Michael Lischka
Michael Lischka
Michael Lischka im Gespräch über geographische Brillen und seine Aufgaben im Teilprojekt A01.

Was wärest du geworden, wenn du nicht Wissenschaftler/Geograph geworden wärest?

Ich habe ursprünglich angefangen, Soziale Arbeit zu studieren. Das Studium war aber sehr stark auf Deutschland fixiert, und ich bin unglaublich gern gereist – das passte nicht so gut zusammen mit meiner Neugierde. Da sagte ein befreundeter Student zu mir, als wir uns darüber unterhalten hatten: „Ich studiere Geographie, das müsste auch zu dir passen.“ Daraufhin habe ich angefangen, parallel zu Soziale Arbeit auch Geographie zu studieren, um zu schauen, ob das etwas für mich ist. Kurzum: Wäre ich nicht in die Wissenschaft gegangen, wäre ich heute wohl Sozialarbeiter. Aber die Geographie hat mich einfach gepackt, da bin ich nicht mehr rausgekommen. Wenn man die Welt verstehen will und Perspektivenwechsel mag, gibt es eigentlich auch nichts Besseres.

Was reizt dich so sehr an der Geographie?

Die Geographie eröffnet sehr viele Blickwinkel auf unterschiedlichen Maßstabsebenen, auf unterschiedliche vielschichtige Themen. Das Fach hat ja eine riesige Bandbreite: Kulturgeographie, Wirtschaftsgeographie, Sozialgeographie, Physische Geographie usw. Das hängt alles miteinander zusammen. Als Geograph kann ich verschiedene Brillen aufsetzen, je nachdem in welchem Thema und auf welcher Maßstabsebene ich denken möchte, das hilft auch im privaten Bereich. Natürlich ist die Wahl von Gestell und Linse nicht beliebig, sondern wohl durchdacht. Die wirtschaftsgeographische passt mir am besten und hat meine Sehstärke, würde ich sagen. Während meines Masters habe ich zu ländlichen Räumen im Globalisierungskontext studiert: Da ging es z.B. um kleinbäuerliche Strukturen in Entwicklungsländern und wie diese durch den globalen Markt beeinflusst werden und umgekehrt, welche Gefahren und Chancen dadurch entstehen bis hin zu Treibenden der Globalisierung, Machtverteilung in ökonomischen Verflechtungsmustern und vieles mehr. Generell gesprochen: Wissen auf vielen Ebenen zu generieren, das auch Folgen und Wirkungen aufzeigt – das ist für mich Inbegriff der Geographie.

Und welche Aufgaben übernimmst du im SFB?

Ich arbeite im A01-Projekt sehr eng mit Ivo Mossig zusammen. Wir untersuchen zwischenstaatliche Verflechtungen auf unterschiedlichen Ebenen. Wir konzentrieren uns zunächst auf die ökonomischen Verflechtungen: Wer ist in welcher supranationalen Organisation miteinander verbunden? Welche Freihandelsabkommen gibt es? Diese makroökonomischen Strukturen und einige andere ökonomische Parameter wollen wir bestmöglich vermessen und bestmöglich darstellen. Gleichzeitig erarbeiten wir Analysemethoden mit der Informatik zusammen, um einen Gehalt daraus ziehen zu können. Die momentane wirtschaftsgeographische Globalisierungsforschung ist sehr stark auf Prozesse und weniger auf Outcomes konzentriert.

Wie sieht das konkret aus?

Derzeit mache ich eine Netzwerkanalyse mit allen Staaten der Welt und schaue, wie sie miteinander über Handel verbunden sind. Dann hat man ein tolles Netzwerk: Einige Staaten sind in der Mitte, andere in der Peripherie. Aber was bedeutet es, dass China, die USA und Deutschland relativ in der Mitte sind und Russland vor ein paar Jahren aus dem Zentrum abgewandert ist? Oder dass die BRIC(S)-Staaten näher an den Kern drängen, während etablierte Staaten ihre Stellung verändern? Die Dynamiken dieser und anderer wirtschaftlicher Verflechtungen zu verstehen und deren Bedeutung in verschiedenen Kontexten herauszuarbeiten, ist unsere Kernaufgabe. Damit liefern wir Input für die anderen Teilprojekte, die die Entwicklung von Sozialpolitik untersuchen. Denn für viele andere Projekte ist die wirtschaftliche Verflechtung die x-Variable - und wir im Projekt A01 untersuchen quasi die x-Variable dieser x-Variable.


Zur Person:
Michael Lischka ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Teilprojekt A01 und promoviert in der Arbeitsgruppe Wirtschafts- und Sozialgeographie am Institut für Geographie der Universität Bremen. Im Teilprojekt A01, das von Andreas Breiter, Ivo Mossig und Carina Schmitt geleitet wird, ist Lischka am Aufbau des „Global Welfare State Information Systems (WeSIS)“ beteiligt.

Lischka hat an der Universität Vechta Geographie studiert und seinen Master in „Geographien ländlicher Räume – Wandel durch Globalisierung“ gemacht. Seine Dissertation erarbeitet er themennah im Rahmen des SFBs.


Kontakt:
Michael Lischka
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
E-Mail: lischka@uni-bremen.de