Dr. Dennis Niemann
Dr. Dennis Niemann
Als kleiner Junge wollte Dennis Niemann Paläontologe werden. Heute sucht er als Politikwissenschaftler lieber nach gesellschaftlichen Mechanismen und Mustern als nach versteinerten Knochen.

Was war dein erster Berufswunsch als Kind oder Jugendlicher?

Wahrscheinlich der obligatorische Astronaut, Feuerwehrmann, Polizist. Ein Beruf, in dem man "so richtig was macht". Auf die damaligen Rollenvorbilder bin ich voll eingestiegen. Als ich in den 1980ern aufgewachsen bin, da gab es auch eine große Dinosaurier-Phase. Also war mein Plan, später auch Dinosaurier ausbuddeln.

Und warum tust du das heute nicht?

Weil es wahrscheinlich ganz schön langweilig ist, in der Erde zu buddeln und alle Jubeljahre so einen versteinerten Knochen zu finden. Mein erster realistischer Berufswunsch zu Beginn meines Studiums war Journalismus. Wie bei so vielen in den Sozialwissenschaften. Ich dachte, das wäre etwas, denn ich habe schon immer gern geschrieben. Ich hatte im Bereich Journalismus aber weder Connections noch besonderes Talent.

Warum hast du angefangen, Sozialwissenschaften zu studieren?

Das wurde mir tatsächlich während der Schulzeit bei einer Studienberatung empfohlen. Ich habe dann Politik und Jura studiert. Und schon zu Beginn des Studiums hat sich herausgestellt, dass das gut passte, auch als Berufsfeld.

Inwiefern?

In erster Linie kam das durch meine Arbeit als studentische Hilfskraft. Im dritten Semester wurde ich vom Professor angesprochen, ob ich Lust hätte, als Hilfskraft zu arbeiten. Da war ich irgendwie geschmeichelt. Aber die Arbeit hat mir auch echt Spaß gemacht.

Du musstest als nicht nur kopieren?

Nein, anders als einige Kommilitonen wurde ich nicht als Kopiersklave eingesetzt. Ich hatte das Glück, bei Michael Zürn zu arbeiten, der in den Internationalen Beziehungen forscht. Zürn hatte damals ein Projekt zu Internationaler Umweltpolitik.

Wann war das?

Das war 2003/2004. Da gab es eine riesige Datenbank zu Umweltregimen, und ich hatte die Aufgabe, diese auszuwerten. Das war für mich als Student komplett neu und total interessant, weil dabei Dinge herauskamen, die keiner wusste.

Hast du ein Beispiel?

Dass es zum Beispiel sinnvoller ist, quasi-juristische Schlichtungsstellen einzusetzen, die die Einhaltung von Regeln bewerten, anstatt sofort irgendwelche Sanktionen anzudrohen. Und dabei bin ich mit dem Fieber infiziert worden, Wissen zu schaffen.

Deine Abschlussarbeit hat dann ja auch auf deiner Hilfskrafttätigkeit aufgebaut.

Genau, das Thema war "Compliance in internationalen Umweltregimen". Seit ich die Hilfskraftstelle hatte, habe ich kontinuierlich daraufhin gearbeitet, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Und das hat relativ problemlos geklappt durch den mittleren Sonderforschungsbereich "Staatlichkeit im Wandel". Da bin ich dann in der Mitte der zweiten Projektphase eingestiegen. Ich war damals auch Hilfskraft bei dem Co-Projektleiter Ansgar Weymann. Da hatte ein Mitarbeiter von ihm erfahren, dass ich promovieren wollte, und sagte: Komm mal vorbei, wir sprechen miteinander und dann ist das schon so ein Vorstellungsgespräch ausgeartet. Ich glaube, ich hab damals so was gesagt wie: "Ich würde gern etwas zu internationalen Organisationen machen, das Politikfeld ist mir egal." Und so ist es dann das Politikfeld Bildung geworden. Und das ist auch total spannend.

Stell dir vor, du hättest alles, was du brauchst: genügend finanzielle Mittel, gute Kolleginnen und Kollegen, das notwendige Wissen, die beste technische Ausstattung und auch genug Zeit - welche Forschungsfrage würdest du versuchen zu klären?

Puh! Das sind so Fragen, mit denen man sich überhaupt nicht beschäftigt! Weil das komplett illusorisch ist! Aber zum Beispiel hatte ich mit einem Kollegen ein leider abgelehntes Drittmittelprojekt - dabei ging es um Schulautonomie im europäischen Vergleich. Das ist ein echt spannendes Thema.

Kannst du ganz kurz erklären, was du damit meinst?

Schulautonomie meint, dass Schulen nicht mehr so stark vom Staat reglementiert werden, sondern ihr eigenes Profil entwickeln und in einem möglichst weit gesteckten Rahmen Unterricht gestalten und Leute ausbilden können. Das würde ich gern im europäischen Vergleich untersuchen. Wenn wir dafür unbegrenzte Mittel zur Verfügung hätten, würde ich für jedes europäische Land diese Entwicklungspfade nachzeichnen und hinterher eine Datensammlung haben mit allen möglichen Erklärungsfaktoren, warum Staaten sich für oder gegen mehr Schulautonomie entschieden haben. Um zu erkennen, was die entscheidenden Erklärungsfaktoren für die Entwicklung waren. Das ist etwas, das mich generell besonders interessiert: Warum kam es zu etwas? Zu entdecken, was nicht auf der Hand liegt, sondern ein bisschen gegen die Erwartungen läuft.

Im Grunde ist der SFB auch so angelegt: Man schaut auf die Entwicklung von Sozialpolitik in der Vergangenheit, sucht nach Mustern, um darauf basierend in die Zukunft zu schauen.

Das ist genau, worin ich mich selbst perfekt wiederfinde. Man muss zunächst ein bisschen rückwärtsgewandt schauen, was passiert ist. Kann aber darauf aufbauend Mechanismen und Muster identifizieren.

Du bist jetzt Postdoc. Was ist dein Plan für die nächsten zehn, zwanzig Jahre?

In der ersten Förderphase ist mein Ziel, ernsthaft die Habil anzugehen. Und dann würde ich mich natürlich auch gern auf Professuren bewerben.

Hast du für deine Habil schon ein Thema im Kopf?

Etwas Grobes ja. Das ist an unser SFB-Bildungsprojekt angelehnt. Dabei schauen wir uns an, welche Ideen internationale Organisationen zum Thema Bildung haben. Wir untersuchen dabei auch Organisationen, die vorher gar nichts mit Bildung zu tun hatten, z.B. die Weltbank oder auch die OECD, die vorher einen klaren Wirtschaftsschwerpunkt hatten. Mich interessiert, warum etwa die OECD jetzt so einen großen Wert auf Bildung legt. Was war der Anreiz, sich in dem Feld so stark zu engagieren? Hört man OECD, denkt man gleich an die PISA-Studie. Aber das gibt es auch bei anderen internationalen Organisationen, die sehr stark auf Sozialpolitik setzen. Mich würde interessieren: Was bringt Organisationen dazu, sich auf einmal auszudehnen? Und wie reagieren die Organisationen darauf, die schon da waren? Werden die verdrängt, suchen sie andere Nischen? Das ist das Projekt, das im nächsten halben Jahr vorangetrieben wird.


Kontakt:
Dr. Dennis Niemann
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67473
E-Mail: dniemann@uni-bremen.de