News aus dem Teilprojekt B01

Hubertus Heil und Eva Quante-Brandt
Hubertus Heil und Eva Quante-Brandt
Hubertus Heil war Gast beim SOCIUM und SFB 1342. Der Bundesminister diskutierte über Rentenreformvorschläge und die Zukunft der Sozialpolitikforschung.

Hubertus Heil, Bundesminister für Arbeit und Soziales, hat am Freitag mit Mitgliedern des Sonderforschungsbereichs "Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik" und des SOCIUMS diskutiert. Themen waren dabei renten- und arbeitsmarktpolitische Reformvorhaben sowie die Lage der Sozialpolitikforschung.

Niedrige Renten und wachsende Altersarmut sind ein drängendes Problem, das die Legitimation der Gesetzlichen Rentenversicherung insgesamt in Frage stellt. Heil sagte, er warte gespannt auf die Empfehlungen der Rentenkommission, die für März 2020 erwartet werden. Die Regierung könne aber bis dahin aber nicht "keine Rentenpolitik" machen. Im Zusammenhang mit seinem jüngsten Rentenreformvorschlag, der Einführung einer sogenannten Grundrente, fragte Heil die anwesendem Sozialpolitikforscherinnen und -forscher, ob sie eine Bedürftigkeitsprüfung für ratsam hielten. Frank Nullmeier, Sprecher des SOCIUMS und Vorstandsmitglied im SFB 1342, sagte, eine Bedürftigkeitsprüfung sei nicht ratsam, die Wissenschaft sei sich in diesem Punkt einig.

Die Grundrente erfasse, so Nullmeier, die wachsende Gruppe der prekären Selbständigen nicht, die aber in besonderem Maße von Altersarmut bedroht seien. Um deren Altersarmut zu begegnen, brachte Nullmeier eine "Digitale Sozialversicherung" ins Spiel: Betriebsstätten der Digitalwirtschaft, z.B. Internetknotenpunkte, könnten mit einer ans Datenvolumen gekoppelten Abgabe belegt werden, um arbeitgeberäquivalente Beitragszahlungen zur Gesetzlichen Rentenversicherung prekärer Selbständiger zu generieren (ähnlich wie die Künstlersozialversicherung). Heil sagte daraufhin, wie Abgrenzung der Selbständigkeit sei in vielen Fällen schwierig, das Konzept sei aber interessant.

"Als Arbeits- und Sozialminister bin ich auf Sozialpolitikforschung über den tagespolitischen Zeithorizont hinaus angewiesen, um Probleme frühzeitig zu erkennen und lösen zu können", sagte Hubertus Heil. Sein Ministerium habe mit dem Fördernetzwerk interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (FIS) einen ersten wichtigen Schritt zur Förderung der Sozialpolitikforschung getan. Weitere Vorhaben sollen folgen. Konkret wurde der Minister in diesem Punkt nicht. Er sagte lediglich: "Ich träume von einem DIW der Sozialpolitikforschung." Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist eines der größten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute und wird als eingetragener Verein vom Land Berlin und der Bundesregierung finanziert, weitere Mittel stammen aus Drittmittelprojekten und Spenden.

Prof. Dr. Klaus Schlichte
Prof. Dr. Klaus Schlichte
Klaus Schlichte berichtet von seinem Forschungsaufenthalt in Uganda, bei dem er durch systematische Recherche, geplante Irritationen und nicht zuletzt durch Zufälle vieles über die dortige Sozialpolitik erfuhr.

Lieber Herr Schlichte, für das Teilprojekt B09 waren sie kürzlich für rund zwei Monate in Uganda. Was war das Ziel des Aufenthalts?

Es ging mir darum, ein allgemeines Mapping zu machen. Denn die Sozialpolitik in Afrika ist bei Weitem nicht so erforscht wie in der OECD oder Europa. Und es gibt dort Formen von Sozialpolitik, die im Globalen Norden weniger präsent sind, wie etwa die Subventionierung von Grundnahrungsmitteln oder die Vorbeugung von Epidemien. Mein Ziel war also, dazu Stimmen zu sammeln: Was denken die Menschen über die sozialpolitischen Verhältnisse in Uganda? Wie sind die Positionen der Regierungsseite? Was denken die Krankenschwestern, Ärzte oder Lehrergewerkschaften? Ich wollte aber auch wissen, wie "ordinäre" Leute, also Nicht-Experten, im Alltag mit der Frage von Krankheit und Gesundheitsvorsorge umgehen. Es gab dabei keine übergeordnete Fragestellung: Beim Mapping versucht man, eine Collage zusammenzustellen und offen zu sein für alles, was sich ergibt.

