Ali Hamandi von der Harvard University sprach in einer gemeinsamen Veranstaltung des SFB 1342 und des SOCIUM über die politischen Bestrebungen in den USA, Langzeitpflege vermehrt ambulant in den Privathaushalten der Bedürftigen zu erbringen.

Am 23. April 2018 war Ali Hamandi, Stipendiat der Trudeau Foundation und Doktorand an der Harvard University, zu Gast am SFB 1342 und am SOCIUM. Vor einem guten Dutzend Bremer Kolleginnen und Kollegen sprach Hamandi über "Long-Term Care in the US: Lessons to be learned". Er gab dabei zunächst einen umfassenden Überblick über das stark fragmentierte und komplexe System von Dienstleistungen, Programmen und Finanzierungsmodellen von Langzeitpflege in den 50 US-Bundesstaaten.

In den letzten Jahren sei in den USA ein wachsendes Interesse an der "Neugewichtung" („rebalancing“) der Alten- und Behindertenpflege zu beobachten: Pflegeleistungen sollen demnach, wenn möglich, vermehrt im Privathaushalt der Bedürftigen erbracht werden (Home Care Based Services, HCBS). Angesichts der eingeschränkten Autonomie und der hohen Kosten, die mit institutioneller Pflege in Heimen verbunden sind, würden ambulante Pflegedienste (HCBS) von den Pflegebedürftigen im Allgemeinen bevorzugt und zunehmend auch als eine Frage der Bürgerrechte älterer und behinderter Menschen angesehen.

Bislang, sagte Hamandi, sei die Finanzierung und Bereitstellung von HCBS hauptsächlich auf die Medicaid-Programme der Bundesstaaten beschränkt, wodurch nur solche ältere und/oder behinderte Menschen diese Art der Pflege in Anspruch nehmen können, deren (finanzielle) Bedürftigkeit geprüft und bestätigt wurde. Daher bleibe die Frage des ungedeckten Bedarfs trotz der Bemühungen um eine Pflege-Neugewichtung eine anhaltende Herausforderung in den USA.

In seinem Vortrag stellte Ali Hamandi eine Reihe von Fragen zur mangelnden Evidenz der These, dass ambulante Pflegemaßnahmen im Privathaushaushalt volkswirtschaftlich kostengünstiger seien als stationäre Alternativen. Hamandi wies zudem hin auf die Herausforderungen für Staaten mit einem überproportionalen Anteil älterer und kranker Bevölkerungsgruppen, für die eine institutionelle Pflege unvermeidbar und sogar zu bevorzugen sei. Hamandi betonte auch die potenzielle Rolle so genannter "Tipping Points", an denen der Pflegebedarf so groß wird, dass die Pflegebedürftigen selbst die Aufnahme in ein Pflegeheim gegenüber der Pflege im eigenen Haushalt bevorzugen.

Bei dem Versuch, Lehren aus dem Beispiel der USA zu ziehen, argumentierte Hamandi, dass die unterschiedliche Höhe der finanziellen Mittel und Pflegeleistungen in den einzelnen Staaten zwar Gerechtigkeitsfragen aufwerfe, die Dezentralisierung jedoch innovative Praktiken und die Befriedigung lokaler Bedürfnisse ermöglichen könne.

Nach seiner Dissertation im Sommer wird Ali Hamandi als Referent für Sozialpolitik zur Weltbank in Washington D.C. wechseln.