Kressen Thyen
Kressen Thyen
Kressen Thyen ging von der Uni zunächst in die Praxis und wechselte dann zurück in die Wissenschaft. Über die Gründe für ihren Karriereweg und über ihre Rolle im Projekt B09 spricht sie im Interview.

 

Wann wusstest du, dass du Wissenschaftlerin werden möchtest?

Das war bei mir eher ein Prozess. Ich habe mich immer für Forschung interessiert und bin gleich zu Beginn meines Studiums der Sozialwissenschaften in Berlin sowohl in Theorie- als auch Seminare zu empirischer Sozialforschung eingetaucht. Gleichzeitig hatte ich ein starkes Bedürfnis, Dinge zu bewegen und zu verändern: Ich war schon zu Schulzeiten politisch aktiv. Als ich dann meinen Master an der Sciences Po in Paris gemacht hatte, habe ich das Angebot zu promovieren ausgeschlagen und bin zunächst in die Praxis gegangen. Ich hatte schon parallel zum Master-Studium angefangen, als Consultant für die UNESCO zu arbeiten …

… worum ging es da?

Um Bildungsinitiativen in West- und Ostafrika. Mit einem Stipendium des Carlo-Schmid-Programms bin ich dann zum UNHCR nach Marokko gegangen und habe im Anschluss daran in Rabat an einem Projekt mitgearbeitet, bei dem es darum ging, eine private Hochschule für Politikwissenschaft aufzubauen: die heutige Ecole de Gouvernance et d’Economie. Das habe ich zweieinhalb Jahre gemacht. In der Zeit hatte ich viel Kontakt mit Professoren aus verschiedensten Ländern und habe irgendwann gedacht: Wenn ich in die Wissenschaft gehen möchte, dann jetzt oder nie. Das war der Zeitpunkt, an dem ich endgültig beschlossen habe, zu promovieren.

Aber was hat dich so gepackt, das du deine bisherige Laufbahn, in der du spannende Sachen gemacht hast, verlassen und an die Uni zu gehen wolltest?

Ich hatte immer das Gefühl, ich habe einen Fuß hier und einen Fuß dort. Und hatte zwischendurch schon mehrfach überlegt, wieder in die Forschung zu wechseln. Aber meine Ideen mussten etwas reifen. Als mir dann klar war, wozu ich genau arbeiten wollte, habe ich bei meiner Arbeit in Marokko gekündigt und mein Proposal geschrieben …

Du hast gekündigt, bevor du die Promotionsstelle sicher hattest?

Ja, ich brauchte ja Zeit, um das Proposal zu schreiben und mich zu bewerben. So etwas macht man nicht einfach mal so nebenbei auf einer vollen Stelle. Ich habe dann mit dem Entwurf Kontakt zu einem Professor in Tübingen aufgenommen und daraus mit ihm einen Projektantrag für die Volkswagenstiftung entwickelt, der auch durchgegangen ist, und so meine Stelle geschaffen. Dann ging es 2012 los mit Projekt und Promotion. Promoviert habe ich zum Thema „Legitimacy in Contention: Arab Autocracies, Youth Protest and the European Union“, genauer zu Fragen der politischen Legitimität aus dem Blickwinkel drei zentraler Akteure während der 2011er-Proteste in der Region.

Du sagtest vorhin, das du schon als Schülerin politisch engagiert warst. Was waren deine Themen?

Das übliche Ende der Neunziger: Demos gegen rechts, Fragen von Flucht und Asyl. Ich habe Kirchenasyl unterstützt und war auch mal kurz bei der Linken Jugend Lübeck (lacht).

Bist du noch politisch engagiert?

Derzeit nicht regelmäßig, aber ich habe immer mal wieder Aktivitäten im Bereich der politischen Bildung angeboten oder auch öffentliche Vorträge gehalten. Ich bin in den letzten Jahren einfach zu viel unterwegs gewesen und zu viel umgezogen, als dass ich mich an einem Ort hätte fest einbringen können. In Berlin habe ich, wie viele andere auch, zu Beginn der großen Flüchtlingswelle in den Erstaufnahmeeinrichtungen in der Küche geholfen. Aber das war nur begrenzt.

Nun bist du in Bremen gelandet. Was ist deine Rolle im Projekt?

Das Projekt, das von Klaus Schlichte und Alex Veit geleitet wird, beschäftigt sich mit Aufstieg, Zerfall und Renaissance von Sozialpolitik in Afrika. Es werden sechs Fälle verglichen, darunter zwei nordafrikanische. Meine Aufgabe wird sein, die Entwicklungen und Mechanismen, die wir identifiziert haben, am Beispiel Tunesien zu untersuchen. Das ganze Projekt ist sehr empirisch angelegt, wir werden also viel Zeit in den Ländern verbringen.

Wie geht ihr vor Ort vor, wie erhebt ihr eure Daten?

Wir werden mit verschiedenen Akteursgruppen sprechen. In Tunesien sind das Experten, Vertreter aus Ministerien, Gewerkschaften und der Zivilgesellschaft. Wir wollen bei dem Projekt auch einen historischen Blick entwickeln, deshalb gehört auch Archivarbeit dazu. Wir werden untersuchen, was von den ersten Grundzügen von Sozialpolitik, die schon in der Kolonialherrschaft eingeführt worden sind, übernommen wurde und was sich im Zuge der Staatenbildung und in Auseinandersetzung mit verschiedenen sozialen Gruppen verändert hat. Und welche Folgen externe Einflüsse, z.B. Strukturanpassungsmaßnahmen hatten. Im Fall Tunesien wird auch interessant sein zu sehen, ob die Transition von einer Autokratie zur Demokratie zur Folge hatte, dass soziale Forderungen jetzt stärker geltend gemacht werden können.

Du bist viel in Nordafrika unterwegs. Warum dieser Forschungsschwerpunkt?

Mein Fokus auf Nordafrika kam erst im Anschluss an mein Studium. Abgesehen davon, dass ich gerne und viel reise, interessiere ich mich schon lange dafür, welche Konsequenzen die internationale und insbesondere europäische Einmischung in andere Räume hat. Daneben haben mich, wie gesagt, die Themen Migration, Flucht und Asyl früh beschäftigt und in dem Zusammenhang auch Fragen zu autoritärer Herrschaft. Letzteres speist sich bestimmt auch aus meinem Interesse für die deutsche Geschichte. Ich hatte zwar während des Studiums Arabisch gelernt, aber die Spezialisierung auf Nordafrika entwickelte sich tatsächlich erst, als ich lange in Marokko gelebt und gearbeitet habe.


Kontakt:
Kressen Thyen
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67488
E-Mail: thyen@uni-bremen.de