Aber Sie sind doch sicher nicht unvorbereitet nach Uganda geflogen ...

Das natürlich nicht. Ich habe früher schon in Uganda zu anderen Themen gearbeitet und habe deshalb eine ganze Reihe von Kontakten. Dennoch wollte ich nicht mit einer engen Fragestellung auf die Materialsuche gehen. Wir nennen das Feldforschung, hochtrabend könnte man es auch Ethnographie nennen. Natürlich mache ich auch Experteninterviews, aber die Alltagsgeschichten gehören genauso dazu wie all das, was in der Zeitung steht und was die Leute beiläufig erzählen. Außerdem sammle ich alle möglichen Dokumente, informelle Papiere zum Beispiel von in Uganda tätigen Entwicklungshilfeorganisationen. Die Annahme ist: Alles ist Material. Alles, was man sieht, hört und findet. Es gibt da keine Grenze.

Sie sind also mit einem Koffer nach Kampala geflogen und mit fünf Koffern heimgekehrt? Oder ernsthaft: Wie dokumentieren Sie beim Mapping Ihre Arbeit?

Früher, als alle Unterlagen noch gedruckt waren, habe ich tatsächlich Postsäcke gepackt und nach Deutschland verschickt. Aber das ist natürlich heute auch in Uganda fast alles digitalisiert und passt alles auf einen USB-Stick und in ein paar Mappen.

Und die Gespräche mit Menschen schneiden Sie mit?

Manchmal. Die meisten allerdings nicht. Viele Gespräche sind Alltagskonversationen, da wäre es sehr merkwürdig, anderen mit dem Mikro vor der Nase herum zu hantieren. Ich mache mir in der Regel in Gesprächen Notizen und schreibe hinterher alles ausführlich auf. Das ergibt dann später ein Transkript des Gesprächs. Entscheidend ist, dass ich mich gleich hinsetze. Deshalb gehe ich nach Gesprächen sofort ins Café, nach Hause oder in die Bibliothek und schreibe ein Gesprächsprotokoll auf der Grundlage der Notizen.

Gab es etwas auf Ihrer Reise, dass Sie überrascht hat?

Was mich überrascht hat ist, dass sämtliche „policies“ unheimlich stark der Demokratiemaschine Ugandas unterworfen ist. Das geht so weit, dass viele ugandische Experten mittlerweile an der Demokratisierung zweifeln, weil der politische Wettbewerb so scharf geworden ist, dass er Interferenzen in allen möglichen Politiken kreiert.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen wir die Polizeiarbeit in Uganda. Während der Wahlkämpfe ist die gesamte Polizei im Auftrag der Regierung unterwegs. Alles wird eingesetzt, damit der Präsident geschmeidig durch das Land reisen kann und die Massen organisiert werden können, um ihm zuzujubeln. Dabei bleibt die normale Polizeiarbeit auf der Strecke, wobei die Ressourcen der Polizei ohnehin nicht üppig sind. Dieses Prinzip erstreckt sich aber auch auf die Schulen und die Gesundheitsversorgung. Man generiert politische Unterstützung über die Verteilung der ohnehin knappen öffentlichen Ressourcen. Das kennen wir zwar auch aus Deutschland auch: bestimmte Regionen und Fraktionen werden mit Mitteln ausgestattet, um Loyalität zu erzeugen. In Uganda geschieht das in radikaler Form, was mit der verbreiteten Armut zu tun hat. Die Amtsinhaber setzen den gesamten Staat für den politischen Wettbewerb in Gang. Sogar intellektuelle, liberale und fortschrittliche Leute sagten mir, man sollte weniger wählen und in größeren Abständen, weil zu viel Geld und zu viele Ressourcen verpulvert werden für die Herstellung von Loyalität. Mich hat überrascht, wie kritisch die Stimmung mittlerweile gegenüber demokratischen Verfahren ist.

