Teilprojekt B04

Offene Wohlfahrtsstaaten? Die soziale Absicherung von Arbeitsmigration und ihre Rückwirkung auf nationale Politik

Grenzüberschreitende Arbeitsmigration bewirkt eine wichtige horizontale Verflechtung zwischen verschiedenen Ländern, die die nationale Ausrichtung sozialer Sicherungssysteme infrage stellt, aber auch Anreize dafür schafft, solche Systeme aufzubauen. Umverteilung in Wohlfahrtsstaaten ist allerdings auf Geschlossenheit angewiesen, die jedoch durch die weltweit wachsende ökonomische Bedeutung von Arbeitsmigration teilweise überwunden werden muss. Welche Modelle existieren dafür? Wie verändert sich der Wohlfahrtsstaat, der in komplizierter Art und Weise mit der Legitimation moderner Demokratien verknüpft ist, in dem durch Migration in Regionalen Organisationen entstehenden transnationalen sozialen Raum? Arbeitsmigration und ihre transnationale soziale Sicherung bedingen sich gegenseitig, da eine bessere transnationale soziale Absicherung Arbeitsmigration erleichtert. Während die These des "welfare magnet" darauf abhebt, wie Wohlfahrtsleistungen Migrationsströme beeinflussen, interessieren wir uns in diesem Teilprojekt für die umgekehrte Kausalität: Wie wirkt Migration auf den Wohlfahrtsstaat im Herkunfts- und im Zielland zurück?

Regionale Organisationen erlauben Arbeitsmigration unterschiedlichen Ausmaßes und bieten auf Grund heterogener ökonomischer Entwicklung dafür auch unterschiedliche Anreize. Im Teilprojekt untersuchen wir, ob und wie in Freizügigkeitsregimen verschiedener regionaler Organisationen in Europa (EU), Asien (ASEAN) und den Amerikas (Mercosur/UNASUR, CARICOM) die Arbeitsmigration zur Entwicklung eines transnationalen sozialen Raums beiträgt, der auf nationale Sozialpolitik zurückwirkt. So untersuchen wir vor allem die horizontale Verflechtung. Soweit verpflichtende gemeinsame regionale Politiken zur Arbeitsmigration und ihrer Absicherung existieren, werden auch vertikale Verflechtungsbeziehungen zwischen "inter"nationaler und nationaler Politik relevant.

Wir vergleichen Mechanismen multilateraler sozialpolitischer Koordination und fragen: Wie ergänzen bilaterale Vereinbarungen und unilaterale Lösungen Ansätze multilateraler sozialer Absicherung oder wie gleichen sie ihr Fehlen aus? Unsere Analyse verschiedener Vereinbarungen zur sozialen Absicherung von Arbeitsmigration zeigt, wie Migration auf nationale Sozialpolitik zurückwirkt und sie über einen transnationalen sozialen Raum fördert oder beeinträchtigt. Das Ausmaß von Arbeitsmigration selbst wird von verschiedenen Rahmenbedingungen und der Migrationspolitik der Herkunfts- und Zielländer beeinflusst. Auch im Mercosur existieren weitgehende Absprachen zur Freizügigkeit, während in der CARICOM die Freizügigkeit nur für bestimmte Berufsgruppen besteht und im ASEAN die Modelle der Arbeitsmigration sehr heterogen sind.

Neben multilateralen Abkommen sind auch bi- oder unilaterale Maßnahmen zur sozialen Absicherung von Arbeitsmigration zu untersuchen, die die nationale Ausrichtung der sozialen Absicherung mit der Nachfrage an transnationaler Arbeitsmigration in Einklang bringen sollen. Wir analysieren, wie die soziale Absicherung von Arbeitsmigration einen transnationalen sozialen Raum entstehen lässt und fragen, inwiefern das auf die soziale Absicherung der mehrheitlich immobilen Bevölkerung zurückwirkt.

Aufbauend auf den Makrodaten der Teilprojekte der A-Säule wird in Teilprojekt B04 der Zusammenhang zwischen Arbeitsmigration und sozialer Absicherung mit Blick auf uni-, bi- und multilaterale Vereinbarungen zur sozialen Absicherung und ihrer Rückwirkung auf die wohlfahrtsstaatliche Politik für die immobile Bevölkerung untersucht. Dafür fertigen wir Fallstudien an, in denen wir verschiedene Mechanismen zur Erklärung des Aufbaus und der Veränderung sozialer Sicherungssysteme herausarbeiten.