverhältnisse nicht ausreichend erklärbar.

3. Analytik der Kausalketten: Beckert zeigt in seinem Buch an vielen Beispielen, wie eine ganze Kaskade von Ereignissen und Reaktionen darauf vielfältige Auswirkungen an verschiedensten Orten der Welt hatte. Auch die Sozialpolitikforschung sollte lange kausale Ketten verfolgen und komplexe kausale Netze rekonstruieren, um die so die Entstehung und Veränderung von Sozialpolitiken zu verstehen.

Die Veranstaltungsreihe "Global Cotton. Eine Uni – ein Buch – eine Stadt" läuft noch bis Ende des Jahres.


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Prof. Dr. Frank Nullmeier
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E-Mail: frank.nullmeier@uni-bremen.de