Dr. Teresa HuhleDr. Teresa Huhle
Teresa Huhle über ihre Spurensuche in Archiven, spannende Gespräche, die dort entstehen, und ihre Aufgaben im Teilprojekt B02.


Was wärest du geworden, wenn du nicht Wissenschaftlerin geworden wärest?

Als ich anfing, Regionalwissenschaften Lateinamerika in Köln zu studieren, hatte ich zwei Dinge vor Augen: entweder Journalismus oder Arbeit für internationalen Organisationen im Bereich Menschenrechte bzw. Entwicklungszusammenarbeit. Das waren aber keine konkreten Pläne, sondern nur vage Vorstellungen.

Warum bist du dann Historikerin geworden?

Von der ersten Hausarbeit an hat mir mein Studium großen Spaß gemacht, besonders das Fach Geschichte - ich hatte noch Politik und Spanisch als gleichwertige Fächer. Es waren dann vor allem zwei Phasen, in denen ich gemerkt habe, dass ich gerne geschichtswissenschaftlich arbeiten möchte: ein Praktikum in Nordspanien und später meine Diplomarbeit. Im Praktikum ging es um die Opfer des spanischen Bürgerkriegs. Einerseits habe ich Archivrecherche gemacht und dabei vor allem Sterberegister durchgeschaut; auf der anderen Seite habe ich Interviews mit Menschen geführt, die sich daran erinnern konnten, wo es anonyme Massengräber gibt. In diesem Praktikum konnte ich also historische Arbeitsweisen vor Ort kennenlernen. Später habe ich meine Diplomarbeit über die US-amerikanische Beteiligung am spanischen Bürgerkrieg geschrieben. Dafür war ich längere Zeit in San Francisco und New York, wo ich in einem Archiv zu Gewerkschaften und anderen linken Bewegungen in den USA gearbeitet habe. Das war eine tolle Erfahrung! Ab da war klar, dass ich diese Arbeit weitermachen möchte.

Was gefällt dir am Studium von Akten und anderen Dokumenten?

Ich mag die einsame Seite der Archivarbeit, das konzentrierte Lesen und Entdecken von Dokumenten. Gleichzeitig sind Archive auch Orte, an denen sich sehr viele Menschen aus unterschiedlichen Gegenden begegnen und an denen spannende Gespräche entstehen.

Dein Schwerpunkt als Historikerin ist Lateinamerika. Warum ausgerechnet diese Region?

Ich hatte schon vor dem Studium großes Interesse an Lateinamerika und versprach mir von dem Studium viele Gelegenheiten, dorthin zu reisen. Nach den Ausflügen in die spanische und US-amerikanische Geschichte wollte ich für die Doktorarbeit dann gerne zu Lateinamerika arbeiten. In Bremen hatte ich die Chance zur Geschichte Kolumbiens zu promovieren und dabei auch Verbindungen in die USA zu betrachten. Bei meinen Forschungsreisen nach Kolumbien fand ich vor allem den Austausch mit den dortigen Kolleginnen und Kollegen sehr inspirierend. Die Wissenschaftskultur ist eine andere, die Universitäten sind politisierter, als ich es aus Deutschland kannte.

Was ist nun deine Aufgabe im SFB?

Ich arbeite in einem Teilprojekt, in dem wir die Genese staatlicher Sozialpolitik in den Ländern Uruguay, Argentinien und Chile untersuchen. Das Projekt hat vier Arbeitspakete, von denen ich eines übernehme: das zu Uruguay. Ich schaue mir die frühe staatliche Sozialpolitik von Uruguay an, vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1930er-Jahre. Ich frage vor allem danach, wie, warum und mit welchen Effekten der Staat sich in den Bereichen Gesundheit und Arbeit eingesetzt hat - und welchen anderen Organisationen er diese Aufgaben abgenommen hat: konkret der Kirche und der Philanthropie.
Außerdem arbeite ich an einem zweiten Arbeitspaket mit, in dem untersucht wird, welche Rolle die Internationale Arbeitsorganisation ILO in der Ausbildung der Sozialpolitik der drei Länder gespielt hat.

Wie wirst du bei deiner Forschungsarbeit vorgehen?

Bei dieser Epoche kann ich keine Zeitzeugen mehr befragen, daher steht für mich als Historikerin die Archivarbeit im Vordergrund. Wir untersuchen die transnationalen Faktoren, gehen also z. B. der Frage nach: Mit wem standen uruguayische Medizinerinnen und Mediziner in Kontakt in anderen Ländern und internationalen Organisationen? Das bedeutet für mich eine sehr internationale Archivarbeit. Ich werde nach Uruguay fahren, aber auch in europäische Archive, das ILO-Archiv in Genf und auch in die USA. Am Anfang geht es darum zu identifizieren, wer die zentralen Akteurinnen und Akteure waren, mit wem sie in Kontakt standen und wie der Wissensaustausch stattfand. Teilweise gibt es dazu Anhaltspunkte, teilweise ist das aber vollständig offen. Ich muss mich von meinen Archivreisen überraschen lassen.

Wann rechnest du mit ersten Ergebnissen?

Ich werde dieses Jahr ausgiebige Forschungsreisen machen. Publizierbare Ergebnisse werde ich daher wahrscheinlich erst im kommenden Jahr haben. Aber von jeder Reise hoffe ich, Ergebnisse auf Vortragsebene mitbringen zu können.

Zur Person:
Teresa Huhle ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bremen. Im Teilprojekt B02, das von Delia González de Reufels geleitet wird, untersucht Huhle die Entwicklung der frühen staatlichen Sozialpolitik in Uruguay. 2015 promivierte Teresa Huhle an der Universität Bremen zu Thema "Bevölkerung, Fertilität und Familienplanung in Kolumbien zur Zeit des Kalten Krieges: Eine transnationale Wissensgeschichte". Zuvor hatte Huhle hat an der Universität Köln Regionalwissenschaften Lateinamerika studiert mit den Fächern Iberische- und Lateinamerikanische Geschichte, Anglo-Amerikanische Geschichte, Politikwissenschaft und Spanisch.


Kontakt:
Dr. Teresa Huhle
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Geschichtswissenschaft / FB 08
Universitäts-Boulevard 13
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57062
E-Mail: teresa.huhle@uni-bremen.de