Wahlen finden in Uganda finden alle fünf Jahre statt.

Ja, in der Regel amtiert der Präsident fünf Jahre, auch das Parlament wird alle fünf Jahre gewählt. Das klingt nach einem entspannten Rhythmus. Aber die Loyalität muss auch zwischendrin gesichert werden. Man braucht Parlamentsmehrheiten. Und das Parlament nicht so stark durch Parteien diszipliniert wie bei uns, sondern die Loyalität von Abgeordneten wird auch gesteuert über den Bau von Krankenhäusern, Straßen und dergleichen. Denn die Abgeordneten stehen unter einem gewissen Druck, ihrem Wahlkreis etwas liefern zu müssen.

Womit wir bei der der Sozialpolitik wären.

Wo werden die Krankenhäuser gebaut? Wo sie nötig sind, oder wo der Abgeordnete wohnt, dessen Unterstützung gebraucht wird? Diese Logik hat mich überrascht. Ich glaube, Uganda ist da kein Einzelfall, man wird das in ganz vielen Staaten beobachten können, auch weit über Afrika hinaus: Das politische Establishment ist gleichzeitig auch unternehmerisches Establishment. Zum Beispiel ist der Permanent Secretary of State im Bildungsministerium gleichzeitig der Besitzer von mehreren privaten Secondary Schools. Ähnliches sieht man bei vielen Parlamentsabgeordneten. Das sind politische Unternehmer, die mit der Privatisierung von Bildung und Gesundheit stark verknüpft sind. So ist eine Oligarchie entstanden, die gar kein Interesse daran haben kann, Bildung und Gesundheit wieder zum öffentlichen Gut zu machen. Der boomende Markt gerade für Bildung in Uganda ist fest in der Hand derer, die auch politisch das Sagen haben. Eine Locked-in-Situation, die so arretiert ist, dass man sich fragt: Wie soll sich das jemals wieder ändern? Das ist vielleicht eine zweite These, die aus dem Aufenthalt hervorgegangen ist.

Ich stelle es mir schwierig vor, solche Dinge wie die Verquickungen des Permanent Secretary of State im Bildungsministerium vor Ort zu verifizieren.

So etwas sagen einem die Menschen natürlich nicht ins Mikrofon, sondern im Vertrauen. Aber man kann so etwas genauso verifizieren wie beispielsweise in Deutschland, indem man zur Handelskammer geht und nachschaut, wer dort als Unternehmer für was eingetragen ist.

Ich frage deshalb, weil Ihr Kollege Roy Karadag in Ägypten ein ähnliches Mapping versucht hat und zumindest bei Behörden und Ministerien abgeblockt wurde.

Das ist in Uganda ganz anders. Bei Behörden und Ministerien muss man sich am Empfang registrieren, aber dann kann man sich – und das macht es für die Forschung eben unheimlich leicht - im Gebäude völlig frei bewegen. Man klopft einfach an die Türen. Man muss vielleicht warten oder am nächsten Tag wiederkommen, aber es gibt grundsätzlich immer Gesprächsbereitschaft. Uganda ist da viel liberaler als zum Beispiel Deutschland.

Bei Ihrer Mapping-Methode sind Sie auch auf Zufälle angewiesen. Ein solcher Zufall hat Sie mit dem ugandischen Krankenhaussystem vertraut gemacht. Würden Sie das kurz erzählen?

In Kampala habe ich bei einer ehemaligen Doktorandin gewohnt, die Zimmer untervermietet. In dem Haus wohnte neben einer Nachrichtensprecherin auch der Onkel meiner Vermieterin, der vom Land nach Kampala gekommen war, weil er Zungenkrebs hatte. Sein Beispiel machte mir deutlich, wie das Gesundheitssystem Ugandas System funktioniert und welche Rolle Familie, Verwandtschaft und Freundschaft als Funktionsprinzip der sozialen Sicherung spielen. Uganda hat etwa 40 Millionen Einwohner. Für Menschen, die keine private Krankenversicherung haben und sich Operationen nicht leisten können – also etwa 98 Prozent der Bevölkerung -, gibt es im gesamten Land genau eine Station, wo Krebsoperationen möglich sind. Der Onkel wäre gestorben, wenn seine Nichte nicht einen Job hätte, durch den sie den Krankenhausaufenthalt finanzieren konnte. Das war die erste Bedingung, warum er heute noch lebt. Die zweite war, dass in dem Krankenhaus 20 Ärzte aus Chicago zwei Wochen lang ohne Entgelt operierten - Tag und Nacht im Wechselschichtbetrieb. Nur deshalb war die Operation zu dem Zeitpunkt möglich. Denn die meisten Ärzte und Pfleger, die in den öffentlichen Krankenhäusern Ugandas arbeiten, können von ihrem Gehalt nicht leben, weshalb sie auch noch in Privatkliniken tätig sind. Das erklärt, warum Krebsoperationen in Uganda nicht in der Geschmeidigkeit ablaufen, wie das bei uns der Fall ist.

Wie ging es mit dem Mann weiter?

Es gibt keine Reha-Kliniken in Uganda, daher wurde er ein paar Tage nach der Operation entlassen. Für jemanden vom Land stellt sich dann die Frage: Wie kommt man aus dem Krankenhaus wieder nach Hause? Das Medianeinkommen in Uganda liegt bei 55.000 Schilling im Monat, umgerechnet etwa 25 Euro. Der Transport von Kampala aufs Land, sagen wir mal 400 Kilometer weit, kostet etwa 30.000 Schilling, also ein mittleres Monatseinkommen. Viele Patienten sind deshalb auf Hilfe angewiesen. Und so schießen wildfremde Menschen noch am Krankenhaus solchen Patienten etwas zu. Das klingt jetzt romantisch, hat aber auch eine Schattenseite: Denn diese Art von moralischen Verpflichtungen sind auch der Hintergrund dessen, was wir als Korruption denunzieren. Irgendwo muss das Geld schließlich herkommen. Wenn es Massenarmut gibt, gibt es auch Korruption – nicht, weil die Leute schlecht sind, sondern im Gegenteil: Weil umverteilt werden muss und der Zugang zu öffentlichen Ressourcen der wichtigste Zugang zu Ressourcen überhaupt ist.
Wie all das im Gesundheitssektor miteinander verschränkt ist, war mir vorher nicht so klar. Das ist vielleicht der wichtigste Grund für diese Form von Forschung. Für Experteninterviews müsste ich nicht nach Kampala fliegen. Was ich dort suche, sind eher „geplante“ Irritationen. So entdecke ich Dinge und Zusammenhänge, von denen ich vorher wenig wusste, die aber wichtig sind.

Wie schließt sich jetzt Ihre weitere Arbeit daran an?

Nach dem Sammeln des Materials in Uganda gibt eine Phase der Distanzierung. Vieles entdeckt man erst, wenn man sich das Material später wieder anguckt, auch weil man inzwischen andere Sachen gelesen und sich mit anderen unterhalten hat. Ich habe vor 20 Jahren angefangen, mich mit Uganda zu beschäftigen, und die Aufzeichnung von damals sind immer noch auskunftsreich. Ich werde jetzt einen Aufsatz zu Uganda [Anmerkung: Könnten Sie das etwas genauer sagen, worum es in dem Aufsatz gehen wird?] und einen zur kolonialen Sozialpolitik schreiben. Bis Sommer werden die Manuskripte fertig sein. Unsere Forschung in dem Teilprojekt B09 hat aber auch eine historische Dimension. Wir wollen das Auf und Ab von Sozialpolitiken in sechs afrikanischen Ländern erfassen und analysieren. Dann halten wir die Analysen nebeneinander. Gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede? Was geschieht zeitgleich, was phasenversetzt und warum? Welche äußeren Einflüsse gibt es? Sind sie gleichgerichtet oder widersprüchlich? Das sind die Fragen, die wir in der ersten SFB-Förderphase klären werden. Aber wir wollten jetzt schon durch das Mapping erkunden, welche Entwicklungen es in der Sozialpolitik in Afrika gibt und welche Fragen sich daraus ergeben, die wir in der zweiten Phase des SFB bearbeiten können.


Kontakt:
Prof. Dr. Klaus Schlichte
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67475
E-Mail: kschlich@uni-bremen.de

Dr. Johanna Kuhlmann
Dr. Johanna Kuhlmann
Im Interview erzählt Johanna Kuhlmann, die von der TU Braunschweig zum SFB 1342 wechselte, warum Sozialpolitik das Kleinteilige mit dem großen Ganzen verbindet und warum es sie reizt, Neues im Bekannten zu entdecken.

Du bist Politikwissenschaftlerin. Wann wusstest du, dass das der passende Beruf für dich ist?

Zumindest nicht, als ich angefangen habe zu studieren. Ich habe Politikwissenschaft und Germanistik studiert und hatte am Anfang noch keine konkrete Vorstellung davon, was ich werden will. Journalismus war eine Idee, aber das war sehr vage. Ich habe dann mehrere Praktika gemacht im politikwissenschaftlichen Bereich und im Bereich Germanistik.

Was genau?

Ich habe in einem Ministerium und bei einem Bundestagsabgeordneten gearbeitet, aber auch in einem literaturwissenschaftlichen Forschungsinstitut. Ich habe mich damals noch etwas breiter aufgestellt. Ich wusste, dass ich politikwissenschaftlich arbeiten will, als ich meine erste Stelle als studentische Hilfskraft an der Uni hatte.

Das war noch in Münster, richtig?

Ja. Das hat mir total gut gefallen, weil mein damaliger Chef die studentischen Hilfskräfte direkt inhaltlich in die Forschung eingebunden hat. Ich war an vielen Diskussionen beteiligt und konnte richtig mitforschen. So habe ich schnell einen umfassenden Einblick bekommen. Da hab ich gedacht: Das kann ich mir vorstellen.

Was interessiert dich an Sozialpolitik?

Als ich im Studium angefangen habe, mich mit Sozialpolitik zu beschäftigen, habe ich mich vor allem für strategische Aspekte interessiert, konkret: Warum kürzen politische Akteure sozialpolitische Leistungen, die für viele ihrer Wählerinnen und Wähler essentiell sind? Das war wenige Jahre nach den Agenda 2010-Reformen. In meiner Dissertation stand dann mehr die inhaltliche Dimension von Sozialpolitik im Vordergrund, also wie genau verändert sich eigentlich sozialpolitische Leistungserbringung? Und wie kann man das – über strategische Aspekte hinaus – erklären? Auch, wenn Sozialpolitik unheimlich kleinteilig ist und man sich lange mit Paragraphen einzelner Sozialgesetzbücher beschäftigen kann: Veränderungen von Sozialpolitik machen immer auch Aussagen über Grundprinzipien gesellschaftlichen Zusammenlebens und über die Frage, welche Rolle der Staat im Zusammenhang mit der Erbringung von Wohlfahrt für Bürgerinnen und Bürger zu übernehmen bereit ist.

Warum bist du zum SFB gewechselt?

Weil mich die inhaltliche Konzeption des SFB insgesamt und des Teilprojektes, in dem ich jetzt mitarbeite, sehr interessiert hat. In dem Teilprojekt geht es darum, die Ergebnisse der anderen fallstudienzentrierten Teilprojekte zu bündeln und zu erklären, durch welche kausalen Mechanismen es zu einer Verbreitung von Sozialpolitik kommt. So soll ein eigenständiger theoretischer Beitrag entstehen. Das hat mich gereizt. Ich bin keine reine Theoretikerin und habe auch in meiner Dissertation empirisch gearbeitet. Aber ich habe schon ein Faible für theoretische Fragestellungen. Ich habe mich außerdem bisher vor allem mit europäischen Wohlfahrtsstaaten beschäftigt. Ein Ausgangspunkt des SFB ist: Wir wissen sehr viel über OECD-Wohlfahrtssysteme, aber längst nicht so viel über andere Wohlfahrtssysteme. Das ist bei mir ähnlich.

Und das empfandst du nicht als abschreckend, sondern als reizvoll?

Auf jeden Fall. Das ist ja auch etwas, was wissenschaftliches Arbeiten ausmacht, nämlich blinde Flecken aufzudecken. Mit den grundsätzlichen Debatten und theoretischen Bezugspunkten des SFB, die in meiner Arbeit im Teilprojekt zunächst im Vordergrund stehen werden, sind mir vertraut. Aber die Sozialpolitik vieler Nicht-OECD-Länder, vor allem im Detail, ist Neuland für mich. Weil wir in unserem Teilprojekt, das keinen eigenen empirischen Gegenstand hat, viel in die anderen Teilprojekte reingucken werden, verspreche ich mir einiges davon.


Kontakt:
Dr. Johanna Kuhlmann
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58574
E-Mail: johanna.kuhlmann@uni-bremen.de

Prof. Dr. Frank Nullmeier und Dr. Dieter Wolf
Prof. Dr. Frank Nullmeier und Dr. Dieter Wolf
Sven Beckerts Werk über die Geschichte des globalen Baumwollhandels inspiriert Frank Nullmeier dazu, über die zukünftige Sozialpolitikforschung nachzudenken.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Global Cotton. Eine Uni – ein Buch – eine Stadt" haben Frank Nullmeier und Dieter Wolf in der vergangenen Woche vorgestellt, was die Sozialpolitikforschung von Sven Beckerts Werk "King Cotton" lernen kann (Titel des englischen Originals: "Empire of Cotton").

Basierend auf jahrelanger Recherche erzählt der Historiker Beckert in seinem Buch die Geschichte des globalen Kapitalismus am Beispiel eines Produkts: der Baumwolle. Über die Produktion, die Verarbeitung und den Handel hat die Naturfaser verschiedenste Weltregionen nachhaltig miteinander verknüpft.

Nachdem Dieter Wolf zwei Kernpunkte Beckerts diskutierte ("Der transatlantische Dreickshandel zwischen Europa, Afrika und Lateinamerika war ein gewaltsamer Handel und eine Form des Kriegskapitalismus."  - "Die Briten verboten die Sklaverei, als die industrielle Produktion, basierend auf Lohnarbeit, einträglicher wurde als das alte Model."), warf Frank Nullmeier die Frage auf, was die moderne Sozialpolitikforschung von Sven Beckerts Arbeitsweise und Methodik lernen kann. Nullmeier nannte drei Hauptpunkte:

1. Transnationalität: Die Nationalgeschichtsschreibung reicht nicht mehr aus, um die Dynamiken sozialpolitischer Entscheidungen zu erklären. Durch die Einbettung in das globale Wirtschafts- und Finanzsystem, die Auswirkungen von Migration und weltumspannende Kommunikationssystemen resultieren sozialpolitische Entscheidungen schon lange nicht mehr nur aus nationalen Faktoren. Die Sozialpolitikforschung muss daher zu einer kontinentübergreifenden Geschichte transnationaler Verknüpfungen erweitert werden, analog zu Beckerts Geschichte des Baumwollanbaus und -handels und deren Auswirkungen.

2. Politische Ökonomie: Beckert interpretierte den globalen Baumwollhandel nicht als reines Ergebnis des Zusammenspiels von Angebot und Nachfrage. Er resultiert (bis heute) zu einem erheblichen Teil aus den Macht- und Gewaltverhältnissen zwischen den beteiligten Ländern bzw. Reichen. Analog gilt dies auch für die Sozialpolitik: Die Ökonomie als eine zentrale Einflussgröße ist ohne die politik- und staatsbezogenen Gewalt- und Rechtsverhältnisse nicht ausreichend erklärbar.

3. Analytik der Kausalketten: Beckert zeigt in seinem Buch an vielen Beispielen, wie eine ganze Kaskade von Ereignissen und Reaktionen darauf vielfältige Auswirkungen an verschiedensten Orten der Welt hatte. Auch die Sozialpolitikforschung sollte lange kausale Ketten verfolgen und komplexe kausale Netze rekonstruieren, um die so die Entstehung und Veränderung von Sozialpolitiken zu verstehen.

Die Veranstaltungsreihe "Global Cotton. Eine Uni – ein Buch – eine Stadt" läuft noch bis Ende des Jahres.


Kontakt:
Prof. Dr. Frank Nullmeier
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58576
E-Mail: frank.nullmeier@uni-bremen.de